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Geschichten aus der Elbaue

Nicht rechts, nicht links – einfach Frieden

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Impressionen von der Montagsdemo in Berlin

Foto (1)

Auch eine Form der Medienkritik.

Am Anfang zunächst die Klarstellung. Lars Mährholz, der Organisator der „Mahnwachen für den Frieden“, steht auf einer mobilen Bühne am Potsdamer Platz in Berlins neuer Mitte und schaut auf ein Blatt Papier. Es habe in der Presse eine ganze Reihe von Behauptungen gegeben, was diese Veranstaltung angeblich alles so sei. Besonders empört sei er jedoch über einen Fernsehbeitrag der Redaktion Extra 3, die Bilder einer anderen Mahnwache als solche von der Friedensdemo ausgegeben hatte. „Davon distanzieren wir uns“, ruft Mährholz in sein Mikro. Wovon man sich jedoch niemals distanzieren werde, sei der Kampf für die Erhaltung des Friedens. Und man lasse sich nicht in eine Schablone pressen. Weder rechts, noch links, nur Frieden sei das Thema.

Der Platz vor dem Potsdamer Bahnhof ist um diese Zeit, kurz nach 18 Uhr, schon gut gefüllt. Was auffällt, schon kurz nach Beginn der Kundgebung setzt ein junger Mann im grünen Parka neben mir eine Bierflasche an. Einige Arbeiter, der Aufschrift auf ihren Jacken nach Gebäudereiniger, haben Bierflaschen in den hinteren Taschen ihrer Hosen stecken. Aber jetzt zünden sie sich erstmal eine Zigarette an. Das Publikum ist heterogen. Hier stehen junge Leute mit Nasenringen und Rastalocken neben älteren Menschen, die vorsichtshalber einen Schirm dabei haben. Altersmäßig lässt sich keine Schwerpunktbildung erkennen. Schräg neben mir ragt der „Bahntower“ in den trüben Berliner Himmel. Bei längeren Redebeiträgen schweifen die Gedanken ab. Was die wohl alle so machen, da drin, in dieser Bahnzentrale. Gegenüber das neue Ritz-Carlton. Wandert der Blick weiter, erkennt man die kanadische  Flagge, weiter hinter die amerikanische. Hier also sind die Botschaften dieser Länder. Auf dem Dach der amerikanischen Botschaft ist jenes graue Segment zu sehen, hinter dem der SPIEGEL die Spionagezentrale der Amerikaner im Berliner Regierungsviertel ausgemacht haben will.

Das passt zu einem Redebeitrag, in dem es um Edward Snowden geht. „Hätte man nicht denjenigen in die Psychiatrie eingewiesen, der vor wenigen Monaten das gesagt hätte, was wir jetzt über das Ausmaß der Bespitzelung durch die NSA wissen?“, fragt der Redner. Der da spricht ist nach eigenem Bekunden ein 25-jähriger Student der Betriebswirtschaft, Vater eines fünfjährigen Sohnes.

Reden kann hier jeder. Nötig ist nur, sich vorher auf eine Rednerliste setzen zu lassen. Die neue „Speakers Corner von Berlin“ hatte die Berliner Morgenpost die Veranstaltung schon genannt. Eine Bezeichnung, die Lars Mährholz, dem Initiator, gut gefällt. Der 35-jährige ist Fallschirmsprunglehrer und wollte angesichts des Ukraine-Konfliktes „irgendetwas tun“. Und aus diesem Impuls heraus entstand die Mahnwache für den Frieden, von denen es inzwischen Ableger in fast allen großen Städten Deutschlands, der Schweiz und Österreichs gibt.

Der nächste Redner ist Heiko Schrang. Er spricht davon, dass man mehr im Inneren leben solle, als ständig nur nach Außen zu schauen und sich von dort irgendwelche Bestätigungen oder Handlungsanweisungen zu erwarten. Unterdessen beginnt es zu regnen. Eine alte Frau neben mir fragt, ob ich mit unter ihren Schirm will. Als ihre Hand nach einigen Minuten langsam absinkt, halte ich den Schirm.

Den wohl meisten Zuspruch in Form von Applaus und Zurufen erntet eine junge Frau aus der Ukraine, die sehr gut deutsch spricht, aber immer noch mit einem kleinem Akzent. Ehe sie zu den Vorgängen in ihrer Heimat kommt, macht sie sich zunächst über die Zustände in Deutschland Luft. Sie könne nicht verstehen, wie sich das deutsche Volk immer noch gefallen lasse, wie sich einige Ausländer hier aufführten. Dabei sei Deutschland in vielem so hilfsbereit und lasse doch auch alle rein. Trotzdem werde das Land immer noch mit dem Nazivorwurf konfrontiert. Besonders, wenn es um das Verhältnis zum eigenen Land geht. „Heimatliebe ist doch kein Nazismus“, ruft sie mit Emphase. Die Menge ist begeistert. Während hier der Nazivorwurf allerorten zu hören sei, nehme es die deutsche Regierung komischerweise nicht so genau bei den Partnern in der Ukraine. Dann zitiert sie den Satz des ukrainischen Swoboda-Parteiführers, den auch Linksparteichef Gregor Gysi schon im Bundestag zitierte, in dem von Juden, Deutschen und anderen Unarten, die es zu bekämpfen gelte, die Rede war. Diese Junta in Kiew sei auch nicht vom Volk legitimiert. Und was in Odessa geschehen sei, darüber gibt es im Westen kaum Aufregung. Zumindest nicht von offizieller Seite.

Nach gut zweieinhalb Stunden frischt der Wind am Potsdamer Platz so stark auf, dass Organistor Mährholz, die Nächststehenden bittet, die Ständer der Lautsprecherboxen festzuhalten. Geschätzt stehen hier knapp 3000 Menschen auf dem Platz. Als der Wind das Plasticzelt, unter dem die Veranstaltungstechnik aufgebaut ist, gefährlich bauscht und beutelt, verabschiedet Mährholz die Massen. „Nehmen wir das als Wind of Change. Bis zum nächsten Montag, dann wieder am Brandenburger Tor.“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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