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Geschichten aus der Elbaue


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Freitags wird gebadet, montags geht’s zu Pegida

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Die Proteste in Dresden haben auch ein starkes sächsisches Lokalkolorit. Viele Demonstranten kommen aus dem näheren Umland der Landeshauptstadt. Foto: leo

Ein Zwischenfazit

Pegida macht eine kurze Pause über den Jahreswechsel und gibt damit seinen Gegnern auch zwei Wochen Fronturlaub zur Auffrischung der Kräfte. Inzwischen hat sich alles, was Rang und Namen im Journalismus hat, an der neuen Bewegung abgearbeitet. Bis auf Matthias Matussek (vormals Spiegel, jetzt Welt), der auch am 15. Dezember fröhlich mitspazierend gesehen wurde, haben alle geliefert. Vieles nach dem Motto: Es wurde alles gesagt, nur noch nicht von jedem. In letzte Kategorie fällt besonders unser Reformationsverweser „Friedrich der neue Weise“, bekannt auch unter seinem bürgerlichen Namen Schorlemmer, der sich aber recht spät gemeldet hat. Offenbar war er noch benommen vom 25-jährigen Wendejubiläum.
Diese Bewegung (darf man das überhaupt so sagen?) kam aus dem toten Winkel, wie es ein Kommentator treffend diagnostizierte. Die allererste Demonstration mit einigen hundert Teilnehmern wurde vom Themenradar der links-grünen Debattenluftraumkontrolle nicht erfasst. Erst bei der zweiten und dritten Demonstration schlugen die Wachhunde an. Inzwischen haben wir im Regionalzug verprügelte Pegidaheimkehrer und eine Messerattacke auf einen Jugendlichen am 22. Dezember. Zur vorerst letzten Demo an diesem Dezembertag brachte Pegida nach Schätzungen von Teilnehmern rund 25 000 Menschen auf den Theaterplatz zwischen Hofkirche und Semperoper. Dabei schien es, als ritte König Johann auf seinem bronzenen Reiterdenkmal mittenmang. Von ihm wird berichtet, dass er „Die Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri übersetzt hat. Nicht ganz unpassend, betrachtet man die Reaktion der Parteien und Massenorganisationen, wobei die Kirche eher schon nicht mehr unter letztere fällt. Von der SPD ganz zu schweigen. Dabei wechseln sich die Stimmen, die „Schande“ und Schlimmeres rufen, mit denen ab, die reden wollen, obwohl es eigentlich nichts zu reden gäbe.
Einig ist sich die Gegenseite nur in der Frage: Wie konnte das passieren? Dresdens Oberstadtmutti Helma und Landespapi Stani schauen fassungslos auf das Treiben ihrer Landeskinder. Sie müssen mit anschauen wie die sich noch Freunde aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland zur verbal-politischen Kissenschlacht ins mühsam und fein renovierte sächsische Reihenhäuschen einladen und hier die gute Stube verwüsten. Das Ansehen steht auf dem Spiel. Was sollen die Nachbarn denken? Achgottachgott. Und dann immer dieses Schweigen. Kein Gespräch. Nicht mal mit der Landeszentrale für politische Bildung. Deren Chef hatte schon die Ferndiagnose für alle Demonstranten gestellt: „Transformationsverlierer“. Immerhin. Es hätte schlimmer sein können.
Soviel Verstocktheit gab es noch nie bei politischen Akteuren. Sonst gilt: Je kleiner die Zahl der Erregten, umso größer ist das Geschrei.
Aus Berlin gibt es bestimmt böse Nachfragen. Vermutlich ist auch der Thomas, was unser Innen- und Polizeiminister ist, bereits zum Rapport gewesen. Hände an der Hosennaht, wie man es von ihm gewohnt ist. Sicher gab’s Geschimpftes. Immerhin wohnt er in der „Hauptstadt der Bewegung“. Zwar haben ihm hier die bösen Polen mal seinen Privatwagen vor der Haustür weggeklaut, aber sonst kam aus diesem Postenbereich immer nur die Meldung: Keine besonderen Vorkommnisse. Einziges Manko: Nach King Kurts Ikea-Rabatt-Abgang fährt die CDU kein absoluten Mehrheiten mehr ein. Aber solange die SPD es noch über die fünf Prozent schafft, ist auch das nicht wirklich ein Problem. Die Sozis machen es mit jedem, der ein Zipfelchen Macht bietet. Siehe Thüringen.
Überall hätte man eher mit Randale und Widerspenstigkeit gerechnet, nur nicht hier. Und dann auch noch gegen die „Islamisierung“, die angebliche. Wo es doch in Sachsen so wenig Muslime gibt. Und stündlich werden es weniger, möchte man sagen. Denn die sächsische Statistik bringt wohl als einzige in der Welt das Kunststück fertig, aus den rund 10 000 Muslimen, die allein in Leipzig leben, 4000 in ganz Sachsen zu machen. Aber im ehemaligen Kur-Sachsen haben derartige Kameralistik-Tricks Tradition. Schon Friedrich August der Zweite pflegte in Zahlendingen seinen Finanzminister Heinrich von Brühl zu fragen: „Brühl, hab ich noch Geld? Worauf der stets antwortete: „Aber Majestät wissen doch, Majestät brauchen nur zu befehlen“. Nachzuschauen in der grandiosen DDR-Verfilmung „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. So ähnlich scheint das auch heute noch mit der Bevölkerungsstatistik zu laufen. Von der Landesbank ganz zu schweigen.
Mangels Muslimen fehlt also die Demonstrationsgrundlage. Was die Frage aufwirft: Ab wieviel darf man denn? Die Titelseiten der regionalen Zeitungen waren in den letzten Wochen unfreiwillig komisch in dieser Beziehung. So wurde manchmal auf derselben Seite dargelegt, wie unnütz, unverständlich und völlig überzogen die Proteste seien, während darunter Meldungen standen wie die von einem Dschihadisten aus Dippoldiswalde oder einer Razzia gegen tunesische Drogendealer am Dresdner Hauptbahnhof.
In den überregionalen Medien wurden die Dresdner dargestellt als die letzten Hinterwäldler, die noch heute im Tal der Ahnungslosen leben und auf günstiges Wetter für ein bisschen Westempfang warten. Dabei wird gern übersehen, dass es gerade hier findige Tüftler gab, die in der Vorwendezeit dafür sorgten, dass schon Satellitenfernsehen zu empfangen war. Tutti frutti, und so. Aber auch „heute“ und die Tagesschau als das noch Nachrichtensendungen waren.
Jetzt haben die Sachsen die Welt „beschnarcht“, wie man hier sagt. Aber nicht alles, was sie dort und im angeblich besseren Teil Deutschlands gesehen haben, wollen sie auch bei sich haben. Auch nicht das Märchen von der heilen Multikulti-Welt und den fünf Moscheen in Leipzig, die nichts mit einer Islamisierung zu tun hätten. Die neue Polizeiwache auf der Leipziger Eisenbahnstraße wurde schließlich nicht eingerichtet, weil sich hier die Anhänger von Lok und RB Leipzig kloppen. Auch wenn im Radio immer nur von „Männern“ die Rede ist, die hier mit Eisenstangen aufeinander losgehen.

Wir wollen, dass es bei uns so bleibt wie es ist und nicht wird wie in Berlin, Frankfurt oder Köln, ist ein oft zu hörender Satz, wenn man sich unter die Demonstranten mischt. Noch Fragen, Euer Ehren?
Nähert man sich den Machern der Proteste, stellt man fest: Wohl niemand ist mehr überrascht von der Eigendynamik ihrer Idee als sie selbst. Man nimmt ihnen ab, dass die Idee dazu in kleinem Kreis entstand, nachdem Pegida-Wortführer Lutz Bachmann in Dresden zufällig in eine Pro-PKK-Demonstration geriet. Keine Glaubenskriege auf unseren Straßen wollen sie. Doch genau das ist in Celle und Hamburg schon in kleinerer Form passiert. Indem ihr Pegida-Männlein aber neben dem Hakenkreuz und der Isisflagge auch das Gender- und das Antifa-Logo im Papierkorb entsorgt, haben sie sich mit so ziemlich Allem angelegt, was in diesem Land die Deutungshoheit oder zumindest das Recht auf Bambule beansprucht. Viel Feind – das muss man ihnen attestieren.
Aber keiner aus dem so genannten „Orgateam“ hat das intellektuelle Niveau, um in den Diskussionsarenen dieser Erregungsrepublik von Jauch bis Illner auch nur ansatzweise gegen diese Gegner antreten zu können. Mal ganz abgesehen, dass dort mit unfairen Methoden gearbeitet wird. Die AfD-Leute spüren das nur zu gut und tun sich schwer damit. Und das sind fast durchweg Akademiker. Hauptredner Lutz Bachmann muss man immerhin zugestehen, dass er ein Redetalent hat, von dem er wahrscheinlich selbst vorher nichts wusste. Es gehört schon was dazu, sich vor 20 000 Menschen zu stellen und frei zu sprechen. Im Umfeld des Pegidakerns trifft man aber auch auf ausgesprochene Vopo-Gesichter, die schon allergisch reagieren, wenn man sich „ihrem Lutz“ nur mit umgehängter Kamera nähert. Man feiert gern im „Milieu“, hat gesessen, wie Bachmann und kennt Koks nicht nur als Heizmaterial.
Trotz dieser vorstädtischen Halbseidenheit der Maiks und Mandys, um Nina Hagen zu zitieren, haben gerade diese einen Nerv getroffen. Sie haben eine Beule angepiekt, die die Politik ungerührt wachsen ließ. Die Menschen sehen die schlimmsten Dinge im Zusammenhang mit dem Islam im Fernsehen, erleben Medien, die Hassproteste muslimischer Migranten gegen Juden in ein urdeutsches Problem umdeuten, und sehen, dass die vielbeschworenen „Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet“ bei näherem Hinschauen junge, kräftige Männer aus dem Urlaubsland Tunesien sind. Und im Himmel ist Jahrmarkt, sagt die Tagesschau pünktlich um acht.
Unter anderem deshalb marschieren bei Pegida auch Intellektuelle wie der Dresdner Medienwissenschaftler Thomas Hartung mit, der sonst mit geschliffenen und wissenschaftlich tiefgründigen Medienanalysen von sich reden macht. Patzelt und Donsbach haben Pegida vom Feldherrenhügel der Technischen Universität fest im Scherenfernrohr. Sie liefern bisher faire Analysen von Hauptkampflinie, die aber nicht so gern gehört werden.

Die Granden der Sachsen-NPD rätseln wahrscheinlich am meisten von allen Parteien, was das Geheimnis von Pegida ist. Es sind in weiten Teilen ihre Themen, um die es hier geht. In Schneeberg, dem Ort einer großen Asyl-Erstaufnahmeeinrichtung, haben sie es 2013 geschafft, einige hundert Menschen auf die Straße zu bekommen. Das war nichts gegen Dresden.
Doch mit den ganz Rechten wollen die Sachsen mehrheitlich nichts zu tun haben. Diese sind thematisch und personell verbrannt. Die strikte Abgrenzung der Pegida von den Parteien, auch der AfD, obwohl einige Passagen aus dem Forderungskatalog der Pegida 1:1 aus deren Programm sind, macht es offenbar vielen Bürgern leicht, hier mal mitzulaufen.
Und die Idee eines „Abendspazierganges“, der schweigend absolviert wird, hat ja was. Das müssen die Strategen organisierter Aufläufe wenigsten im Stillen mal anerkennen.
Und man darf bei allem nicht vergessen: Diese ganze Bewegung hat auch ein starkes Lokalkolorit. Der Sachse liebt es gemütlich, wie eine große Möbelkette in der Region per Radio wirbt. Aber er ist eben auch ein bisschen „heemtücksch“. Davon wussten schon die Machthaber des letzten Regimes zu berichten. Ein Funktionär, war es sogar Hans Modrow?, wurde nach der Wende mit der Anekdote zitiert, dass man in Mecklenburg unheimliche Anstrengungen unternommen hatte, um die Bauern von der Notwendigkeit der Kollektivierung zu überzeugen. Als man sie endlich soweit hatte, machten sie das auch brav. Der Sachse dagegen hätte leichthin gesagt: Geht klar, Genosse. Um es dann doch wieder so zu machen, wie er es für richtig hielt. Diesen Geist konnte man ihm bis zum Ende des sozialistischen Experiments nie vollständig austreiben. Und das macht es eingefahrenen Agitatoren eben schwer, hier zu punkten. Was hinzukommt: Der Gegner fährt starke und stärkste argumentative Kaliber auf, unter deren Feuer der Sachse sich einfach wegduckt. Und er amüsiert sich königlich, wenn die Stimmen auf der anderen Seite immer schriller werden. Denn mal ehrlich, macht es nicht Spaß, die Obrigkeit ein bisschen zu ärgern? Und bei Pegida muss man dafür gar nichts weiter tun, als am Montag nach Dresden fahren und dort ein bisschen umherlaufen. Einfach so. Ohne Worte. Abstimmung mit den Füßen. Auch das gab es schon mal. In der Landeshauptstadt sucht man fürs Auto ein Plätzchen in einem der vielen Parkhäuser, die hier in den geschichtsträchtigen Boden gebohrt wurden. Dann wird eine Runde gelaufen, wobei sich Gelegenheit für ein Schwätzchen mit anderen Leuten aus inzwischen allen Teilen Deutschlands bietet. Danach geht‘s noch in den Altmarktkeller, die Wirtschaft „Zum Gänsejungen“ oder ein mexikanisches Steakhaus. Zur Auswertung. Dabei trinkt man ein oder zwei Radeberger, von dem viele im Westen wahrscheinlich denken, dass es in der Semperoper gebraut wird. Der merkwürdige Einwand, die Demonstrationen würden den Umsatz der Innenstadtgeschäfte und Wirtschaften schmälern, kann nicht stimmen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Denn die Vielen, die extra zu Pegida kommen, buchen Hotels, gehen shoppen, essen oder in die Oper, lassen auf jeden Fall Geld in der Stadt. Wahrscheinlich auch das, was die Gegendemonstranten dann von der Staatsregierung fürs Luftballonaufblasen bekommen haben. Vielleicht sollte man bei den Pegida-Leuten mal fragen, was sie verlangen würden, damit sie nicht mehr demonstrieren. Zu befürchten ist, dass zehn Euro pro Stunde nicht reichen werden, die Leute von der Straße zu bekommen. Kommt der „Wut-Sachse“ abends nach Hause, kann er sich die ersten Frontberichte im Fernsehen schon anschauen.
„Da bin ich dabei gewesen“, wird oft gesagt. Ein Gefühl wie 89 macht sich breit. Der Mantel der Geschichte weht wieder in Dresden. Jüngere raunen sich zu: „So muss das 89 gewesen sein. Meine Eltern haben mir das erzählt“.
Inzwischen gibt es im Dresdner Umland halbe Dörfchen, Fußballvereine und Stammtische, die sich für Fahrgemeinschaften zum lustigen Pegida-Montag verabreden. Nach dem Motto: Freitags wird gebadet, Montag ist Pegidatag.
Ist ja auch nicht viel los zur Zeit. Der Garten ist verschneit, Dynamo eher was für Masochisten und das Fernsehen arbeitet hart daran, sich abzuschaffen. Das ist sicher keine Erklärung für das Phänomen Pegida, aber ein kleiner Stimmungsmosaikstein.
Ja, und man trifft hier tatsächlich das ganze Spektrum an Menschen und Gesinnungen. Es gibt sie, die Dumpfbacken mit stilisierten Reichsadlern auf der Jacke, den Thor-Steinar-Klamotten, die wahrscheinlich nur mitlaufen, weil es „irgendwie um Deutschland“ geht, wie ein vom Fernsehen befragter Flaggenträger in unnachahmlicher Ehrlichkeit bekannte, ehe ein Ordner dazwischenging.
Man trifft hier aber auch distinguierte ältere Herrschaften in vornehmen Mänteln, die keine Miene verziehen, nichts rufen oder klatschen, aber mitlaufen. Oder wie neulich jene zwei Studenten aus Dresden und Wittenberg, die sich angeregt über Habermas, Luhmanns Systemtheorie und die Beherrschung des Diskursraumes durch Begriffshoheit unterhielten.
Das ist die Bandbreite der Pegidabewegten, auch wenn Fernsehen und Presse mehrheitlich beim optisch rechten Rand des Spektrums draufhalten. Michael Klonovsky sprach von Bürgerrechtlern, die da in Dresden laufen, womit er auf die urbürgerliche Kernbelegschaft der Stadt anspielte. Dieser hat Uwe Tellkamp in seinem preisgekrönten Roman „Der Turm“ ein Denkmal gesetzt. Es heißt, er arbeite am zweiten Teil, der Nachwendezeit. So wie es jetzt aussieht, sollte er noch ein paar Kapitel freihalten.
Über die Feiertage setzte sich Pegida mit mehr oder weniger infantilen Pro- und Kontraspielereien im Internet fort.
Doch viele stellen schon jetzt die Frage: „Quo vadis Pegida?“. Schaut man nach 89 zurück, so muss man festhalten, dass damals nach knapp vier Wochen alles gelaufen war. Am 5. Oktober war die Randale am Dresdner Hauptbahnhof nach Honeckers glorreicher Idee, die Botschaftsflüchtlinge aus Prag über die DDR ausreisen zu lassen. Dann folgten Berlin am 7. Oktober („Republikgeburtstag“) mit den Übergriffen der Polizei, Leipzig am 9. Oktober mit dem Stillhalten der Staatsmacht, der 18. mit Honis Rücktritt und schließlich am 4. November die große Demonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz. Dann ging die Grenze auf. Der Rest war Abgesang.
Hier steuert man auf Demonstration Nummer zehn zu. Zwar reagiert der Freistaat Sachsen inzwischen mit der Aufstellung einer Sondereinheit für straffällige Ausländer und anderen kleineren Zugeständnissen, die man um Himmelswillen nicht als solche verstanden wissen will.
Doch im großen Ganzen bewegt sich nichts. Denn die Demonstranten verlangen diesmal nicht das Öffnen der Tür, sondern endlich wieder eine Einlasskontrolle. Doch davon hat man sich schon vor Jahren und in großem Stil verabschiedet. Diese Fehlentwicklungen lassen sich nicht über Nacht beheben. Vom Gesichtsverlust der herrschenden Klasse ganz zu schweigen. Die Forderung, geltendes Recht endlich auch durchzusetzen, ist schon obszön genug.
Deshalb wird es spannend bleiben und 2015 auf jeden Fall ein entscheidendes Jahr werden.
Ganz praktisch darf man davon ausgehen, dass ab Februar statistisch belegte Arbeitnehmerphänomene auftreten wie Resturlaub, Krankheit oder später im Frühling der lockende Garten. Das könnte zu einem Abflauen der Proteste führen. Könnte.
Ein Faktor wird auch sein, ob der Funke auf andere Städte überspringt oder es eine Dresdner Spezialität bleibt. Vielleicht bekäme man wieder Ruhe rein, wenn die Zahl der Asylbewerber nicht weiter steigt und das System sie erstmal „verdauen“ kann. Aber danach sieht es nicht aus. Auch nicht nach einem schnellen Reagieren der Politik wie bei den Rettungspaketen für Griechenland oder die Banken zu Beginn der Finanzkrise. Aber mit jeder Absteige, die für viel Steuergeld zum Flüchtlingsheim aufgehübscht wird, steigt das Mobilisierungspotential der Pegida.
Ob man diesen Geist wieder in die Flasche bekommt, ist fraglich. Denn noch ist er nicht mal ganz draußen.


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„Lügenpresse“ zeigt das ganze Bild – das Ganze?

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Alle Sreenshots aus youtube-Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil I / Panorama / NDR.

 

Ob der Ausdruck Lügenpresse in Gänze berechtigt ist, was die Berichterstattung über die neue Pegida-Bewegung angeht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall scheint der in Dresden immer lauter skandierte Vorwurf in einigen Redaktionen angekommen zu sein. Man wird dort wissen, warum man sich angesprochen fühlt. Das führt aber bereits jetzt zu einer neuen Entwicklung beim Fernsehen – man stellt ungekürztes Material ins Internet, um so den Vorwurf zu entkräften, man suche sich immer nur passende Stellen von Interviews heraus, um so ein bestimmtes Meinungsbild zu illustrieren. Den Anfang machte damit jetzt der NDR mit seiner Sendung Panorama. Diese Sendung stellt, das darf man schon heute sagen, eine Wegmarke in der Entwicklung des Fernsehens dar. Und das nicht nur wegen der verheerenden Geschichte, dass ein Fernsehjournalist als agent provocateur auftrat und aufflog.
In der Sendung vom 18. Dezember wurde für Fernsehverhältnisse ungewöhnlich lange und intensiv über die Pegida-Demonstration vom 15. Dezember berichtet. Nun könnte man es als der viel beschworene mündige und kritische Zuschauer rückhaltlos begrüßen, wenn Medien ihr eigenes Tun selbstkritisch reflektieren und in Büßermanier sagen: Seht her, das ist unser Material, wir können nicht anders.
Doch entpuppt sich das generöse Angebot, das gesamte Material im Internet preiszugeben, bei näherem Hinsehen nur doch wieder als Bestätigung der aufgeflammten Medienkritik. Schaut man sich dieses Material an, und unterstellt man, dass es sich tatsächlich um das gesamte Material handelt, so merkt man Folgendes. Das Fernsehen schickt junge Leute als Interviewer an die Front. Die arbeiten eine wahrscheinlich vorher festgelegte Reihe von Fragen ab. Man spürt das an Brüchen in der Kommunikation. Immer wenn sich Leute „warm“ geredet haben, wird unvermittelt wieder auf Bergrifflichkeiten herumgeritten. Warum Islamisierung? Woran spüren Sie das? Was sind Patrioten? Was bedeutet Abendland?
Auch als Journalist und studierter Mensch hätte man sicher ein Problem, derartige Begriffe aus dem Stand, unvorbereitet und im grellen Licht einer auf sich gerichteten Kamera in druckreifen Sätzen auszuformulieren. Doch diese Gnade gibt es für diese Menschen nicht. Man hört unschwer heraus, dass hier Medienunbegabte aufs Glatteis gelockt werden sollen. Dass das Ganze in der Endfassung für die Panoramasendung dann doch einen gewissen Drall bekommt, sieht man in der Gegenüberstellung der Rohinterviews mit den letztlich einem Millionenpublikum gezeigten Sequenzen. Da ist zum Beispiel die Frau mit dem besorgten Blick, die Angst hat „das wir Weihnachten in die Moschee rennen müssen“. Man selbst kann beim Betrachten einen Lachreflex nur mühsam unterdrücken. Den Verantwortlichen am Schneidetisch in Hamburg muss es ähnlich gegangen sein. Das ist einfach zu schön, um es nicht zu senden. Journalisten sind auch nur Menschen und immer für einen Spaß zu haben. Geschenkt. Dass diese Frau aber auch sagt, dass ihr Sohn als Berufskraftfahrer so wenig verdient, dass am Monatsende kaum etwas übrigbleibt, sendet man nicht. Oder der Herr, der sagt, dass die Ausländer „Bazillen“ mitbrächten und deshalb erstmal isoliert gehörten. Abstoßender geht es kaum. Der Fremde als Seuche an sich. Assoziationen zu dem Nazi-Machwerk der „Der ewige Jude“, in dem Juden mit Ratten verglichen wurden, drängen sich unwillkürlich auf. Dabei vergisst man bei der Abscheu über das Gesagte, dass der Mann sachlich gesehen durchaus recht hat. Es mussten bereits Aufnahmeeinrichtungen beispielsweise wegen eingeschleppter Masernepidemien vorrübergehend geschlossen werden. Er sagt er aber auch, dass seine Enkel in der vierten Klasse schreiben würden, dass einem angst und bange würde vor der Zukunft. Wer selbst Kinder in diesem Alter hat, weiß, dass er recht hat.
Aber ist das wirklich das Gesicht der Pegida-Demonstranten? Warum lässt man nicht den dezent gekleideten jungen Mann zu Wort kommen, der in gestochenen Sätzen von den Schwierigkeiten der „Kommunen bei Unterbringung und Betreuung der Asylbewerber“ redet. Diese Sätze könnten auch von einem CDU-Politiker sein. Vielleicht ist er es sogar. Besonders fällt im ersten Teil des Rohmaterials ab Minute 40 aber das Gesicht einer attraktiven, jungen Frau mit modischer Brille auf. Sie kann in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch erklären, woher der Begriff Abendland kommt. Der Passus, dass das kulturhistorisch gewachsen sei, offenbart eine mehr als „grundständige“ Bildung. Doch dieses freundlich lächelnde Gesicht bekommt das Fernsehpublikum nicht zu sehen. Warum wohl? Die Psychologie weiß, dass schönen Menschen eher geglaubt wird. Sie sind Sympathieträger. Nicht umsonst setzt die Werbung auf schöne, junge Menschen. Stattdessen bekommen die Zuschauer alte Menschen mit teilweise, sagen wir, unvorteilhaften Kopfbedeckungen zu sehen.
Am besten noch etwas geifernd, wie die alte Dame, die immer vor der Kamera hin und her rennt und dabei Sätze ausstößt wie: „Mir (sic) sollen die Kriminellen endlich mal abschieben. Schluß damit, mit der Solidarität.“

Was bleibt ist der Eindruck: Komische Leute mit komischen Mützen und den dazu passenden Ansichten darunter. Das weckt eher Reflexe der Abscheu. Und hier müssen sich die Medienmacher die Frage gefallen lassen: War das so gewollt? Denn ihr eigenes Material hätte auch eine andere Gestaltung zugelassen. Vielleicht eine ausgewogenere, um das abgedroschene Wort doch noch einmal ins Spiel zu bringen?
Schaut man sich die Zugriffszahlen im Internet an, wird deutlich, dass sich nur eine kleine Zahl von Interessierten die Mühe macht, das Material anzuschauen. Am 27. 12. mittags hatten sich den ersten Teil von rund 45 Minuten 47 660 Nutzer aufgerufen. Den zweiten Teil von rund 22 Minuten Länge nur noch 21 561. Ob das viel oder wenig ist, ist schwer zu sagen. Wenig ist es im Vergleich zu den 2,73 Millionen Fernsehzuschauern, die den bearbeiteten Beitrag gesehen hat. Bildet man das Mittel aus denen, die sich den ersten Teil des Rohmaterials angeschaut haben und dem zweiten, dann findet man hier rund 30 000 Menschen, die sich in ihrer Freizeit über die Feiertage und ganz bewusst Inhalte angeschaut haben, die eher nicht unterhaltsam sind. Wobei man beim Fernsehprogramm noch abziehen darf, das viele nur aus Gewohnheit schauen oder dabei etwas anderes machen. Dennoch: Die Deutungshoheit liegt noch bei den etablierten Medien. Bei stärker werdendem Gegenwind. Die Idee, das Material ungeschnitten zur Verfügung zu stellen, darf jedoch als vertrauensbildende Maßnahme im kalten Krieg zwischen Medien und Zuschauern gewertet werden. Insofern bleibt doch ein kleines Lob an die Fernsehleute in Hamburg.


Ein Kommentar

Plötzlich berühmt

Interview mit Edwin Utrecht, dem „mutigen Holländer“, über sein Engagement bei PEGIDA:

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Edwin Utrecht wurde auf youtube bekannt als der „Mutige Holländer“. Jetzt ist er ein Gesicht der PEGIDA in Dresden. Foto: leo

Wie die offiziellen Medien ihre Stars und Prominenten haben, so beginnt auch das Internet, seine Helden hervorzubringen. Einer von ihnen ist seit wenigen Wochen Edwin Utrecht. Er wurde bekannt am Rande der Hogesa-Veranstaltung in Hannover als er, noch aufgewühlt von dem Geschehen dort, einigen Kamerateams vors Objektiv lief. Eine Sequenz davon verbreitete sich im Internet und wurde tausendfach geteilt. Darin spricht Edwin Utrecht darüber, warum er dabei sei. Dort bekam er auch sein Etikett: Der mutige Holländer. Auf der vorletzten PEGIDA-Veranstaltung in Dresden sprach er dann schon als einer der Hauptredner von der kleinen Bühne. Castorfiberalbicus sprach mit ihm über sein Engagement.

Cfa: Edwin, oder Ed Utrecht, ist das Ihr richtiger Name?

Utrecht: Der Vorname stimmt. Meinen Nachnamen möchte ich aber lieber nicht sagen. Ich nenne mich Utrecht, weil ich dort geboren bin.

Cfa: Wo wohnen Sie?

Utrecht: Meine Frau ist eine Deutsche. Wir wohnen in der Nähe des Ruhrgebietes. Aus Rücksicht auf meine Frau, der ich versprochen habe, mich nicht so zu exponieren, möchte ich auch dazu nicht mehr sagen. Außerdem habe ich drei Kinder.

Cfa: Was machen Sie beruflich?

Utrecht: Gelernt habe ich Restaurantfachmann. Ich habe lange in einem Hotel der Familie Fagel gearbeitet. Das ist eine bekannte Familie in den Niederlanden, deren Mitglieder alle ein oder zwei Hotels haben. Später habe ich dann bei einer Tochterfirma von Kabel-Deutschland im Mobilfunkbereich gearbeitet. Da hatte ich unter anderem Zugang zu sämtlichen süddeutschen US-Standorten. Das war in der Zeit des Irak-Krieges. Weil Deutschland da nicht mitmachte, waren die Amis sauer auf die Deutschen. Für mich als Holländer war es kein Problem, einen Ausweis für die Stützpunkte zu bekommen. Derzeit verdiene ich mein Geld mit einem Internetversand für Sportartikel.

Cfa: In der Wochenzeitung „Der Freitag“ wurden sie als „Demonstrationstourist“ bezeichnet, der überall auftaucht, wo Islamkritik geäußert wird. Stimmt das?

Utrecht: Ach so, haben die das. Naja, was in meiner Nähe liegt, da fahre ich hin. Ich gebe zu, dass dieses Thema mich umtreibt.

Cfa: Warum?

Utrecht: Der Hauptgrund sind die Zustände in meiner Heimat. Ich bin in Den Haag aufgewachsen. Ich habe es auf der letzten Demo gesagt, was dort inzwischen in einigen Stadtteilen für Verhältnisse herrschen. Unsere ganze Lebensart wird dort von radikalen Vertretern des Islams in Frage gestellt. Jeder, der Augen hat, sieht doch, was los ist. Wenn hier ständig die Rede davon ist, dass es keine Islamisierung gäbe, dann sollen die, die das sagen, mal dorthin fahren. Und genauso sieht es in Amsterdam, Rotterdam und in allen größeren Städten aus.

Cfa: Was lief Ihrer Meinung nach schief?

Utrecht: Das ging schon in den Siebzigern los. Als ich in der Schule war, bekamen wir in unsere Klasse von dreißig Kindern drei Marokkaner. Die sprachen natürlich kein Wort holländisch. Also mussten 27 Kinder warten, bis die soweit waren. Das war vor 30, 40 Jahren. Ich bin jetzt 46. Heute dominieren die verschleierten Frauen das Straßenbild und alles redet nur noch vom Islam. Die Holländer wollen das nicht mehr. Zu einem großen Umdenken hat die Ermordung von Pim Fortuyn 2002 geführt. Inzwischen wählt jeder Vierte die Partei von Geert Wilders.

Cfa: Die Kritiker der Demonstrationen in Dresden führen ins Feld, dass es in Sachsen so wenig Ausländer und noch weniger Muslime überhaupt gibt. Man demonstriere eigentlich gegen ein Phantom und es sei purer Fremdenhass. Was sagen Sie denen?

Utrecht: Auch in Holland, besonders im Norden, gibt es Landstriche, wo man das Problem mit dem Islam aus eigenem Erleben gar nicht kennt. Die lassen nachts ihre Hintertüren auf, da passiert nichts. Doch so wie es jetzt in Dresden und Sachsen aussieht, war es in den Städten in Holland auch mal. Da war auch immer die Rede davon, dass das alles kleine Probleme wären. Jetzt sind es große und die Politik weiß nicht mehr, wie man sie in den Griff bekommen soll. Ich bin hier, weil ich es richtig finde, dass die Menschen jetzt auf die Straße gehen, wo die Zustände eben noch nicht so schlimm sind wie in anderen Städten. Man schaue sich doch nur mal um in Frankfurt, Berlin oder Hamburg. Wenn gesagt wird, es gebe keine Islamisierung ist das doch eine glatte Lüge. Warum werden dann überall Moscheen gebaut?

Cfa: Werden Sie jetzt so etwas wie das internationale Gesicht der PEGIDA?

Utrecht: Mir ist das selber etwas unheimlich. Ich habe da in Hannover aus einer Aufwallung heraus etwas in die Kameras gesagt. Dass das solche Kreise zieht, hätte ich nicht gedacht. Ich weiß es selbst nicht. Neulich bat man mich, ein paar Worte zu sagen. Das habe ich gern getan. Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Ich bin kein Nazi oder Rechtsradikaler. Ich bin auch kein Moslemhasser, wie unterstellt wird. Und wer wirklich Asyl braucht, soll das auch bekommen. Aber ich bin gegen die schleichende Abschaffung unserer Kultur. Und da meine ich die in Holland und Deutschland. Ich selbst habe nicht den Drang, in die Politik zu gehen. Ich muss auch an meine Familie denken. Leider darf man ja bestimmte Wahrheiten nicht so laut sagen, ohne Angst vor Nachstellungen haben zu müssen.

Cfa: Vor wem haben Sie Angst?

Utrecht: Na, schauen Sie sich doch nur an, wer auf der anderen Seite steht bei den PEGIDA-Demonstrationen. Und was da gerufen wird. Ich bin doch eigentlich jemand, der nur in Ruhe leben will. Aber wir haben inzwischen Zustände im Land, dass man eben auch als Normalbürger mal seinen Mund aufmachen muss. Man muss sich ja inzwischen überlegen, was man bei bestimmten Dingen wie der Zuwanderung sagt. Viele Ostdeutsche erzählen mir, dass sie das noch kennen von früher. Es geht neben der Islamkritik auch um die Meinungsfreiheit und um das Recht der Menschen, zu bestimmen, wie es in ihrem Land weitergeht. Und das muss man ohne Angst können, ohne als „Nazi“ oder sonstwas beschimpft zu werden.

Cfa: Glauben Sie, dass PEGIDA der richtige Weg ist? Immerhin ist der Hauptorganisator vorbestraft?

Utrecht: Darauf habe ich bloß gewartet. Das stimmt. Es wäre besser, wenn Lutz Bachmann nicht dieses Strafregister hätte, weil es neben dem Nazivorwurf natürlich ein gefundenes Fressen ist. Die Leute laufen einem Kriminellen hinterher, wird gesagt. Aber er hat seine Strafe verbüßt. Ich finde, er ist ein feiner Kerl. Er steht zu seiner Vorgeschichte, hat es nicht verheimlicht. Und dann schauen Sie sich doch mal die Gegenseite an. Herrn Özdemir, zum Beispiel, der die Leute hier als Mischpoke bezeichnet hat. Redet noch jemand über dessen Betrügereien mit seinen Bonusmeilen? Oder der Herr Edathy von der SPD, der gerade in Berlin erklärt, dass das mit seinen Kinderpornos alles gar nicht so schlimm war. Und da könnte ich noch andere Beispiele bringen. Die PEGIDA-Leute haben einen Nerv getroffen. Die sind selbst überrascht von der Resonanz. Und dass sie nicht so ganz falsch liegen können, zeigen die vielen Nachahmer in Deutschland, der Schweiz, Belgien, Frankreich und bald auch in Holland.

Cfa: Wie wird PEGIDA in Ihrer Heimat wahrgenommen?

Utrecht: Die Medien verschweigen das noch. Aber ich kommuniziere viel mit Freunden und über das Internet sind die Vorgänge in Dresden auch bis nach Holland gedrungen. Aber es ist richtig, die Masse der Leute hat es dort noch nicht mitbekommen. Aber das wird noch.

Cfa: Wird man Sie jetzt öfter in Dresden sehen?

Utrecht: Nächste Woche zum großen Weihnachtsliedersingen auf jeden Fall. Wie es dann im neuen Jahr weitergeht, weiß ich auch noch nicht. Es ist doch ein ziemlicher Weg.

Cfa: Glauben Sie, dass PEGIDA irgendwann einschläft?

Utrecht: Nein, ganz und gar nicht. Ich spüre bei den Menschen viel Trotz in dieser Beziehung. Und wir kommen alle auf eigene Kosten hierher. Wir lassen uns nicht bezahlen wie die Gegenseite.

Cfa: Bisher verweigert sich PEGIDA einem Dialog mit den Medien. Ist das richtig?

Utrecht: Ich weiß es nicht. Verstehen kann man es, wenn man sieht, was immer daraus gemacht wird. Ich bin das beste Beispiel. In Hannover stand auch ein Kamerateam des ZDF dabei und hat mich gefilmt. Aber gesendet haben sie es nicht. Ich bin schon dafür, miteinander zu reden. Das ist immer besser. Aber man muss sich die Bedingungen anschauen, und, was das Wichtigste ist, man muss wenigstens ein kleines bisschen Vertrauen haben.

Cfa: Vielen Dank für das Gespräch


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PEGIDA schafft die mediale Kernfusion

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Wer sind die? Was wollen die? Das Verhältnis zwischen den Medien und den PEGIDA-Demonstranten ist nachhaltig gestört. Man traut sich gegenseitig nur das Schlimmste zu. Foto: Leo

Nach dem 8. Dezember als sich in Dresden 11 000 PEGIDA-Anhänger und 9 000 Gegendemonstranten der etablierten Parteien- und Massenorganisationen gegenüberstanden, scheint es, als seien alle medialen Dämme gebrochen. War vorher nur am Rande die Rede von der Dresdner Bewegung, war jetzt kein Blatt und fast keine Sendung mehr ohne PEGIDA zu finden. Alle drei „Hochämter“ des deutschen Talkfernsehens, Maybrit Illner, Anne Will und am Sonntag dann noch Günther Jauch, beschäftigten sich mit PEGIDA. Und was den Medienbetrieb an den Rand der Raserei bringt: Die Verantwortlichen verweigern sich konsequent dem jetzt fast hysterisch geforderten Dialog mit den Medien. So etwas gab es noch nie. Wie kann es sich jemand leisten und sogar wagen, eine Einladung zu Maybritt Illner oder unserem lieben Millionärsonkel Günther auszuschlagen? Man kann sich die ratlosen Gesichter der Mitarbeiter in den jeweiligen Redaktionen gut vorstellen. Bei Bosbach, Baring und wie die Politikerklärer aus dem Stehsatz alle heißen, braucht man wahrscheinlich gar nicht extra anzurufen. Vermutlich fragen die inzwischen von sich aus nach, ob sie kommen sollen.
„Wir reden nur noc h mit ausländischen Medien“, sagte PEGIDA-Organisator Lutz Bachmann nach der Demonstration am Montag, zu der 15 000 offizielle Teilnehmer gezählt wurden. Die würden komischerweise als einzige objektiv über das Ganze berichten und nicht sofort eine Wertung mitschwingen lassen. Ihre Montagsdemonstrationen haben die medial völlig unbedarften Macher inzwischen in die erste Liga der Medienaufmerksamkeit katapultiert. Es lägen Anfragen großer Zeitungen wie Le Monde vor, die New York Times war da und erst am Montag sei auch noch das australische Fernsehen dazugestoßen. Australien bestätige aus tragischer Zufälligkeit wie präsent das angesprochene Hauptthema, die befürchtete Islamisierung, sei.
Mit ihrem „Si tacuisses“ gegenüber den heimatlichen Medien sorgen die PEGIDA-Macher für eine Kernfusion im deutschen Mediensystem. Es reicht, den Brennstab mit dem Namen PEGIDA einzuschieben und der Reaktor beginnt zu glühen.
Die Wortmeldungen von allen Seiten laufen jetzt nach dem bekannten Motto früherer Parteiversammlungen: Es wurde alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Da werden Zitate durchs Internet und die Zeitungen gereicht, die der oder die bei Jauch oder Illner gesagt hat. Dann wirft der eine dem anderen vor, dass missverstanden zu haben oder umgekehrt. Alle sind sich einig, ganz genau zu wissen, was diese komischen Leute da in Dresden wollen und sind. Natürlich abhängig vom jeweiligen Klassenstandpunkt.
Je verschwurbelter, desto besser. Da ist inzwischen von „Transformationsverlierern“ die Rede, so als hätte es bis gestern die alten volkseigenen Betriebe noch gegeben und die Leute würden wegen des Verlustes ihrer wohlfühligen Arbeitsplätze auf die Straße gehen. Das fiele ihnen aber reichlich spät ein, 25 Jahre nach der Wende. Aber es klingt so schön wissenschaftlich und wird in Talkshows gerne genommen. Diese Leute müssen Verlierer sein. Wer sonst sollte in unserem so prächtig verwalteten Land gegen die herrschenden Zustände anstinken wollen? Das kann nur „Mischpoke“ sein.
Und dafür haben die Menschen ein feines Gespür. Am 15. Dezember waren zahlreiche Plakate zu sehen, die einzelne Entgleisungen von Politikern aus der Vorwoche aufs Korn nahmen. Genüsslich wird auch herumgereicht, dass die Staatsregierung in Dresden eine Agentur beauftragte, junge Leute für das Aufblasen von Toleranzluftballons anzuheuern. Zehn Euro die Stunde gab es dafür. Viele Alte schmunzelten und erinnerten sich an die fünf Mark Handgeld, die zu DDR-Zeiten für die Teilnahme an der Mai-Demonstration gezahlt wurden. War Tillich nicht Zweiter Sekretär der Kreisleitung Kamenz? Gelernt ist eben gelernt.
Natürlich waren nicht alle Gegendemonstranten bezahlt, wie damit suggeriert werden soll. Aber der publik gewordene Vorgang zeigt doch deutlich, dass wie früher die „herrschende Partei“ den Staat und seine Mittel in die Waagschale wirft, wenn es gilt, die Deutungshoheit über ein Thema zu behalten.
Und das Fernsehen muss entsetzt erkennen. Es wirkt hier als reziproker Beschleuniger. Je mehr das Publikum beschimpft und mit negativen Etiketten behängt wird , umso mehr Menschen kommen. Getrieben von dem Gedanken: Jetzt wird zurückgeärgert. Fast flehentlich bat Sachsens neue „Integrationsministerin“ Petra Köpping (SPD) in der MDR-Talkrunde „Fakt“ darum, den Dialog doch bitte von der Straße in die üblichen Bahnen zu lenken. Will heißen, Arbeitskreis und ermüdende Quasselrunden ohne jedes greifbare Ergebnis. Auch Egon Krenz hatte im Herbst 89 nur eine große Bitte: Die Straße sei kein Ort für Diskussionen.
Andreas F. Rook vom MDR machte dazu noch am PEGIDA-Montag eine Sendung, die man fast schon subversiv nennen konnte. Plötzlich wurde dort Klartext geredet über die „jungen Männer“ aus Tunesien, die, man höre und staune, 70 Prozent der Asylsuchenden in Sachsen ausmachten und nicht die sonst von den Medien gern vorgeführten syrischen Flüchtlingsfamilien. Und diese jungen Männer hätten natürlich Probleme wie der Bautzner Landrat Michael Harig (CDU) anmerkte. Allerdings traute er sich nur von Problemen beim Wohnen in Mietshäusern und der Mülltrennung zu reden. Ein Blick in die örtlichen Zeitungen der vergangenen Woche, wo von einer Großrazzia am Dresdner Hauptbahnhof berichtet wurde, offenbarte, dass es anscheinend auch Probleme beim Umgang mit Betäubungsmitteln gibt, um in der vorsichtigen Diktion zu bleiben.
Die Opposition im Lande, und das ist allein die AfD, ist sich auch noch nicht so recht einig, was sie mit dieser Bewegung anfangen soll. Während Sachsens Landeschefin Frauke Petry dem Wunsch der PEGIDA-Leute nachkam und nicht mitmarschierte, wie sie sagte, spazierte ihr Kollege Alexander Gauland in gleicher Position aus dem benachbarten Brandenburg einfach mal mit und gab auch einem echten russischen Fernsehteam ein Interview.
Bei all dem bleiben aber die großen Fragen: Wo führt das hin, wann hört das auf? Bei den Gegnern hofft man jetzt schon öffentlich auf das Wetter. Aber ob General Winter hier auf Seiten der Etablierten ist, darf bezweifelt werden. Trotz wärmt stärker als Glühwein. In der MDR-Talkrunde sagte der Bautzner Landrat, immerhin wie sein Ministerpräsident CDU-Mitglied, dass diese Demonstrationen nun hoffentlich in Berlin für die nötige „Sensibilisierung“ sorgen würden. Wäre er in dieser Frage konsequent bis zum Letzten, müsste er bei PEGIDA mitlaufen.
Die Asylproblematik ist viel zu komplex, als dass es hier schnelle Antworten geben wird und geben kann. Bei den 89-iger Demonstrationen waren die Ziele klarer umrissen. Reisefreiheit, freie Wahlen und dann später die Wiedervereinigung. Das alles war in einem halben Jahr erledigt und das Volk widmete sich wieder seinen Neigungen (west) oder hatte zu tun, die Orientierung zu behalten. Abstecher mit Paristours inbegriffen (ost).
Doch heute sieht das anders aus. Der Osten macht nur den Anfang. Zahlreiche deutsche Städte ziehen nach. Inzwischen wurde auf Facebook verkündet, dass es neben Ablegern in Österreich, Spanien, der Schweiz inzwischen auch PEGIDA-France gibt. Immerhin, die Franzosen haben ein Profilbild mit der deutschen Fahne. Und diese Seite wird eher nicht von der Europäischen Gemeinschaft gefördert.
Diese Kraft, die immer noch im Wachsen ist, wird früher oder später eine Richtung finden müssen. Auch die Revolution ermüdet irgendwann, wenn nichts Neues mehr kommt. Doch darauf sollte man in Berlin nicht setzen.
Dort wäre man gut beraten, die Packung mit den medialen Beruhigungstabletten wegzustellen und die Ursachen der Krankheit in den Blick zu nehmen. So eine Therapie kann schmerzlich werden. Aber wird es durch Abwarten besser? Dazu sprechen die vorhergesagten Zahlen zu erwartender Asylbewerber eine deutliche Sprache. Und wenn bis in den letzten Winkel Asylbewerber in kleinste Dörfer gepresst werden, radikalisiert sich irgendwann auch mal die Oma in Flöha oder Spitzkunnersdorf. Will man in Berlin so lange warten?


Ein Kommentar

PEGIDA – Der Kampf um die Deutungshoheit

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Auch solche „Parolen“ waren bei der PEGIDA-Demo am Montag zu sehen.

Das politische Dresden hat am 8. Dezember unzweifelhaft einen Höhepunkt erlebt. Man muss inzwischen tatsächlich bis in den Herbst 89 zurückgehen, um Demonstrationen vergleichbarer Größe zu finden. Doch in diesem Winter ist es anders. Hier steht nicht das Volk relativ kompakt gegen die Obrigkeit, sondern es ist gespalten. Das Fernsehen, dem man seine Staatsnähe aufgrund seiner Organisationsstruktur schlecht absprechen kann, steht wie damals gegen den sich spontan formierenden Protest aus der Bevölkerung. Die Presse übt sich in vorsichtiger Annäherung. PEGIDA – heißt die Wortschöpfung, die das politische Establishment in Aufregung versetzt. Gegen Glaubenskriege auf deutschen Straßen, heißt das Leitmotiv der aus dem scheinbaren Nichts entstandenen Bewegung. Grund dafür waren die Vorkommnisse, die sich im Sommer in Deutschland abspielten als Ausländer auf die Straßen gingen und unsägliche Dinge an die Adresse der Juden riefen. Von der Politik und der Staatsgewalt wurden diese Ausbrüche, sagen wir, eher moderierend begleitet. Es waren keine Deutschen, die da „Juden ins Gas“ riefen. Einen solchen Fall hat das Gesetz aber nicht vorgesehen. Ausländer tauchen im Wahrnehmungsraster nur als Opfer auf, nie als Täter oder gar geistige Brandstifter. Was tun? Flugs war von einem alten Antisemitismus aus der „Mitte der Gesellschaft“ die Rede. Aus der Mitte der Parallelgesellschaft hätte es besser heißen müssen. Und dagegen steht PEGIDA. Seit die Demonstrationen unter diesem Kürzel im Oktober begannen, gewinnen sie rasant an Zulauf. Am Montag waren es fast 11 000. Wann gab es das zuletzt? Mit den Gegendemonstranten waren fast 20 000 Menschen aus politischen Gründen auf den Beinen. Die Vorgänge in Dresden schaffen es inzwischen sogar bis in die angelsächsische Presse. Es scheint, dass die Macher der Protestdemos einen Nerv der Gesellschaft getroffen haben. Menschen aus allen Schichten, wie es inzwischen medienübergreifend zugegeben wird, gehen wieder auf die Straße. Und wie 89 mit der Grundstimmung: So kann es nicht weitergehen. Der Zündfunke hier ist die Asylpolitik, bei der man der Regierung im besten Fall nur Konzeptlosigkeit vorwirft.
Nach einer kurzen Schockstarre setzte die übliche schulmedizinische Behandlung durch die Medien ein. Nach dem anfänglichen Verschweigen, wurde intensiv nach Rechten und rechtem Gedankengut bei der Sache gefahndet. Schnell wurden aus den Zielen der Organisatoren wahlweise „Demos gegen Asyl“, „gegen Ausländer“ oder gleich ganz gegen „den Islam“. Distanzieren sich die Redner ausdrücklich von den unterstellten Zielen, heißt es, sie „geben vor“ das zu tun. Es zählt nicht, was gesagt wird, sondern, was unterstellt werden kann.
Die letzte Stufe im allgemeinen Empörungszeremoniell wurde nun am 8.12. erreicht. Das Marschieren der derzeit Mächtigen Seit an Seit. Da standen nun der Tillich und sein Dulig vor den Studenten der TU Dresden, die von ihrer Hochschulleitung zur Demo aufgefordert wurden, den Leuten von der Linkspartei, die gerade in Thüringen das Rad der Geschichte zurückdrehen, den aufrechten Gewerkschaftern und was nicht noch alles. Ihre Musik war laut, die Technik professionell und die Fahnen offensichtlich aus einem gut finanzierten Fundus. Und sie gaben vor, den Ruf Dresdens als weltoffene Stadt verteidigen zu müssen.
Ironie der Geschichte ist nur, dass ausgerechnet die verteufelten PEGIDA-Leute einen echten Ausländer auf die Redner-Bühne brachten. Ein Holländer, von dem bisher nur sein Vorname Edwin, genannt Ed, öffentlich bekannt ist. Im Internet hat er es schon zu einer gewissen Berühmtheit durch eine Videosequenz am Rande der HOGESA-Veranstaltung in Hannover gebracht. Er stellte sich vor als Vater von drei Kindern und sagte einen Satz, der wie in Leuchtschrift über den Gegendemos stehen könnte. „Unsere Gegner laufen einem Traum hinterher“. Wer wissen wolle, wie Multikulti in Wirklichkeit aussehe, der müsse nur mal einen bestimmten Stadtteil von Den Haag besuchen. „Das ist die Hölle“, sagte er. Juden, Schwule oder westlich gekleidete Frauen würden dort von Salafisten verfolgt, und das nicht nur nachts, sondern auch am Tage. Auch in den Niederlanden habe man das Problem immer klein geredet. Bis es jetzt ein Großes sei und man es nicht mehr beherrsche. Jeder Vierte würde inzwischen Geert Wilders wählen.
Passend zu seinen Worten wurden auch die Vorkommnisse rund um die Asylunterkunft Großröhrsdorf thematisiert. Dort hatten Asylbewerber einen Passanten niedergestochen und zusätzlich Feuer gelegt. Inzwischen soll die Unterkunft bis Weihnachten geschlossen werden und der Landkreis Bautzen habe einen Aufnahmestopp für Asylbewerber verfügt, wurde vorgelesen. Der Abschluss der Demo wurde dann doch noch eine Art Umzug, weil die Menschenmassen einfach zu groß waren und von der Polizei in einige, wenige Bahnen gelenkt wurden.
Als Fazit bleibt das diffuse Gefühl, dass derzeit etwas in Bewegung geraten ist, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist. Die Herrschenden, die auch die Deutungshoheit über den öffentlichen Diskurs beanspruchen (siehe Helma Orosz und der Ruf „Wir sind das Volk“) müssen erleben, dass ihnen genau das entgleitet. Es sollte nachdenklich stimmen, dass gegen ein Trommelfeuer der Medien und sogar der aus der DDR bekannten Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen, wie vom Rektor der TU Dresden gegenüber Mitarbeitern bekannt wurde, immer mehr Menschen zu den PEGIDA-Demonstrationen kommen. Teilweise aus Halle, Chemnitz und vielen anderen kleinen Orten. Am 8.12. wurde sogar eine Berlin-Fahne geschwenkt. Auf einem Schild war „Athen“ zu lesen. Man kann sich das Potential hochrechnen, das in dieser Bewegung steckt, wenn diese Menschen auf eigene Kosten und eindeutig gegen den öffentlich verordneten Meinungsstrom nach Dresden kommen. Und nüchterne Strategen in den Parteizentralen tun das. Hier wird etwas in der Wählerschaft aktiv, das nicht steuerbar ist. Und das macht nervös. Es ist faszinierend zu sehen, wie aus dem Nichts gewöhnliche Menschen sich vor Menschenmassen stellen und dort ein Redetalent entfalten, dass ihnen selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst war. Auch das erinnert an 89.
Nachdenklich stimmt auch das Publikum der Gegendemonstration. Dort war viel junges Volk zu sehen. Wahrscheinlich Studenten der Dresdner Hochschulen. Es ehrt diese, wenn sie sich im jugendlichen Idealismus für eine bessere und solidarische Welt einsetzen wollen. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Auch der Autor dieser Zeilen hat in seinen Studentenzeiten die Grünen, und sogar die Linken, die sich damals mal PDS nannten, gewählt. Aber wo bleibt der kritische Geist der jungen Generation gegenüber der Obrigkeit? Es sollte doch stutzig machen, wenn die Hochschulleitung zu einer Demo aufruft. Doch die heutigen Studenten sind alle nach der Wende geboren. Sie kennen nicht die unsäglichen verordneten Demonstrationen zu allen möglichen gesellschaftlichen Anlässen. Was zu der Frage führt, was in Schule und Medien schiefläuft, wenn Teile dieser Jugend linksradikalisiert werden und wie abgerichtet auf Menschen losgehen, nur weil diese Probleme benennen, die jeder sieht. Woher kommt dieser Hass auf das Eigene? Was treibt Menschen zu Parolen wie „Gegen Volk, gegen Heimat“ und Schlimmerem?
Das Dritte Reich ist präsenter als die DDR-Diktatur, obwohl sie erst 25 Jahre zurückliegt, sagte Hubertus Knabe, der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, erst am letzten Wochenende im Phoenix-Interview. Hier leben Täter und Opfer noch. Doch die Medien sind voll mit dem Dritten Reich. Morgens läuft Hitler privat, nachmittags Hitler dienstlich. Erst am Montag abend kam wieder eine Dokumentation über Heinrich Himmler in der ARD. Nichts gegen derartige Exkurse. Als historisch Interessierter schaut man das immer gern. Aber es erschien nicht auf einem Nischensender, wo es hingehört hätte, sondern zur besten Zeit im Hauptprogramm. Hätten wir da nicht gegenwärtig genug andere Themen, die mindestens ähnlich tiefgründig und ausführlich behandelt werden müssten? Beispiele gefällig? Ukraine, die letzte US-Kongreß-Resolution zu Russland oder die fast schon wieder vergessene Sache mit MH 17. Und sucht eigentlich noch jemand nach MH 370? Der Nahe Osten, Isis und seine Kopfabschneiderbanden und nicht zuletzt die saubere Aufarbeitung des Unglückfalles der jungen Frau in Offenbach – alles Themen, die eigentlich die Sendezeit mehr als füllen würden.
Stattdessen wird der Nationalsozialismus umso heftiger bekämpft, je länger er zurückliegt. Das Ganze mit einem billigen Mut und der immerwährenden Suche nach „Nazis“, auch wenn die sich plötzlich als Mutti und Vati entpuppen. Es wird immer von Zivilcourage, Bürgermut und Vielfalt geredet. Dresden zeigt dagegen, das Zivilcourage beweisen muss, wer sich zu PEGIDA durchschlägt. Auch wenn der Hauptredner und Organisator ein ehemaliger Krimineller ist. Was ist dann mit den nachgewiesenen Stasispitzeln im Thüringer Parlament? Bachmann war „Panzerknacker“ und wurde mit Drogen erwischt. Zweifellos eine Karriere, die manchem zu denken gibt und eher abschreckt. Mit solchen Leuten will man lieber nichts zu tun haben. Aber wird etwas falsch, nur weil es vielleicht die Falschen sagen? Und sind es nicht solche gescheiterten Existenzen, die sich erlauben können, die Wahrheit zu sagen? Stichwort: Schweigespirale von Noelle-Neumann. Wer mit dem Finger auf Bachmann in Dresden zeigt, der muss konsequenterweise auch auf die Stasispitzel im Thüringer Landtag zeigen. Bachmann ist durch seine Umtriebe in den Knast gekommen. Ein Vorbild oder Idol ist er sicherlich nicht. Aber die Gestalten in Thüringen, die sogar für parlamentsunwürdig erklärt wurden, haben unbescholtene Menschen „vorbehaltlos belastet“ wie es in den Akten heißt. Diese Typen haben Menschen ins Gefängnis gebracht, die am Ende nur das Land verlassen oder eine „bessere“ DDR wollten. Das Marschieren unter den Fahnen dieser Linkspartei, aber auch von (Block-) CDU, SPD und Grüner Jugend ist der leichte Weg. Wer ihn geht, bekommt öffentliche Zustimmung. Aber ist es deswegen der richtige?