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Geschichten aus der Elbaue

Leipzig: Die Polizei als politische Feuerwehr

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Nach der Absage der Dresdner Pegidademonstration wegen einer Morddrohung gegen Pegida-Gründer Bachmann schaute nun am Mittwoch alles nach Leipzig, der zweiten Gida-Hochburg in Sachsen. Es wurde vermutet, dass nun besonders viele Demonstranten, die sonst in Dresden gelaufen wären, nach Leipzig fahren. Und auch die linksextreme Szene, die in der Messestadt so etwas wie ihr Hauptquartier hat, bereitete sich vor. Nach Polizeiangaben gilt es als sicher, dass auf deren Konto die Brandanschläge gegen Kabelschächte der Bahn gehen, um Legida-Anhänger an der Anreise per Zug zu hindern. Doch auch so hatten es Besucher der Stadt schwer, zur Legida-Veranstaltung durchzukommen. Die Polizei hatte alle großen Einfallsstraßen ins Stadtzentrum mit Sperrgittern, Mannschaftswagen und Postenketten abgeriegelt. Die Polizisten standen in Monturen, die sich nur noch von Ritterrüstungen unterschieden, weil viel Plastic verarbeitet ist. Einer hatte einen Feuerlöscher auf dem Rücken. So etwas hatte es seit der Wende hier nicht mehr gegeben. Die Polizei hatte nicht nur Manpower in Form von 4000 Polizeibeamten aus zahlreichen Bundesländern in Stellung gebracht, sondern auch Wasserwerfer und einen Schützenpanzer der Bundespolizei. Ist das schon der Bürgerkrieg?, mag sich mancher angesichts dieses beindruckenden Equipments gefragt haben. Nur zwei Zuwege gab es zum Kundgebungsort auf dem Augustusplatz. Doch auch dort hatten sich Gegendemonstranten aufgebaut, sich untergehakt und skandierten Losungen wie „Legida hau ab“. An der Osthalle des Hauptbahnhofes kam es deshalb zu hitzigen Diskussionen und ersten Handgreiflichkeiten als Gegendemonstranten andere Besucher am Betreten des „Inneren Ringes“ der Kundgebung hindern wollten. Menschenpulks wogten hier hin und her, wobei Dutzende dort abgestellte Fahrräder und eine TV-Kamera samt Stativ umgestürzt wurden. „Bau deine scheiß Kamera doch woanders auf“, bekam der schreiende Mann dahinter aus dem Pulk der Schubser zu hören. Ein alter, untersetzter Mann mit goldumrahmter Brille und Hut wurde von einem ganz in Schwarz gekleideten jungen Mann, der ihn um zwei Köpfe überragte, mittels Körpereinsatz weggeschubst. Der alte Mann rückte seinen Hut wieder zurecht und schüttelte den Kopf. Ein anderer beteuerte hitzig, kein Nazi zu sein, man solle ihn gefälligst durchlassen. Angesichts dieser mehr als erschwerten Möglichkeit, überhaupt auf das Kundgebungsgelände zu kommen, zählte die Polizei immer noch 15 000 Demonstranten. Man darf davon ausgehen, dass viele Ortsunkundige die Einlässe nicht fanden oder angesichts der Gewaltszenen dort wieder abdrehten. Bei der Veranstaltung selber offenbarte sich ein Unterschied zu Dresden, der sich schon bei der ersten Veranstaltung andeutete. Hier nehmen Intellektuelle das Heft in die Hand. So sprachen diesmal Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek zu den versammelten Massen. Elsässer, der sich selbst als einen gewandelten Linken bezeichnete, sagte dann auch in seiner Rede, dass er auch früher auf Seiten den Antifa demonstriert habe. Heute seien das für ihn rotlackierte Faschisten. Allerdings taucht Elsässer in letzter Zeit überall auf, wo sich Widerstand regt. So sprach er beispielsweis am 19. Juli auf der großen Kundgebung der Friedensmahnwachen in Berlin, oder am 15. November in Dresden auf einer Veranstaltung besorgter Eltern gegen die Frühsexualisierung von Kindern in der Schule. In dem von ihm herausgegebenen Compact-Magazin greift Elsässer häufig Themen auf, die der Mainstream meidet oder nur schablonenhaft abarbeitet. So begleitet das Heft beispielsweise kritisch den NSU-Prozess, der, je länger er dauert, mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Von Kritikern muss sich Elsässer allerdings oft halb spöttisch vorhalten lassen, dass er bei vielen Themen als Conclusio das finstere Wirken von Geheimdiensten diagnostiziert.
Kubitschek ist weniger bekannt, aber in der rechtskonservativen Publizistik eine feste Größe mit seiner eigenen Zeitschrift, der Sezession, und einer Schriftenreihe, die gegen den Mainstream löckt. Beide Redner unterscheiden sich nach Herkunft, Bildung und vor allem Ausdrucksvermögen grundsätzlich von den oft halbseidenen Akteuren der Dresdner Szene. Umso unverständlicher erscheint es der Anhängerschaft, dass die Dresdner Pegida sich jetzt von der Legida distanziert hat. In den einschlägigen Foren wird das heftig diskutiert. Dass die Leipziger Veranstaltung sich wissenschaftlicher Beobachtung erfreut, zeigte der Fakt, das Olaf Sundermeyer die Ränder der Menge auf dem Augustusplatz in Augenschein nahm. Sundermeyer wird in Talkshows wie zuletzt bei Maybrit Illner wahlweise als Journalist oder Rechtsextremismusforscher vorgestellt. Während des Rundganges verteilten Studenten der Uni Göttingen kleine Handzettel für eine Studie.
Was Leipzig vielleicht an Wortinhalt zu bieten hat, das fehlt in Sachen Leichtigkeit. Der Reden waren zu viele, sie waren zu lang, und, was das Schlimmste ist, langweilig. Bis auf die, der beiden Erwähnten. Einer verkündete gar, dass er heute Geburtstag habe und grüßte seine Mutter. Es hätte nur noch gefehlt, dass nach oben zeigende „Gefällt-mir“-Daumen aufleuchteten. Nach knapp zwei Stunden konnte dann die Polizei zum finalen Akt in der „Festung Leipzig“ ansetzen. Dabei kam es wieder zu unschönen Szenen am Hauptbahnhof. Als Fazit bleibt: Sachsen hat einen Unruheherd mehr. Diesen aber dank Gegenpotential mit höherem Zündfaktor.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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