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Geschichten aus der Elbaue

Leipzig sucht den Anschluss

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Rund 5000 Menschen kamen zu „Legida“ in Leipzig am Sportforum. Foto: leo

Jetzt also auch die Messestadt. Legida nennt sich der Ableger von Pegida in Dresden an der Pleiße. Hier hatte das neue Bündnis für den 12. Januar zur ersten Kundgebung der „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ eingeladen. Mit „Guten Morgen“, begrüßte deshalb der erste Redner die Anwesenden. Denn jetzt sei auch Leipzig aufgewacht. Für die Auftaktveranstaltung hatte man sich in der Internetszene bekannte Redner geholt. Da waren Ed aus Utrecht, der als „mutiger Holländer“ inzwischen schon eine feste Größe bei den Dresdner Abendspaziergängen ist, und Tatjana Festerling. Die Hamburgerin ist im Netz als aufmüpfige AfD-Frau bekannt, weil sie eine andere Darstellung der Kölner Hooligandemo im Herbst 2014 publizierte und damit auch in ihrer Partei aneckte.
Leipzig ist anders als Dresden. Das lässt sich jetzt schon sagen. Die zahlreichen Gegner der Pegida-Bewegung hatten hier Zeit, sich vorzubereiten. Leipzig hat mit seinem Stadtteil Connewitz einen Brennpunkt, in dem auch ohne Pegida schon seit der Wende allerhand los ist. Da reichen schon Anlässe wie Silvester, dass hier Scheiben von Supermärkten bersten oder Müllcontainer brennen. Erst kürzlich schoben die mehrheitlich hier ansässigen Bewohner aus der linksalternativen Szene die Stadt in den Fokus der breiteren Öffentlichkeit, als sie in Überzahl einen mit zwei Mann besetzten Polizeiposten attackierten.
Die Polizei weiß also, mit wem sie bei derartigen Demonstrationen auf der Gegenseite rechnen muss. Und so war es sicher keine Laune, dass Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz, der bis zu seinem Erscheinen in der Messestadt 2012 immerhin der Landespolizeipräsident des Freistaates Sachsen war, sich persönlich ein Bild von der Lage machte. Merbitz stand ketterauchend auf den Stufen des Sportforums wie auf einem Feldherrenhügel und hatte wie weiland Napoleon an der Tabaksmühle im Leipziger Osten alles im Blick. Flankiert wurde er von zwei Bodygards in Zivil, die nur an den farblosen Kabeln, die sich zu einer Ohrmuschel ringelten, als „bewaffnete Organe“ zu erkennen waren. Neben Merbitz fanden sich noch zwei weitere Polizeiobere ein, die vier silberne Sterne auf ihren Schulterklappen trugen. Aus Funkgeräten tönten Statusmeldungen von den Brennpunkten der Stadt. Insgesamt waren fünf Gegendemonstranten angemeldet. Eine war gut auf dem Platz zu hören. Der füllte sich nur allmählich. Bedingt durch die städtebauliche Lage des Veranstaltungsortes im noblen Leipziger Waldstraßenviertel gab es nur einen Zuweg zur Legidaversammlung. Deshalb verspäteten sich auch einige Redner. Unverhohlene Freude kam beim gegnerischen Lager auf. Über eine leistungsstarke Lautsprecheranlage verkündete eine Frauenstimme, dass nur 150 Leute bei Legida wären, was nicht stimmte. Irgendwie war es einer Handvoll Sympathiesanten des linken Lagers gelungen, hinter die Absperrung der Treppen auf dem Sportforum zu kommen. Von dort rief eine junge Frau mit einem Tetrapack Apfelsaft in der Hand bissige Kommentare auf Redebeiträge der Legida-Leute. Ihr Dialekt ließ auf eine norddeutsche Herkunft schließen. Auch andere stimmten ein. Schon kurze Zeit später kam es hier zu einem Handgemenge zwischen Legida-Anhängern und den Rufern, das aber von Ordnern und Polizei geschlichtet wurde.
Kurz vor sieben wälzte sich plötzlich eine Menschenmenge durch die Zumarschsstraße, dass auch Bernd Merbitz sein Handy zum Fotografieren zückte und kommentierte: „Jetzt kommen Massen“.
Insgesamt schätzte die Polizei rund 5000 Legida-Anhänger, was hinkommen dürfte, wenn man ähnliche Aufläufe in Dresden als Vergleich heranzieht. Doch was zu Dresden auffällt: Leipzig ist proletarischer. In Kleidung, Auftreten und Wortwahl. Das zeigte sich besonders beim Marsch durch das Viertel, der nicht wie einige Radiostationen es meldeten, behindert wurde. Das Waldviertel mit seiner Jugendstilbebauung wurde im Krieg kaum getroffen. Hier schallte der Ruf „Wir sind das Volk“ entsprechend wirkungsvoll in den Straßenschluchten. Entlang der Strecke hatten einige Bewohner ihre Fenster geöffnet und Lautsprecherboxen auf die Fensterbretter gestellt. Daraus erklang Beethovens „Ode an die Freude“. Aus dem Zug wurden teilweise ordinäre Schimpfworte laut. Kein Vergleich zu den Schweigemärschen in Dresden. Das Publikum der Legida-Gänger war weniger bürgerlich als in Dresden. Viele junge Männer, und darunter solche, denen man rein optisch zutraut, dass sie Woche für Woche ohnehin die Stadiongegend unsicher machen, wenn Spielzeit von RB Leipzig oder Lok ist.
„Die Bürgerlichen stehen alle auf der anderen Seite“, sagte ein Mittvierziger-Ehepaar abseits des Geschehens. Man müsse den Leuten es besser erklären, dass Deutschland jetzt eine multikulturelle Gesellschaft sei, so die Meinung beider. Ob die Gegendemonstranten wirklich 35 000 Leute auf die Beine brachten, lässt sich durch bloßen Augenschein beim Rundgang nicht sagen. In den 22-Uhr-Nachrichten wurde die Zahl noch am Abend auf 30 000 korrigiert.
Ob die Anfangszahl von rund 5000 Legida-Protestlern viel oder wenig war, ist ebenfalls schwer einzuordnen. An mitgeführten Transparenten und Flaggen war sichtbar, dass hier auch viele aus dem Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt mitlaufen. Setzt man daneben, dass Dresden am selben Abend seine Teilnehmerzahl nochmal steigern konnte, ist anzunehmen, dass Legida Menschen mobilisiert, denen der Weg nach Dresden zu weit ist und die lieber die nächstgelegene Möglichkeit nutzen. Dann könnten diese 5000 allerdings der Auftakt zu größeren Aufläufen sein. Abzuwarten ist in diesem Zusammenhang, ob sich der Widerstand im gleichen Umfang aufrecht erhalten lässt. In Dresden finden sich abseits groß vorbereiteter Proteste nur rund 4000 Menschen zum Gegenprotest.
Dass Leipzig ein eigenes Pflaster ist, zeigte auch der unmittelbare Abschlussbericht der Polizei. Ein „Luxuswagen“ und ein Müllcontainer gingen in Flammen auf. Derartiges gab es bisher in Dresden nicht.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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