castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Sigmar Gabriel in Dresden: Perba ist ein Skandal

Ein Kommentar

Foto(8)

Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte sich am Freitag im Dresdner Stadtmuseum unters Volk gemischt, um sich selbst ein Bild von der Lage in Dresden zu machen. Foto: leo

50 Asylbewerber in so ein kleines Dorf, das gehe gar nicht. „Das ist ein Skandal“. Der das sagt, ist nicht irgendein mosernder Dorfbewohner, sondern niemand Geringeres als der Vizekanzler dieser Republik, Sigmar Gabriel. Im Zweitjob SPD-Vorsitzender. Mit dem Dorf ist das kleine Perba zwischen Nossen und Lommatzsch gemeint. Ein Dörfchen, dass mit diesen Worten endgültig auf der ganz großen Bühne der Politik angekommen sein dürfte. In dem 170-Seelen-Dörfchen will das Landratsamt Meißen zunächst 50 Asylbewerber unterbringen. Mit der Option auf mehr, denn in den alten DDR-Block passen bis 100 Personen. Das alles gegen die heftigen Proteste der Ureinwohner. Die wollen als Zeichen ihres guten Willens drei Flüchtlingsfamilien aus Syrien aufnehmen, befürchten aber, dass man ihnen die in Sachsen inzwischen berüchtigten jungen, männlichen Nordafrikaner schickt. Und wenn es stimme, dass der Landrat den Perbaern mit noch mehr Asylbewerbern gedroht habe, wenn sie nicht Ruhe gäben, dann müsse er zur Verantwortung gezogen werden, sagte Gabriel. „Der Mann ist ein Fall für den Innenminister“, so der Vizekanzler wörtlich. Was sich in diesem Fall gut trifft, da Perba zufällig auch im Wahlkreis unseres Innenministers Thomas de Maiziere liegt.
Aber wie kommt der Vizekanzler dazu, sich mit diesen Provinzpossen zu beschäftigen? Man könnte sagen: Auch das ist eine Folge des gegenwärtigen Zustandes der Medienlandschaft. Die bewirkt einen nicht abreißenden Pilgerstrom von Interessierten nach Dresden. Alle mit der einen Intention: Mal ein eigenes Bild von der Lage in Sachsen machen. Und so kam es, dass sich manche am Freitagabend im Dresdner Stadtmuseum ungläubig die Augen rieben. Ist er das? Oder doch nicht? Der gemütliche Dicke, der sich in einer mittleren Reihe unters Publikum in dem vollbesetzten Saal gemischt hatte, war es tatsächlich. Die Bodyguards fielen in ihren blauen Parkas im Dresdner Publikum nicht auf. Das kam wieder auf Einladung von Frank Richter, dem Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, unter dem Titel „Warum (nicht) zu Pegida gehen?“ zusammen. Man war auf den größeren Saal in dem ehemaligen Ständehaus ausgewichen, da die Landeszentrale die Massen an Interessierten einfach nicht fasst. Hier hatte schon August Bebel gesprochen, sagte Gabriel andächtig nach der Veranstaltung. Nach dem bewährten Fischkugelprinzip konnten immer bis zu vier Personen an einem Tisch in der Mitte Platz nehmen und reihum reden. Richter hatte die Methode inzwischen noch verfeinert. So stoppte eine Mitarbeiterin die Zeit und läutete immer nach drei Minuten ein kleines Glöckchen. Ein dezentes Mittel, um Vielredner zu stoppen, die mal grundsätzlich was zum Weltgeschehen im Allgemeinen und dem Zustand ihres Innenlebens im Besonderen sagen wollen. Manchen hätte man gern etwas länger zugehört, aber bei den weitaus meisten war diese Verfahrensweise ein Segen. Und so vergingen zwei Stunden wie im Fluge. Heraus kam eigentlich nicht viel Neues. Die Diskussion steckt im Stellungskrieg fest. Einig ist man sich vielleicht noch in der Diagnose, dass es so nicht weitergehen kann. Herausgeschält haben sich wieder zwei Schwerpunkte: Die konzeptlose Asylpolitik und die Medien, die das Phänomen Pegida nicht wahrheitsgemäß abbilden. Das führte vor allem Vera Lengsfeld an, die von Frank Richter als Gastrednerin eingeladen war. Die Bürgerrechtlerin aus DDR-Zeiten und einstige Vertraute von Angela Merkel hatte sich zu diesem Thema, Pegida in den Medien, extra vorbereitet. Ihr gestand man dann auch mehr als drei Minuten Redezeit zu. bild_sebnitzIhr Fazit: Die Medien hätten aus dem Fall Sebnitz nichts gelernt. Im Jahr 2000 brachte die Bild-Zeitung eine Geschichte, die weltweit für Empörung sorgte. Danach hätten Badbesucher in dem kleinen sächsischen Provinzstädtchen einen kleinen Jungen, dessen Vater aus dem Irak stammte, einfach ertrinken lassen oder sogar ertränkt. An der Geschichte war nichts dran, wie sich später herausstellte. Aber da hatten Unschuldige schon in Untersuchungshaft gesessen und das Örtchen bekam seinen Ruf als kindermordendes Nazinest weg. Parallelen dazu sehe sie jetzt in dem Fall des getöteten Asylbewerbers in Dresden. Die Tat hat inzwischen ein Mitbewohner gestanden. Dennoch gab es eine Demonstration als noch gar nicht feststand, wie der Afrikaner ums Leben gekommen war. Unterstellt wurde ein Zusammenhang mit Pegida. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz war in die Wohnung des Opfers geeilt und hatte dort wahrscheinlich sogar dem Mörder die Hand geschüttelt. Sie sollte sich entschuldigen vor den Dresdnern, rief ein Mann aus dem Publikum. Als der zweite bestellte Gastredner des Abends, der Leiter des Dresdner Staatsschauspiels, Wilfried Schulz, zu einer Aufzählung ausländerfeindlicher Begebenheiten in der letzten Zeit ansetzen wollte, kam er nicht weit, weil das Publikum lautstark dagegenhielt. Was denn „typisch deutsche Männer“ seien, wurde gerufen als Schulz eine Begebenheit schilderte, nach der eine dunkelhäutige Mutter mit Kinderwagen beim Besteigen einer Straßenbahn von derart klassifizierten Männern gehindert worden sei. Abfälliges Lachen brandete auf, als Schulz sagte, ein Bekannter habe ihm das erzählt. „Das ist Hörensagen“, kam es aus dem Publikum. Die Diskussion endet mit dem bisherigen Status quo und dem Ausblick auf den Sonntag, wo Pegida auf dem Theaterplatz demonstrieren will. Es ist die erste Veranstaltung des Bündnisses nach der Bachmann-Hitler-Affaire. Man hat das Treffen auf den Sonntag vorgezogen, um so der für Montag angekündigten Gegendemo mit Grönemeyer und anderen Musikgrößen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
So richtig interessant wurde es dann jedoch noch einmal im Treppenhaus. Hier passten Dresdner den „Siggi“ aus Berlin ab, und diskutierten mit ihm fast genauso lange, wie die eigentliche Veranstaltung gedauert hatte. Eins muss man dem „Dicken“ lassen. Er ist bisher der einzige und der ranghöchste Politiker Deutschlands, der Pegidagänger hautnah an sich ranlässt und ihnen zuhört. Und er gab Erstaunliches von sich. Während andere auf seiner Ebene Wörter wie „Schande“ und mehr für Pegida-Demonstranten gebrauchten, sagte er: „Es war mir von Anfang an klar, dass hier nicht bloß Nazis marschieren“. Er hätte einen privaten Grund gehabt, in die Nähe von Dresden zu fahren und sich gedacht: Schaust Du dir das doch mal an. Und da hatte er sie nun vor sich, die Widerspenstigen, die Verdrossenen, die Nichtwähler. Einer sagte ihm, dass er montags zu Pegida gehe, während seine Tochter bei Nopegida auf der anderen Seite stehe. „Na, dann habt ihr ja zu Hause was zu erzählen“, antwortete Gabriel aufgeräumt und unter dem Lachen der Umstehenden. Ins Gespräch kam er auch mit Ingolf Knaither. Das ist der Autor jener ominösen Facebooknachricht vom Dienstag, wonach die Dresdner Polizei den Tatverdächtigen im Mordfall Kahled längst ermittelt habe, aber auf Geheiß von oben noch nicht verraten dürfe. Er habe das aus sicheren Quellen. Und der weitere Verlauf der Sache gab Knaither recht. „Aber wissen Sie, wie ich seither bedroht wurde?“, fragte er Gabriel. Von dem wollte er auch wissen, warum nichts gegen kriminelle Großfamilien in Berlin, Bremen und zuletzt in Hameln unternommen werde. Gabriel konnte immerhin noch beisteuern, dass in der Nähe seiner Heimatstadt Goslar, in Salzgitter, auch eine libanesische Großfamilie ihr Unwesen treibe. „Glauben sie mir“, sagte Gabriel zu Knaither. „Die Fakten sind alle bekannt“. Aber warum wird dann nichts gemacht?, fragten mehrere Umstehende. Hier wurde der SPD-Vorsitzende unscharf. Sagte etwas von Strafprozessordnung, dass Straftaten bewiesen werden müssten und Zeugen ihre Aussage wieder zurücknähmen. Oft sei da nicht mal Gewaltandrohung, sondern Geld im Spiel. Und, dass Jugendliche im Gefängnis erst so richtig das „Handwerk“ lernten. Aber bei 50 Straftaten und mehr?, wurde gegengefragt. In diesem Punkt konnte Gabriel nicht überzeugen. Und er bekam oft zu hören, dass man zu Pegida gehe, damit es in Sachsen erst gar nicht zu diesen Zuständen komme. Gabriel hielt dagegen, dass es die geschilderten Problembereiche gebe, aber diese doch nicht Deutschland als Ganzes ausmachten. Aber es werden doch immer mehr solche Schwerpunkte, wurde ihm entgegengehalten. Auch hier ein Patt.
Diskutiert wurde ebenfalls der Fall einer in Dresden lebenden Kanadierin, die bei einem gleichartigen Forum in der Dresdner Frauenkirche beklagt hatte, dass man sie scheel ansehe, wenn sie in der Straßenbahn ein Buch mit englischem Titel lese. Auch habe man ihr den kleinen Quebec-Aufkleber vom Auto gekratzt. Ein vornehm gekleideter, älterer Herr sagte, so einen Quatsch habe er schon lange nicht mehr gehört. Er fahre selbst in diesem Dresdner Stadtteil mit der Bahn. Da läsen so viele irgendwelche ausländischen Publikationen. Kein Mensch störe sich daran. Warum auch? Und die vielen Deutschlandfahnen, die während der WM von Autos abgeknickt wurden, würden auch keinen interessieren. Es gibt bei den Veranstaltungen der Landeszentrale kein Schlusswort, wie Frank Richter immer betont. Man müsse zuhören und aushalten. Mehr erstmal nicht. So war es auch auf der Treppe. Der „Siggi“ wettete noch mit Ingolf Knaither um zwei Bier. Worum es ging, war nicht zu verstehen. „Aber ich trinke große“, sagte Gabriel und schmunzelte vergnügt. Knaither schlug ein. Der Rest zerstreute sich langsam. Letzte Diskussionen gab es noch vor der Tür, ehe es den Frauen zu kalt wurde. Fazit der Diskutanten: Soviel Politik war lange nicht und der Gabriel ist eigentlich kein schlechter Kerl.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Sigmar Gabriel in Dresden: Perba ist ein Skandal

  1. Dann hat es ja etwas gebracht, dass ich die Äußerung des Landrat Steinbach öffentlich gemacht habe. Aber es war noch besser, ich wollte in Lossen von ihm wissen was ich tun soll , wenn meine 12 Mietpartein, welche unweit von der Asylunterkunft wohnen, auch ausziehen sagte er “ da habe ich Nachmieter“ ! Diese Aussage wiederholte er noch einmal in der Dezemberkreistagsitzung vor allen Teilnehmern mit einer Arroganz und Schadenfreude , dass es einem kalt den Rücken runter läuft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s