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Geschichten aus der Elbaue

Frank Richter schafft den Super-Bowl der Landespolitik

Ein Kommentar

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Kathrin Oertel (links) an einem Tisch mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz (Mitte) und Eric Hattke von „Dresden für alle“. Foto: leo

Am Dienstagabend war in Dresden wieder Ortsderby. Kein anderes Thema zieht momentan so viele Zuschauer an wie Pegida. Austragungsort war wieder das Gebäude der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen auf der Schützenhofstraße. Leiter Frank Richter hatte wieder seine inzwischen bekannte und bewährte Fischbowl-Arena geschaffen. Dabei sitzen vier Leute an einem Tisch und dürfen jeweils drei Minuten reden. Was Richter aber am Dienstag gelang, war der Superbowl der Landespolitik. Denn es war jede Menge Prominenz da. Alle Landtagsfraktionen hatten Sprecher geschickt. Aus Berlin war der CDU-Politiker Jens Spahn angereist, der sich schon bei Günther Jauch der Diskussion mit und um Pegida gestellt hatte. An seiner Seite saß Arnold Vaatz, der direkt gewählte CDU-Bundestagsabgeordnete aus Dresden. Doch damit war noch nicht Schluß. Den stillen Höhepunkt bildete der Auftritt von Miss Pegida, Kathrin Oertel, höchstselbst. Sie kam ein paar Minuten später. Am Einlass wurde sie von der Mitarbeiterin offenbar nicht erkannt als diese auf der Einladungsliste die Gäste abstrich. Das derzeit wohl scheuste und meistgejagte Wild der Medienszene wartete geduldig und sagte leise: „Oertel, Kathrin.“ Doch seit ihrem Auftritt bei Günther Jauch ist das Schweigegelübde gebrochen. Oertel setzte sich unter den neugierigen Blicken des ganzen Saales in die Zuschauerreihen und hörte über eine Stunde still zu. In dieser Zeit hatten alle Politiker das Recht, etwas zu sagen. Es war mehr oder weniger vorhersehbar, was kam. Punkten dagegen konnte Arnold Vaatz, der alte Haudegen der Ost-CDU aus Wendetagen. Er habe sich an dem Beschimpfungswettbewerb zu Pegida nicht beteiligt, sagte er und erntete ersten Applaus. Derzeit habe man die „katastrophale Situation“, dass nur geschaut werde, wie man Pegida politisch korrekt verdammt. Damit war er bei den Medien. Das Wort „Lügenpresse“ würde er nicht in den Mund nehmen. Aber Halbwahrheiten und selektive Wahrnehmung schafften ein Klima. Dabei gebe es inzwischen berechtigte und staatliche geförderte Ängste, wie die Angst vor der Erderwärmung, dem Klimawandel und der Kernenergie. Wenn aber Gewalttaten begangen werden, die zumindest von denen, die sie begehen, mit dem Koran gerechtfertigt werden, dann dürfe man keine Angst haben. Und die Medien hätten nichts gelernt. Die Stadt Sebnitz sei „medial eingeäschert“ worden, weil man unterstellt hatte, dass dort ein 12-jähriger Junge ertränkt worden sei.
Eine Frau, die sich als Rentnerin und ehemalige Dolmetscherin vorstellte, wünschte sich vor allem Respekt voreinander. Bei den Demonstrationen sei sie als Rassistin beschimpft worden, das könne sie nicht hinnehmen. Das Thesenpapier der Pegida sei öffentlich gewesen und jeder habe es einsehen können. Die Beispiele von ausländischen Studenten, Ärzten und Künstlern gebe es natürlich. Aber man solle auch mal Busfahrer, Kassiererinnen und Zugbegleiter fragen, die mit Wirtschaftsflüchtlingen zu tun hätte. Und sie wolle jetzt nicht hören, dass es die nicht gebe.
Als Kathrin Oertel dran war, fragte sie, warum bei der ganzen Diskussion überhaupt nicht auf die linke Gewalt eingegangen werde? Zuvor hatte der Sprecher von „Dresden für alle“, Eric Hattke, berichtet, dass er für sein Engagement gegen Pegida Morddrohungen erhalten habe. Deshalb hätte er drei Mal den Wohnort wechseln müssen. Kathrin Oertel griff diese Äußerung auf und berichtete von ihren Bedrogungen, die bis dahin reichten, dass im Internet Aufrufe kursierten, nach denen man ihre Kinder fotografieren sollte. „Ich habe drei kleine Kinder, die in die Schule müssen. Ich kann nicht dreimal den Wohnort wechseln“, sagte sie. In der Sache ging sie darauf ein, dass rund 70 Prozent aller Asylanträge negativ beschieden würden. Der Bürger merke aber dann, dass bestehende Gesetze nicht eingehalten würden. Von der Politik käme dann die Erklärung, dass man das den Leuten nur besser erklären müsse. Die wollten jedoch ernst genommen werden und Ergebnisse sehen. Als ein junger Mann anfing, über die Motivation des studentischen Milieus auf den Gegendemonstrationen zu referieren, schien es kurzzeitig, als würden sich jetzt doch noch die Emotionen Bahn brechen. Ein weißhaariger, alter Mann ging aufgebracht in Mitte, griff sich ein Standmikrofon und sprach mit bebender Stimme. Er in seinem Alter habe sich dort als Nazischwein, das abhauen soll, beschimpfen lassen müssen, als er zur Pegida-Demo wollte. Erst die Polizei habe ihm den Durchgang ermöglicht. Seine Generation habe das Land aufgebaut und die Studenten lebten von diesen Menschen, die sie jetzt als Nazis beschimpften. Sie hätten dort gerufen, dass sie abhauen sollen. Ob sie 25000 Dresdner aus der Stadt vertreiben wollten?, fragte er. Ein anderer alter Herr sagte verschmitzt, er sei gespannt auf das Thema der Gegendemonstration, wenn Pegida nun für direkte Demokratie auf die Straße gehen wolle. Ist man dann gegen die Demokratie?, fragte er. Im Saal kam Lachen auf.
Insgesamt hatte man das Gefühl, dass jetzt endlich die richtigen Akteure am Tisch sitzen und die Politik ohne Vor-Etikettierung zuhört. Frank Richter deutete abschließend an, dass er und seine Mitarbeiter derzeit an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten. Die Lage erfordere es, das sei keine Frage, aber jetzt müssten auch andere Institutionen in diesen Dialog einsteigen. In Dresden schaut man jetzt gespannt auf den Sonntag und den kommenden Montag. Am Sontag will Kathrin Oertel mit ihrem neuen Verein für direkte Demokratie auf die Straße gehen. Am Montag will sich die Rest-Pegida wieder zum Montagsspaziergang treffen. Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat das alles bereits als einen erloschenen Vulkan bezeichnet. Jetzt riesele noch ein bisschen Asche, aber die Explosion sei vorbei. Allerdings, so fügte er an, das Magma sei noch da und niemand wisse, wo der nächste Ausbruch erfolgt. Den sehe er auf jeden Fall wieder im Osten. Im Westen sei das gesellschaftliche „Deckgebirge“ einfach zu mächtig. Die Bebenwarten in Dresden bleiben also noch besetzt.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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