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Geschichten aus der Elbaue

Natürlich darf man seine Meinung sagen. . .

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Natürlich darf man seine Meinung sagen. Man muss nur mit den Folgen leben. Mit diesen Sätzen hatte Thilo Sarrazin am Freitagabend die über 500 Zuhörer im restlos ausverkauften Zentralgasthof Weinböhla zum ersten Mal zum Lachen gebracht. Da war er nun leibhaftig, der, der wahlweise als Ex-Bundesbankvorstand, Ex-Finanzsenator, Bestsellerautor, Rassist oder Hetzer bezeichnet wird. Zentralgasthofchefin Christina Wolf hat Mut bewiesen als sie Sarrazin auf die Veranstaltungsliste setzte. Schon seit September hatten Landeskriminalamt und Polizei an einem Sicherheitskonzept getüftelt.Nicht ohne Grund. Erst im Frühjahr hatte Störer eine Lesung des Autors im Berliner Ensemble unmöglich gemacht. Auch an anderen Orten, wo Sarrazin las, war es zu Rangeleien gekommen. Deshalb wollte man hier nichts anbrennen lassen.

Sarrazin liest derzeit aus seinem im Frühjahr erschienenen Buch „Der neue Tugendterror-über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Und das Drumherum um seine Lesung hätte kein besserer Beleg für seine These sein können, dass man eben bestimmte Dinge in Deutschland nicht mehr so ohne weiteres ansprechen kann. Die Polizei hatte das „Vorfeld“ des Zentralgasthofes weiträumig abgesichert. Schon an der Sparkasse und hinter dem Zentraler in Richtung Haltepunkt standen Mannschaftswagen, von denen aus man mögliche Störergruppen frühzeitig in Empfang nehmen konnte. Am Zentralgasthof stand ein gutes Dutzend Polizisten, die hier noch von den Männern des privaten Wachschutzes Michalke ergänzt wurden. Eingefunden hatten sich aber nur geschätzt 30 junge Leute, die mit einer Fahne der Jusos herumwedelten und ein Transparent entfalteten, auf dem zu lesen war, dass Menschen, die Thilo Sarrazin zuhörten, auch glaubten, die Erde sei eine Scheibe. In seiner Rede, die der Veranstalter der kleinen Demo, der Coswiger Grünen-Stadtrat Innocent Töpper, hielt, wurde dann vor allem deutlich wie viele thematische Brennpunkte es heute aus Sicht der Grünen gibt. Sarrazin sei nur die Spitze einer Bewegung, die sich inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet habe. Dazu gehörten auch Eltern, die keine Frühsexualisierung ihrer Kinder in Kita und Schule wollten. Diese seien reaktionär und rückwärtsgewandt. Auch Menschen, die wie neulich in Dresden unter dem Slogan „Keine Glaubenskriege auf deutschem Boden“ auf die Straße gingen, seien im Grunde nur Rechte wie sie in Köln bei der jüngsten Hooligandemo zu sehen waren. Auch „AfD-ler“ seien gesichtet worden, wie sie den Zentralgasthof betraten, so eine andere Sprecherin der Gegendemonstranten. Nach einer halben Stunde hatte sich das verbale Protestpotential aber erschöpft und man ließ Musik vom Band laufen. Diese hätten ungeübte Zuhörer auch als Hassgesänge einer rechtsradikalen Untergrundband deuten können. Auch „predigten“ die Protestler mehrheitlich vor der eigenen Gemeinde. Die meisten Besucher, die aus Richtung des Dorfteiches oder der Martinskirche kamen, liefen ohne erkennbare Reaktion an den jungen Leuten vorbei. Die Masse der Besucher kam dazu vom Parkplatz an der Nassauhalle durch die kleine Gasse am Zentraler und bekam den Protest gar nicht richtig mit.
Drin ging es dem gesetzten Alter der Besuchermehrheit entsprechend gesetzt zu. Kommentarlos ließen alle die peniblen Kontrollen des Ordnungspersonals über sich ergehen. Der Berliner Radiomoderator Jürgen Rummel begrüßte die Anwesenden und stellte Thilo Sarrazin zunächst einige Fragen zu seinem Buch und wie es überhaupt dazu kam. Der setzte danach an zu einer Art Vortrag an, der sich auf die Thesen seines Buches stützte. Einleitend ging er auf den Titel des Buches, den „Tugendterror“ ein. Nicht ohne die Sottise, dass das Wort aus dem Französischen stamme und da vom Geschlecht her weiblich sei. Der Begriff gehe zurück auf die Französische Revolution und ihre beiden Anführer Maximilien de Robespierre und Louis-Antoine de Saint Just. Diese seien mittels der Giullotine dazu übergegangen, Bürger, die falsche Ansichten vertraten,  zu enthaupten. Allerdings nur solange, bis sie selbst unterm Fallbeil lagen. Der heutige Meinungsterror gehe viel subtiler vor. Der Bürger habe eine feine Wahrnehmung, was in seinem Umfeld an Ansichten erlaubt und gewünscht sei und verhalte sich danach, weil die meisten Menschen das Bestreben hätten, mit ihrer Umwelt im Einklang zu leben. Dennoch seien die aufbrechenden Widersprüche nicht mehr zu übersehen. Besonders wenn bestimmte Themenbereiche mit einem Tabu belegt würden. So gelte man beispielsweise schon als „Rassist“ und islamophob, wenn man nur die Frage formuliere, warum beispielsweise türkische Mitbürger unterdurchschnittliche Leistungen in Schule und Erwerbsleben aufweisen, und ob das vielleicht mit ihrem Glauben zusammenhängen könne.
Besonders dem Thema Gleichheit widmete Sarrazin einen längeren Teil seiner Ausführungen. Kernthema der heutigen Bildungspolitik sei es, den Leistungsgedanken zu eliminieren. Schüler und Studenten würden nicht nach Leistung benotet, weil das als diskriminierend empfunden werde. Die Folge sei, dass junge Akademiker sich zum ersten Mal einem echten Wettbewerb stellen müssten, wenn sie sich bei einer Firma bewerben und diese vor der Einstellung einen Leistungstest verlange. Das untergrabe auf Dauer die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. So falle es doch auf, dass immer mehr Kinder das Abitur machten und dabei auch noch überdurchschnittlich gut abschnitten. Wohingegen die Wahrscheinlichkeit und der Vergleich mit früheren Zeiten andere Schlüsse über den Wert dieser Ergebnisse zulassen. Im Sinne der Gleichheit gelte es heute sämtliche Unterschiede einzuebnen. So werde ein hochintelligentes Kind heute in der Schule offiziell als „anders denkend“ bezeichnet, um nicht dümmere zu benachteiligen und sei es nur verbal. Auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ethnien würden geleugnet und seien lediglich äußerer Natur. Alles sei eine Frage der richtigen Förderung und der sozialen Umstände. Selbst die Unterschiede zwischen Mann und Frau würden bis auf die äußeren Geschlechtsmerkmale geleugnet.

In seinem Vortrag verwies Sarrazin auf zahlreiche Quellen wie Alexis de Toqueville oder Arthur Koestler, der in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ eindrucksvoll das Klima der Moskauer Schauprozesse während der Stalinschen Säuberungen Mitte der 30iger Jahre beschrieb. Diese Utopie des Kommunismus habe zwangsläufig zu einem derartigen Gesinnungsterror geführt. Auch das Thema Euro wurde nicht ausgespart. Ein weiteres Minenfeld. Aktuell erlebe man, wie die wirtschaftliche Lage vor allem in Italien und Frankreich zu Instabilität führe. „Aber da Frau Merkel den Euro mit dem Frieden in Europa gleichsetzt, wird man in die Nähe der beiden Weltkriege und des Holocaust gerückt, wenn man die Währungspolitik kritisiert“, so Sarrazin. Die Besucher unterbrachen Sarrazin nur gelegentlich durch Applaus an einigen prägnanten Stellen und nutzten dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ein Weinböhlaer wollte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die Bundesrepublik heute eine „große DDR“ sei. „Wer hat denn nun gewonnen“, fragte er unter dem anschwellenden Lachen vieler Zuhörer. Ein anderer wollte wissen, warum Sarrazin bei seiner Medienkritik nie den Begriff „Manipulation“ gebrauche. „Weil es gelte, die Mechanik der Meinungsbildung freizulegen“, entgegnete der Autor. Bei der Beschreibung von Sachverhalten habe man sich mit wertenden Begriffen zurückzuhalten. Erst dann könne sich der Leser eine eigenes Bild machen.
Und das hatten sich offenbar sehr viele von ihm gemacht. Thilo Sarrazin musste noch über eine halbe Stunde Bücher signieren, mitgebrachte und frisch erworbene, ehe er sich mit seinen Begleitern zu einem späten Imbiss in der Kutscherstube des Zentralgasthofes aufmachte. Einige Fans waren so begeistert von ihm, dass sie sogar das Ankündigungsplakat mit dem Konterfei des Autors von der Wand im Foyer als Andenken mitnahmen.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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