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Geschichten aus der Elbaue


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Pegida reif für die Filmförderung

Wenn du denkst, es geht nicht mehr – kommt irgendwo ein amtliches Schreiben her. So wie in Dresden Anfang November aus dem Rathaus an die Adresse der Pegidaverantwortlichen. Darin stand, dass es den Beiden, welche Lutz und Siggi heißen, ab sofort verboten ist, den montäglichen Rentnertreff zu leiten. Das Ganze bis 2021, was allein schon zeigt, dass man im Rathaus gegen den allgemeinen Trend in der Politik nicht in Legislaturperioden denkt, sondern kürzer. Wer bis dahin nur argwöhnisch vermutete, dass das Rathaus in irgendeiner klandestinen Art und Weise mit den Machern der montäglichen Motz- und Laufstunde unter einer Decke steckt, fand hier seine letzte Bestätigung. Die Gründung irgendwelcher neuerlichen Bündnisse für Toleranz, Trallala und noch irgendwas ist dabei reine Tarnung. Denn dieses Schreiben wirkte wie der sprichwörtliche Luftstoß aus dem Blasebalg in die verglimmende Pegida. Alle Welt fragte sich natürlich, warum der Wind plötzlich wehte. Und das Rathaus schob die Begründung einige Tage später nach. Es war das despektierliche Verhalten einiger Festbesucher zum Tag der Deutschen Einheit. Politiker, die in die Frauenkirche zum Festgottesdienst wollten, mussten sich Sätze wie „Haut ab“ oder Etikettierungen wie „Volksverräter“ anhören. Ihre Majestät musste sogar einen Bus nehmen, um vom Gotteshaus in die Semperoper zur nächsten Feierstunde zu kommen, weil man befürchtete, dass das ursprünglich geplante „Bad in der Menge“ (der jubelnden Werktätigen) eher zu einem Spießrutenlauf werden könnte. Überhaupt hatte man wenig sensibel die Semperoper als Ort der Hauptfeier auserkoren. Wurde die doch selbst von einem Umstürzler ersten Ranges erbaut. Eine Gedenktafel an der Ecke Wilsdruffer Straße verkündet, dass der junge Gottfried Semper den Dresdner Barrikaden von 1848 erstmal den richtigen Schliff verpasste, indem er seine Kenntnisse als Baumeister einfließen ließ. Gelernt ist eben gelernt. Ein gewisser Richard Wagner war damals auch ganz vorne mit dabei. Dessen Musik immerhin mag die ungekrönte Monarchin des Landes. Zumindest haben ihr die Grünen den jährlichen Besuch in Bayreuth noch nicht verboten. Wahrscheinlich nur, solange sie ihre Marschverpflegung nicht bei Edeka kauft. Die Dresdner hatten sich aus Sicht des Berliner Hofes samt angeschlossenen Berichtern am 3. Oktober wieder mal mächtig danebenbenommen. Und Bachmann, der schlimme Finger,  hatte dazu mehr oder weniger verklausuliert aufgerufen, indem er eine „Raucherpause“ auf dem Neumarkt via Facebook zur besten Sendezeit anregte. Die Bilder sind bekannt. Die Empörung war wohlfeil und erwartbar. Obwohl Henryk M. Broderdsc_0207

Pegida als Vorabendserie? Die Geschichte der Dresdner Protestbewegung gäbe ein schillerndes Drehbuch ab. Um Längen unterhaltsamer als derzeitige Programmangebote. Foto: beaverpress

im N-24-Interview trotz suggestivstem Nachfragen des Moderators alles Nötige zu den Dresdner Vorgängen an diesem Tag gesagt hatte, fertigte man im Rathaus besagte Verbotsverfügung. Dabei muss man sich gerade dort im Klaren gewesen sein, wie es ankommt.  Wahrscheinlich war Druck von Oben im Spiel.

Man konnte nur mit dem Kopf schütteln. Als ob es darauf ankommt, wer da am Montag die Versammlungsauflagen vorliest. Die, die dort nach zwei Jahren noch stehen, können sie ohnehin herunterbeten wie ihr neues Vaterunser.

Und das ist genau der Punkt. Pegida gehört nicht verboten, sondern ist längst ein Fall für die Filmförderung des Freistaates Sachsen, wenn nicht der Bundesrepublik Deutschland. Denn mal ehrlich: Reichte einer ein Drehbuch mit dieser Geschichte als Plot ein, er bekäme es mit hundertprozentiger Sicherheit um die Ohren wegen völliger Absurdität. Wie heißt es immer? Das Leben schreibt die tollsten Geschichten?  Aber das hier gibt´s in keinem Russenkino. Treten wir mal einen Schritt beiseite und schauen mal ohne Zorn und Eifer auf das Set. Da haben wir eine Volksbewegung, die aus dem Nichts kam und aussieht wie ein Mischung aus Bundschuh und Bundesliga. Fahne, Hymne – alles da. Was ganz harmlos mit einem quäkenden Megafon neben der „Käseglocke“ auf dem Postplatz begann, ist längst eine Art Revolutionspersiflage geworden. Dresdner Lokalkolorit. Thematisch angesiedelt zwischen der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz und der Olsenbande (Wir werden doch Millionäre, Egon?).

Erste Anklänge einer solchen Entwicklung gab es bereits im Januar 2015 als eine Pegida-Demonstration nach einem angeblichen Droh-Tweet des IS verboten wurde. Aus Sicherheitsgründen wie es damals hieß. Lutz Bachmann stieg in diesen Tagen vom „Panzerknacker“ und vorbestraften Unterhaltsschuldner zur Very-Very important Person des Freistaates Sachsen auf. Zu einer Pressekonferenz wurde er im BMW-Jeep des Landeskriminalamtes herumkutschiert. Personenschutz inklusive. Nur die Kanzlerin hatte am Tag der Einheit mehr Scharfschützen auf den Dresdner Dächern. Damals wohnte Bachmann noch ganz bürgerlich in Bannewitz vor den Toren Dresdens. Das war vor knapp zwei Jahren. Den neuesten Pressebulletins zufolge ist er jetzt „Privatier“ und lässt sich von  „internationalen Geldgebern“ ein sorgenfreies Leben unter der kanarischen Sonne Teneriffas bezahlen. Arbeiten würde er nicht, empörte sich das Boulevard. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der „Führer“ einer inzwischen nur noch örtlichen Protestbewegung schwebt wie ein Jet-Set-Manager einmal die Woche ein zum „Meeting“. Von wegen „Sohn seiner Klasse“, Arbeiterfäuste und Straßenpflaster. Dafür Sonnenbrille,  Rolly und easy jet. Immerhin noch Linie, nicht Lear.

Also, Leute beim MDR. Wenn das alles kein Stoff für eine schmissige Vorabendserie ist, was dann? Vielleicht mit Til Schweiger in der Rolle des Lutz Bachmann? Veronica Ferres könnte Kathrin Oertel spielen. Günther Jauch spielt Günther Jauch. Dazu grüne Tonnen voller Geld im Toplitzsee, schöne Frauen, finstere Innenminister – es gäbe schon Stoff für einige Folgen. Ausstrahlungstermin montags, 18.30 Uhr Danach Riverboat mit wechselnden Besetzungen, die alles nochmal analysieren. Steimle und Patzelt als Moderatoren. So bekäme man die Straßen der Landeshauptstadt wieder leer.

Alternativ  bliebe als ultima ratio nur eine Flugverbotszone über Dresden oder gleich ganz Sachsen. Aber wer soll´s machen? Hillary Clinton, die für solche Sachen immer zu haben war, ist es ja nun nicht geworden. Und die Meinung des Neuen im Weißen Haus über unsere Kanzlerin dürfte sich von Bachmanns nur um Nuancen unterscheiden. Unsere eigene Luftwaffe? Eben. Außerdem wollen wir keine Gewalt.

Bleibt nur der Heimatsender. Und wie sagte Uwe Steimle neulich so schön? Wer für die Heimat ist und den Frieden, der ist unantastbar. Vieles könnte so einfach sein.


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Petry geht auf Nummer sicher

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Quelle: Tag24.de

Parallel zur großen Vorsitzenden der CDU hat auch ihr inzwischen eingestandener einziger Gegner in der deutschen Parteienlandschaft, die AfD, eine Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl 2017 in Stellung gebracht. Wie viele es am Ende werden, ist noch offen. Frauke Petry wurde mit etwas über 90 Prozent der Stimmen des AfD- Kreisverbandes als Direktkandidatin des Bundestagswahlkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (SOE) gewählt. Nun kann man schmunzeln, wenn man erfährt, dass der ganze Kreisverband nur um die 100 Mitglieder hat, und 34 von 37 Stimmen für jenes fulminante 90-plus-Ergebnis sorgten. Aber so ist Demokratie. Manchmal ist weniger mehr. Mit dieser Entscheidung ist aber in zweiter Ebene auch eine andere verbunden. Und die ist eine Weichenstellung rein taktischer Natur. Man will auf Nummer sicher gehen. In der Diskussion standen ursprünglich nämlich mal zwei Wahlkreise. Der SOE und Meißen. In SOE steht Petry in Klaus Brähmig von der CDU ein farbloser und medial bisher völlig unsichtbarer Kandidat gegenüber. Der konnte zwar seinen Stimmenanteil von 2009 bis 2013 von 45 auf beachtliche 51 Prozent steigern, aber das alles war „vor dem Krieg“ mit Masseneinwanderung und Terror von Nizza, Würzburg und Chemnitz und ist in diesen bewegten Zeiten nicht mehr viel wert.

Viel interessanter wäre es dagegen im Landkreis Meißen geworden. Hier hätte es täglich  Vorhutgefechte mit der CDU gegeben. Denn das ist der Bundestagswahlkreis von keinem Geringeren als Innenminister Thomas de Maiziere. Bis zur Selbstverleugnung ergebener Adlatus von Angela Merkel und als Bundesminister unmittelbar mit dem Schicksalsthema Einwanderung befasst und (mit)-verantwortlich. De Maiziere verbindet mit „seinem“ Wahlkreis genauso viel wie Frauke Petry mit der Sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge. Er logiert in seiner Dienstwohnung in Berlin und seine Familie wohnt, nach allem, was bekannt ist, in Dresden. Frauke Petry ist erst kürzlich nach Leipzig gezogen und hatte bis dahin ihren Lebensmittelpunkt im Leipziger Umland. Bei der Auswahl der entsprechenden Wahlkreise gehen die Parteistrategen immer den Weg des geringsten Widerstandes und schauen, dass ihre Spitzenleute möglichst auch ein sicheres Direktmandat bekommen und nicht nur über „die Liste“ ins Parlament rutschen. Meißen wäre mit einer Kandidatur Petry prädestiniert für den Titel eines sächsischen „Krönungslandkreises“ mit überregionaler Bedeutung. Fast eine Art „Vorwahlkreis“ nach amerikanischem Muster. Denn auch Sachsens Vizeministerpräsident und Vorsitzender der Sachsen-SPD, Martin Dulig,  kämpft seit Jahren ohne Erfolg, aber dafür regelmäßig, um diesen Kreis. Verdient hätte er mal ein Ehrenmandat, denn er ist immerhin der Einzige, der auch tatsächlich mit Kind und Kegel hier wohnt. Der Kreis Meißen ist zudem mit seinen dresdennahen Gebieten um Radebeul und Moritzburg eine Art ausgelagertes Villenviertel der Landeshauptstadt, wo viele Spitzenpolitiker, Wirtschaftslenker, Künstler und Medienleute ihren Wohnsitz haben. Der Kreis ist eines der letzten bombensicheren Reservate der CDU. Hier galt bisher noch der Spruch von dem Besenstil und dem CDU-Plakat.

Doch der Kreis Meißen ist seit zwei Jahren noch etwas Anderes und das ist das Unberechenbare – hier ist Pegida-Heartland. Lutz Bachmann und Kathrin Oertel stammen beide aus Coswig, so ziemlich in der Mitte gelegen. Es gibt hier viele Überschneidungen von ehemaligen CDU-Mitgliedern, Neumitgliedern der AfD und der Protestbewegung in Dresden. Selbst die Kandidatur von Bachmann-Intimus Siegfried Däbritz, der nach wie vor in Meißen wohnt, steht noch im Raum. Obwohl der sogenannten „Pegida-Partei“ von Beobachtern keine nennenswerten Anteile vorausgesagt werden, befürchtet man, dass Däbritz hier wichtige Stimmen „zieht“. Dem Allen geht die AfD mit der Kandidatur in einem windschattigen Wahlkreis aus dem Weg. Strategisch richtig sicherlich aus Sicht der AfD, aber eine vertane Chance den Besseren im direkten Vergleich zur Wahl zu stellen. Vor allem in Sachen unmittelbarer und direkter Demokratie, von der in Zeiten, in denen Bundespräsidenten „gewählt“ werden, indem drei Leute sich einig sind.


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Fundamentalisten reizt man nicht

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Abc.news-Titel  über die religiöse Minderheit der Amish bei der Präsidentenwahl in den USA. Quelle: Screenshot abcnews.com

Keine Angst. Nicht schon wieder Islam. Es gibt auch harmlosere Formen religiösen Festhaltens an einmal aufgestellten Regeln. Besonders eine verdient es,  im Lichte der US-Präsidentenwahl noch einmal genauer betrachtet zu werden. Die Rede ist von den Amish. Ein Völkchen, das heute noch so lebt wie zu Zeiten Friedrichs des Großen oder Maria Theresias, also im späten 18. Jahrhundert. Sie stammen alle von Auswanderern ab, die in der Schweiz und im süddeutschen Raum drangsaliert wurden, weil sie der Lehre Luthers folgen wollten und die katholische Kirche ablehnten. Eine nicht unerhebliche Anzahl wanderte in die USA aus, wo sie ihre religiösen Gebräuche und Sitten ungestört ausleben konnten. Die derzeit größte Population dieser Menschen lebt in der Region Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania. Ihre Sprache ist Pennsylvanian Dutch. In der Schule lernen sie Englisch wie unsere Kinder, nur dass sie es dann eben perfekt beherrschen, weil ihre Umgebung englisch ist. Viele ihrer Vorfahren kamen auf Einladung des legendären William Penn, der dem Staat letztlich seinen irgendwie nach Transylvanien klingenden Namen gab. Jener William Penn reiste in Europa umher und wollte in Amerika einen Quäkerstaat gründen. Die volle Religionsfreiheit war sein zugkräftigstes Argument. Und es zog. Rund 25 Prozent aller heute hier Lebenden haben deutsche Vorfahren. Wobei die Amish, oder Amischen wie sie sich selbst nennen, die „Extremsten“ sind. Sie nehmen den Spruch „Du darfst so bleiben wie du bist“ wörtlich bis auf den heutigen Tag. Deshalb ist es ein bisschen so, als tauche man in eine gigantische Zeitkapsel ein, wenn man durch die Amish-Siedlungsgebiete in Lancaster County fährt. Deren Orte tragen Namen  wie Bird-in-hand, Strasburg oder King of Prussia.  Vorrangig  betreiben die Amish Landwirtschaft. Und das nach alter Väter Sitte. Man glaubt in „Wege übers Land“ verschlagen worden zu sein. Gerade im Herbst sieht man Männer mit ihren Vierspänner auf den Feldern pflügen. Die Landschaft erinnert noch dazu an Gegenden in der Mecklenburger Schweiz.

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Zum Gottesdienst am Sonntag treffen sich die Amish reihum bei ihren Glaubensbrüdern in der guten Stube, zuweilen auch in den Scheune. Quelle: Beaverpress

Die Amish haben alle viele Kinder, die mithelfen. Sie lehnen alles Moderne ab, weshalb es in ihren Häusern weder Strom noch fließend Wasser gibt. Das komme aber nicht daher, dass sie wie oft fälschlich behauptet wird, Elektrizität als eine Erfindung des Teufels betrachten, sondern sie wollen  „disconnected“ leben. Unabhängig um jeden Preis. Der Strom für die Nähmaschine kommt oft aus einer Autobatterie. Aber man findet keinerlei Leitungen, die in ein Amish-Haus führen.  Will heißen, sie machen ihr Ding völlig losgelöst von der Welt, die sich um sie herum entwickelt. Ein solches Leben wirkt auf den ersten Blick befremdlich und teilweise abstoßend. Aber in Zeiten wie den heutigen bisse sich beispielsweise die NSA an ihnen die Zähne aus. Cyberangriffe gehen ins Leere, wenn der Gegner weder Strom noch Computer hat. Und von einem flächendeckenden Stromausfall, von dem immer lauter geunkt wird, würden diese Menschen nicht mal etwas merken. Sie machen viel mit Propangas, Pressluft oder Armmuskeln. Dennoch. Die moderne Welt brandet auch an die Häuser dieser biederen Menschen. So findet man oft kleine „Vogelhäuschen“ an ihren Einfahrten, in denen ein Handy deponiert ist und zweimal am Tag abgehört wird. Auch beschäftigen Firmeninhaber oft einen „Englischen“ wie sie ihre amerikanischen Mitbürger nennen, auf den das Firmenauto zugelassen ist und der es fährt. Nach biblischer Sitte arbeiten sie entweder als Farmer, Zimmerleute und in anderen  Kleingewerken. Ihr Fleiß ist sprichwörtlich und ihre Farmprodukte finden gerade in der USA immer stärkeren Absatz, weil die „Bio-Welle“, dort bekannt unter dem Label „organic“, gerade erst im Anrollen ist. Wenn eine Amish-Cooperative als Erzeuger auf dem Etikett der Paprikakiste angegeben ist, wissen die Amerikaner inzwischen, dass eine Verbraucherzentrale in diesen Produkten niemals Rückstände von Pestiziden oder ähnlichen in der industriellen Landwirtschaft gängigen Mitteln finden würde.

Dafür steht aber auch die Amish-Familie mit buchstäblich Kind und Kegel an jedem Tag, den der Herr werden lässt vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit auf den Feldern, im Gewächshaus oder Stall. Am Sonntag folgen sie ganz wie vor über 200 Jahren der Tradition aus den Jahren der Verfolgung und versammeln sich reihum immer im Haus eines Glaubensbruders. Dort findet der Gottesdienst statt, der mehrere Stunden dauert. Danach wird gemeinsam gegessen. Dafür gibt es einen Wagen mit genügend Geschirr und Besteck, der ebenfalls immer mitwandert. Einen Bischof wählen immer etwa 20 Familien einer Gegend. Es muss immer ein Mann sein, die Frau hat sich  unterzuordnen. Die Amish haben interessanterweise nicht nur in dieser Frage viel mit Muslimen gemein. Wie diese vermeiden sie es, „sich ein Abbild“ zu machen. Die Frage, wie Gott aussieht, die in Form der Kirchenmalerei die berühmtesten Kunstwerke in Europa hervorgebracht hat, beantworten sie radikal, indem sie sagen, das alles sei viel zu groß, als dass ein Mensch sich anmaßen könnte, darüber zu befinden oder ihn gar darzustellen. Das Gleiche gilt für Bilder von sich selbst. Man findet in einem Amish-Haus kein einziges Foto. Nicht mal der Kinder. Vermerkt werden lediglich die Lebensdaten der Familienangehörigen. Sie leben eine streng biblische Auslegung des Grundsatzes wonach alle Menschen gleich seien. Schon der Blick in einen Spiegel könnte eine eitle Selbstüberhöhung der eigenen Person sein, die nicht gottgefällig ist.

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Typische Amish-Farm in Lancaster County, PA.  Quelle: beaverpress

Die Gegensätze besonders zu den Muslimen und auch den gewöhnlich getauften Christen in Europa sind gravierend. Amish wird man erst nach Entscheidung im Erwachsenenalter. Selbstverständlich wirken hier Vorprägungen und der sanfte Druck des Familienverbandes mit. Aber formal und praktisch gesteht man den heranwachsenden Nachkommen eine „wilde Zeit“ der Selbstfindung und Prüfung zu. Hier begegnet uns ein Wort, bei dem Deutsche schmunzeln müssen, Amerikaner es nur mit Ausgelassenheit, Party und Alkoholgenuss in Verbindung bringen – Rumspringe. Man lässt die Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes „rumspringen“. Sie können wechselnde Partner haben, dürfen Alkohol trinken, Auto fahren – sich austoben, die Hörner abstoßen und schauen, ob das Leben der „Englischen“ etwas für sie wäre. Wer die Gemeinschaft verlassen möchte, kann das tun. Er wird nicht verstoßen. Einzige Bedingung: Er muss das elterliche Haus verlassen. Auch ältere Amish kann das treffen, beispielsweise wenn sie sich scheiden lassen. Das kommt selbst in diesen sanftmütigen Kreisen vor. Wer sich jedoch für die Taufe und das einfache Leben entscheidet, der lässt alles Moderne hinter sich. Die Frauen tragen am Tag ihre Hochzeit eine weiße Haube und weiße Schürze, die nach der Hochzeitsnacht im Bettkasten verstaut wird. Diese Kleidung trägt die Frau erst wieder am Tage ihres Todes. Die Männer erkennt man an ihren Strohhüten und den dunklen Anzügen. Nach der Hochzeit lassen sie sich den Backenbart wachsen, während sie nur den Oberlippenbart abrasieren. Das verleiht ihnen ein lustiges  Aussehen, das ein wenig an das Volk der Käuer in dem Roman der „Zauberer von OZ“ von Lyman Frank Baum erinnert.

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Junges Amish-Paar auf der Fahrt zum Gottesdienst. Erkennbar am schwarzen Hut des Mannes. Zur Arbeit tragen die Amish Strohhüte. Quelle: Beaverpress

Die Amish leben auf ihrem eigenen „Planeten“, was von der Verfassung der Vereinigten Staaten als eines der heiligsten Rechte, noch vor dem auf Waffenbesitz, festgeschrieben ist. Freedom auf religious opinions, war eine der stärksten Triebfedern, die den Gründungsmythos der Vereinigten Staaten ausmachen. Man darf sich hier komplett heraushalten und wird nicht zu irgendwelchen Akklamationen gedrängt. Und das bis zum Exzess. Die Amish leisten weder Wehrdienst (auch nicht in der Zeit als es eine Wehrpflicht in den USA gab), noch zahlen sie in eine Sozialversicherung ein. Wählen dürften sie nach den Grundsätzen ihrer Religion, aber schon ihre eigenbrötlerische Lebensweise innerhalb „ihrer“ Kreise, lässt sie das politische Leben meiden. Wenn sie doch gehen, dann tendieren sie zu den Republikanern. George W. Bush war einer der Letzten, der mit den religiösen Bezügen seiner Reden und seiner volkstümlichen Art bei den Amish punkten konnte. Aber nicht so signifikant wie jetzt bei dieser Wahl Donald Trump.

Und damit tauchen wir aus der Geschichte wieder im Hier und Jetzt auf und stehen vor einer kleinen Sensation innerhalb der Sensation, die in all dem Hillary-Getöse deutscher Qualitätsmedien,  nicht mit einer Silbe thematisiert wurde. Die aber mit einiger Sicherheit letztlich den Ausschlag für die Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gab. Denn diese Wahl hat dafür gesorgt, dass diese Menschen, die noch darauf stolz sind, wenn man sie stockkonservativ nennt, in Scharen wählen gingen. Genauer waren es die Demokraten, die dieses Völkchen mit ihrer Politik über Jahre bis an den Rand der Weißglut erzürnt und in die Arme Trumps getrieben haben.

„In den letzten acht Jahren hat die Demokratische Partei systematisch die biblischen Tugenden verleugnet“, sagte Elijah Fisher, der Sprecher der American Amish Brotherhood (AAB) in Columbus, Ohio zu abcnews.com.  Immer mehr Christen seien wegen ihres Glaubens verfolgt worden, man habe gesehen wie der Staat das Institut der Ehe nivellierte, indem er schwulen Männern die Heirat erlaubte wie „normalen Leuten“. Das Fass zum Überlaufen brachte allerdings der Umstand, dass man mit Hillary Clinton ausgerechnet eine Frau zur Präsidentin machen wollte. Das war zu viel. Die Frau hat sich im Wertesystem der Amish einzuordnen und dabei berufen sie sich gleichfalls auf die Bibel.

Genauer auf den sogenannten Paulusbrief an Thimoteus, in dem steht, dass eine Frau nicht lehren soll oder über einen Mann bestimmen darf,  sie habe still zu sein. Im Übrigen ein interessanter Gegensatz dieser Freitäuferbewegung zur protestantischen Kirche. In der alten Heimat der Amish kann eine Margot Käßmann nicht nur salbungsvolle Reden halten, sondern auch feuchtfröhliche Autofahrten unternehmen. Rumspringe im Amt gewissermaßen. Alles „Evil“ in den Augen dieser Religionspuristen. Ausgerechnet bei den Katholiken, vor denen die Amish einst das Weite suchten,  wird das sogenannte Priesterverbot für Frauen dagegen bis heute zwar diskutiert, aber praktiziert. Doch Fisher weiter: Es gelte, die biblischen Gebote wieder in der Politik zu beherzigen, und Trump habe gezeigt, dass er gewillt sei, die Nation wieder auf den Weg des Herrn (the Lords way) zu bringen. Unglücklicherweise (für die Demokraten) leben die Amish in ihrer Mehrzahl in den so genannten Swingstates Pennsylvania, Virginia, Ohio, Indiana und Iowa, abseits des Bible Belts, wo Trump ohnehin gesetzt war. Und offenbar hatte niemand von all den Spindoctors und Demoskopen diese gutmütigen Leutchen (wie so vieles, was das einfache Volk betrifft) auf dem Schirm. Es muss ein entsetztes Aufwachen gegeben haben in den Zentralen der Demokratischen Partei als diese religiöse Gruppe ihre Horsebuggies anschirrte und zu Tausenden zur Wahl fuhr. Vergleichbar mit der Armee der Schatten in der Trilogie „Herr der Ringe“ oder auch mit  dem Bild eines Wagens, der schon über der Klippe hängt, sich aber gerade noch hält. Und in diesem Moment setzt sich ein Schmetterling auf die Kühlerhaube. Wobei es im Falle der Amish kein Schmetterling war, der da den Ausschlag gab. Rund 300 000 Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft leben in Nordamerika.

 

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Quelle:www.270.com

Auch der Economist steht fassungslos vor dieser  Tat der Amish. Alles, wofür Trump steht wie Scheidung, Bankrott, Bau von Kasinos sei  diametral zur Lebensweise der Amish und führe bei ihnen zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, schrieb das Blatt in seiner Onlineausgabe.  Steven Nolt, Leiter des „Young-Centre for Anabaptist und Pietist Studies“ im College Elizabethtown, in der Nähe von Lancaster, erklärt, weshalb die Amish trotzdem Trump zum Sieg verhalfen.  Im Prinzip seien alle Kandidaten so etwas wie Aliens für die Amish und ihre Werte, sagt er. Sie identifizierten sich mit Trump nicht auf einer persönlichen Ebene, sondern mit den Republikanern allgemein und vor allem dem von Trump versprochenen Grundsatz: weniger Staat, beschränkte Regierung. Als Trump am 1. Oktober in Lancaster eine Wahlkampfrede hielt, saßen im VIP-Bereich einige Dutzend Amish mit ihren Strohhüten und dunklen Anzügen. Trump ging auf sie ein, indem er versprach, ihre Farmen mit niedrigeren Steuern und dem Abbau von Regularien zu schützen.  Es war nicht auszumachen, ob er speziell diese Zuhörer beeindruckt hatte. Doch der Sprung, der bei der Wählerregistrierung für die Republikaner sichtbar wurde, sei zu einem großen Teil auf die Amish zurückzuführen, sagte Ben Walters vom „Amish political action committee“. Für die Demokraten gibt es nach dieser Wahl eine bittere Lehre. Beim Schielen auf religiöse Minderheiten und ihre Befindlichkeiten, sollte man nicht nur die neuen im Blick haben, sondern alle. Und vielleicht gerade die alten. Denn gerade die Duldsamen könnten irgendwann sagen: Jetzt reicht´s.


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Sperrt Steimle ein

fullsizerender2Das vergangene Fernseh-Wochenende verdient doch an dieser Stelle noch eine kleine Nachbetrachtung. Besonders in Zeiten,  in denen das Ringen um beste Einsichten aus dem nicht nur bautechnisch komplett entkernten Reichstagsgebäude in Runden wie Illner, Plasberg oder Anne Will verlagert wurde.schleier-anne-will
Was Anne Will da am Sonntag an politischem und modischem Mummenschanz getrieben hat, war selbst der sonst so fügsamen „Welt“ von Springer zu viel.
Über diese Sendung werden die Gremien zu beraten haben, verkündete das Blatt und verlangte unterschwellig schärfste Nachzensur. Wobei en passant eingestanden wurde, dass die inzwischen immer häufiger thematisierten Rundfunkräte doch mehr sind als politisches Beiwerk des vielgepriesenen Staatsrundfunks mit seinem „Bildungsauftrag“. In zufällig interessanter Konjunktion zur Will-Sendung lief am Freitagabend Riverboat, eine Talksendung aus Leipzig, mit der sich „die Gremien“ garantiert auch noch beschäftigen werden, wenn sie es nicht schon tun. Das Format hat seinen Namen noch aus Zeiten als die Sendung  auf einem Elbdampfer am Dresdner Terrassenufer aufgezeichnet wurde. Eine harmlos, nette Plauderrunde ohne dezidiert politischen Anspruch. Es menschelt hier sehr viel. Regelmäßig werden ehemalige oder noch aktive Ostschauspieler, Künstler oder Politiker  eingeladen. Es soll wohl ein unverwechselbares ostdeutsches Lebensgefühl transportiert werden. Zu Gast war dort am Freitag der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle. Der war schon häufiger dort und gab stets den ostdeutschen Kauz, der mit T-Shirts auftritt, auf denen typisch sächsische Umgangswörter wie „furschbar“ oder „fertsch“ zu lesen sind. Man hatte ihn dort hingesetzt, weil er über seine Sendung Steimles Welt befragt werden sollte. In dieser MDR-Sendung, die sonntags im Quotenwindschatten der großen öffentlich rechtlichen Flaggschiffe wie Tatort läuft, fährt er in einem antiken Wartburg durchs Land und hält Ausschau nach den Leuten, die es in dieser Medienwelt eher nicht ins Fernsehen schaffen oder die sich  gar nicht danach drängen. Es sind Menschen, die weder ihre Frauen tauschen, noch sexuell innovativ präferiert sind, die zumeist einer regelmäßigen Arbeit  oder einem skurrilen Hobby nachgehen. Bei seinen Touren, die durch angenehm langsame Kameraführung und ausgedehnte Dialoge gekennzeichnet sind, schaut Steimle beim Leiterbauer vorbei, besucht eine Kräutertante in der Lausitz oder klettert mit einem ehemaligen NVA-Jagdflieger, der jetzt Dächer deckt herum. Man lächelt über den Sonderling, weil er für T-Shirt noch das ostdeutsche Wort „Nicki“ benutzt und ein lustiges Luther-Buch mit dem Titel „Warum der Esel Martin heißt“ geschrieben hat. Ganz erheiternd in normalen Zeiten. Doch in solchen leben wir nicht mehr. Und so brach Steimle in dieser Sendung aus seiner ihm zugedachten Rolle als harmloser Komiker schnell aus. Womit man offenbar nicht gerechnet hatte, war, dass Steimle Luther abseits von Klamauk und seichten Kalauern ziemlich wörtlich nimmt. Das ging schon damit los, dass er von der Sprache als dem Schlüssel zur Seele sprach. Was noch harmlos war. Als er aber vorbrachte, dass der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck als einer der Letzten auf den Wendezug aufgesprungen sei und heute so tue als sei er der Lokführer gewesen, müssen die Alarmglocken in der Regie geläutet und die Ohrstecker der Moderatoren geglüht haben.

Gerade der peinlich wirkende Einwurf des Moderators, Gauck sei ein sehr guter Bundespräsident, der „das Land vorangebracht habe“ hatte etwas von dem aus der Schule bekannten Mechanismus Herr-Lehrer-bei-dem-was-der-Uwe-gemacht-hat-habe- ich-nicht-mitgemacht. Man sieht förmlich einen nobel, aber sachlich eingerichteten Besprechungsraum in der Leipziger Kantstraße, dem Sitz des Mitteldeutschen Rundfunks, in dem sich ein erlauchtes Gremium von Fernsehoberen und Parteienvertretern einzelne Sentenzen der Sendung herausgreift und Fragen aufkommen, warum hier Sätze wie „Die Parteien bescheißen das Volk“ und „Die Leute auf der Straße seien keine Randgruppe, sondern die Spitze des Eisbergs“ unwidersprochen über den Sender gehen konnten. Wer Lust hat, kann sich die entsprechenden Passagen (hier) ansehen.

Abgesehen von den Aussagen Steimles fallen aber zwei weitere Aspekte dieses Geschehens auf. Da ist zum einen das inzwischen fast völlige Fehlen einer scharfen politischen Debatte, was Steimles Sätze in der Medienlandschaft so einzigartig macht.

Was schon lange fehlt, sind Formate,  bei denen mal so richtig die Fetzen fliegen. Schaut man sich auf youtube alte Sendungen an, sieht man beispielsweise noch Klaus Kinski rumtoben, der Moderatoren und Gäste gleich mal reihenweise als zurückgebliebene Idioten betitelt (hier). Ganz abgesehen davon, dass sich Moderator (in diesem Falle Reinhard Münchenhagen) und Gäste (hier Manfred Krug)  gegenseitig Feuer geben und genüsslich eine paffen. Undenkbar heute.  Man sieht, wie sich eine empörte Karin Struck unter dem erschrocken-lustvollen Aufstöhnen des Publikums den Rock hochreißt, um die dort versteckten Verkabelungen ihres Mikrofons herauszureißen, weil sie Runde verlassen will. Nebenbei: Ihre Gesprächspartnerin war die junge Angela Merkel. Ganz zu schweigen von der legendären Serie „Ein Herz und eine Seele“, in der der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, der dieses Format produzierte, sich als die „Grinsrübe vom roten Rundfunk in Köln“ bezeichnen lassen musste. Auch „Leihgabe vom Kalmückenfernsehen“ musste er einstecken. Hat man Vergleichbares heute mal ansatzweise gehört? Nur von Steimle wieder stammte mal die Sentenz: „Da lacht die Domowina“. Eine Anspielung auf die sorbische Herkunft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und die Interessenvertretung der slawischen Minderheit in Deutschland, die Domowina.  Gebracht hat er das bei den Mitternachtsspitzen im Kölner Bahnhof wo es niemand verstanden hat. Dort gilt Dresden schon als die halbe Strecke nach Moskau. Und auch hier war es Steimle, der an anderer Stelle die Einstellung vieler Ostdeutscher auf den Punkt bringt, wenn er sagt: Sind wir denn verrückt geworden über Krieg mit Russland zu debattieren?

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Schauspieler Ralph Herforth in der ungeplanten aber authentischen Rolle des Wessis, der den Ossi nicht versteht. Quelle: Screenshot MDR

Der zweite Aspekt lässt sich auf den Nenner bringen: Der Ralph aus dem Westen gegen den Uwe aus dem Osten. Da saß dieser Ralph Herforth, der eigentlich laut Wikipedia ein geborener Schwachmeier ist, lässig zurückgelehnt, mit betont intellektueller Miene da und schaute mit genau diesem Blick, den viele Ostdeutsche von ihren neuen Vorgesetzten aus dem Westen so gut kannten und bis heute kennen auf diesen merkwürdigen Ostdeutschen da. Und Steimle verkörpert diesen in Wort und Körpersprache auch ohne sein betont sächsisches Reden und das „Nicki“ mit dem Dresdner Fernsehturm drauf. Es ist dieses Unsichtbare, nicht in Worte zu bannende Etwas, was Ost- und Westdeutsche sich noch heute gegenseitig auf den ersten Blick geografisch einordnen lässt. Mit Ausnahmen nach beiden Seiten. Dass Leute heutzutage ihren Arbeitsplatz riskieren, wenn sie was Falsches sagen, wie Steimle sagte,  kommentierte der „Wessi“ Herforth herablassend nach Art des guten Onkels aus dem Westen. Es komme immer mal wieder vor, dass jemand seine Arbeit verliert. Gönnerhaft sagte Herforth, dass Ossis ja selbst bis runter nach München neue Arbeit gefunden haben. Und dort arbeiten dürfen, schwang unausgesprochen mit. Entweder hat er den Sinn von Steimles Satz nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht nicht darum, dass „Leute mal ihre Arbeit verlieren“. Das kennt gerade der Osten nur zu gut. Sondern, dass sie ihre Arbeit wieder aus politischen Gründen verlieren oder damit gedroht wird. Die Szene hätte nach 25 Jahren nicht symbolhafter sein können. Dort der aufgeregte Ostdeutsche mit seinem komischen Dialekt, den noch merkwürdigeren Ansichten über die deutsche Sprache, Langsamkeit und Heimatliebe und hier der lässig, abgeklärte Westler, der Globetrotter, der sich selbst auf Madagaskar noch mit Gesten und Blicken super verständigen kann. In Schöneberg, in Berlin, da, wo er herkomme, sei das alles ganz anders. Und in der Prignitz, wo der Schauspieler einen Zweitwohnsitz hat, sowieso. Wir ersparen uns an der Stelle, was in Berlin noch so alles anders ist. Nachzulesen sind die neuesten Geschehnisse aus der Parallelwelt Berlin en Detail in der Tagespresse und en Gros bei den Real-Katastrophenautoren Sarrazin und Buschkowsky. Dieses offenkundige Nichtverstehen zwischen Ost und West wirkte umso verstörender, da es nicht im Jahre 1991 spielt, sondern ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Die Mauer ist bald länger weg als sie gestanden hat. Doch die Kluft wird eher tiefer. Oder: Der Osten ist inzwischen etwas Eigenes geworden. Die Ossis haben den Westen und inzwischen auch manches Stück der Welt gesehen in den letzten 25 Jahren. Und dennoch gibt es immer mehr, die 89 mit der Kerze in der Hand auf den Straßen Dresdens und Leipzigs unterwegs waren, die heute leise seufzen, wenn sie dienstags spätabends auf dem MDR alte Folgen der Serie „Polizeiruf 110“ schauen, wo Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe mit Hingabe den Verbleib von Bauholz oder Zementsäcken aus dem VEB ermitteln. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass damals die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten doch irgendwie „noch in Ordnung“ war. Dieser Staat war in Sachen Grenzsicherung sicher das andere Extrem. Aber das, was sich heute abspielt, dass dieses Land wie ein aufgelassenes Grundstück jedem gehören soll, der gerade daherkommt, leuchtet vor allem den Ostdeutschen nicht ein. Und man erinnert sich daran, wie man seine Wut über die Zustände damals herausschrie.  „Die Sachsen sind doch die Einzigen, die das Maul aufmachen“, rief Steimle mit lutherischem Pathos in die Runde. Am Facebookstammtisch wurde schon geunkt: Das war sicher seine letzte Sendung im Fernsehen.

Wäre vielleicht besser so. Es schont die Nerven. Wenn man bei diesen Entwicklungen im Land und der Welt eins nicht gebrauchen kann, ist das Aufregung am Freitagabend im Fernsehen. Lasst uns über was Schönes reden. Und sperrt den Steimle ein. Am besten auf der Wartburg. Da ist seit 500 Jahren ein Zimmer frei.


Ein Kommentar

„Verschwörungstheoretiker“ füllt Sachsens größten Hörsaal

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Der Schweizer Historiker Dr. Daniele Ganser sorgte mit seinem Vortrag dafür, dass das Auditorium Maximum der Technischen Universität Dresden bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Selbst auf den Treppen saßen und standen Interessierte.                                                  Foto: beaverpress

So ein Menschenauflauf bringt selbst Studenten einer deutschen „Exzellenzuniversität“ noch zum Staunen. „Scheint ja etwas Interessantes zu sein“, sagte ein junge Frau zu ihrem Begleiter als beide am Dienstag gegen 19 Uhr das Gebäude des Audimax der TU Dresden betraten und sich erstaunt umblickten.  Zu diesem Zeitpunkt stand eine Schlange bereits im rechten Winkel durch den gesamten Vorraum des größten Hörsaals der Elbmetropole. Das Publikum: gemischt aus Jung und Alt. Der Saal, laut Wikipedia für rund 900 Personen ausgelegt, zugleich das größte Auditorium des Freistaates Sachsen, war am Ende bis auf den letzten Platz belegt. Selbst auf den Treppen am Rand saßen Zuhörer. Und alles zahlende Gäste. Zwölf Euro kostete die Karte. Alle waren gekommen, um nur einem zuzuhören: Dr. Daniele Ganser. Der Schweizer Historiker hatte allerdings marketingtechnisch alle Trümpfe auf seiner Seite. Interessante Veranstaltungen erkennt man speziell in Dresden schon lange an der Zahl der Polizeiwagen vor dem Veranstaltungsort. Hier war es allerdings nur einer. Da hat Sarrazin noch die Nase vorn, wenn er auch beim letzten Mal weniger Zuhörer hatte. Aber die Medien erwiesen sich wieder als treue Werber, indem sie den Redner vorab mit dem verkaufstreibenden Attribut „umstritten“ und dem Ehrentitel „Verschwörungstheoretiker“ anpriesen. Gleichzeitig wurde die Uni selbst als blauäugig und nachlässig bei der Vermietung ihrer Liegenschaften gegeißelt. Die Jusos forderten noch in einer extra Erklärung, die dankbar von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde, dass man solchen Leuten kein Forum bieten solle. Ohne Belege wurde angeführt, Ganser hätte an einer Konferenz teilgenommen, auf der der Holocaust geleugnet worden wäre.

Die Jusos. Wir erinnern uns. Das ist die Truppe mit Mitgliedern in ihren Reihen, die das neuerliche Abfackeln von Dresden einschließlich Massenmord ganz gut fänden. Gleichzeitig wittert man in dem Mann eine Gefahr, der sich ein paar kritische Gedanken um den Einsturz einiger Gebäude in New York macht.

Nach diesem medialen Vorspiel konnte nichts mehr schiefgehen und es verwunderte  nicht, dass sich am Einlass fast ähnliche Szenen abspielten wie beim letzten AC/DC-Konzert in der Elbestadt und ein Run auf Restkarten samt privatem Last-Minute-Handel einsetzte. Die Veranstalter konnten zufrieden sein. Das Ganze findet im Rahmen der Reihe „Dresdner Gespräche“ statt. Dieses Format ist eine Initiative von Dresdner Firmen wie dem noblen Dresdner Piano Salon, der Viacarus GmbH oder der Weltbuch Verlag GmbH, um nur einige zu nennen. Ganser selbst wird von seinen Lesern fast wie ein Popstar gefeiert. Der Vortrag begann mit einer Dreiviertelstunde Verspätung, weil Fans sich Bücher signieren ließen und Selfies mit ihrem Idol machten. Er gab jedem die Hand und stellte sich bereitwillig vor Dutzenden gezückter Handy in Positur. Sein „Thema“ ganz generell ist der 11. September und was sich daraus entwickelte. Laut eigener Darstellung waren es seine Forschungen rund um den Anschlag auf das World Trade Center 2001 in New York, die ihn erst zum Zweifler und schließlich zum Ausgestoßenen aus dem etablierten Wissenschaftsbetrieb machten. Dabei kann er sich tatsächlich entspannt zurücklehnen und seine auch an diesem Abend gestellte Kernfrage in die Runde werfen: Zwei Flugzeuge – drei eingestürzte Gebäude? Die Erklärungsnot liegt eindeutig bei der anderen Seite. Dabei zeigt Ganser Zeitlupenaufnahmen des inzwischen schon legendären WTC-7-Gebäudes, auf denen man erkennt, dass die Ecken des Gebäudes parallel absacken. Für Experten der untrügliche Hinweis, dass es gezielt gesprengt wurde. Ganser geht dazu noch mehr ins Detail und präsentiert Baupläne des Hauses, die über die Trägerstruktur Aufschluss geben. Den Kern bilden 79 senkrechte Säulen, die bei einem so sauberen Zusammensacken des Gebäudes nach Auskunft von Experten alle in derselben Sekunde gesprengt worden sein müssten.

Aber warum das Ganze, wenn man der These des inszenierten Anschlags folgt? Ganser fasst seine Gedanken mit dem griffigen Satz zusammen: „Wie bekommt man die Schafherde über die Klippe? Mit einem großen Knall.“ Anders seien die nachfolgenden und bis heute andauernden Kriege „gegen den Terror“ nicht zu erklären. Die Linien der amerikanischen Kriegspolitik, die Ganser aus der Vergangenheit in die Gegenwart zieht, sind leicht nachzuverfolgen. Es sind heute auch im Mainstream und nach Öffnung der Archive lässt anerkannte Fakten, dass die Kriege in Vietnam, Nicaragua und Kuba mit Provokationen der US-Army oder der CIA begannen. Erinnert sei dabei nur an die jüngste Lüge von den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins. Ganser rankt seinen Vortrag entlang der Kapitelfolge seines neuen Buches „Illegale Kriege“. Untertitel: „Wie die Nato-Länder die UNO sabotieren – Eine Chronik von Kuba bis Syrien.“ Und er muss dabei nicht mal besonders tief graben. Erschreckend sei, so Ganser, dass eine Umfrage unter im Irak stationierten amerikanischen Soldaten ergeben habe, dass diese meinten wegen der Anschläge des 11. September dort zu sein. „Das ist nur mit Brainwash zu erklären“, so Ganser. Im Ganzen birgt sein Vortrag für den kritischen Mediennutzer und Internetstöberer wenig Neues. Doch besonders bei älteren Zuhörern war immer mal zustimmendes Gemurmel zu vernehmen. Erkenntnisgewinn auch für politisch Interessierte brachte Gansers detaillierte Darstellung der wahren Hintergründe des Syrienkonflikts, welche einzig und allein auf dem Wettlauf zur Ausnutzung des größten jemals entdeckten Erdgasfeldes im Persischen Golf fußen. Die Gestaltung seines Vortrages ist eine Mischung aus Politinfotainment mit Anklängen einer Erweckungspredigt und einer Prise Eitelkeit. Etwa, wenn er wie beiläufig erwähnt, dass er erst kürzlich einen Vortrag in Paris gehalten haben. „Tout en francais“. Dazu sein fast schon pastoral wiederholter Satz: „Das Leben ist heilig. Wenn sie diesem Leitsatz folgen, sind sie immer richtig.“ Man hatte das Gefühl, es müsse noch was kommen, ein Knüller, etwas Ungeheuerliches, dass den Furor und Alarmismus der Gegner vorab wenigstens in Ansätzen rechtfertigen würde. Was Ganser vorträgt, liest und sieht man selten bis gar nicht in Mainstreammedien, ist aber auch nicht das große Geheimwissen. Viele Zitate und Dokumente sind aus Büchern oder Publikationen bekannt. Wenn man danach sucht oder wach das Internet durchstreift, abseits von Spielen und Klamauk. Ganser stellt die bekannten Fakten nur stringent zusammen und erzählt sie anhand eines roten Fadens. Diese Erzählung wirft in der Tat kein gutes Licht auf die Akteure der Politik. In der zweiten Ableitung ist Gansers Darstellung eher eine schonungslose Abrechnung mit den Medien, ihren Hauptakteuren und Manipulationstechniken, wenn er beispielsweise Spiegeltitel aufgreift und sie als reine Kriegspropaganda entlarvt.  Wahrscheinlich ist es eher das, was man ihm so übel nimmt. Vor dem Eingang hatte sich eine Gruppe Jugendlicher gelagert, von denen einer einen selbstgefalteten Aluhut trug. Nach diesem Vortrag hätte man diesem sagen können: Der steht Dir selber ganz gut.  Denn Ganser verweist in seinen Beiträgen an etlichen Stellen auf die Friedensbewegung und bringt Zitate linker Politiker wie Sarah Wagenknecht, die er als „klug und mutig“ bezeichnet. Und er ermutigt seine Hörer, nicht zu verzagen, wenn sie das Gefühl hätten, nichts zu bewirken gegen die Kriegspolitik, die sie  selbst nicht gutheißen. „Sie können entscheiden, was sie lesen, ob der Fernseher aus bleibt und was sie sich auf youtube anschauen und mit anderen teilen. Machen sie das und seien sie kritisch.“


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Dringend gesucht: Vernunft und Augenmaß

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Skopis Elbgarten hat sich über die Jahre zu einem ganzjährigen Geheimtipp am Elberadweg entwickelt. Jetzt verordnet die Stadt Coswig eine Winterpause. Foto: beaverpress

Am Wochenende nahm eine Nachricht (hier) auf Facebook ihren Weg in die Öffentlichkeit, die im Elbtal weithin für Gesprächsstoff, teilweise regelrecht für Erschütterung sorgt. Der beliebte Biergarten „Skopi“ am Coswiger Tännichtweg hat von der Stadt Coswig eine offizielle Nutzungseinstellungsverfügung bekommen. Will heißen, der Laden soll zwangsweise vom 1. November bis 31. März schließen. Begründet wird das damit, dass nur der Betrieb einer Sommerwirtschaft genehmigt sei. Ganz so überraschend wie dargestellt kommt das Ganze allerdings auch wieder nicht. Die Stadt Coswig, vertreten durch wechselnde Mitarbeiter ihres Baudezernates, ging auf dem Gelände ein und aus in den letzten Jahren. Der Oberbürgermeister selbst, der die Lokalität privat ebenfalls schätzt, was im Stadtrat bekannt ist, versuchte zu vermitteln. Nicht zuletzt war man auch auf das Entgegenkommen der Wirtsfamilie angewiesen als es um den Bau der S 84 über einen Teil ihres Landes ging. Die Straße „steht“ in diesem Abschnitt seit zwei Jahren, weshalb offenkundig im Bauamt wieder Zeit genug ist, sich um Liegengebliebenes zu kümmern. Im Wesentlichen stützt sich besagtes Schreiben und der seit Jahren vor sich hin schwelende Streit auf den baurechtlichen Passus eines Außenbereichs. Wir schauen dazu einmal nach, was Wikipedia als Definition bereithält.

„Außenbereich ist ein Begriff im deutschen Bauplanungsrecht im Zusammenhang mit der Zulässigkeit von Bauvorhaben. In den Außenbereich fallen alle Grundstücke, die nicht im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplans liegen und die auch nicht zu einem im Zusammenhang bebauten Ortsteil (unbeplanter Innenbereich) gehören. Auch größere, von Bebauung umgebene Freiflächen können durchaus zum Außenbereich gehören, wenn sie den Bebauungszusammenhang deutlich unterbrechen. Für die Beurteilung der planungsrechtlichen Zulässigkeit eines Vorhabens kommt es immer auf dessen konkrete räumliche Lage und damit auf die Zuordnung zu einer der Gebietskategorien an.“ (Auszug Wikipedia)

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Nachbar 1 im Außenbereich: Der Containerdienst Hasse. Links im Bild der Neubau der Schnellstraße 84.  Foto: beaverpress

Gerade der letzte Satz könnte der Schlüssel zu einer Lösung sein. Lassen wir die juristischen Spitzfindigkeiten und Formalien mal beiseite  und betrachten das Ganze von einer anderen Warte. Tun wir für einen Moment so, als säße im Coswiger Rathaus ein aufgeklärter Monarch an der Spitze, der seine Richtlinienkompetenz gegenüber seinem eigenen Bauamt  im Sinne  der Vernunft und der Verhältnismäßigkeit anwendet  und dabei ein kleines bisschen dem Gedanken der Wirtschaftsförderung nachhängt. Tun wir gleichfalls für einen kurzen Moment so, dass es im Stadtrat keine persönlichen Eifersüchteleien und Profilierungen auf Kosten Dritter gibt, sondern hier gleichfalls nur im Sinne des Bürgerwohls und der „Hebung der Wirtschaft“ entschieden wird. Auch wenn es in diesem Fall nur die Wirtschaft „an der Ecke“ ist. Unter dieser Prämisse sehen wir Folgendes. Zunächst einmal, dass  der Biergarten nicht wie der Begriff „Außenbereich“ unterschwellig suggeriert irgendwo mitten in einem wertvollen Naturschutzgebiet mit bedrohten Pflanzen und Tieren liegt. Oder hier heimlich im Wald eine Tankstelle  gebaut wurde.

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Das Coswiger Zellstoffwerk auf einer Aufnahme aus DDR-Zeiten. Foto: Matthias Hartig

Das Gelände selbst war bis zur Wende eine der vielen für das Elbtal typischen Gärtnereien. Daher auch der Name „Gärtnerwirt“, weil Inhaber Bernd Skopi gelernter Gärtnermeister ist. Über einen Teil des heutigen Biergartens verlief zu DDR-Zeiten die Anschlussbahn für eine der größten Dreckschleudern der DDR, den VEB Zellstoffwerk Coswig, im Volksmund nur „Strohbude“ genannt. Einige Bahnschwellen findet der Besucher noch heute auf dem Gelände. Die Wirtsleute haben sie zu Treppenstufen und Begrenzungen am Elbhang verarbeitet. Heutiger Nachbar ist der Hasse-Containerdienst mit seiner Bauschutt- und Schüttgütersparte. Er arbeitet ganzjährig. Nördlich grenzt besagte neue Schnellstraße an, die auf einer völlig neuen Trasse durch bisher unberührte Gebiete gezogen wurde. Das heißt. So ganz unberührt waren die Gebiete nicht. Nach der Wende tummelten sich hier vorrangig „wilde Entsorger“, die illegal Müll und Bauschutt gegen Geld aufhäuften, bis einem von ihnen der Quittungsblock buchstäblich von der Kriminalpolizei aus der Hand genommen wurde. Es folgten jahrelange Ermittlungsverfahren und Prozesse mit dem Ausgang, dass die öffentliche Hand wenigstens die teilweise Entsorgung dieser Hinterlassenschaften übernahm.  Selbst die Trasse der neuen Straße hat man geschickterweise so gelegt, damit im Zuge der Baumaßnahme möglichst viele Altlasten „erwischt“ werden. Jenseits der Schnellstraße runden ein Schrottplatz, ein Holzhandel und nicht zuletzt der größte Maschinenbaubetrieb der Neuen Bundesländer, die KBA AG Planeta das Ensemble dieses „Außenbereichs“ ab. In all den Jahren der wilden Entsorgungswirtschaft  sah man das Umweltamt der Stadt Coswig, das es damals noch gab, sehr selten in diesem Bereich.

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Nachbar 2: Die Koenig & Bauer AG, Ostdeutschlands größter Maschinenbaubetrieb. Foto: beaverpress

Die „rührigen“ Unternehmer waren selten anzutreffen und schwer zu fassen. Einer hatte das Geschäft offiziell auf seine 80-jährige Mutter irgendwo in Schleswig-Holstein angemeldet. Alles schwierige Gegner für eine Verwaltung. Ganz anders die Skopis. Von denen leben inzwischen drei Generationen von der prosperierenden Gartenwirtschaft.  Die Location gilt längst als der Geheimtipp am Elberadweg bis weit über Dresden hinaus. Bonmot am Rande. Selbst Angestellte des städtischen Imbissbetriebes im Kötitzer Bad schließen abends ihre Frittenbude lieber zu und kehren auf ein Bier bei Skopi ein. Hier klönt der Konzernvorstand neben dem Monteur, streitet sich der Grüne mit dem AfDler, um sich dann beim dritten Bier wieder zu versöhnen. Selbst Landräte und Minister schätzen die ungezwungene Atmosphäre am egalistischen Biertisch inmitten von Grün und Vogelgezwitscher. Mancher Schluckspecht hat hier sein Heimatrevier. Milde Winter und ein auch in der kalten Jahreszeit nicht abreißender Strom durstiger und hungriger Radler ließen über die Jahre die Öffnungszeiten immer weiter nach hinten wandern, bis es dann kam wie es kommen musste und die ersten Weihnachts- und Silvesterfeiern hier unter großem Anklang stiegen. Das Ganze begleitet von provisorischen Holzbauten, von denen der Fachmann weiß, dass nichts länger hält und dankbarer angenommen wird als diese. Inzwischen kann der Betrieb ohne große Konjunkturdellen sogar noch drei Angestellte über das Jahr bringen. Mit der amtlich verordneten Vollbremsung jetzt wäre das vorbei. Der Betrieb vielleicht sogar nachhaltig geschädigt. Sicher. Den Wirtsleuten ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich zu sehr auf ihre Arbeit konzentrierten und am wachsenden Betrieb erfreuten. Sie hätten über die Jahre Lobbyarbeit betreiben müssen, wie es heute so schön heißt. Aber welcher Familienbetrieb kann das schon? Das hier ist Skopis Elbgarten und nicht Daimler-Benz. Bleibt zu hoffen, dass sich der Coswiger Stadtrat doch noch besinnt. Wem ist geholfen, wenn ein halbes Dutzend Leute Däumchen drehen oder Stempeln gehen müssen? Fiat justitia et pereat mundus* wie beim Alten Fritz? Ein bisschen Strafe? In Ordnung. Drei Tage Freibier für alle? Auch gut. Aber dann sollte gemeinsam überlegt werden, wie das Bestehende legalisiert werden kann. Es muss schon alles seine Ordnung haben in Deutschland. Wenigstens im Kleinen. Paragraphen lassen sich so oder so lesen. Und wenn es an einem Plan fehlt, kann man einen beschließen. Es wäre nicht das erste Mal, dass in Coswig etwas passend gemacht wird. Dazu gehört nur ein bisschen guter Wille. Und Vernunft.

 

 

* Es werde Gerechtigkeit und wenn die Welt (dabei) zugrunde geht. (lat.)

 


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Neulehrer an die Front

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Es könnten sogar 101 Gründe werden. Quelle: Screenshot Radio PSR.de

Radio hören im Auto ist in diesen Zeiten immer ein bisschen gefährlich. Besonders, wenn man nach einem flotten Song nicht schnell genug umschalten kann. Kaum ertönen die Stimmen der Moderatoren, droht sehr oft geistiges Ungemach, was die Laune nachhaltig dämpfen kann. Bedingt durch eine die Aufmerksamkeit bindende und die Geschicklichkeit erfordernde Verkehrssituation kam es, dass ich heute einem Wortbeitrag auf Radio PSR unter der Rubrik „100 Gründe – Warum Sachsen so großartig ist“ nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Und so hörte ich eine  Moderatorin  mit enthusiasmierendem Timbre folgendes sagen:  „Weil Sachsen die wenigsten Schulden in Deutschland hat. Ende letzten Jahres waren wir mit 2,3 Milliarden Euro verschuldet, was viel klingt, aber im bundesdeutschen Vergleich der geringste Schuldenstand ist. Und dazu kam es, weil Sachsen die Verbindlichkeiten des öffentlichen Gesamthaushaltes um 850 Millionen abgebaut hat.“ Pro-Kopf-Karbidproduktion fällt DDR-geschulten Spöttern da sofort ein. Aber lassen wir die Zahl mal stehen. Sie wird schon irgendwo, irgendwie stimmen. Was hier taktvoll unerwähnt bleibt, ist das Fiasko um die Sachsen LB. Das liegt zwar schon einige Jährchen zurück, sorgt aber aufgrund der Nachhaltigkeit, mit der da missgewirtschaftet wurde bis heute für Nachschusszahlungen des Freistaates im dreistelligen Millionenbereich. Aber was macht das in einem Land, wo die Milliarden locker sitzen?

Wo Sachsen noch so ziemlich einzigartig ist, verriet MDR aktuell am Nachmittag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) wurde rezitiert. Wir erinnern uns. Sie übernahm den Job 2012 nachdem der bisherige Minister auf typische Dresdner Art (Dreck alleene machen usw.) hingeschmissen hatte, weil er den Sparkurs der damals noch CDU-FDP geführten Sachsenregierung nicht mittragen wollte. Die „Bruni“ nun ließ heute vom staatlichen Sachsenfunk verlautbaren, dass vor 2019 nicht mit einer „Normalisierung an unseren Schulen gerechnet werden kann“. 45 Prozent der Lehrkräfte seien Seiteneinsteiger. Das heißt also im Klartext, gut die Hälfte (und wahrscheinlich sind es sogar noch mehr) all derer, die im besten Freistaat aller Zeiten vor den Kindern stehen, sind Hilfslehrer. Ist die Neulehrerquote von 1945 erreicht oder überboten? Bei Wikipedia lesen wir dazu: 1949 waren bereits 67,8 Prozent aller Lehrerstellen in der sowjetischen Besatzungszone, zu der Sachsen gehörte, mit Neulehrern besetzt. Das ist sicher noch zu schaffen bis 2019. 47,7 Prozent dieser Neulehrer gehörten der SED an. Das wäre auch kein Problem. Hauptsache,  nicht AfD. Nun  ist es aber auch nicht so wie weiland beim Alten Fritzen, der seine ausgedienten Feldwebel und Korporäle im Alter zu Dorfschullehrern machte. Es sind unter diesen Seiteneinsteigern viele hochmotivierte und top ausgebildete Fachleute dabei. Ich selbst kenne zwei persönlich. Aber wozu haben wir dann noch ein Schulgesetz, eine Schulpflicht und Lehramtsstudiengänge an den zwei renommierten Hochschulen Dresden und Leipzig? Gleichzeitig dröhnt auf allen Kanälen, dass Deutschlehrer für die Flüchtlinge gebraucht werden. Nummer ziehen und hinten anstellen, kann man angesichts dieser Zustände nur sagen. Wenn das so weiter geht, schaut jeder in der Familie, wer gerade Zeit oder nichts so richtig zu tun hat, und unterrichtet den Nachwuchs selber. Was soll Opa im Garten rumprimeln, wenn die Enkel Algebra brauchen? Oder die Eltern machen es gleich selbst. So wie Medizin nach Noten. Mit Hilfestellung über den Rundfunk. Dann könnte man bei den Wortbeiträgen wieder zuhören und alle würden was lernen. Sachsen wäre dann neben Australien und Canada das erste Land in Europa mit Fernunterricht. Und schon hätten wir 101 Gründe, warum Sachsen so großartig ist.