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Geschichten aus der Elbaue


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Bis einer weint

Petry weint

Emotionen pur beim Parteitag der AfD in Weinböhla. Quelle: Screenshot Bild.de

Bei der Sachsen-AfD geht es derzeit zu wie es  Eltern aus Kindergarten und Grundschule kennen. Es wird gezankt, bis einer weint. In diesem Fall Eine. Und das auch noch ausgerechnet die hochschwangere Parteichefin Frauke Petry selbst. Im Netz wird bereits auf den verschiedensten Kanälen darüber diskutiert, ob der vom Boulevard so genüßlich aufgegriffene Gefühlsausbruch mit Taschentuchalarm nun eher den hormonellen Besonderheiten der weiblichen Psyche kurz vor Ende der Schwangerschaft oder den verbalen Angriffen eines Parteikollegen geschuldet ist. Fakt ist: Die Stimmung war schon vor dem Parteitag in Weinböhla aufgeheizt und gereizt. Es läge was in der Luft, wurde gemunkelt. Die AfD, von der man in Gänze den Eindruck hat, sie befinde sich in einer Art Dauerparteitag, wollte eigentlich nur ihren Listenwahlparteitag vom Januar fortsetzen. Damals war es noch Petry im Duo mit ihrem Generalsekretär Uwe Wurlitzer selbst, welche die Auswirkungen der berüchtigten Höcke-Rede im Dresdner Ballhaus Watzke auf die Tagesordnung setzen wollten. Das angekündigte Parteiausschlußverfahren gegen das Thüringer enfant terrible war damals noch frisch. Doch Petry und Wurlitzer holten sich eine Abfuhr. Die Basis wollte nicht über Höcke reden. Was der gesagt hatte, sei vielleicht in der Tonalität nicht ganz in Ordnung gewesen, inhaltlich aber schon, so die verbreitete Meinung damals. Auf Listenplatz zwei wurde dann auch gleich noch ein bekennender Höcke-Fan, der Dresdner Richter Jens Maier gewählt, der von sich selbst sagte, nun  wohl so etwas wie der „kleine Höcke“ zu sein. Im Ballhaus Watzke war er als Vorredner des Thüringers aufgetreten und hatte unter dem donnernden Applaus des Saales gerufen: „Wir sind die neue Rechte“.

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Der Dresdner Jens Maier (hier rechts im Gespräch mit dem von der CDU zur AfD gewechselten Anwalt Dr. Maximilian Krah) soll ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen werden. Das lehnt die Basis mit großer Mehrheit ab. Foto: beaverpress

Noch in Groitzsch hatte er in seiner Bewerbungsrede nach einigen verbalen Zugeständnissen an die Parteilinie mit kaum verhohlener nachträglicher Freude gesagt, im Ballhaus Watzke habe man es „richtig krachen lassen“. Höcke sei immerhin ein Mann mit Haltung, und das sei es, was zählt. Das brachte ihm gleich dem Verfemten aus Thüringen ein Parteiausschlussverfahren seines Landesvorstandes ein. Der Landesverband Sachsen hat am meisten mit den Nachwirkungen der Höcke-Rede vom 17. Januar zu kämpfen. Sie gilt  inzwischen als der unausgesprochene Scheidestein quer durch die Mitgliederschaft. Wie einst bei den Grünen mit ihren „Fundis“ und „Realos“ spalten sich die Lager hier jetzt in „Luckisten“, ein Begriff, den Höcke in eben jener Rede eingeführt hat, und die „Höckologen“ wie die Anhänger des Thüringer Rechtsauslegers von den jeweils anderen abfällig genannt werden. Ehe man sich nun in Weinböhla überhaupt wieder den langweiligen Formalien der Listenwahl widmete, wollte die Basis das Verhältnis zu ihrem zweiten Mann auf der Liste, der damit sicher im Bundestag sein dürfte,  geklärt wissen. Frauke Petry wollte hier offenbar Zeit gewinnen und diesen Punkt ganz nach hinten verschieben. Doch daraus wurde nichts. Die Mehrheit der Delegierten war für klare Fronten von Anfang an. Auch wenn das Votum des Parteitages formal den Beschluss des Landesvorstandes zum Parteiausschlussverfahren nicht „anhalten“ oder gar löschen kann, wollte man dem Landesvorstand mit einer Trendabstimmung einen Schuß vor den Bug setzen. Und der hat gesessen. Mit fast 90 Prozent Zustimmung der Delegierten konnte Maier seine Kandidatur ein zweites Mal angehen. Man wählte die bereits in Grotzsch bestimmten fünf ersten Plätze sicherheitshalber noch einmal, um möglichen juristischen Anfechtungen der Liste wegen einer zu langen Unterbrechung des Parteitages vorzubeugen. Im Zuge der Maier-Affäre hatten aber auch die Kräfte vom rechten Flügel um den Leipziger Rechtsanwalt Roland Ulbrich Morgenluft gewittert und wollten im Wahljahr sogar Frauke Petry selbst von der Liste kegeln. Sie gilt ihnen inzwischen als so etwas wie die „Oberluckistin“ schlechthin. Mit derart „Halben“ aus Sicht des Flügels sei die Wahl nicht zu gewinnen, Deutschland nicht zu retten, so etwa in Kurzfassung die Intention dieses Lagers. Doch auch diese hatten sich in der Stimmung der Basis getäuscht. Lässt diese auf Maier nichts kommen, beißt Ulbrich, obwohl gleichfalls Jurist, auf Granit. Er kandidierte wie der Freitaler Norbert Mayerr auf Platz eins, um Petry zu verhindern. Seine ganze Wahlrede bestand aus einer Abfolge von Anklagen an Frauke Petry persönlich, was diese zu dem eingangs erwähnten Gefühlsausbruch trieb. Er warf ihr Führungsversagen vor. Sie werde ihrem selbst postulierten Anspruch des Parteitages von Essen, nämlich, politische Probleme politisch zu lösen, nicht gerecht. Kritische Geister wie er würden mundtot gemacht, juristisch verfolgt, während es ihr nur um Machtsicherung gehe. Schon während seiner Rede erschollen Buh- und Pfui-Rufe. Einer warf Ulbrich vor, hier im Jargon der Wochenschau vom „September 44“ aufzutreten. Sein Vorhaben sei nichts als der Griff in die Republikanerfalle.  „Auf welcher Gehaltsliste stehen sie?“, fragte eine Parteikollegin. Eine Frage, die Ulbrich mit Bemerkungen über das Stichwort Paranoia konterte. Die Wahlergebnisse für ihn und den gleichfalls auf Listenplatz eins kandidierenden Kollegen Norbert Mayer zeigten dann deutlich, dass die sächsische AfD ihrer Chefin nicht blind folgt und zuweilen sehr störrisch eigene Wege geht, sie aber nach wie vor als ihr „Zugpferd“ an der Gesamtspitze der AfD sieht und nicht beschädigen will. Allerdings hat sie zu ihrer ersten Wahl vom Januar leicht von 79,1 auf 72 Prozent Zustimmung eingebüßt. Bis zum nächste Wochenende, wo an beiden Tagen getagt werden soll, dürften die Tränen getrocknet sein. Was bleibt, ist dennoch eine zerissene Partei, die mit einem Mann auf Listenplatz zwei in Richtung Berlin zieht, den der Landesvorstand eigentlich nicht mal mehr in der Partei haben möchte. Ob sich diese Risse wieder kitten lassen, ist fraglich.  Selbst Roland Ulbrich zeigte noch am Abend des denkwürdigen Tages, dass er nicht gewillt ist, Ruhe zu geben. Zusammen mit einem Link des Bild-Artikels, worauf die weinende Frauke Petry abgebildet ist, schrieb er auf Facebook: „Tränen gegen Patriotismus! Ob Frau Petry die geeignete Führerin der deutschen Rechten ist, darf bezweifelt werden. Oder dürfen wir darauf hoffen, dass sie – wie in Weinböhla – aus Mitleid gewählt wird?“ Das klingt nicht nach Einsicht. Und schon gar nicht nach Ruhe und Geschlossenheit.


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Dresden HBF – 13. Februar 1945

Nachrichten auf MDR aktuell: Dresden. Für die Demonstrationen und Veranstaltungen rund um den 13. Februar wurden zehn Hundertschaften Polizei in der Stadt bereitgestellt. Am 13. Februar selbst sind keine Veranstaltungen geplant.

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Erst vor wenigen Wochen wurden noch Überreste von Bombenopfern gefunden. Quelle: Bild Dresden.

Der 13. Februar ist von Bedeutung und Ausmaß so etwas wie der Jahreshöhepunkt mit negativem Vorzeichen in Dresden. Inzwischen fällt es schwer, die zahlreichen Demonstrationen von links bis rechts auseinanderzuhalten. Deshalb soll an dieser Stelle hier nur ein winziger Ausschnitt des Themenkomplexes betrachtet werden. Er korrespondiert mit der nie endenden Frage, wieviele Menschen denn nun tatsächlich um den 13. Februar im Feuersturm umgekommen sind. Gebrannt hat das Zentrum mehrere Tage und Nächte.  Offiziell liegt der letzte Stand bei rund 25 000 Opfern. Eine eigens eingesetzte Historikerkommission kam zu diesem Schluss. Im Internet kursieren nach wie vor Zahlenangaben von bis zu 500 000. Noch zu DDR-Zeiten war zuletzt von 35 000 Toten, vorher offiziell von rund 250 000 die Rede. Wer wird es je wissen? Was immer wieder zum Nachdenken anregt, sind Meldungen in der örtlichen Presse wie diese vom November, wonach bei Baggerarbeiten im Dresdner Zentrum neben zahlreichen Artefakten einer ehemals dort ansässigen Fleischerei auch menschliche Überreste gefunden wurden.

Für einen Freund, alter Dresdner, jetzt in Rente, der zu DDR-Zeiten in der Leitung eines Wohnungsbaukombinates arbeitete, ist das nichts Ungewöhnliches. Was er erinnert, ist nicht repräsentativ und schon gar nicht wissenschaftlich. Aber es ist ein Mosaikstein, wie ihn viele Dresdner mit sich herumtragen. Bis in die Siebziger Jahre hinein sei man beim Graben im Dresdner Zentrum immer wieder auf die Reste jener Brandwoche nach dem 13. Februar 1945 gestoßen, erzählt er. Über manche Anekdoten kann man sogar lachen. Wie die von dem Baggerfahrer, der beim Ausheben der Baugrube für das Rundkino an der Prager Straße plötzlich aus seiner Kabine sprang, sich prüfend umsah, ob er auch nicht beobachtet werde und dann flink an einem  Hydraulikschlauch des Baggers manipulierte, bis das Öl herauslief. Kaputt. An diesem Tag ging es nicht mehr weiter. Nach Feierabend schlich er dann wieder zur Baustelle, um zu bergen, was er mit Adleraugen in Sekundenbruchteilen erspäht und schnell unter der Baggerschaufel hatte verschwinden lassen: Einen riesigen Bleiklumpen. Buntmetall. Damals heiß begehrt und beim Schrotthandel eine Menge Geld wert. An der Stelle, wo das Kino hinsollte, hatte früher eine kleine Elektrofirma ihren Sitz, die Batterien herstellte. Das Gebiet lag beim Angriff ziemlich im Zentrum des Bombenteppichs. Es blieb kein Stein auf dem anderen. Die Hitze des Feuersturms ließ die Batteriegehäuse verbrennen und das Blei zu einem gigantischen Klumpen zusammenschmelzen. Eine Anekdote zum Schmunzeln. Gern erzählt auf so mancher Familienfeier. Anderes ist dagegen eher nicht für gesellige Runden geeignet. Besonders im Bereich der heutigen Königsstraße fanden die Tiefbauer oft Keller an Keller, in denen noch die Toten waren. Viele verschüttet, manche aber auch noch sitzend aufgereiht in intakten Gewölben. Offenbar sanft eingeschlafen, weil durch die Hitze die Kohlenvorräte in den Kellern zu glimmen begannen und dabei das tödliche Kohlenmonoxid ausströmte. Wüste Kerle unter den LKW-Fahrern hatten gefundene Schädel auf die Seitenbegrenzer ihrer LKW  vom Typ S 4000 gesteckt und waren so zu ihrem Ergötzen und zum Erschrecken vieler Passanten durch die Stadt gefahren. Dafür gab es mächtig Ärger im Betrieb. Dennoch. Der gefühllose Umgang mit menschlichen Überresten, wenn auch nicht so offensichtlich und makaber, war eher die Regel als die Ausnahme.   Gefundene Knochenreste wurden damals oft und wenig pietätvoll mit zur Schutthalde gefahren. Es musste schnell gehen. Wohnraum wurde gebraucht. Man wollte nach vorn sehen, erinnert sich der Freund. Das alles sei aber ein Indiz, dass die offizielle Opferzahl nicht stimmen könne. Womöglich liegen heute noch Verschüttete im Dresdner Untergrund.

luftschutzDamals gelangte im Zuge einer solchen Baustelle auch ein unscheinbarerer Hefter in seinen Besitz, den er seither hütet wie einen Familienschatz. „Luftschutz-Kriegstagebuch Bf Dresden Hbf“ steht auf dem Einband.  Geführt hat es offenbar ein Bahnbeamter, der mit deutscher Gründlichkeit selbst das größte Chaos noch auf saubere Blätter bannte. Zumindest versuchte. Man überließ bei solcherart Dokumenten nichts dem Zufall oder der künstlerischen Freiheit der Beauftragten. In einer Art Manual ist festgehalten, nach welchem Schema die Meldungen zu verfassen sind. Penibel ist aufgeführt, was an rollendem Material verlorenging. Beginnend mit Personenwagen und ihrer Unterteilung in D-Zug-Wagen absteigend über Schlafwagen, Speisewagen bis zu den Gepäckwagen. Dazu Bemerkungen wie „Volltreffer, 6 Tote“.

Lassen wir an dieser Stelle  hochkant stehende Busse, Aufmärsche und Installationen hinter uns und abschließend ungekürzt und wertungsfrei  zwei Zeitzeugen der Ereignisse aus diesem Dokument zu Wort kommen:

Der Bfsch (Bahnhofsschaffner, Anm. d. A.) Paul Wittig sagt aus:

„Ich befand mich während des 2. Angriffes außerdienstlich in unserem Aufenthaltsraum. Nach Beendigung dieses Angriffes bin ich wegen des Feuers in den Nebenräumen durch den Nordturm in die LSR (Luftschutzräume). Die Treppe des Nordturmes und der LSR 1 waren sehr stark mit Reisenden besetzt. Viele riefen, wo denn die Notausgänge wären, denn es würde in den LSR brennen. Ich versuchte daher im Heizungsgang nach der Heizung und von dort nach dem Wiener Platz zu gelangen, aber durch den Brand der Baracke war es unmöglich diese Ausgänge zu benutzen. Durch den Sturm kamen brennende Bretter und Balken bis zur Bahnhofswand geflogen. Von hier hin ich zum Nordturm zurück und habe die Leute aufgefordert durch die Flammen ins Freie zu gehen. Selbst die Wehrmacht weigerte sich Ein Offizier der Luftwaffe erklärte mich für wahnsinnig, weil ich durch den Ausgang wollte. Mit einem einem  ganz Iahmen Mann bin ich durch den  Nordturm doch ins Freie hinaus nach dem Bismarckplatz.  Kurze Zeit später hat ein SS-Offizier den Ausgang gesperrt. Zeugin ist Brigitte Reichelt, Dresden-Alt, Malter Str. 28.“

Der OBfsch (Oberbahnhofschaffner) Ernst Schrei sagt aus:

„Ich hatte in der Nacht  vom 13. zum 14. Februar 1945 in den Luftschutzräumen Ordnerdienst zu leisten. Beim Umschalten der Beleuchtung von 100 auf 50 % begab ich mich in die Luftschutzräume, um nach der Beleuchtung zu sehen und die Notausgänge zu öffnen. Beim ersten Angriff war außer einigen Staubwolken nichts zu sehen. Nach dem Angriff verließen viele Leute die LSR und ich begab mich in die Bahnhofshallen, um dort bei den Fahrkartenausgaben Aufräumungsarbeiten zu leisten. Während einer Essenspause hörte ich, daß wieder Bomben fielen und ging auf dem schnellsten Wege bei der Dienstbriefstelle, Durchgang IV, durch den Notausgang in die LSR zurück. Mit Hilfe anderer Reisenden brannte ich die nach dem 1. Angriff gelöschten Notlampen wieder an. Alle LSR waren wieder mit Reisenden stark besetzt. Als ich mit dem Anbrennen der Notlampen fertig war, stellte ich mich in den Quergang, in der Nähe der Treppe gegenüber Bstg 7, auf. Plötzlich wurden wie alle durcheinander geworfen. Meine Mütze und Brille waren verschwunden. Der Luftdruck kam von dem Notausgang im Durchgang IV, von wo anschließend eine unheimliche Hitze hereinkam. Alle bückten sich bald bis zum Boden, da die Luft unten kühler war, denn in gerader Haltung war es nicht zum Aushalten. Später kam durch den Eingang ggü Bstg 7 strake Rauchwolken herein (sic). Alle kamen vor Hitze fast um und ich selbst konnte fast nichts mehr sehen. Ich ging nun nach dem Notausgang des Raumes 5, hier waren die Treppen verstopft und niemand wollte hinaus, weil über dem Ausgang die Räume des Handgepäcks I, der Gepäckträger, der EWV (Eisenbahnwirtschaftsverwaltung) u. a. ausbrannten. Nicht einmal Wehrmachtsangehörige wollten mir nach, viel weniger Frauen. Der Ausstieg gelang mir auch. Nachdem ich mich einige Minuten erholt hatte, versuchte ich durch denselben Ausgang wieder hinein zu kommen, der Ausgang war aber mit Türen von den Notaborten und Decken versperrt. Da ich durch keinen Eingang das Bahnhofsgebäude wieder betreten und mit meinen entzündeten Augen kaum etwas sehen konnte, stellte ich mich an die Straßenbahnhaltestelle, wo ich anderen Personen behilflich war.“


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Dresden und die Terrorbusse

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Einer der Busse, die jetzt in Dresden zu einem umstrittenen Kunstwerk aufgetürmt wurden. Foto: Beaverpress

In der sächsischen Staatskanzlei muss man sich doch die Haare raufen. Gerade war einmal so etwas wie gespannte Ruhe in Deutschlands heimlicher Skandalhauptstadt eingekehrt, die Pegida am Verglimmen – die AfD mit den Nachwirkungen der „H-Bombe“ vom 17. Januar beschäftigt, da wird doch die nächste Sau durchs sächsische Valley getrieben. In Gestalt von drei hochkant stehenden Bussen soll auf dem Neumarkt, vor Lutherdenkmal im Reformationsjahr und Frauenkirche, an die Schrecken des Krieges in Syrien gemahnt werden. Viele Dresdner verstehen das allerdings nur als eins: eine Provokation. Bewusst gesetzt vor den mit den Jahren immer heftiger deutungstechnisch umkämpften Tag des „Angriffs“ wie die drei Bomberwellen der Alliierten hier nur genannt werden, die die unverteidigte Stadt in den Tagen um den 13. Und 14. Februar 1945 trafen. Bereits einen Tag vor der öffentlichen Einweihung, als die Busse mittels eines Kranes aufgerichtet und auf extra gefertigten Stahlstützen montiert wurden, zog es viele zum Ort des Geschehens. Mal gucken, wie der Sachse sagt. Dabei kam es schon zu den ersten Irritationen. Viele nahmen durch die Veröffentlichungen an, dass es sich um „echte“ Busse aus dem Kriegsgebiet in Syrien handele. Mit Einschusslöchern und Brandflecken. Immerhin haben die Dresdner Erfahrungen mit so etwas. Die Trümmer der Frauenkirche wurden jahrzehntelang an Ort und Stelle gelassen wie sie im Februar 1945 gefallen waren, um an die Schrecken des Krieges und die Zerstörungskräfte zu mahnen, über die der Mensch verfügt. Jetzt allerdings standen hier drei zwar farblich etwas verblasste aber sonst relativ intakte Busse mit Aufschriften wie „Sparkasse Bayreuth“ , „Ihr Partner in Stadt und Land“ und „Bei uns erwartet Sie dieses Lächeln über 700 Mal“, daneben ein lachendes Frauengesicht. Sofort entspannen sich dazu typisch ostdeutsche Fachsimpeleien unter mehrheitlich älteren Passanten über die Beschaffenheit des jetzt sichtbaren Unterbodens und der Reifen mit dem Tenor: Die Busse wären in der DDR noch dreißig Jahre gefahren.

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Wenn es heißt, dass Kunst alles darf und auch provozieren soll, dann kann man die Installation wohl schon jetzt als Jahressieger in dieser Kategorie führen. Denn bereits zur Einweihung wurde klar, dass Teile der Zivilgesellschaft das „Kunstwerk“ nicht unwidersprochen hinnehmen wollen. Die Protagonisten kamen bei dem Pfeifkonzert und den Rufchören trotz Lautsprecheranlage kaum zu Wort. Zuvor hatten sich Sachsens SPD-Chef Martin Dulig und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange den Menschen gestellt. Immerhin. Auch wenn vordergründig nicht viel dabei herauskam. Doch selbst am Tag danach wollte die in Dresden nicht sonderlich beliebte Wissenschaftsministerin einem suggestiv fragenden Redakteur von MDR aktuell nicht den Gefallen tun und nach einem irgendwie verschärften „Sicherheitskonzept“ bei solchen Anlässen das Wort reden. Auch nicht als der Redakteur fragte: „Sie haben sich doch sicher auch an die Pöbelleien des 3. Oktobers erinnert gefühlt?“

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Immerhin: Wissenschaftsminsterin Eva-Maria Stange und Wirtschaftsminister Martin Dulig, beide SPD, stellten sich der aufgebrachten Menge. Foto: beaverpress

Stange blieb unerwartet sachlich und nahm die Dresdner sogar in Schutz. Die Menschen seien eben sehr aufgeregt in diesen Zeiten und die Erinnerung an den 13. Februar etwas Besonderes in dieser Stadt. Jetzt nach einem wie auch immer gearteten Sicherheitskonzept zu streben, sei nicht die richtige Antwort. Immerhin sei genügend Polizei auf dem Platz gewesen. Doch das Problem ist gerade in Dresden und im Pegida-Umfeld ein anderes. Die Sicherheitskräfte haben es hier mit dem „Sebnitz-Effekt“ zu tun. Dort gab es im Sommer zum Deutschen Wandertag ähnliche Szenen als Bundespräsident Gauck ein Bad in der Menge nehmen wollte, das zum Spießrutenlauf in Richtung Dienstlimousine mit Rückendeckung durch behelmte Bundespolizisten wurde. Erkennt man beim Fußball oder anderen politischen Frontenstellungen die Kombattanten oft schon an ihren Dresscodes oder grob am Alter und typischen Gesten, fällt das gerade im konservativen Umfeld als Unterscheidungsmerkmal aus. Man weiß nicht, ob der graumelierte Herr mit Hut, Lodenmantel und sorgsam gestutztem Schnauzer im nächsten Moment sittsam klatscht und der Obrigkeit zustimmt oder plötzlich doch „Hau ab“ ruft und die Trillerpfeife zückt. Wie soll die Polizei hier die Spreu vom Weizen trennen? Bei einigen war das leicht. Sie gaben sich durch selbstgebastelte Schilder mit Aufschriften wie „Hilberts Schrottplatz“ und Ähnlichem zu erkennen. Viele andere aber nicht. Der umstrittene Einweihungstermin war gerade überstanden und die Leitmedien der Republik hatten trotz des nur regionalen Geschehens wieder verlässliche Tumultbilder aus Dresden für die überregionalen Sendungen heute und Tagesthemen, da wurde noch in der Nacht zu Tag zwei der Installation die nächste Eskalationsstufe eingeläutet. Denn sofort hatten sie Neugierige an die Rechner gesetzt und das Kunstwerk und seinen Hintergrund unter die Lupe genommen. Womit sich der nächste Skandal andeutet. Denn im Original war auf den Bussen in Aleppo die Flagge einer Terrormiliz gehisst, die vom Bundeskriminalamt als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Dass Dresdens OB Dirk Hilbert als vielbeschäftigtes Stadtoberhaupt keine Bildkontrolle mittels Google vornimmt, ist verständlich. Als politisch Verantwortlicher muss er aber ausbaden, was in seiner Stadt so alles unter dem Deckmäntelchen des Wahren und Guten und mit ihm als Laudator veranstaltet wird. Schon in der Vorwoche hatte er die Gemüter seiner Dresdner wieder mit dem Stochern in der alten Wunde von Dresden als „schuldiger Stadt“ zum Kochen gebracht. Es ist nicht nur die nie abreißende Diskussion um die Opferzahl, die stets aufs Neue für Emotionen rund um den 13. Februar sorgt, sondern auch der leichtfertige Umgang mit den Gefühlen der Menschen. Reine Zeitzeugen, die es noch gibt, waren damals im Kindesalter. Aber in vielen Familien in der Stadt und im Umland sind die Erzählungen der Eltern und Großeltern, die den Feuersturm mit eigenen Augen sahen oder sogar überlebt haben, Teil tradierter Familiengeschichte wie sie zu Hochzeiten, Geburtstagen oder Jugendweihen weitergeben wird. Hilbert mag ein guter Wirtschaftsbürgermeister sein, aber in diesen Zeiten wünschte man sich einen gedankentiefen und historisch belesenen Reflektierer vom Schlage eines Richard von Weizsäcker und nicht einen Getriebenen seines rot-grünen Stadtrates, dessen einzige Markenzeichen seine Fülle und die harte Betonung weicher Konsonanten ist. Und so wird er es ertragen müssen, dass die Menschen auch zu anderen Anlässen „pöpeln“ wie er es in die Kameras des MDR sprach. Und das geht schon weiter, wenn auch nur im Internet.
Nach ersten Posts, die noch in der Nacht auf Facebook ihre Bahnen zogen, griff am Folgetag auch die örtliche Presse das Thema mit der Terroristenfahne auf. Ex-Pegida Frontfrau Tatjana Festerling formulierte drei Fragen an OB Hilbert mit Beantwortungsfrist binnen 24 Stunden. Lutz Bachmann meldete sich per Videoclip von den Kanaren und kündigte eine Privatklage seines Vaters als in seinen Gefühlen verletzter Betroffener der Bombennacht von 45 gegen das Terror-Denkmal an.
Ob das Dresdner Staatsschauspiel seinen Spielplan fürs erste Halbjahr komplett aussetzt, ist noch nicht bekannt. Die AfD jedenfalls setzt ihren Parteitag zur Listenwahl jetzt doch als Delegiertenparteitag und nicht wie von der Parteispitze favorisiert als Mitgliederparteitag fort, um unliebsame Listenkandidaten rauszukegeln. Und auch Akif Pirincci wird in Kürze wieder ein Gastspiel in der Landeshauptstadt geben. Das Amtsgericht Dresden hatte seine Rede zum Pegidageburtstag 2015 transkribiert, unter die Lupe genommen und dem Autor daraufhin „Volksverhetzung“ attestiert. Aber gegen Zahlung von 11 700 Euro könne man darüber hinwegsehen und das Volk seiner Verhetzung überlassen. Und genau an diesen Stellen stellt sich immer wieder die Frage, wieviele solcher „Fälle“ von Bachmann bis Pirincci die Verantwortlichen eigentlich noch brauchen, um zu begreifen, dass man politische Kämpfe, die man mit juristischen Mitteln weiterführen will, nur verlieren kann. Dulig und Stange, beide SPD, haben immerhin mit ihrem Erscheinen an einem zu Recht vermuteten Brennpunkt zu erkennen gegeben, dass sie die Botschaft verstanden haben. Sie stellten sich, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Aber ein Anfang ist gemacht. Aber wann hört die CDU im Freistaat das Hupen der Busse vom Neumarkt? Autor Akif Pirincci hat bereits in einem freudig-triumphierenden Post auf Facebook angekündigt, dass er selbstverständlich in Widerspruch gehen und das dann stattfindende Verfahren als große Bühne zu nutzen gedenke. Was einen Tag später auch eine Meldung des MDR bestätigte. So schafft man Volksfeststimmung. Wir haben zum Glück auch keine anderen Probleme.


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Frauke und die Grundsätzlichen

An Tag zwei ihres Landesparteitages bestimmte die sächsische AfD die Aufstellung der Listenkandidaten für die Bundestagswahl. Doch zwischen den Zeilen ging es dabei unbeabsichtigt auch um viel Grundsätzliches. Man spürte besonders beim Gerangel um die begehrten vorderen Plätze, dass hinter den vielbeklagten maroden „Fassaden der Demokratie“ in Berlin, doch noch einiges zu holen ist. Es wurde auch hier fühlbar, was  Menschen wie Petra Hinz sich buchstäblich bis zur letzten Minute an ihr Mandat klammern lässt.

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Höcke-Sympathisant Jens Maier bekam viel Beifall für seine Nominierungsrede beim Listenparteitag der AfD. Foto: beaverpress

Für den Kandidaten auf Platz zwei gilt das eher weniger, wobei man in diesem Fall in der AfD-Führung  sicher froh wäre, wenn er es nur um des Geldes willen machen würde. „Ich könnte es mit meinen 54 Jahren viel bequemer haben“, sagte Richter Jens Maier in seiner Antrittsrede. Doch Maier ist so ein „Grundsätzlicher“. Wie der neue Gottseibeiuns aus Thüringen. Wegen ihm trägt Maier jetzt auch parteiintern das Label „umstritten“ unsichtbar um den Hals und sagt von sich selbst, er sei „Klein-Höcke“. Maier war einer der Vorredner bei Björn Höckes Rede in Dresden Mitte Januar. Dort habe man es „richtig krachen lassen“, fand Maier unter dem Beifall des Saales, während Frauke Petry derweil angestrengt in ihren Laptop schaute. In Dresden hatte Maier auch gesagt:  „Wir sind die neue Rechte“ und den „Schuldkult“ für beendet erklärt. Er stehe zu Höcke, weil der eine Haltung habe. Er habe danach mit ihm telefoniert. Höcke habe ihm gesagt, dass er diese Nachwirkung der Rede weder geplant noch für möglich gehalten hätte. Man solle jetzt aber nicht die Arbeit des politischen Gegners betreiben, so Maier. Man verspiele Potential, wenn man sich nur den wertkonservativen Teil der CDU „herauspräparieren“ wolle. Ganz speziell an Frauke Petrys neuen Ehemann Markus Pretzell gerichtet, sagte Maier, man werfe ihm den Satz mit der neuen Rechten vor, treffe sich aber selbst mit rechten Menschen in Koblenz.

Dass sich hier längerfristig ein Spalt quer durch den ganzen Landesverband auftut, war auch abzulesen daran, dass Maier nur 15 Stimmen weniger bekam als Frauke Petry selbst. Doch nicht nur das dürfte weiter für Spannung in der Sachsen-AfD sorgen. Noch während Maier die zahlreichen Gratulationen entgegennahm, machte das Gerücht die Runde, es werde ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn angestrengt.

Für AfD-Generalsekretär Uwe Wurlitzer ist die Strategie klar. Jetzt müssten einfach mal alle auf allen Ebenen ein halbes Jahr die „Schnauze halten“, dann könne man mit einem guten zweistelligen Ergebnis in den Bundestag einfahren, ließ er sich vor Mitstreitern und Presse am Rande der Veranstaltung aus. Einigen ist das an Programmatik zu wenig. Denn in dieser Partei gibt es noch mehr, die aus sehr grundsätzlichen Erwägungen beigetreten sind und nun störrisch an ihren Maximen festhalten. Mit Themen abseits von „Schuldkult“ und „Architekturkritik“. Zum Beispiel Karsten Teubner aus dem Erzgebirge. Er kandidiere ausdrücklich, weil von dem Kandidaten Spangenberg der Satz kolportiert werde, ein Bundestagsabgeordneter müsse auch ordentlich verdienen. Er kündigte bei seiner Bewerbungsrede an, seine kompletten Abgeordnetendiäten bis auf die Höhe des Mindestlohnes für Bedürftige zu spenden. Was Trump jetzt mache, praktiziere er schon länger mit seinen Sitzungsgeldern als Vorsitzender der AfD-Kreistagsfraktion, so Teubner. Es werde immer ausgelost, welche Bedürftigen das Geld bekommen. Er fügte aber auch an, dass er es sich leisten könne. Seine Firma sei im Stahlhandel aktiv und man bewirtschafte eigene Waldflächen. Seine Firma ist die Teubner & Sternkopf KG in Schwarzenberg/Erzgebirge. Schaut man auf die Homepage der Firma, findet man ein Indiz, aus welchen Quellen sich Teubners Verständnis vom Dienst am Staat und den Menschen speist.

„Nur ja nicht viel Geld oder überhaupt Mittel in die Hände von Staatsregierungen und öffentlichen Verwaltungen kommen lassen, das gibt Elend in der Wirtschaft und kriegerische Verwicklungen.“ Der Satz stamme von Christian Jonathan Sternkopf und wird auf das Jahr  1860 datiert.

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Karsten Teubner würde sein Abgeordnetengehalt bis auf die Höhe des Mindestlohnes spenden. Er hatte keine Chance auf ein Mandat. Foto: privat

Teubner bekam viel Gegenwind für seine Ankündigung, oft mit dem Tenor, er habe leicht reden. Ob er wolle, dass im Parlament nur noch „Milliardäre“ sitzen? Teubner konterte kühl, er selbst sei auch kein Millionär und er verstehe die Aufregung nicht. Die Abgeordnetendiäten gäbe es erst seit 1906 und zwar auf Betreiben der Sozialdemokratie. Das wären damals 3000 Mark und eine Dauerkarte für die Bahn gewesen. In den Augen Höckes wäre Teubner damit unverdächtig eines Strebens nach „Freifressen“ und „Freisaufen“ in Berlin. Nach dem Geschmack der Parteibasis ist das nicht. Nicht unerwartet verlor Teubner haushoch gegen Detlev Spangenberg. Der hatte gut vorgesorgt und seinen Kreisverband Meißen und den seines Wahlkreises Nordsachsen als Unterstützer dabei, die kräftig Stimmung machten. Selbst bei den zehn Fragen, die jeder Bewerber aushalten muss, wollte man hier zumindest nicht alles dem Zufall überlassen. So traten gleich eine Handvoll Gefolgsleute ans Mikrofon, um schon mal eine größere Anzahl von Fragemöglichkeiten mit kunstvoll hingelegten Bällen zur Verwandlung zu neutralisieren. Das war aus Sicht Spangenbergs ganz gut so. Denn bei seiner Vorstellung sorgte die bei allen anderen als Formalie schnell durchgewunkene Stasierklärung augenblicklich für gespannte Ruhe im sonst von angeregtem Gemurmel erfüllten Saal. Seine enthielt nämlich einen Zusatz. Er sei informeller Mitarbeiter gewesen, stand da. Ein lautes „Buuh“ hallte durch den Saal und brachte Spangenberg sichtlich in den ersten Minuten seiner kämpferisch ausgelegten Rede aus dem Konzept. In der Fragerunde wurde die Stasigeschichte nochmals thematisiert mit dem Zusatz, er solle doch mal zu seiner Haftzeit etwas sagen. Spangenberg griff den Faden auf. Er habe in einer Einheit der Luftstreitkräfte als 18-Jähriger in einem militärischen Abhängigkeitsverhältnis gestanden und da „etwas unterschrieben“. Und dann verteidigte er sich mit dem Satz, den bisher so gut wie alle von Wolfgang Schnur bis Annetta Kahane verwendet haben: „Ich habe damit niemandem geschadet“. Er habe sich an den „Kram“ gar nicht mehr erinnern können. Er selbst habe später nach versuchter Republikflucht anderthalb Jahre im Gefängnis gesessen, davon vier Monate in Einzelhaft. Selbst Bestrafter des DDR-Systems und Stasimitarbeiter? Republikflucht? Also Abkehr von der DDR mit allen Konsequenzen. Was wiegt schwerer? Was entschuldigt? Man spürte das Abwägen in dem doch von mehrheitlich älteren Ex-DDR-Bürgern besetzten Saal. Noch in der Fragerunde erhielt Spangenberg Absolution ausgerechnet von dem Buhrufer, der sich mit seiner Erklärung versöhnt sah. Er sei nur empört gewesen, weil ein Verwandter von ihm viele Jahre in Bautzen gesessen hätte. Spangenberg gewann mit deutlichem Vorsprung gegen seine drei Mitbewerber.

Dass die Basis nicht gewillt ist, alle Grundsätze nonchalant zu verhandeln, bekam ein junger Bewerber, Gordon Engler, zu spüren. Ob aus eigenem Kalkül oder geschickt, um Stimmen wegzufangen, hatte der junge Mann auf Platz zwei gegen Jens Maier kandidiert. Aber falls das mit diesem Hintergedanken geplant war, ging es gründlich schief.  Bei der Fragerunde flogen ihm förmlich die Fetzen um die Ohren. Wo und als was er arbeite?, wollte einer wissen. Engler antwortete, er sei für zwei Landtagsabgeordnete tätig. Daraufhin wurde ihm vorgehalten, ob er die Satzung der AfD nicht kenne. Die schreibe ausdrücklich vor, dass Bewerber mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in einem bezahlten Erwerbsberuf vorweisen müssen. Ausdrücklich ausgenommen sind davon parlamentarische Tätigkeiten. Die AfD wolle ganz bewusst keine Parteikarrieren nach der Art Kreissaal-Hörsaal-Plenarsaal wie sie oft bei den Sozialdemokraten oder den Grünen zu finden seien. Engler konterte dünn, dass der Partei damit der Bezug zur Jugend verlorengehe und er die mangelnde Lebenserfahrung durch Einflüsse seiner Eltern und seines Großvaters kompensieren könne. Überzeugt hat er damit nicht. Die Listenwahl konnte aus Zeitgründen nicht beendet werden. Der Parteitag wird im März fortgesetzt. Bis dahin kann viel passieren. Gerade in der AfD. Vielleicht sind dann schon die ersten Nachrückekandidaten für die vorderen Plätze fällig.


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Die AfD reibt sich an der H-Frage

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Großes Medieninteresse herrschte schon am ersten Tag beim Landesparteitag der sächsischen AfD in Groitzsch. Foto: beaverpress

Um eine K-Frage wie bei CDU und SPD geht es bei der AfD noch lange nicht. Das machte Parteichefin Frauke Petry den Delegierten des Landesparteitages der sächsischen AfD am Sonnabend in Groitzsch gleich am Anfang klar. Man rechne mit einem zweistelligen Ergebnis zur Bundestagswahl im Herbst, sei aber eine Partei der Realisten, die nicht auf illusionäre 51 Prozent hoffe. Doch an spannenden Themen ist gerade in den sächsischen Gefilden der neuen rechtskonservativen Partei kein Mangel, was auch der Auftrieb an Medien zeigte. Denn statt der K-Frage beschäftigt die AfD zum wiederholten und sehr heftigen Mal die „H-Frage“. Und die lautet seit dem 17. Januar: „Wie hältst Du´s mit dem Höcke?“ Denn der 17. Januar war der Tag als der Frontmann der Thüringer AfD ausgerechnet im Revier von Parteichefin Frauke Petry seine inzwischen Wellen schlagende „Dresdner Rede“ vor dem Publikum eines übervollen Ballhaussaales hielt. Höckes Aussagen sind inzwischen hinlänglich kolportiert und auf Youtube nachsehbar. Frauke Petry reagierte unmittelbar am Folgetag und jagte einen Post in den Facebook-Orbit mit dem Slogan: Höcke ist eine Belastung für die Partei. Ein Schuss mit der Schrotflinte in einen Hühnerstall versinnbildlicht wohl nur unvollkommen, was daraufhin im virtuellen AfD-Universum losbrach. Das zeitgleich angeschobene Parteiausschlussverfahren ging zugunsten Höckes aus und markierte die Grabenlinien. Ein Post machte die Runde, auf dem das Auditorium des vollen Ballhauses abgebildet war, in dem Höcke sprach. Dazu der Satz: Das ist dein Landesverband. Gemeint war Frauke Petry. Obwohl der Termin für den Listenparteitag nun lange vorher feststand, war klar, dass das Thema Höcke hier mit Macht auf die Tagesordnung drängen wird. Sachsen-AfD-Generalsekretär Uwe Wurlitzer selbst machte den Vorschlag, einen Punkt „Höcke-Diskussion“ in die Tagesordnung einzufügen. Eine Aussprache über die künftige Ausrichtung der Partei mit Blick auf die drängenden Probleme des Landes sei notwendig, so Wurlitzer. Außerdem könne es nicht sein, dass Mitglieder sich auf zum Teil übelste Art gegenseitig beschimpften. Und das alles wegen Höcke, schwang ungesagt mit.  Doch in dieser Frage zeigte sich eine Kluft zwischen Landesvorstand und Delegierten. Denn mit großer Mehrheit wurde die von der Spitze angeregte Diskussion von den Versammelten abgelehnt. Was wieder einmal die speziellen sächsischen Verhältnisse aufzeigt. Denn die Trennlinie zwischen AfD und den inzwischen verschiedenen Strömungen von Pegida lässt sich nicht sauber ziehen. So fanden sich im Saal in Groitzsch eine Vielzahl von Gesichtern, die bei Höcke am 17. Januar dabei waren und die bei der Restpegida um Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz ausharren. Auch die Mitglieder zahlreicher lokaler Vereinigungen finden sich im großen Sammelbecken der Sachsen-AfD.

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Ex-Pegida, aber auch Ex-AfD-Mitglied Tatjana Festerling (2.v.l.) beobachtete den Parteitag von einem hinteren Tisch. Foto: beaverpress

Besondere Beachtung fand jedoch, dass Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling in Groitzsch ganz hinten Platz genommen hatte und interessiert dem Lauf der Dinge folgte. Immer wieder steuerten einzelne Delegierte ihren Tisch an, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Das blieb natürlich auch von Kritikern nicht unbemerkt, weshalb einer zum Saalmikrofon ging, und sagte, es säße hier eine „Frau Festerling“ unter den Gästen und man möge sie doch ausschließen. Er musste sich vom Versammlungsleiter belehren lassen, dass die hier zur Anwendung kommende Bundessatzung der AfD keinen Punkt „Ausschluss von Frau Festerling“ vorsähe. Mit dem Auftauchen Tatjana Festerlings deutet sich eine „Heimkehr der verlorenen Tochter“ an. Sie gehörte zum Gründungsteam um Bernd Lucke. Auf sie geht das Parteimotto „Mut zur Wahrheit“ zurück, das Frauke Petry in ihren Eingangssätzen oft gebrauchte. Tatjana Festerling ist auf jeden Fall keine von den „Luckisten“, die Höcke in seiner Dresdner Rede verdammte und ihnen unterstellte, dass sie nur die lukrativen Posten in Berlin mit ihren „Freifressen“ und „Freisaufen“ der Lobbyisten im Sinn hätten. Sie schmiss zum Bremer Parteitag im Frühjahr 2015 den Bettel hin als sich abzeichnete, dass „Oberluckist“ Lucke sich durchsetzt. Zu früh, wie manche Mitstreiter  bedauerten. Sie suchte ihren Platz bei Pegida und auf der Straße. Bis zum „Schisma“ wie einige die Trennung bei Pegida im Frühjahr 2016 scherzhaft nennen. Bis heute laufen an manchen Montagen immer noch bis zu 4000 Menschen bei der Restpegida von Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz mit. Was aber darüber hinwegtäuscht, dass die Pegida-Oberbürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling gegen alle Prognosen, aus dem Stand und ohne den Bonus der „Dresden-Geburt“ rund zehn Prozent bei den Wahlen im Juni 2015 bekam. Zum Vergleich: Der jetzt im zweiten Anlauf als Direktkandidat für den Bundestag antretende AfD-Mann Stefan Vogel schaffte gerade rund fünf Prozent zur Dresdner Bürgermeisterwahl.  Jetzt also heißt es bei der AfD scheinbar: Tatjana is back. Diese „Planetenbahnen“ und Kollisionen offenbaren die  Findungsprozesse in dieser jungen Partei, die Alexander Gauland in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ so treffend einen „gärigen Haufen“ nannte. Hier ist noch lange nichts gesetzt oder erstarrt. Hier ist vieles noch im Werden, wofür symbolisch Frauke Petrys Babybauch steht. Was abseits der Parteitagsformalien für wesentlich angeregtere Erörterungen sorgte. Tenor: Schafft sie die Doppelbelastung mit Kind und Bundestagswahlkampf? Von Festerling bekommt Petry schon mal verbalen Flankenschutz in Sachen Höcke. Obwohl selbst gern pointiert austeilend, attestierte Festerling dem Thüringer lupenreinen „NPD-Sprech“. Ein Vorwurf, der in Bezug auf Höcke nicht zum ersten Mal zu hören ist. Ob sein goebbelsähnliches Tremolo, in das er manchmal verfällt, Zufall oder gewollt ist, darüber kann spekuliert werden. Eine Rolle bei Festerlings Ablehnung dürfte aber auch spielen, dass Höcke wiederum „dicke“ mit „Lutz“ und „Siggi“ ist. Lutz Bachmann hatte zuletzt für eine Schlammschlacht und Boulevard-Titelseiten um eine altes Handy und angebliche schlüpfrige Filmchen darauf gesorgt.  Biedere AfD-ler zwischen Treuen im Vogtland und Sohland/Spree haben es schwer in diesen Tagen, den Überblick zu behalten und „dran“ zu bleiben. Um sich auf die „Sache“ zu besinnen, regte einer nach dem zähen Start der Veranstaltung ausgerechnet noch an, erstmal die Nationalhymne zu singen, damit allen mal wieder bewusst werde, worum es eigentlich geht. Der Vorschlag wurde als Antrag zur Geschäftsordnung behandelt und mit großer Mehrheit abgelehnt. Vielleicht ein erstes Indiz, dass die AfD ganz langsam auf dem Weg zu einer normalen Partei ist.


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Höcke und das Diskursporzellan

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Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei seiner Dresdner Rede im Ballhaus Watzke. Foto: beaverpress

„Hannibal ante portas“ war der Schreckensruf im alten Rom als der karthagische Heerführer mit seinen Elefanten vor den Toren Roms gesichtet wurde. „Höcke intra muros“ hieß es mit fast ähnlichem Tenor am Dienstag in Dresden. Eingeladen hatte den selbst in den eigenen Reihen polarisierenden Thüringer AfD-Chef die Junge Alternative Dresden. Die „Arena“ hatte man bis kurz vorher noch versucht geheim zu halten. Es war einer der schönsten und größten Säle Dresdens – das Ballhaus Watzke. Die Eintrittskarten wurden vorab per email vergeben. Viele, die dabei leer ausgingen, versuchten trotzdem noch reinzukommen. Einige ohne Erfolg. Aus feuerpolizeilichen Gründen musste die Zahl begrenzt werden. Gefüllt hätte man sicher auch ein größeres Etablisment. Wie zu erwarten, war hier der harte Kern der Pegida aufgelaufen. Am Einlass wurde quälend langsam jeder einzeln kontrolliert. Man wollte Zustände wie in Magdeburg vermeiden, hieß es. Dort hatten in der Vorwoche Studenten der Otto-von-Guericke-Universität eine AfD-Veranstaltung so gestört, dass sie abgebrochen werden musste. Dabei hätte man sich bei rund 85 Prozent der Besucher auf die Sichtprüfung verlassen können. Die Fraktion 50 plus mit grauem oder gar keinem Haar mehr war deutlich in der Überzahl. Entsprechend stimmungsvoll ging es im Saal weiter. Eine Bänkel-Truppe mit Klampfe und Akkordeon spielte alte Volksweisen, etwa Anton Günthers heimliche Erzgebirgshymne „Deitsch un frei woll mir sei“.
Im Saal selbst war ein Großteil der mitteldeutschen Aufmüpfigenszene versammelt. Pegidafrontmann Siegfried Däbritz koordinierte die Security-Mitarbeiter. Ex-Pegidavorstandsmitglied Rene Jahn und Lebensgefährtin warteten als Gäste brav in der Kälte, bis sie die Personenkontrolle passieren konnten. Von der AfD-Landtagsfraktion war Jörg Urban da, gleichfalls sein Parteikollege, der Leipziger Anwalt Roland Ulbrich von der Patriotischen Plattform. In einer der vorderen Reihen wurde der bekannte CDU-Aussteiger Dr. Maximilian Krah gesichtet. Verleger Götz Kubitschek war mit einem Stand seines Verlages Antaios vertreten, genauso wie Felix Menzel von der Blauen Narzisse. Der Livestream von der Veranstaltung wurde vom Compact-Magazin ins Netz gestellt.

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Volkstümliche Einstimmung auf den Hauptredner mit Bänkelgesang. Foto: beaverpress

Ähnlich der Choreographie großer Konzerthighlights sprachen als „Vorband“ die beiden Dresdner AfD-Bundestagskandidaten Stefan Vogel, Jens Maier und ein junger AfD-Stadtrat aus Aachen.
Dann endlich betrat der Stargast, Björn Höcke, die Bühne. Die ersten, bisher hier nur aus dem Fernsehen bekannten „Höcke, Höcke“-Rufe brandeten auf. Einige stehen bereits auf, noch ehe ihr Idol ein Wort gesagt hat. Je länger man Höcke zuhört, umso mehr entstand das Bild von einem, der alle nur greifbaren und sorgsam gehüteten Diskurs-Porzellanvasen dieser Republik auf einem Brett nebeneinander drapiert, um dann eine nach der anderen runterzuschießen. Völlig ungeachtet des Bodensiegels mit dem Schriftzug „Tabu“. Und das nicht mit dem Luftgewehr, sondern mit der Flak. Anders kann man Höckes Auftritt in Dresden nicht beschreiben, denn er muss gerade als Geschichtslehrer wissen, was er da tut und mit wem er sich anlegt.
Das Holocaustdenkmal in Berlin als ein Mahnmal der Schande mitten im Herzen der eigenen Hauptstadt, sei Ausdruck eines negativen Gründungsmythos so der Thüringer AfD-Chef. Bis heute sei der deutsche Gemütszustand der eines total besiegten Volkes. Die Jugend solle viel mehr mit den positiven Aspekten unserer Geschichte in Berührung gebracht werden, den Philosophen, Erfindern und Musikern. Aber stattdessen werde unsere Geschichte mies und lächerlich gemacht, findet er. In Deutschland sei eine „dämliche Bewältigungspolitik“ an der Tagesordnung, die lähme und schlimmer sei als noch zu Zeiten Franz Josefs Strauß, der das schon beklagt habe. Und Höcke ging auch speziell auf den Ort seiner Rede ein. Verbunden mit einem Lob für die Pegida-Organisatoren. Die seien die ersten gewesen, die das Tor aufgestoßen hätten. Unter dem dröhnenden Applaus und „Widerstand, Widerstand“- Rufen sagte Höcke, dass Dresden die eigentliche Hauptstadt Deutschlands sei. Und er wandte sich dem zu, was bereits jetzt schon und alle Jahre wieder kurz nach Jahresbeginn in der sächsischen Hauptstadt aufflackert – die wahrscheinlich nie endende Diskussion um „den Angriff“ wie die Bombardierung Dresdens durch alliierte Bomberverbände in der Nacht des 13. Februar 1945 von den alten Dresdnern nur genannt wird. „Der Angriff war ein Kriegsverbrechen“, sagte Höcke. Er stehe in einer Reihe mit dem Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Er erfolgte in einer Zeit als der Krieg längst entschieden war. Oft auf Orte wie Dresden ohne militärische und wirtschaftliche Bedeutung, dafür wie hier voll mit geflüchteten Frauen und Kindern. Die Alliierten hätten damit auch eine kulturelle Komponente verfolgte. „Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten“, so Höcke. Die Umerziehung nach dem Krieg hätte dann den Rest bewirkt. „Deutsche Opfer gab es nicht mehr, nur noch Täter“, so Höcke. Die wiederaufgebaute Frauenkirche sei deshalb nur eine Fassade, der Geisteszustand des Volkes immer noch der eines Besiegten. In die Reihe seiner Abrechnung mit bundesdeutschen Heiligtümern stellte er auch die Reden der Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker. Herzog habe mit seiner berühmten Ruck-Rede die Deutschen nur für den Neoliberalismus optimieren wollen. Die Deutschen sollten nur noch mehr arbeiten und leisten. Mit dem Effekt, dass Gesetze geschaffen wurden, die alle beim Verlust ihres Arbeitsplatzes gleich machen, egal, ob sie nun zwei oder zwanzig Jahre eingezahlt hätten. Die stilistisch ausgefeilte Rede Richard Weizsäckers sei trotz ihrer Brillanz eine „Rede gegen das deutsche Volk“ gewesen. Fast schien es so, als nutze Höcke das Dresdner Auditorium als eine Art kleinen Parteitag, auf dem er Leitlinien der Programmatik festlege. Wie einst in der Sowjetunion die Anhänger des Stalinwidersachers Leo Trotzki „Trotzkisten“ genannt wurden, sprach er nun von „Luckisten“ , die immer noch in der Partei zuhauf säßen und bloß auf ihr eigenes Fortkommen sännen. Diese möchten so schnell wie möglich zum Establishment mit seinen „Freifressen“ und „Freisaufen“ der Lobbyisten gehören. „Ich will das nicht“, rief Höcke in den Saal. Die AfD sei die letzte „evolutionäre Bewegung“, um in Deutschland das Ruder herumzureißen. Es gäbe keine Alternative im Etablierten. Die Partei habe einen langen und entbehrungsreichen Weg vor sich und dürfe sich auf keinen Fall im Parlamentarismus „verlieren“. Nötig sei eine inhaltliche Fundmentalopposition. Jede Partei neige zu einer Oligarchisierung und Erstarrung. Davor sei auch die AfD nicht gefeit. Aber das dürfe erst passieren, wenn sie ihre „historische Mission“ erfüllt habe. Bis dahin gelte es besonders, mit den Bürgerbewegungen auf der Straße in Kontakt zu bleiben und die Bewegung virulent zu halten. „Wir werden das so lange durchhalten, bis wir 51 Prozent haben oder als Seniorpartner einer Altpartei, die vorher durch ein reinigendes Fegefeuer gegangen ist“, so Höcke. Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben, gab der ehemalige Geschichtslehrer seinen Zuhörern mit auf den Weg.

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Der Saal im Dresdner Ballhaus Watzke war übervoll. Man hätte mühelos eine größere Halle gefüllt. Foto: beaverpress

Vielleicht hat zumindest er das bereits getan, wie erste Reaktionen in Politik und Medien auf seine „Dresdner Rede“ schon zeigen. Insgesamt wurde deutlich, dass Höcke durchaus das Zeug zum „Volkstribun“ hat. Entgegen den wenigen und mit Tendenz ausgewählten Sequenzen, die von Höcke im Fernsehen gezeigt werden, kommt er als Redner nicht als der verschrobene Eiferer rüber, wie er oft gezeichnet wird. Höcke spricht frei, was seiner Profession als Gymnasiallehrer geschuldet sein dürfte. Und er weiß gekonnt, mit Tonalität und Inhalt Stimmung zu erzeugen. Er wusste, dass Dresden das Heimspiel schlechthin wird. Doch muss ihn die Wucht der Sprechchöre, die seine Rede unterbrachen vielleicht auch etwas überrascht haben. Er hätte es in der Hand gehabt, den Saal „zum Kochen“ zu bringen, wie man so sagt. Nicht umsonst flüsterte ein Graukopf in der letzten Reihe seinem Nachbarn nach einem solchen Beifallssturm zu: „Das ist ja wie im Bierkeller“. Höcke dämpfte die überschäumende Stimmung, indem er ruhige Passagen einflocht, dabei langsam und leise sprach. Zeit für die Spendensammler, die Büchsen herumgehen zu lassen. Besonders ältere Menschen zückten durchweg Zehn- oder Zwanzig-Euroscheine, sodass die Letzten in der Reihe Mühe hatten, ihre Spenden noch reinzustopfen.
Sein Auftritt ausgerechnet hier dürfte allerdings auch AfD-intern nachwirken. Denn Dresden ist eigentlich das Heimatrevier der „Großen Vorsitzenden“, Frauke Petry.  Sie war die Erste, die hier für die AfD in ein Landesparlament einzog. Sie war es auch, die Bernd Lucke maßgeblich aus der Partei trieb und den Vorsitz für sich reklamierte. Gegen Höcke strengte sie in der Zeit ein Parteiausschlussverfahren an, dass das Schiedsgericht der AfD kippte. Jetzt gräbt ihr der Widersacher in ihrer eigenen Hochburg das patriotische Wasser ab. Man darf spekulieren, wen Höcke im Blick hatte mit seiner Mahnung vor den Lockungen des Establishments. Viele nahmen Frauke Petry beispielsweise übel, dass sie 2015 zum Ball der „Lügenpresse“ ging. Das Problem hatte sie ein Jahr später nicht mehr, weil sie nicht mehr eingeladen wurde. Petry und die sächsische AfD hat aber auch aus Höckes Sicht noch ein Manko. Obwohl die Pegida-Bewegung sich im Herbst 2014 praktisch vor den Fenstern der neuen AfD-Abgeordnetenbüros entwickelte, verschlief man zunächst diese Entwicklung und blieb dann zögerlich auf Distanz. Im Nachhinein aus Sicht weiter Teile der sächsischen AfD eine richtige Strategie angesichts der Entwicklungen bei Pegida. Doch Höcke kennt diese Berührungsängste nicht. Er lief 2014 kurzerhand mit und lädt noch heute regelmäßig Siegfried Däbritz vom Führungsgespann der Pegida zu seinen Veranstaltungen ein, die er, oft auch gemeinsam mit Andre Poggenburg aus Sachsen-Anhalt durchführt. Vielleicht auch, weil er in Erfurt zu weit weg ist, als dass Pegida bei ihm dauerhaftes Engagement einfordern könnte wie ein Rufer es tat mit den Worten: „Wir wollen Dich am Montag sehen“. Und vielleicht auch aus innerparteilichem Machtkalkül mit der Ansage an Frauke Petry: „Sieh´ her, im Zweifel hören deine Sachsen auf mich.“ Höcke betonte auch in Dresden, dass er in Thüringen bleiben werde, weil er sich mit seiner Familie da „pudelwohl“ fühle. Schon zuvor hatte er öffentlich erklärt, nicht für den Bundestag kandidieren zu wollen. Doch man spürt deutlich: Dieses Zögern ist rein taktischer Natur. Da sammelt einer erst genügend Fußtruppen bis er das Überschreiten des Rubicons und den Marsch auf Rom wagt. Dresden war nur das Winterlager.


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Verstörter Paramilitär

Es war Anfang der Neunziger, so kurz nach der Wende, als ich eines Tages beim Konsum eines der für mich neuen Qualitätsmedien richtig erschrak. Ich weiß nicht mehr genau, ob es der Spiegel war oder ein Fernsehformat. Aber es war aus Hamburg. Und von da bekam ich es klipp und klar gesagt: Ich war jahrelang Mitglied einer paramilitärischen Einheit gewesen. Bis dahin kannte ich den Begriff nur in Verbindung mit den blutrünstigen Contras in Nicaragua, der IRA in Nordirland oder den Bombenbauern der ETA in Nordspanien. Jetzt erfuhr ich: In der Liga habe ich auch mal gespielt. Wie es sich für so eine Organisation gehört, wurde auch meine mit drei Buchstaben abgekürzt. Sie lauteten: GST.

220px-gesellschaft_fur_sport_und_technik_symbol-svgDas stand für „Gesellschaft für Sport und Technik“. Dass sich hinter einer vordergründig so harmlosen Bezeichnung eine der gefährlichsten militärischen Untergrundorganisationen verbarg, wie ich es nun erfuhr, wurde mir rückwirkend klar, als ich mich an den Tag meines Eintretens in die Truppe erinnerte. „Biste schon in der GST“, fragte mich der Heimleiter meines Lehrlingswohnheimes, das für drei Jahre meiner Berufsausbildung samt Abitur mein Zuhause werden sollte. Noch ehe ich etwas Sinnvolles sagen kannte, erfuhr ich: „Wenn nicht, bistes ab jetzt“. Fertig ab. In der kommenden halben Stunde bekam ich die entsprechende Uniform, bestehend aus Koppel mit DDR-Emblem, einem Käppi, einer ausgeblichenen Hose und einer  schlabbrigen Jacke in einem undefinierbaren Farbton zwischen grau und grün. In Ermangelung von Knobelbechern wurden blank geputzte Arbeitsschuhe getragen. Entsprechend dieser Einstimmung bestanden die ersten 14 Tage unserer „Lehrausbildung“ aus einer Abfolge von Exerzierübungen rund ums Heim. Das alles zum großen Ergötzen der zwei höheren Jahrgänge des Internats, die grinsend und johlend aus den Fenstern hingen und die Verrenkungen der neuen „Spritzer“ –  so hießen die Elftklässler –  kommentierten. Selbstverständlich verfügte das Internat auch über eine kleine Sturmbahn mit lebensecht verlegtem „Flandernzaun“, unter dem wir das gefechtsmäßige Robben übten. Erfahrungen, die die spätere Lektüre des Klassikers „Im Westen nichts Neues“ viel sinnlicher werden ließen. Das Bild rundete sich ab, als wir erfuhren, dass unsere „Erzieher“ durchweg ehemalige Offiziere der NVA waren, die uns später in bierseliger Laune verkündeten, dass noch „weiter früher“ in unserem Komplex eine Einheit Nachtjäger der Luftwaffe stationiert war. Unser kleiner Ort lag nämlich genau auf der geraden Linie von Holland nach Berlin. Viele meiner Klassenkameraden waren schon länger Mitglied der GST. Sie hatten hier ihren Motorradführerschein gemacht, was eines der größten Motive zum Eintritt in die grau-grüne Truppe war. Auch den LKW-Schein konnte man erwerben. Einer war begeisterter Segelflieger. Auch das gab es. Selbst eine kleine Marine fuhr unter dem Emblem mit Anker und Propeller. Die Schiffchen waren nach der Auflösung der DDR bei Sportbootführern heiß begehrt.  Neben dem Robben, dem Exerzieren und dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ beschränkte sich unsere paramilitärische Tätigkeit allerdings darauf, zweimal im Jahr ins so genannte „Wehrlager“ zu fahren. An eins erinnere ich mich noch. Prerow – direkt am Ostseestrand. Die Zugfahrt überbrückten wir mit dem Genuss geistiger Getränke aus Nordhausen, Wilthen oder Zahna. Nur so viel noch dazu: Pfeffi meinte damals keinen Pfefferminzbonbon und Berliner Luft gab es auch aus Flaschen.  Das alles führte dazu, dass Einige das Ziel schon ziemlich aus den Augen verloren hatten, als sich unser „Truppentransport“ der Küste näherte. Dort entpuppte sich selbst unser Staatsbürgerkundelehrer auch nur als Mensch, obwohl er jetzt mit doch schlecht verhohlener Genugtuung Uniform trug und stolz den Reserveoffizier herauskehrte. Aber er verlegte den Politunterricht kurzerhand an den Strand und ließ uns dort von der Leine mit der Maßgabe, es nicht zu übertreiben. Wir schwärmten aus und gönnten uns erstmal zwei Bier aus dem Strandkonsum.

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Tagesschau vom 14. Januar 2017. Bild aus einem Bericht über die Ankunft amerikanischer Truppen im polnischen Sagan. Quelle: Screenshot ARD

Warum schreibe ich das alles? Nun, weil ich mich diese Woche wieder beim Konsum eines Medienproduktes aus Hamburg erschrocken habe. So wie obiger Sachverhalt eine völlig falsche Assoziation auslöst, tat es ein Beitrag der Tagesschau, nur diesmal eben andersrum. In dem Beitrag wurde mit freundlich-begeistertem Tenor gezeigt, wie amerikanische Soldaten in Polen begrüßt werden. Dabei zu sehen war eine Sequenz, in der Kinder das Sturmgewehr einer Soldatin spielerisch für ein Foto mal in Anschlag bringen durften. Szenen, die im waffentechnisch überregulierten Deutschland wirken, als würde im OP plötzlich einer rauchen. Sportschützen, Jäger und Waffensammler kennen den alten Spruch: Einmal im Jahr schießt jeder Besenstiel. Entsprechend gehört eine Waffe, auch ungeladen, nicht in Kinderhände und es wird damit schon gar nicht in der Gegend herumgezielt. Das ist das eine. Das andere aber die Erinnerung an oben beschriebene DDR-Jugendzeit. Es stimmt schon, die GST diente der vormilitärischen Ausbildung der Jugend und knüpfte damit an Traditionen des Reichsarbeitsdienstes und der Hitlerjugend an. Auf das Kommando „Tiefflieger von links!“ hechteten wir nach links in den Straßengraben. Wir schmierten uns die Gesichter mit Zeitungsasche schwarz, um uns zu tarnen, und nach dem Ruf „Gaaaaas!“ zogen die ersten beiden Züge ihre Gasmasken auf, während der Rest sich im Akkord Mullbinden um das Gesicht wickelte, weil es nicht für alle Gasmasken gab. Die Szenen, die sich danach in märkischer Heide und mecklenburgischem Kiefernwald abspielten, kann sich jeder ausmalen. Wer dabei war, dem brauche ich nichts zu erzählen. Was allerdings über allem Stand: Mit Waffen wurde nicht herumgespielt. Einige altersschwache Luftgewehre waren das Äußerste, was wir an Schießeisen in die Hände bekamen, wenn wir nachts zur Wache des Lagers eingeteilt wurden. Ab und an, gab es mal einen Wettbewerb, bei dem mit einem Kleinkaliber-Karabiner auf Klappscheiben wie beim Biathlon geschossen wurde. Penibel wurde über jede Patrone Buch geführt und mehrfach scharf belehrt, wie die Knarre zu halten ist und was man auf keinen Fall darf. Es sei schon genug „passiert“ hieß es. Selbst unsere Erzieher wurden in ihrer sonst unverhohlenen vorgetragenen Militärseligkeit ganz ernst, wenn es um richtige „Mumpeln“ ging. Wir wurden dort nicht „scharf“ gemacht. Außerdem wollte niemand ernsthaft auf die Westverwandtschaft schießen. Wie das heute wäre…? Aber lassen wir das.

Aber das war mit Abstand das Wichtigste: Jedes zweite Wort lautete Frieden. Und das war ernst gemeint. Und die Russen waren unsere „Freunde“. In aller Ambivalenz, die das Wort mit sich brachte. Die Alten mögen insgeheim nicht so ganz von ihrer Jugend losgekommen sein. Egal wie zackig sie für Frieden und Sozialismus auftraten. Dafür glänzten die Augen zu sehr, wenn sie von der Lehre bei Junkers in Dessau oder der Souvenirsuche in abgeschossenen amerikanischen Bombern in den umliegenden Wäldern erzählten. Aber in einem waren sie sich einig und völlig sicher: Gegen den Russen – nie wieder. Die hatten uns nichts getan und wir den Krieg folgerichtig zu recht verloren. Und das gaben sie an uns weiter. Was nicht das Schlechteste war.

Und jetzt? Es sind polnische Kinder, die da in der Tagesschau gezeigt wurden. Die Polen haben ein anderes Verhältnis zu ihrem östlichen Nachbarn. Alles erklärbar und historisch belegt. Aber gegen wen richten sich die gezeigten Gewehre? In letzter Konsequenz gegen Russen. Und ein deutsches Medium bringt derartige Bilder ohne Einordnung, ohne den Hauch einer Kritik, nicht einmal einem Ausdruck des Befremdens. Und das bei „unserer Geschichte“ wie es immer heißt. Nach allem, was wir „Gorbi, Gorbi“ versprochen haben. Dass all das nicht passiert, verstört einen inzwischen doch schon etwas älteren, pazifistischen Paramilitär mit Motorrad- und Sportbootführerschein fast noch mehr als diese Bilder.