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Geschichten aus der Elbaue

„Lügenpresse“ zeigt das ganze Bild – das Ganze?

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Alle Sreenshots aus youtube-Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil I / Panorama / NDR.

 

Ob der Ausdruck Lügenpresse in Gänze berechtigt ist, was die Berichterstattung über die neue Pegida-Bewegung angeht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall scheint der in Dresden immer lauter skandierte Vorwurf in einigen Redaktionen angekommen zu sein. Man wird dort wissen, warum man sich angesprochen fühlt. Das führt aber bereits jetzt zu einer neuen Entwicklung beim Fernsehen – man stellt ungekürztes Material ins Internet, um so den Vorwurf zu entkräften, man suche sich immer nur passende Stellen von Interviews heraus, um so ein bestimmtes Meinungsbild zu illustrieren. Den Anfang machte damit jetzt der NDR mit seiner Sendung Panorama. Diese Sendung stellt, das darf man schon heute sagen, eine Wegmarke in der Entwicklung des Fernsehens dar. Und das nicht nur wegen der verheerenden Geschichte, dass ein Fernsehjournalist als agent provocateur auftrat und aufflog.
In der Sendung vom 18. Dezember wurde für Fernsehverhältnisse ungewöhnlich lange und intensiv über die Pegida-Demonstration vom 15. Dezember berichtet. Nun könnte man es als der viel beschworene mündige und kritische Zuschauer rückhaltlos begrüßen, wenn Medien ihr eigenes Tun selbstkritisch reflektieren und in Büßermanier sagen: Seht her, das ist unser Material, wir können nicht anders.
Doch entpuppt sich das generöse Angebot, das gesamte Material im Internet preiszugeben, bei näherem Hinsehen nur doch wieder als Bestätigung der aufgeflammten Medienkritik. Schaut man sich dieses Material an, und unterstellt man, dass es sich tatsächlich um das gesamte Material handelt, so merkt man Folgendes. Das Fernsehen schickt junge Leute als Interviewer an die Front. Die arbeiten eine wahrscheinlich vorher festgelegte Reihe von Fragen ab. Man spürt das an Brüchen in der Kommunikation. Immer wenn sich Leute „warm“ geredet haben, wird unvermittelt wieder auf Bergrifflichkeiten herumgeritten. Warum Islamisierung? Woran spüren Sie das? Was sind Patrioten? Was bedeutet Abendland?
Auch als Journalist und studierter Mensch hätte man sicher ein Problem, derartige Begriffe aus dem Stand, unvorbereitet und im grellen Licht einer auf sich gerichteten Kamera in druckreifen Sätzen auszuformulieren. Doch diese Gnade gibt es für diese Menschen nicht. Man hört unschwer heraus, dass hier Medienunbegabte aufs Glatteis gelockt werden sollen. Dass das Ganze in der Endfassung für die Panoramasendung dann doch einen gewissen Drall bekommt, sieht man in der Gegenüberstellung der Rohinterviews mit den letztlich einem Millionenpublikum gezeigten Sequenzen. Da ist zum Beispiel die Frau mit dem besorgten Blick, die Angst hat „das wir Weihnachten in die Moschee rennen müssen“. Man selbst kann beim Betrachten einen Lachreflex nur mühsam unterdrücken. Den Verantwortlichen am Schneidetisch in Hamburg muss es ähnlich gegangen sein. Das ist einfach zu schön, um es nicht zu senden. Journalisten sind auch nur Menschen und immer für einen Spaß zu haben. Geschenkt. Dass diese Frau aber auch sagt, dass ihr Sohn als Berufskraftfahrer so wenig verdient, dass am Monatsende kaum etwas übrigbleibt, sendet man nicht. Oder der Herr, der sagt, dass die Ausländer „Bazillen“ mitbrächten und deshalb erstmal isoliert gehörten. Abstoßender geht es kaum. Der Fremde als Seuche an sich. Assoziationen zu dem Nazi-Machwerk der „Der ewige Jude“, in dem Juden mit Ratten verglichen wurden, drängen sich unwillkürlich auf. Dabei vergisst man bei der Abscheu über das Gesagte, dass der Mann sachlich gesehen durchaus recht hat. Es mussten bereits Aufnahmeeinrichtungen beispielsweise wegen eingeschleppter Masernepidemien vorrübergehend geschlossen werden. Er sagt er aber auch, dass seine Enkel in der vierten Klasse schreiben würden, dass einem angst und bange würde vor der Zukunft. Wer selbst Kinder in diesem Alter hat, weiß, dass er recht hat.
Aber ist das wirklich das Gesicht der Pegida-Demonstranten? Warum lässt man nicht den dezent gekleideten jungen Mann zu Wort kommen, der in gestochenen Sätzen von den Schwierigkeiten der „Kommunen bei Unterbringung und Betreuung der Asylbewerber“ redet. Diese Sätze könnten auch von einem CDU-Politiker sein. Vielleicht ist er es sogar. Besonders fällt im ersten Teil des Rohmaterials ab Minute 40 aber das Gesicht einer attraktiven, jungen Frau mit modischer Brille auf. Sie kann in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch erklären, woher der Begriff Abendland kommt. Der Passus, dass das kulturhistorisch gewachsen sei, offenbart eine mehr als „grundständige“ Bildung. Doch dieses freundlich lächelnde Gesicht bekommt das Fernsehpublikum nicht zu sehen. Warum wohl? Die Psychologie weiß, dass schönen Menschen eher geglaubt wird. Sie sind Sympathieträger. Nicht umsonst setzt die Werbung auf schöne, junge Menschen. Stattdessen bekommen die Zuschauer alte Menschen mit teilweise, sagen wir, unvorteilhaften Kopfbedeckungen zu sehen.
Am besten noch etwas geifernd, wie die alte Dame, die immer vor der Kamera hin und her rennt und dabei Sätze ausstößt wie: „Mir (sic) sollen die Kriminellen endlich mal abschieben. Schluß damit, mit der Solidarität.“

Was bleibt ist der Eindruck: Komische Leute mit komischen Mützen und den dazu passenden Ansichten darunter. Das weckt eher Reflexe der Abscheu. Und hier müssen sich die Medienmacher die Frage gefallen lassen: War das so gewollt? Denn ihr eigenes Material hätte auch eine andere Gestaltung zugelassen. Vielleicht eine ausgewogenere, um das abgedroschene Wort doch noch einmal ins Spiel zu bringen?
Schaut man sich die Zugriffszahlen im Internet an, wird deutlich, dass sich nur eine kleine Zahl von Interessierten die Mühe macht, das Material anzuschauen. Am 27. 12. mittags hatten sich den ersten Teil von rund 45 Minuten 47 660 Nutzer aufgerufen. Den zweiten Teil von rund 22 Minuten Länge nur noch 21 561. Ob das viel oder wenig ist, ist schwer zu sagen. Wenig ist es im Vergleich zu den 2,73 Millionen Fernsehzuschauern, die den bearbeiteten Beitrag gesehen hat. Bildet man das Mittel aus denen, die sich den ersten Teil des Rohmaterials angeschaut haben und dem zweiten, dann findet man hier rund 30 000 Menschen, die sich in ihrer Freizeit über die Feiertage und ganz bewusst Inhalte angeschaut haben, die eher nicht unterhaltsam sind. Wobei man beim Fernsehprogramm noch abziehen darf, das viele nur aus Gewohnheit schauen oder dabei etwas anderes machen. Dennoch: Die Deutungshoheit liegt noch bei den etablierten Medien. Bei stärker werdendem Gegenwind. Die Idee, das Material ungeschnitten zur Verfügung zu stellen, darf jedoch als vertrauensbildende Maßnahme im kalten Krieg zwischen Medien und Zuschauern gewertet werden. Insofern bleibt doch ein kleines Lob an die Fernsehleute in Hamburg.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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