castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Sachsens Spitze erklärt sich – de luxe

Ein Kommentar

DSC_0060

Rund 35 000 Menschen lauschten am Sonnabend in Dresden der Spitze von Stadt und Land. Foto: leo

Es war eine machtvolle Kundgebung in Dresden am Sonnabendnachmittag vor der Frauenkirche. Auch wenn das nach Gewerkschaft klingt. Wer es bestritte, müsste sich zu Recht den Vorwurf „Lügenpresse“ gefallen lassen. Der Platz vor der Frauenkirche war schwarz von Menschen. Auch die seitlichen Gassen waren „zu“. Und selbst während der Veranstaltung strömten immer noch Menschenmengen aus der Innenstadt dazu. Darunter können auch Einkaufsbummler oder Touristen gewesen sein, aber die Veranstaltung hatte das nicht nötig. Es waren Massen da. Die Zahl 35 000 wurde genannt. Die Redner, allen voran Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), sagten relativ vorhersehbare Dinge, die jeder vernünftige Mensch ohne zu zögern unterschreiben würde. Dresden sei weltoffen, heiße Menschen anderen Glaubens und anderer Hautfarbe willkommen. Keine Frage.
Und es war sicher auch mehr als eine Selbstvergewisserung des linken Spektrums, das durch die anhaltenden Pegidaproteste dringend nach Zuspruch verlangte. Darauf deutete die Losung auf einem Transparent, das direkt vor der Bühne entfaltet wurde: „Schön, dass ihr auch schon da seid“. Und da waren sie nun. Neben Dresdens Oberbürgermeisterin auch der Betriebsrat eines großen Dresdner Elektronikkonzerns, eine Unternehmerin, die Vertreter der jüdischen und der moslemischen Gemeinde, der Sprecher des Studentenrates der TU Dresden und als Knüller, nur einen Tag vorher angekündigt, der Schlagersänger Roland Kaiser. Und natürlich Stanislaw Tillich (CDU), der Sächsische Ministerpräsident. Mit dabei hatte er seinen Junior Martin Dulig von der SPD, der aber nichts sagte und nur so mit auf der Bühne stand. Wenn die AfD nicht die politischen Verhältnisse bei der Landtagswahl am 25. August des Vorjahres durcheinandergebracht hätte, stünde hier heute noch ein FDP-Mann. Ob er was zu sagen hätte, ist eine andere Frage. Wie eine versöhnende Mutter sprach Helma Orosz, dass sie hier nicht gegen etwas oder die Pegida-Leute stehe, sondern für Dresden. Sie bekam mehr Applaus als ihr Ministerpräsident.
Die Dramaturgie hatte dessen Rede an die letzte Stelle gesetzt. Und so musste sich die Masse anderthalb Stunden gedulden, bis sich nun endlich der Mann einmal direkt und nicht vermittelt durch Pressezitate zu den Vorgängen in seiner Landeshauptstadt äußert, die wie Tillich selbst bemerkte, auch international wahrgenommen werden. Es war eine vorsichtige Annäherung. Tillich sprach von den Menschenpflichten und der Weltoffenheit des Landes. Aber auch von Bürgern, die offenkundig Angst vor einer Überfremdung hätten. Oder von solchen, die 30 Bewerbungen geschrieben und trotzdem keinen Job bekommen haben. Etwas langatmig erklärte Tillich wie man bei der Schaffung von Arbeitsplätzen vorangekommen sei. Das brachte ihm einen Zwischenruf ein, es sei die falsche Veranstaltung. Während seiner Rede entrollten Jugendliche ein Transparent auf dem stand: Winterabschiebestopp statt warmer Worte. Ob sich Tillich für diese Idee seines MP-Nachbarn Ramelow in Thüringen erwärmen kann, ist eher nicht zu erwarten. Zumal die Dresdner Staatsanwaltschaft diesen gerade ins Visier genommen hat. Doch das waren Zwischentöne, die die Stimmung nicht wirklich trüben konnten. Schließlich sorgte auch die Dresdner Band „Yellow Umbrella“ für gute Laune. Ein großes Plus der Linken, die bei ihren Veranstaltungen bisher wirklich immer schöne Musik machen.
Eine gelungene Veranstaltung, fand auch Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der sich wieder unters Volk gemischt hatte. „Ich bin ein bisschen mit langen Zähnen hierher gegangen“, sagte er. Er habe die Aufrufe der verschiedenen Institutionen an ihre Mitarbeiter gelesen. „Wie früher zum ersten Mai“, so Patzelt. „Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Leute gern hier waren.“ Eine runde Sache also. Bürgerschaftliches Engagement at it´s best.
Und doch bleibt beim auf Fairness bedachten Beobachter ein Nachgeschmack. Betrachtet man den „Versuchsaufbau Antwort auf Pegida“ mal streng wissenschaftlich, in einer Stadt mit einer Technischen Universität muss das möglich sein, stellt man fest: Dieser Versuchsaufbau war nicht nur optimal, er war ideal.
Der Hörfunk hatte schon Tage zuvor im Stundentakt innerhalb seiner Nachrichten auf diese Veranstaltung hingewiesen. Oft sogar an erster Stelle. Die Zeitungen haben ausführlich und in großer Aufmachung angekündigt. Auf die lancierten abfotografierten Schreiben, die durchs Internet geistern, in denen Behördenleiter ihre Mitarbeiter zur Teilnahme auffordern, soll hier nicht näher eingegangen werden. Dazu passend macht schon länger die Runde, dass umgekehrt Pegidagängern mit arbeitsrechtlichen Schritten gedroht wurde.
Auch der arbeitsfreie Sonnabend bei lauer Luft war gut geeignet, Auswärtige nach Dresden zu locken, beziehungsweise hat es auswärtigen Behörden erlaubt, ihre Mitarbeiter herzuschaffen. Und der Name Roland Kaiser dürfte sein übriges beigetragen haben, auch wenn Der Schlagerbarde nicht sang. Der Künstler füllt in Dresden nahezu jede Veranstaltungsimmobilie. Es wäre eine lohnende Aufgabe für Soziologen und Statistiker, die Teilnehmerzahlen unter Einbeziehung dieser Faktoren zu wichten.

DSC_0083

Die Veranstaltung wurde mit professioneller Konzerttechnik und Hotel-Catering im VIP-Bereich absolviert. Foto: leo

Und dann die Veranstaltung selber. Man konnte schon den Eindruck bekommen, dass es sich hier um eine Demonstration de luxe handelt. Nicht unbedingt weil „Die Linke“-Fahnen so schön im Wind vor dem Schriftzug „Champagner-Lounge“ flatterten. Sondern beispielsweise wegen diesem kleinen Zelt links neben der Bühne, hinter der Polizeiabsperrung. Vor dem standen zwei hübsche Mädchen mit der Aufschrift „Hilton Catering“ auf ihren Jacken. Immer wenn sie mal den Reißverschluss zu dem Zelt lüpften, etwa, um einen Musiker mit seinem Lachsbrötchen wieder rauszulassen, sah man hübsch drapierte Leckereien auf etlichen Etagentellern. Dazu Kaffee, Cola, Wasser. Was das Herz begehrt. Kursachsen eben. Auf der Bühne wurde von Flüchtlingselend gesprochen. Rechts von der Bühne standen zwei spitzhütige Zelte. „Das ist für Interviews“, erklärte ein Polizist, der davor Wache hielt. Und dann die Bühne selber. Eine Aluminiumkonstruktion stützte das Dach mit der daran hängenden Armada von Lautsprechern und Strahlern. Wegen des heraufziehenden Sturmes hatte man die Bühne mit beschwerten Gitterboxpaletten verankert. Allein diese Bühne baut man nicht in ein paar Stunden auf. Eine Lautsprecheranlage, die der bei Rockkonzerten schon bedenklich nahe kam, sorgte dafür, dass die Reden bis in den letzten Winkel gehört werden konnten. Kein Vergleich zu dem Megafon oder der schwachbrüstigen Audioanlage, die zuletzt bei Pegida verwendet wurde. Von dem Verkaufsanhänger ganz zu schweigen. Die Choreografen am Sonnabend hatten sich in Sachen Akustik richtig Gedanken gemacht. So standen an bestimmten Plätzen abseits der Bühne zusätzliche Hebebühnen, die weitere Lautsprecherbatterien trugen. Gesteuert wurde diese ausgeklügelte Technik aus einem Container in der Mitte des Platzes. Auch das erinnerte an Rockkonzerte. Bei der Bekanntgabe der Besucherzahlen hielt man sich nicht wie montags üblich mit dem Verweis auf die Polizei auf, sondern zitierte gleich den Veranstalter.

DSC_0079

Vor allem Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) war danach noch viel gefragt. Foto: leo

Dennoch bleibt ein Patt. Beide Seiten mobilisieren Zehntausende. Die einen mit Rückenwind aus Medien und Verwaltung, die anderen dagegen. Oder gerade deswegen. Das ist der Stand. Mehr kam bisher nicht heraus. Doch was nun? Tausende Menschen aus politischen Gründen auf der Straße. Das gab´s schon lange nicht, kann aber auch nicht ewig so weiter gehen. Politik sollte versöhnen, heißt es immer. Und dabei ist Phantasie gefragt. Vor allem bei den gewählten Machthabern. Vielleicht sollte Helma Orosz doch nicht Ende Februar in Rente gehen. Ihre Sätze klangen ganz vernünftig und verständnisvoll. Und so etwas wird jetzt dringend gebraucht.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Sachsens Spitze erklärt sich – de luxe

  1. “ Politik sollte versöhnen, heißt es immer. “ ja – aber leider nicht hier in Dresden. Das funktioniert hier nicht. Das hat hier keine Tradition, sowohl bei städtischen Bauvorhaben (Stichwort Neumarkt, Waldschlößchenbrücke etc.) oder bei politisch aufgeladenen Veranstaltungen rund um den 13.2. und die darauf folgende Aktivitäten von Bespitzelung (Funkzellenabfrage) bis hin zur „Fälscherwerkstatt“ bei der Polizei wo die Videos „kreativ“ mit dem einzigen Ziel der Belastung angefertig wurden. Nein, leider – und das meine ich als Dresdner genau so – sind die meisten hier eher Sturköppe die meinen ihre überschnell zusammengestrickte Weisheit mit riesigen Löffeln gefressen zu haben und sich durch Fakten eher nicht beirren lassen. Daher werden alle Rede- und Diskussionsangebote ins Leere zielen und nichts fruchten. Wobei ich mich da gerne eines besseren belehren lasse.

    Für mich persönlich scheint da der Ansatz „Kasper, tanz schneller“ zielführender, zur Zeit kocht die Pegida zu meiner Freude ja ordentlich auf Twitter & Co. Solange bis sie sich wie Rumpelstilzchen selber zerreißen. Solange muß man dem Affen einfach genügend Zucker geben und sich mit Popcorn und Bier bewaffnet auf der Seitenlinie gemütlich machen: Dresdner Schauspiel at its best 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s