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Geschichten aus der Elbaue

Gedanken zum Mord in der Rue de Turbigo

Ein Kommentar

ParisA

Die Ermordung des bereits wehrlosen Polizisten vor der Redaktion des Charlie Hebdo. Quelle: youtube

Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, lautete die Pushnachricht, die mir meine Spiegel-online-App aufs Handydisplay schickte. Ich muss gestehen, dass ich das Telefon erstmal beiseite legte. Anschlag – das kann heutzutage vieles bedeuten. Eine Farbbeutelattacke, ein Cyberangriff auf die Webseite oder eine eingeschmissene Fensterscheibe. Erst als auf Facebook die ersten Posts dazu erschienen, begriff ich, was da geschehen war. Zu der großen Dimension in Sachen Pressefreiheit ist inzwischen alles gesagt. Mehr oder weniger ehrlich, wenn man sich die sonstigen Standpunkte der handelnden Personen anschaut. Was mich jedoch besonders nachdenklich stimmt und erst später, nach nochmaligem Anschauen, tatsächlich tief betroffen macht, ist dieses wacklige Handyvideo über die Grünpflanzen auf einem Pariser Fensterbrett hinweg, das den Todesschuss auf den verletzt am Boden liegenden Polizisten zeigt. Auf youtube und in den öffentlichen Medien werden nur noch die Sequenzen vor und nach dem Schuss gezeigt. Im Original, das kurz nach der Tat kursierte, nähert sich ein schwarz Vermummter mit Gewehr im Anschlag. Der am Boden liegende Uniformierte hebt eine Hand zu einer bittend, abwehrenden Geste. Der Schwarze schießt wie beiläufig auf ihn und geht vorbei. Nur ein Schuß. Der Uniformierte rührt sich nicht mehr. 12 Journalisten wurden auf einen Schlag erschossen. Man mag sich die Szenen nicht vorstellen.
Der Mord an den Journalisten ist monströs und wird querbeet verurteilt. Aber sind wir mal ehrlich: Schon nach einiger Zeit würden die jetzt noch leisen Stimmen lauter, die sagen: Naja, irgendwie haben sich diese wilden Satiriker das auch ein bisschen selbst zuzuschreiben. Sie als Intellektuelle hätten wissen müssen, wen sie hier reizen. Das ganze große, klingende und glitzernde Karussell der Kulturrelativierung würde sich ächzend in Bewegung setzen. Hätte der Attentäter, der diesen armen, hilflosen Polizisten, der noch diese demütige Abwehrgeste macht, nicht wie beiläufig erschossen, sondern seine Waffe generös nach oben gerichtet, könnte er sicher sein, nicht nur im Lager seiner Glaubensgenossen schon bald als doch irgendwie ehrenwerter Held zu gelten.
Deshalb wird es am Ende wahrscheinlich weniger der Mord an dem aufrechten Dutzend Satiriker sein, der nachhallen wird, sondern der Tod dieses unbekannten Staatsdieners. Der war wahrscheinlich nur dort, weil der Dienstplan es so vorsah. Am Ende mochte er das, was er da bewachte vielleicht noch nicht einmal. War gar kein Leser dieses Blattes. Der verächtliche Schuss auf diesen armen Menschen hat wahrscheinlich eher das Potential zu einem Auslöser.

Zu Huntingtons Kampf der Kulturen? Darf man hier schon einen umgekehrten Vergleich zu Gavrilo Princip ziehen? Es wird nicht unbedingt der allen Polizeien dieser Welt eigene Korpsgeist sein, der die Jagd nach den Tätern unerbittlich macht. Nein, das Volk konnte sehen wie hier mit einem der ihren umgegangen wird. Ohne den Hauch eines Innehaltens gegenüber einem, der schon wehrlos und bittend am Boden liegt. Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft. Sie lautet, wenn wir zu den Waffen greifen, um die Welt so zu gestalten, wie wir sie uns vorstellen, dann gibt es keine Gnade, kein Pardon. Nur ein Wir oder Ihr. Und diese Botschaft dürfte durch die wackeligen Handyaufnahmen über die Grünpflanzen auf dem Fensterbrett hinweg angekommen sein.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Gedanken zum Mord in der Rue de Turbigo

  1. Pingback: Islamfundamentalistisches Massaker im Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo | Kreidfeuer

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