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Geschichten aus der Elbaue

Ohnmacht auf beiden Seiten

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Foto(5)Wollte man die Stimmung im Saal mit einem Wort beschreiben, dann müsste es heißen: Ohnmacht. Denn ohnmächtig müssen rund 170 Einwohner des winzigen Dörfchens Perba bei Nossen mit ansehen, dass schon Anfang Dezember 50 Asylbewerber bei ihnen einquartiert werden. Und dass es daran nichts mehr zu ändern gibt. Daran ließen die Vertreter des Staates keinen Zweifel. Immerhin stellten sie sich einer aufgebrachten Menge von rund 300 Bürgern, die im Landgasthof Lossen, einem Nachbarort von Perba, zusammenkamen. Der schon für den Fasching geschmückte Saall war zum Bersten gefüllt. Bis auf den Gang standen interessierte Bürger und selbst auf der Galerie waren drei Reihen gefüllt.  Ohnmacht war es aber auch, die Landrat Arndt Steinbach, sein Vize Ulrich Zimmermann, Meißens Revierchef Hanjo Protze, Gerlinde Franke von der Diakonie und nicht zuletzt Nossens Bürgermeister Uwe Anke offenbarten. Wenn auch in unterschiedlichen Schattierungen. Man habe keinen Einfluss auf die Asylverfahren, sondern bekomme als Landkreis die Asylbewerber vor die Tür gefahren und müsse sich dann kümmern, dass sie unterkommen und betreut werden, so Ulrich Zimmermann. Seine etwas langatmigen Begründungen mit den Konfliktherden dieser Welt wollte hier niemand hören. Dagegen hörte man an kleineren Bemerkungen des Führungsduos aus dem Landratsamt, dass ihnen das Ganze ebenfalls gegen den Strich geht. Denn sie von der Exekutive sind es, die sich den aufgebrachten Volkmassen, ihren unmittelbaren Wählern, stellen müssen. In Gasthöfen wie dem in Lossen. Ulrich Zimmermann musste sich sogar von einem aufgebrachten Bürger anhören, dass er ihn an den Untertan aus dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann erinnere. So entfuhr Zimmermann im Eifer des Gefechts die Bemerkung, man könne die Asylbewerber schließlich „nicht auf den Planeten schießen“. Ob er damit den Mond meinte, blieb offen. Landrat Steinbach reagierte mehr als lakonisch, als eine Frau aus den Nachbarort unter dem Murren des Saales überschwänglich ausführte, wie schön es sei, endlich Flüchtlinge hier begrüßen zu dürfen. „Wir dürfen sie auch nicht zu sehr umarmen, nicht dass wir sie dann nicht mehr loslassen, wenn sie wieder gegen müssen“, meinte er. Und von Rechts wegen gehen müssten 97 Prozent, weil sie einfach nicht die Kriterien erfüllten, nach denen in Deutschland Asyl gewährt wird. Eine Stelle, an der es Jürgen Gansel von der NPD nicht mehr als bloßen Zuhörer auf dem Stuhl hielt, wie er sagte. Doch der NPD-Politiker konnte trotz der aufgeheizten Atmosphäre nicht punkten. „Du kannst im Kreistag reden, hier geht es um Perba“, wurde er aus dem Publikum angebrüllt. Fast erfürchtig still hörten alle zu, als Ärztin Uta Haufe aus Leuben ausführte, dass sie bereits jetzt die Patienten ihrer in Rente gegangenen Nachbarkollegin übernommen habe und  nach dem gängigen Versorgungsschema sie auch noch die nächstgelegene Ärztin der Asylunterkunft sei. Sie werde aber deswegen nicht ihre Stammpatienten vernachlässigen. Und in das Asylbewerberheim werde sie auf keinen Fall  allein gehen.
Viele Einwohner von Perba beklagten, dass sie sich verschuldet hätten, um auf dem Land in Ruhe und Sicherheit zu leben. Vor allem der Kinder wegen. Und jetzt setze man ihnen 50 junge Männer mitten ins Dorf wie in der Zeitung gestanden habe. Diese hätten den ganzen Tag Zeit die Grundstücke auszubaldowern und Frauen zu belästigen. Eine Mutter klagte, dass sie nun ihre Kinder zum Bus begleiten müsse und sie noch nicht wisse, wie sie das schaffen werde. Wie denn die jungen Männer ihren Sexualtrieb befriedigen wollen in so einem kleinen Dorf wie Perba?, wollte eine ältere Frau wissen. Gerlinde Franke von der Diakonie versuchte, die Ängste der Menschen zu zerstreuen. Es sei nicht so, dass sich die Asylunterkünfte zu Brennpunkten der Kriminalität entwickelten. Man habe in 20 Jahren keine gravierenden Vorkommnisse gehabt. Es werde stundenweise eine Sozialberatungsstelle in der Unterkunft geben, versprach sie. Zur Sprache kam auch die Art der Unterbringung. Man woll wegkommen von der der Ballung in Sammelunterkünften und die Menschen in Wohnungen dezentral unterbringen, hatte Vizelandrat Zimmermann erklärt. „Mit 50 Leuten in einem  Block machen sie doch aber wieder ein Heim auf“, wandte ein Perbaer ein. Dem musste Zimmermann zustimmen. Doch die Aufnahmekapazitäten des Kreises seien vorerst erschöpft. Deshalb habe man das Angebot des Vermieters der Perbaer Immobilie dankbar angenommen. Der Vertrag gelte zunächst für zwei Jahre und könne dann jährlich verlängert werden. Der Vermieter hatte sich wohlweislich nicht blicken lassen, was man im Präsidium gut verstehen konnte. Wenig vertrauensbildend war dann auch, was Meißens Revierchef Hanjo Protze den Bürgern zu sagen hatte. Diese hatten beklagt, dass Bürger, die den Notruf gewählt hätten, gefragt wurden, ob jemand verletzt sei. Als das nicht der Fall war, hätten sie die Auskunft bekommen, dass gerade kein Fahrzeug verfügbar sei. So etwas könne auch weiterhin vorkommen, sagte Protze. Schließlich reiche der Revierbereich vom Rand der Landeshauptstadt über Radebeul, Moritzburg, Meißen bis nach  Radeburg und eben hier die Gegend zwischen Lommatzsch und Nossen. Bei Bedarf könne jedoch auch ein Fahrzeug auch Riesa in Marsch gesetzt werden. Worte, die bitteres Lachen zur Folge hatten. Ganze 184 Polizisten stehen für diesen Bereich zur Verfügung. Und da war man wieder bei den Zahlen. Wenn auf 170 Einwohner 50 Asylbewerber kämen, dann sei das doch ein Skandal, schaue man sich die Relation der Asylbewerber zur Einwohnerschaft der anderen Heimstandorte an. Was sollen diese Menschen in dem gottverlassenen Perba anstellen, dessen einzige „Attraktion“ die kleine  Bushaltestelle des Ortes sei. In Dresden sei ein Hotel im Stadtteil Pappritz nicht in Frage gekommen, weil dort angeblich die Infrastruktur nicht gegeben sei, hatte eine Fragestellerin im MDR-Hörfunk gehört. „Dann frage ich mich, was wir hier für eine tolle Infrastruktur haben“, sagte sie. Im Wesentlichen drehten sich die zahlreichen Wortmeldungen um diese Komplexe, auf die die Verwaltung immer nur eine Antwort hatte. Es bleibe bei der Zahl der Unterzubringenden und auch bei der Dauer der Unterbringung. Einziges Zugeständnis: Man wolle schauen, dass wenigstens die Hälfte der avisierten Asylbewerber Familien sein werden. Ein schwacher Trost für die Anwohner. „Wir werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren“, sagte einer zum Schluss. Beim Hinausgehen meinte ein anderer auf der Treppe: „Dem ersten, der bei mir im Garten steht, dem haue ich mit dem Knüppel eine drüber. Und dann rufe ich die Polizei.“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

2 Kommentare zu “Ohnmacht auf beiden Seiten

  1. Hat dies auf frankenhain rebloggt und kommentierte:
    Schön ungeschönter Bericht über die Einwohnerversammlung einer sächsischen 170-Seelen-Gemeinde, in welcher kurzfristig 50 Asylbewerber untergebracht werden sollen.

  2. Klar das der Vermieter sich nicht blicken läst, man rechne doch nur mal das der pro Tag und pro Person 38,00€ bekommt und das 2 Jahre lang. Da hat der doch fast 1,4 Millionen Umsatz erzeugt, hoffentlich bleiben da auch genug Steuern für Perba übrig.

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