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Geschichten aus der Elbaue

Besorgte Eltern unterm Regenbogen – der Versuch einer Annäherung

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Mehrheitlich junge Leute machten als Gegendemonstranten Stimmung gegen die ihrer Meinung nach „homophoben“ Ansichten der protestierenden Eltern.

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Eltern wandten sich in ihren Beiträgen gegen die zu frühe Beschäftigung mit Sexualität in Schule und Kindergarten.

Eins gleich vorweg. Die Gegendemonstranten hatten eindeutig die bessere Musik. Ob sie auch Recht haben mit ihren Ansichten, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall war die Atmosphäre weniger hassgeladen als bei den Montagsdemonstrationen des PEGIDA-Bündnisses. Die Vereinigung „Besorgte Eltern e.V.“ hatte für Sonnabend auf den Dresdner Schloßplatz eingeladen, um dort auf vermeintliche oder tatsächliche Fehlentwicklungen beim Thema Aufklärung von Schülern und Kindergartenkindern aufmerksam zu machen. Und genau hier tat sich der erste Riss beim Verständnis auf. Man kann den eingeladenen Redner und Chefredakteur des Compact-Magazins, Jürgen Elsässer,  einen „Verschwörungstheoretiker“ nennen. Dennoch sollte auch er das Recht haben, seine Meinung zu sagen. So wie die rund 150 Demonstranten, die eben mit der Aufklärung an den Schulen unzufrieden sind. Wenn es sowieso alles Quatsch ist, was sie bemängeln, dann bedürfte es doch nicht einer etwa doppelt so großen Menge an aufgeregten Gegendemostranten. Wäre dann nicht gelassene bis belächelnde Zurückhaltung das bessere Gegenmittel?

Und so muss man Elsässer recht geben, wenn er einen Gesinnungsterror beklagt, der den anderen nicht in seinen Argumenten angreift oder widerlegt, sondern ihn durch Lärm oder Androhung körperlicher Gewalt einfach nur mundtot machen will.

Was auch auffiel. Es hatte fast den Anschein, als demonstrierten hier Kinder gegen ihre Eltern. Die Schar der eigentlichen Demonstranten bestand zum überwiegenden Teil aus ernst schauenden Frauen und Männern um die Vierzig. Die Redner stellten sich mit der Zahl ihrer Kinder vor, als ob das eine Bedingung wäre, hier zu sprechen. Auf Seiten der Gegendemonstranten dominierte die Jugend. Jungs im Schottenrock und mit Zöpfen waren zu sehen. Was hier auffiel, waren neben der Aggressivität der Geräuscherzeugung vor allem die Slogans auf den mitgebrachten Plakaten. „Sperma im Haar statt Kuchenbasar“ oder „Zunge im Mund statt Heimatkund“ war da beispielsweise zu lesen. „Hände weg von unseren Kindern“ oder „Keine Frühsexualisierung unserer Kinder“ waren dagegen die doch eher zahmen Forderungen der „Besorgten Eltern“. Lief man beobachtend durch beide Lager, was problemlos möglich war, schlich sich der Gedanke ein: Warum reden diese Menschen nicht einfach in Ruhe miteinander. Denn das Ganze scheint ein einziges großes Missverständnis zu sein. Es gehe eben nicht darum, Schwule und Lesben wegen ihrer sexuellen Neigung herabzuwürdigen oder zu stigmatisieren, war aus dem Lager der Eltern zu hören. Es gehe darum, dass Kinder eben nicht im Unterricht an einer Möhre aus der Gemüseabteilung üben sollen, wie man ein Kondom überstreift. Die Frage hier ist, wie man diese Konfliklage, und wenn sie vielleicht auch nur gefühlt ist, ausgleichend moderiert?

Keinesfalls wird es gelingen, indem man reflexartig zu Gegendemos aufruft und die Teilnehmer mit Regenbogenfahnen aus dem Fundus der Grünen Jugend oder der Jusos ausstaffiert. Denn es fiel schon auf, dass es bei den besorgten Eltern durchweg selbstgebastelte Plakate und Transparente waren, während die Gegenseite sich mit besagten Fahnen und massenhaft verteilten Aufklebern sichtlich gut gefüllter Kampf-Resourcen bedienen konnte. Und sie werden offenbar auch behördlicherseits sacht unterstützt. Wie anders ist es zu erklären, dass die eigentliche Demo um die Ecke an der Schlosskirche stattfinden sollte, die Polizei es aber duldete, dass die Gegendemonstranten einen lautstarken Ring um die zuerst angemeldete Demonstration legen konnten? Überdies wurde der geplante Zug der Besorgten Eltern durch Dresden abgesagt, weil die Polizei die Sicherheit nicht garantieren konnte. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn man sich im Vergleich dazu die Vorgänge rund um die Sarrazinlesung in Weinböhla ins Gedächtnis ruft. Dort war es ein Grüner, der als Redner einer von ihm angemeldeten Protestdemo, sofort nach der Polizei rief, nur weil ein Passant eine Bemerkung gerufen hatte. Die Grünen und Jusos und wer noch so alles auf dem Platz lautstark dafür sorgte, dass die Gegenseite nicht zu Wort kam, können ihren „Erfolg“ feiern. Aber sie sollten eines bedenken: Gerade durch ihr hysterisches Gekeife verraten sie ihre Unsicherheit. Auch wenn sie in Dresden an diesem Nachmittag in der Überzahl waren, vertreten sie deshalb noch lange keine mehrheitsfähigen Ansichten.  Lautstärke ist nicht Recht. Und mit dem Niederbrüllen des Gegners ist der Konflikt nicht erledigt. Die jungen Bunten können das nicht wissen, weil sie damals noch nicht auf der Welt waren. Aber gerade die offizielle Politik, die dieser Tag nicht müde wird, den Mut der Ostdeutschen vor 25 zu loben, wäre gut beraten, wenn sie sich auf die Slogans von 89 besinnt. Auch wenn man  damals nur 2.Sekretär einer SED-Kreisleitung oder Leiterin eines Kindergartens war.  Zur Auffrischung. Sie hießen „Dialog“ und „Keine Gewalt“.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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