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Geschichten aus der Elbaue


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Perba als Menetekel

Veranstaltungen wie die in Perba am Donnerstag dürfte es in den kommenden Monaten noch einige geben. Und man sieht schon jetzt: Die Politik wird zunehmend nervöser, wenn sie den Menschen die ins Land strömenden Massen erklären muss. Dabei sieht man zweierlei. Die Rechtsextremisten können von der Problematik nicht profitieren. In Perba wurde die NPD ausgebuht und die Masse fand das gut. Doch die Etablierten, allen voran die CDU als Inhaberin der Macht in Sachsen, können sich nicht zurücklehnen. Die Bürger mucken auf, stellen Fragen, wollen wenigstens Konzepte sehen. Und man darf getrost davon ausgehen, dass die Telefonleitungen in die Zentrale der Landeshauptstadt glühen. Das verriet Meißens Landkreis-Vize Ulrich Zimmermann in Bezug auf die kürzlich versuchte Vergewaltigung einer Lehrerin vor dem Meißner Berufsschulzentrum durch einen Marokkaner. Er habe seine Kontakte ins Justizministerium bemüht, damit dieser Täter in Haft bleibe, so Zimmermann. Was die Frage aufwirft, was passiert wäre, wenn es nicht die alten Connections von Meißen nach Dresden gäbe? Ist Justiz abhängig von alten Freundschaften, früher gern auch mal Seilschaften gennannt, als es um die Verbindungen der alten Kameraden von der SED ging? Der Druck im Kessel steigt. In Perba brachten es viele auf den Punkt, indem sie anmerkten, dass es schließlich ihre Steuergelder seien, von denen die ganze  Asylindustrie gespeist werde. Und dann dürfe man nichts sagen? Werde bestenfalls ultimativ kurz vor knapp darüber informiert, dass soundso viele Asylbewerber kämen und man das erdulden müsse. Was zu der Frage führe, wofür man 89 auf die Straße gegangen sei, wie es eine Bewohnerin in Perba formulierte. Ist das noch eine Demokratie oder schon wieder eine Diktatur? Eine Frage, über die man sich im Landratsamt, der Staatskanzlei und dem Kanzleramt so langsam Gedanken machen sollte. Schlimm genug, dass sie sich überhaupt stellt. Und man sollte sich nicht mehr allzuviel Zeit lassen. Denn es ist Herbst und auf der Straße ist der alte Ruf „Wir sind das Volk“ wieder zu hören. Und es sind eben keine Rechten, die das rufen.


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Ohnmacht auf beiden Seiten

Foto(5)Wollte man die Stimmung im Saal mit einem Wort beschreiben, dann müsste es heißen: Ohnmacht. Denn ohnmächtig müssen rund 170 Einwohner des winzigen Dörfchens Perba bei Nossen mit ansehen, dass schon Anfang Dezember 50 Asylbewerber bei ihnen einquartiert werden. Und dass es daran nichts mehr zu ändern gibt. Daran ließen die Vertreter des Staates keinen Zweifel. Immerhin stellten sie sich einer aufgebrachten Menge von rund 300 Bürgern, die im Landgasthof Lossen, einem Nachbarort von Perba, zusammenkamen. Der schon für den Fasching geschmückte Saall war zum Bersten gefüllt. Bis auf den Gang standen interessierte Bürger und selbst auf der Galerie waren drei Reihen gefüllt.  Ohnmacht war es aber auch, die Landrat Arndt Steinbach, sein Vize Ulrich Zimmermann, Meißens Revierchef Hanjo Protze, Gerlinde Franke von der Diakonie und nicht zuletzt Nossens Bürgermeister Uwe Anke offenbarten. Wenn auch in unterschiedlichen Schattierungen. Man habe keinen Einfluss auf die Asylverfahren, sondern bekomme als Landkreis die Asylbewerber vor die Tür gefahren und müsse sich dann kümmern, dass sie unterkommen und betreut werden, so Ulrich Zimmermann. Seine etwas langatmigen Begründungen mit den Konfliktherden dieser Welt wollte hier niemand hören. Dagegen hörte man an kleineren Bemerkungen des Führungsduos aus dem Landratsamt, dass ihnen das Ganze ebenfalls gegen den Strich geht. Denn sie von der Exekutive sind es, die sich den aufgebrachten Volkmassen, ihren unmittelbaren Wählern, stellen müssen. In Gasthöfen wie dem in Lossen. Ulrich Zimmermann musste sich sogar von einem aufgebrachten Bürger anhören, dass er ihn an den Untertan aus dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann erinnere. So entfuhr Zimmermann im Eifer des Gefechts die Bemerkung, man könne die Asylbewerber schließlich „nicht auf den Planeten schießen“. Ob er damit den Mond meinte, blieb offen. Landrat Steinbach reagierte mehr als lakonisch, als eine Frau aus den Nachbarort unter dem Murren des Saales überschwänglich ausführte, wie schön es sei, endlich Flüchtlinge hier begrüßen zu dürfen. „Wir dürfen sie auch nicht zu sehr umarmen, nicht dass wir sie dann nicht mehr loslassen, wenn sie wieder gegen müssen“, meinte er. Und von Rechts wegen gehen müssten 97 Prozent, weil sie einfach nicht die Kriterien erfüllten, nach denen in Deutschland Asyl gewährt wird. Eine Stelle, an der es Jürgen Gansel von der NPD nicht mehr als bloßen Zuhörer auf dem Stuhl hielt, wie er sagte. Doch der NPD-Politiker konnte trotz der aufgeheizten Atmosphäre nicht punkten. „Du kannst im Kreistag reden, hier geht es um Perba“, wurde er aus dem Publikum angebrüllt. Fast erfürchtig still hörten alle zu, als Ärztin Uta Haufe aus Leuben ausführte, dass sie bereits jetzt die Patienten ihrer in Rente gegangenen Nachbarkollegin übernommen habe und  nach dem gängigen Versorgungsschema sie auch noch die nächstgelegene Ärztin der Asylunterkunft sei. Sie werde aber deswegen nicht ihre Stammpatienten vernachlässigen. Und in das Asylbewerberheim werde sie auf keinen Fall  allein gehen.
Viele Einwohner von Perba beklagten, dass sie sich verschuldet hätten, um auf dem Land in Ruhe und Sicherheit zu leben. Vor allem der Kinder wegen. Und jetzt setze man ihnen 50 junge Männer mitten ins Dorf wie in der Zeitung gestanden habe. Diese hätten den ganzen Tag Zeit die Grundstücke auszubaldowern und Frauen zu belästigen. Eine Mutter klagte, dass sie nun ihre Kinder zum Bus begleiten müsse und sie noch nicht wisse, wie sie das schaffen werde. Wie denn die jungen Männer ihren Sexualtrieb befriedigen wollen in so einem kleinen Dorf wie Perba?, wollte eine ältere Frau wissen. Gerlinde Franke von der Diakonie versuchte, die Ängste der Menschen zu zerstreuen. Es sei nicht so, dass sich die Asylunterkünfte zu Brennpunkten der Kriminalität entwickelten. Man habe in 20 Jahren keine gravierenden Vorkommnisse gehabt. Es werde stundenweise eine Sozialberatungsstelle in der Unterkunft geben, versprach sie. Zur Sprache kam auch die Art der Unterbringung. Man woll wegkommen von der der Ballung in Sammelunterkünften und die Menschen in Wohnungen dezentral unterbringen, hatte Vizelandrat Zimmermann erklärt. „Mit 50 Leuten in einem  Block machen sie doch aber wieder ein Heim auf“, wandte ein Perbaer ein. Dem musste Zimmermann zustimmen. Doch die Aufnahmekapazitäten des Kreises seien vorerst erschöpft. Deshalb habe man das Angebot des Vermieters der Perbaer Immobilie dankbar angenommen. Der Vertrag gelte zunächst für zwei Jahre und könne dann jährlich verlängert werden. Der Vermieter hatte sich wohlweislich nicht blicken lassen, was man im Präsidium gut verstehen konnte. Wenig vertrauensbildend war dann auch, was Meißens Revierchef Hanjo Protze den Bürgern zu sagen hatte. Diese hatten beklagt, dass Bürger, die den Notruf gewählt hätten, gefragt wurden, ob jemand verletzt sei. Als das nicht der Fall war, hätten sie die Auskunft bekommen, dass gerade kein Fahrzeug verfügbar sei. So etwas könne auch weiterhin vorkommen, sagte Protze. Schließlich reiche der Revierbereich vom Rand der Landeshauptstadt über Radebeul, Moritzburg, Meißen bis nach  Radeburg und eben hier die Gegend zwischen Lommatzsch und Nossen. Bei Bedarf könne jedoch auch ein Fahrzeug auch Riesa in Marsch gesetzt werden. Worte, die bitteres Lachen zur Folge hatten. Ganze 184 Polizisten stehen für diesen Bereich zur Verfügung. Und da war man wieder bei den Zahlen. Wenn auf 170 Einwohner 50 Asylbewerber kämen, dann sei das doch ein Skandal, schaue man sich die Relation der Asylbewerber zur Einwohnerschaft der anderen Heimstandorte an. Was sollen diese Menschen in dem gottverlassenen Perba anstellen, dessen einzige „Attraktion“ die kleine  Bushaltestelle des Ortes sei. In Dresden sei ein Hotel im Stadtteil Pappritz nicht in Frage gekommen, weil dort angeblich die Infrastruktur nicht gegeben sei, hatte eine Fragestellerin im MDR-Hörfunk gehört. „Dann frage ich mich, was wir hier für eine tolle Infrastruktur haben“, sagte sie. Im Wesentlichen drehten sich die zahlreichen Wortmeldungen um diese Komplexe, auf die die Verwaltung immer nur eine Antwort hatte. Es bleibe bei der Zahl der Unterzubringenden und auch bei der Dauer der Unterbringung. Einziges Zugeständnis: Man wolle schauen, dass wenigstens die Hälfte der avisierten Asylbewerber Familien sein werden. Ein schwacher Trost für die Anwohner. „Wir werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren“, sagte einer zum Schluss. Beim Hinausgehen meinte ein anderer auf der Treppe: „Dem ersten, der bei mir im Garten steht, dem haue ich mit dem Knüppel eine drüber. Und dann rufe ich die Polizei.“


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Besorgte Eltern unterm Regenbogen – der Versuch einer Annäherung

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Mehrheitlich junge Leute machten als Gegendemonstranten Stimmung gegen die ihrer Meinung nach „homophoben“ Ansichten der protestierenden Eltern.

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Eltern wandten sich in ihren Beiträgen gegen die zu frühe Beschäftigung mit Sexualität in Schule und Kindergarten.

Eins gleich vorweg. Die Gegendemonstranten hatten eindeutig die bessere Musik. Ob sie auch Recht haben mit ihren Ansichten, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall war die Atmosphäre weniger hassgeladen als bei den Montagsdemonstrationen des PEGIDA-Bündnisses. Die Vereinigung „Besorgte Eltern e.V.“ hatte für Sonnabend auf den Dresdner Schloßplatz eingeladen, um dort auf vermeintliche oder tatsächliche Fehlentwicklungen beim Thema Aufklärung von Schülern und Kindergartenkindern aufmerksam zu machen. Und genau hier tat sich der erste Riss beim Verständnis auf. Man kann den eingeladenen Redner und Chefredakteur des Compact-Magazins, Jürgen Elsässer,  einen „Verschwörungstheoretiker“ nennen. Dennoch sollte auch er das Recht haben, seine Meinung zu sagen. So wie die rund 150 Demonstranten, die eben mit der Aufklärung an den Schulen unzufrieden sind. Wenn es sowieso alles Quatsch ist, was sie bemängeln, dann bedürfte es doch nicht einer etwa doppelt so großen Menge an aufgeregten Gegendemostranten. Wäre dann nicht gelassene bis belächelnde Zurückhaltung das bessere Gegenmittel?

Und so muss man Elsässer recht geben, wenn er einen Gesinnungsterror beklagt, der den anderen nicht in seinen Argumenten angreift oder widerlegt, sondern ihn durch Lärm oder Androhung körperlicher Gewalt einfach nur mundtot machen will.

Was auch auffiel. Es hatte fast den Anschein, als demonstrierten hier Kinder gegen ihre Eltern. Die Schar der eigentlichen Demonstranten bestand zum überwiegenden Teil aus ernst schauenden Frauen und Männern um die Vierzig. Die Redner stellten sich mit der Zahl ihrer Kinder vor, als ob das eine Bedingung wäre, hier zu sprechen. Auf Seiten der Gegendemonstranten dominierte die Jugend. Jungs im Schottenrock und mit Zöpfen waren zu sehen. Was hier auffiel, waren neben der Aggressivität der Geräuscherzeugung vor allem die Slogans auf den mitgebrachten Plakaten. „Sperma im Haar statt Kuchenbasar“ oder „Zunge im Mund statt Heimatkund“ war da beispielsweise zu lesen. „Hände weg von unseren Kindern“ oder „Keine Frühsexualisierung unserer Kinder“ waren dagegen die doch eher zahmen Forderungen der „Besorgten Eltern“. Lief man beobachtend durch beide Lager, was problemlos möglich war, schlich sich der Gedanke ein: Warum reden diese Menschen nicht einfach in Ruhe miteinander. Denn das Ganze scheint ein einziges großes Missverständnis zu sein. Es gehe eben nicht darum, Schwule und Lesben wegen ihrer sexuellen Neigung herabzuwürdigen oder zu stigmatisieren, war aus dem Lager der Eltern zu hören. Es gehe darum, dass Kinder eben nicht im Unterricht an einer Möhre aus der Gemüseabteilung üben sollen, wie man ein Kondom überstreift. Die Frage hier ist, wie man diese Konfliklage, und wenn sie vielleicht auch nur gefühlt ist, ausgleichend moderiert?

Keinesfalls wird es gelingen, indem man reflexartig zu Gegendemos aufruft und die Teilnehmer mit Regenbogenfahnen aus dem Fundus der Grünen Jugend oder der Jusos ausstaffiert. Denn es fiel schon auf, dass es bei den besorgten Eltern durchweg selbstgebastelte Plakate und Transparente waren, während die Gegenseite sich mit besagten Fahnen und massenhaft verteilten Aufklebern sichtlich gut gefüllter Kampf-Resourcen bedienen konnte. Und sie werden offenbar auch behördlicherseits sacht unterstützt. Wie anders ist es zu erklären, dass die eigentliche Demo um die Ecke an der Schlosskirche stattfinden sollte, die Polizei es aber duldete, dass die Gegendemonstranten einen lautstarken Ring um die zuerst angemeldete Demonstration legen konnten? Überdies wurde der geplante Zug der Besorgten Eltern durch Dresden abgesagt, weil die Polizei die Sicherheit nicht garantieren konnte. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn man sich im Vergleich dazu die Vorgänge rund um die Sarrazinlesung in Weinböhla ins Gedächtnis ruft. Dort war es ein Grüner, der als Redner einer von ihm angemeldeten Protestdemo, sofort nach der Polizei rief, nur weil ein Passant eine Bemerkung gerufen hatte. Die Grünen und Jusos und wer noch so alles auf dem Platz lautstark dafür sorgte, dass die Gegenseite nicht zu Wort kam, können ihren „Erfolg“ feiern. Aber sie sollten eines bedenken: Gerade durch ihr hysterisches Gekeife verraten sie ihre Unsicherheit. Auch wenn sie in Dresden an diesem Nachmittag in der Überzahl waren, vertreten sie deshalb noch lange keine mehrheitsfähigen Ansichten.  Lautstärke ist nicht Recht. Und mit dem Niederbrüllen des Gegners ist der Konflikt nicht erledigt. Die jungen Bunten können das nicht wissen, weil sie damals noch nicht auf der Welt waren. Aber gerade die offizielle Politik, die dieser Tag nicht müde wird, den Mut der Ostdeutschen vor 25 zu loben, wäre gut beraten, wenn sie sich auf die Slogans von 89 besinnt. Auch wenn man  damals nur 2.Sekretär einer SED-Kreisleitung oder Leiterin eines Kindergartens war.  Zur Auffrischung. Sie hießen „Dialog“ und „Keine Gewalt“.


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Natürlich darf man seine Meinung sagen. . .

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Natürlich darf man seine Meinung sagen. Man muss nur mit den Folgen leben. Mit diesen Sätzen hatte Thilo Sarrazin am Freitagabend die über 500 Zuhörer im restlos ausverkauften Zentralgasthof Weinböhla zum ersten Mal zum Lachen gebracht. Da war er nun leibhaftig, der, der wahlweise als Ex-Bundesbankvorstand, Ex-Finanzsenator, Bestsellerautor, Rassist oder Hetzer bezeichnet wird. Zentralgasthofchefin Christina Wolf hat Mut bewiesen als sie Sarrazin auf die Veranstaltungsliste setzte. Schon seit September hatten Landeskriminalamt und Polizei an einem Sicherheitskonzept getüftelt.Nicht ohne Grund. Erst im Frühjahr hatte Störer eine Lesung des Autors im Berliner Ensemble unmöglich gemacht. Auch an anderen Orten, wo Sarrazin las, war es zu Rangeleien gekommen. Deshalb wollte man hier nichts anbrennen lassen.

Sarrazin liest derzeit aus seinem im Frühjahr erschienenen Buch „Der neue Tugendterror-über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Und das Drumherum um seine Lesung hätte kein besserer Beleg für seine These sein können, dass man eben bestimmte Dinge in Deutschland nicht mehr so ohne weiteres ansprechen kann. Die Polizei hatte das „Vorfeld“ des Zentralgasthofes weiträumig abgesichert. Schon an der Sparkasse und hinter dem Zentraler in Richtung Haltepunkt standen Mannschaftswagen, von denen aus man mögliche Störergruppen frühzeitig in Empfang nehmen konnte. Am Zentralgasthof stand ein gutes Dutzend Polizisten, die hier noch von den Männern des privaten Wachschutzes Michalke ergänzt wurden. Eingefunden hatten sich aber nur geschätzt 30 junge Leute, die mit einer Fahne der Jusos herumwedelten und ein Transparent entfalteten, auf dem zu lesen war, dass Menschen, die Thilo Sarrazin zuhörten, auch glaubten, die Erde sei eine Scheibe. In seiner Rede, die der Veranstalter der kleinen Demo, der Coswiger Grünen-Stadtrat Innocent Töpper, hielt, wurde dann vor allem deutlich wie viele thematische Brennpunkte es heute aus Sicht der Grünen gibt. Sarrazin sei nur die Spitze einer Bewegung, die sich inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet habe. Dazu gehörten auch Eltern, die keine Frühsexualisierung ihrer Kinder in Kita und Schule wollten. Diese seien reaktionär und rückwärtsgewandt. Auch Menschen, die wie neulich in Dresden unter dem Slogan „Keine Glaubenskriege auf deutschem Boden“ auf die Straße gingen, seien im Grunde nur Rechte wie sie in Köln bei der jüngsten Hooligandemo zu sehen waren. Auch „AfD-ler“ seien gesichtet worden, wie sie den Zentralgasthof betraten, so eine andere Sprecherin der Gegendemonstranten. Nach einer halben Stunde hatte sich das verbale Protestpotential aber erschöpft und man ließ Musik vom Band laufen. Diese hätten ungeübte Zuhörer auch als Hassgesänge einer rechtsradikalen Untergrundband deuten können. Auch „predigten“ die Protestler mehrheitlich vor der eigenen Gemeinde. Die meisten Besucher, die aus Richtung des Dorfteiches oder der Martinskirche kamen, liefen ohne erkennbare Reaktion an den jungen Leuten vorbei. Die Masse der Besucher kam dazu vom Parkplatz an der Nassauhalle durch die kleine Gasse am Zentraler und bekam den Protest gar nicht richtig mit.
Drin ging es dem gesetzten Alter der Besuchermehrheit entsprechend gesetzt zu. Kommentarlos ließen alle die peniblen Kontrollen des Ordnungspersonals über sich ergehen. Der Berliner Radiomoderator Jürgen Rummel begrüßte die Anwesenden und stellte Thilo Sarrazin zunächst einige Fragen zu seinem Buch und wie es überhaupt dazu kam. Der setzte danach an zu einer Art Vortrag an, der sich auf die Thesen seines Buches stützte. Einleitend ging er auf den Titel des Buches, den „Tugendterror“ ein. Nicht ohne die Sottise, dass das Wort aus dem Französischen stamme und da vom Geschlecht her weiblich sei. Der Begriff gehe zurück auf die Französische Revolution und ihre beiden Anführer Maximilien de Robespierre und Louis-Antoine de Saint Just. Diese seien mittels der Giullotine dazu übergegangen, Bürger, die falsche Ansichten vertraten,  zu enthaupten. Allerdings nur solange, bis sie selbst unterm Fallbeil lagen. Der heutige Meinungsterror gehe viel subtiler vor. Der Bürger habe eine feine Wahrnehmung, was in seinem Umfeld an Ansichten erlaubt und gewünscht sei und verhalte sich danach, weil die meisten Menschen das Bestreben hätten, mit ihrer Umwelt im Einklang zu leben. Dennoch seien die aufbrechenden Widersprüche nicht mehr zu übersehen. Besonders wenn bestimmte Themenbereiche mit einem Tabu belegt würden. So gelte man beispielsweise schon als „Rassist“ und islamophob, wenn man nur die Frage formuliere, warum beispielsweise türkische Mitbürger unterdurchschnittliche Leistungen in Schule und Erwerbsleben aufweisen, und ob das vielleicht mit ihrem Glauben zusammenhängen könne.
Besonders dem Thema Gleichheit widmete Sarrazin einen längeren Teil seiner Ausführungen. Kernthema der heutigen Bildungspolitik sei es, den Leistungsgedanken zu eliminieren. Schüler und Studenten würden nicht nach Leistung benotet, weil das als diskriminierend empfunden werde. Die Folge sei, dass junge Akademiker sich zum ersten Mal einem echten Wettbewerb stellen müssten, wenn sie sich bei einer Firma bewerben und diese vor der Einstellung einen Leistungstest verlange. Das untergrabe auf Dauer die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. So falle es doch auf, dass immer mehr Kinder das Abitur machten und dabei auch noch überdurchschnittlich gut abschnitten. Wohingegen die Wahrscheinlichkeit und der Vergleich mit früheren Zeiten andere Schlüsse über den Wert dieser Ergebnisse zulassen. Im Sinne der Gleichheit gelte es heute sämtliche Unterschiede einzuebnen. So werde ein hochintelligentes Kind heute in der Schule offiziell als „anders denkend“ bezeichnet, um nicht dümmere zu benachteiligen und sei es nur verbal. Auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ethnien würden geleugnet und seien lediglich äußerer Natur. Alles sei eine Frage der richtigen Förderung und der sozialen Umstände. Selbst die Unterschiede zwischen Mann und Frau würden bis auf die äußeren Geschlechtsmerkmale geleugnet.

In seinem Vortrag verwies Sarrazin auf zahlreiche Quellen wie Alexis de Toqueville oder Arthur Koestler, der in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ eindrucksvoll das Klima der Moskauer Schauprozesse während der Stalinschen Säuberungen Mitte der 30iger Jahre beschrieb. Diese Utopie des Kommunismus habe zwangsläufig zu einem derartigen Gesinnungsterror geführt. Auch das Thema Euro wurde nicht ausgespart. Ein weiteres Minenfeld. Aktuell erlebe man, wie die wirtschaftliche Lage vor allem in Italien und Frankreich zu Instabilität führe. „Aber da Frau Merkel den Euro mit dem Frieden in Europa gleichsetzt, wird man in die Nähe der beiden Weltkriege und des Holocaust gerückt, wenn man die Währungspolitik kritisiert“, so Sarrazin. Die Besucher unterbrachen Sarrazin nur gelegentlich durch Applaus an einigen prägnanten Stellen und nutzten dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ein Weinböhlaer wollte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die Bundesrepublik heute eine „große DDR“ sei. „Wer hat denn nun gewonnen“, fragte er unter dem anschwellenden Lachen vieler Zuhörer. Ein anderer wollte wissen, warum Sarrazin bei seiner Medienkritik nie den Begriff „Manipulation“ gebrauche. „Weil es gelte, die Mechanik der Meinungsbildung freizulegen“, entgegnete der Autor. Bei der Beschreibung von Sachverhalten habe man sich mit wertenden Begriffen zurückzuhalten. Erst dann könne sich der Leser eine eigenes Bild machen.
Und das hatten sich offenbar sehr viele von ihm gemacht. Thilo Sarrazin musste noch über eine halbe Stunde Bücher signieren, mitgebrachte und frisch erworbene, ehe er sich mit seinen Begleitern zu einem späten Imbiss in der Kutscherstube des Zentralgasthofes aufmachte. Einige Fans waren so begeistert von ihm, dass sie sogar das Ankündigungsplakat mit dem Konterfei des Autors von der Wand im Foyer als Andenken mitnahmen.


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Leise – aber immer hörbarer

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Besonders, wenn es das eigene ist, das man sich macht. So wie gestern von der Demonstration in Dresden am Postplatz. Neugierig darauf machte eine Veröffentlichung in der SZ von vergangener Woche. Aufgerufen hatte eine Organisation, die sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – PEGIDA nennt. Zur angekündigten Zeit füllte sich der Postplatz allmählich mit Menschen. Fotografen waren vor Ort und der MDR hatte einen kleinen Übertragungswagen in Stellung gebracht. Vor der Veranstaltung war zu hören gewesen, dass es sich hierbei um eine irgendwie rechte Veranstaltung handeln würde. Außer den extrem kurzen Haarschnitten einiger jugendlicher Teilnehmer, deutete jedoch nichts auf eine verkappte NPD-Veranstaltung hin. Im Gegenteil. Auf dem großen Spruchbanner, das die erste Reihe der Demonstranten trug war deutlich zu sehen, dass neben dem Antifa-, dem Gender- und dem IS-Symbol auch das Hakenkreuz in den Mülleimer gehört. Veranstaltungsleiter Lutz Bachmann wies vor dem Umzug daraufhin, dass keine Glasflaschen mitzuführen sind, und, dass es selbstverstänldich sein sollte, keinen Alkohol zu trinken. Man wolle sich um keinen Preis provozieren lassen oder den Medien unschöne Szenen liefern. Anstößig genug scheinen die inhaltlichen Forderungen der Organisationen nämlich schon zu sein. Sie fordern die Bewahrung und den Schutz der deutschen Identität und „unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur“. Eine faire Zuwanderung nach kanadischem Modell. Im übrigen eine AfD-Forderung. Eine konsequente Anwendung der bestehenden Gesetze beim Thema Zuwanderung und Abschiebung – eine Forderung wie sie in CSU-Kreisen längst Common sense ist. Weiterhin die sofortige Abschiebung straffällig gewordener Zuwanderer, sowie die Kontrolle der Grenzen.
Sätze, bei denen die Mehrheit der Demonstranten Beifall klatschte oder zumindest zustimmend nickte. Der anschließende Schweigemarsch an der Altmarkt-Galerie und dem Rathaus vorbei zum Lutherdenkmal am Neumarkt erwies sich als geniale Idee. Denn die schweigende Menge, Schätzungen schwanken zwischen 1000 bis 3000 Menschen, erregte so viel mehr die Aufmerksamkeit der Passanten als es eine „Krawalldemo“ je vermocht hätte. Am Straßenrand waren viele nachdenkliche Gesichter zu sehen, die die Vorbeimarschierenden musterten. Im Zug selbst waren viele ältere Menschen, die man einfach nur mit dem Wort „normal“ bezeichnen kann. Beim Marschieren selbst ergab sich das eine oder andere Gespräch zwischen bis dato völlig unbekannten Menschen. Viele gaben sich zu erkennen, als solche, die schon 1989 durch Dresden gelaufen waren. Eine Frau erzählte ihrer Nachbarin, dass sie aus dem Westen sei und die gesamte Zuwanderungsproblematik vor Jahrzehnten nicht so richtig mitbekommen habe. Erst heute sei ihr klar geworden, welche Probleme damit einhergehen. Deshalb sei es richtig, dass die Menschen hier jetzt schon auf die Straße gingen. An der Biegung zur Weißen Gasse waren dann lautstarke Rufe der Antifa-Parole „Nie wieder Deutschland zu hören“. Deplatzierter hätten die Rufe nicht sein können. Und die leise Masse spielte hier zum ersten Mal ihren Trumpf aus. Man klatschte einfach in die Hände. Dieses sanfte Geräusch der vielen Menschen brachte die Rufer eindrucksvoll zum Schweigen.
Bei der Abschlusskundgebung am Neumarkt war es dann tatsächlich ein Hauch von 89. Während am Nobelhotel Taschenbergpalais fast alle Fenster mit Schaulustigen besetzt waren, erschallte der alte Ruf: „Wir sind das Volk“. Danach zerstreute sich die Menge genauso friedlich wie sie sich gefunden hatte und marschiert war.