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Geschichten aus der Elbaue

Krieg und Kriegsgeschrei

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Carl_von_Clausewitz

Militärtheoretiker Carl von Clausewitz

Spiegel-Online brachte gestern (27. März) auf seiner ersten Seite zwei Meldungen, deren Überschriften sinngemäß lauteten: Merkel überdenkt die Energieversorgung Deutschlands und Russland massiert Truppen an seiner Grenze zur Ukraine. Las man beide im Zusammenhang konnte eigentlich nur eine Reaktion folgen: Die Welt ist verrückt geworden.

Da bauen wir nach jahrelangem Streit, mit Polen etwa, eine eigene Pipeline an dem Nachbarland und der Ukraine vorbei durch die Ostsee, um den zwischen Russland und Deutschland liegenden Ländern, die Möglichkeit der Erpressung durch Abdrehen der Gasversorgung für Resteuropa zu nehmen. Um jetzt dem Lieferanten zu kündigen.

Die gleichzeitige Ankündigung, das Gas künftig aus Kanada zu beziehen, deutet ohne jeden Zweifel auf den Genuss von Mystic Mushrooms in Regierungskreisen hin. Nicht nur, dass Deutschland völlig planlos in eine so genannte Energiewende stolpert, gegen die die Wirtschaftspolitik des einstigen RGW geradezu ein Prosperitätsprogramm war. Nein, jetzt kappen wir auch noch die Alternativversorgung, und wählen einen Lieferanten, von dem uns 6 000 Kilometer des stürmischsten Ozeans dieses Planeten trennen. Da kann man Putin nur zustimmen, der angesichts der deutschen Energiexperimente vor einiger Zeit witzelte, ob das Land künftig mit Holz heizen wolle. Aber auch dafür brauche es Russland mit seinen sibirischen Holzvorräten.

Damit wären wir bei dem Mann, der laut Hillary Clinton der neue Hitler ist. An diesem Anspruch muss er sich nun messen lassen. 30 000 Mann lässt also der „Führer“ aus dem Kreml an der Grenze zur Ukraine zusammenziehen. Schneidig. Beim Spiegel wählte man die Darstellung der Truppenstärke als Mannschaftszahl wohl deshalb, weil es so nach mehr aussieht. Je nach Zählweise sind das aber nur zwei bis drei Divisionen. Wir erinnern uns: Das Deutsche Reich trat 1941 mit (die Zahlen schwanken) 153 bis 156 Divisionen gegen Sowjetrussland an. Und das galt deutschen Militärs schon damals als eigentlich zu wenig für einen Angriffskrieg. (Man vertraute aber darauf, dass die Kampfkraft, der Esprit de Corps und die technische Überlegenheit der Wehrmacht das Missverhältnis zur Zahl der sowjetischen Streitkräfte wettmachen werden.)

Neu-Hitler Putin lässt also drei Divisionen auffahren, um die Welt zu erobern. Es sieht wohl eher so aus, als sei er dabei, die Sommerdatscha seines ihm angedichteten Vorgängers heim ins russische Reich zu holen. Schließlich befand sich im ukrainischen Winniza einst ein feldmäßiges Führerhauptquartier, das der deutsche Diktator bei einem Frontbesuch im Osten nutzte.

Immerhin, der Empfang dürfte stimmig sein. Ist doch der Hitlergruß inzwischen in weiten Teilen der Ukraine gängige Grußform. Zumindest bei den Partnern unserer Regierung. So – lassen wir bis hierhin das Stück aus dem Tollhaus mal auf uns wirken und amüsieren uns.

Aber nur kurz. Denn das, was derzeit in Europa vor unser aller Augen passiert, ist eigentlich nicht zum Lachen.

Hier wird ernsthaft über einen Krieg mit Russland gesprochen, ohne, dass es einen Aufschrei in den Medien gäbe. Wo ist das „Nie wieder Krieg“ der Medien, der Grünen, all der aufrechten Sozialdemokraten jetzt, wo es ernst wird. Hören sich die Politiker eigentlich noch selber zu, bei dem, was sie sagen. Unsere Verteidigungsministerin will „mehr Präsenz des Militärs im Osten“. So sehr ich sie als Initiatorin des Elterngeldes schätze, aber hier hätte sie besser geschwiegen. Eine Frau Timoschenko schwadroniert von Atombomben auf Russen, verbrannter Erde. . .

Auf Phoenix und N-TV laufen derweil die alten Dokumentationen über Hitler, Stalin und alle inzwischen erforschten noch so abseitigen Facetten des Zweiten Weltkriegs, während in den Nachrichten dazwischen die Rede von einem sich anbahnenden Konflikt mit genau den alten Akteuren ist. Geradeso als ginge es um die Vorrunde zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft.

Man überlege sich mal. Vor noch nicht mal 25 Jahren wären wir alle zum nächsten Bunker gestürzt, wenn so von Feindseligkeiten zwischen Russen und Amerikanern berichtet worden wäre.

Und heute? Ist das alles schon normal?

Schauen wir uns den Vorgang in der Ukraine an. Man darf es wohl mit Peter Scholl-Latour sagen: Das einzig Demokratische an den Vorgängen in der Ukraine war das Referendum auf der Krim. Und was geht die uns an? In den Medien wird so getan, als hätte Putin Rügen oder, noch schlimmer, Sylt annektiert. Wobei er bei Letzterem wahrscheinlich die Richtigen getroffen hätte. In Kiew sind jetzt, nennen wir sie mal, Personen an der Macht, die zwar vom Westen umgehend anerkannt wurden, aber keinerlei Legitimation durch ihr eigenes Volk haben.

Das Parlament, das diesen Zustand ermöglicht hat, wird dominiert und beeinflusst von Leuten, die in Deutschland im Gefängnis säßen oder sitzen müssten. Denn das Zeigen des Hitlergrußes und der Tatbestand der „Volksverhetzung“ stehen hier unter Strafe. Aber vielleicht wird Beate Zschäpe ja demnächst als Vermittlerin nach Kiew geschickt, womit man diesen merkwürdigen Prozess in München auch beenden könnte. Es wird einem schwindelig, nimmt man die Prämissen der derzeitigen Politik ernst.

Nach der neuen Lesart sitzt also der spiritus rector des so genannten NSU in Moskau und nicht in den geistigen Trümmern der Wolfsschanze. Während die aufrechten Demokraten in Kiew mit erhobenem rechten Arm grüßen.

Apropos Volksverhetzung. Darf man das, was in den Medien derzeit passiert, nicht auch so nennen? Und ist das alles so neu, was jetzt abläuft?

In Sachen Krieg und Kriegsgeschrei schauen wir doch am besten mal bei einem deutschen Klassiker nach, dessen Grundsätze noch heute auf allen Militärakademien der Welt gelehrt werden.

Der alte Clausewitz schrieb in seinem Standardwerk „Vom Kriege“ im Kapitel Zweck und Mittel folgendes:

„Nun kommen wir aber noch auf ein eigentümliches Mittel, – auf die Wahrscheinlichkeit des Erfolges zu wirken, ohne die feindliche Streitkraft niederzuwerfen, nämlich solche Unternehmungen, die eine unmittelbare politische Beziehung haben. Gibt es Unternehmungen, die vorzugsweise geeignet sind, Bündnisse unseres Gegners zu trennen oder unwirksam zu machen, und neue Bundesgenossen zu erwerben, politische Funktionen zu unserem Besten aufzuregen usw., so ist leicht begreiflich, wie dies die Wahrscheinlichkeit des Erfolges sehr steigern und ein viel kürzerer Weg zum Ziel werden kann als das Niederwerfen der feindlichen Streitkräfte.“

Und jetzt betrachten wir nur einen Augenblick lang die Ausdehnung der Nato nach 1990 (entgegen anderslautenden Absprachen mit Gorbatschow), die Stationierung von Raketen in Polen und Tschechien und nicht zuletzt die „demokratischen“ Proteste in Kiew. Sapere aude.

Clausewitz schrieb sein Buch im Jahre 1831.

Und allen, die heute einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Russland, ob aus Unkenntnis der Geschichte oder Abenteuerlust, sportlich gegenüberstehen, sei noch ein Buch ans Herz gelegt. Es ist zwar leichter zu lesen, als das des großen Preußen, bietet aber inhaltlich schwere Kost. Swetlana Alexijewitsch hat es unter dem Titel „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ geschrieben. Es bekam den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2013 (ISBN: 978-3-8333-0357-9). Darin hat sie die Geschichten zahlreicher Russen, Weißrussen, Ukrainer und anderer Bewohner der damaligen Sowjetunion aufgeschrieben, die in irgendeiner Form von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betroffen waren oder sind.

In dem Kapitel „Soldatenchor“ (S. 105) sagt einer der befragten Soldaten:

„… Unser System, ein im wesentlichen militärisches System, funktioniert in Ausnahmesituationen hervorragend. Dort bist du endlich frei und wirst gebraucht. Die Freiheit! Und der Russe zeigt in solchen Augenblicken seine Größe! Seine Einzigartigkeit! Holländer und Deutsche werden wir nie sein. Wir werden auch keinen haltbaren Asphalt und keinen gepflegten Rasen haben. Aber Helden werden sich immer finden!…“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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