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Geschichten aus der Elbaue

Roadshow mit Gastsolisten: Heute Neusörnewitz

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Im überfüllten ALHO-Speisesaal in Neusörnewitz wurde über das neue Asylbewerberobjekt diskutiert. Foto: leo

Die Veranstaltungen, die derzeit von der Landkreisverwaltung in Sachen Asyl und Unterbringung durchgeführt werden, gleichen immer mehr einer Roadshow mit immer kürzeren Spielpausen. Letzter Gastspielort: Neusörnewitz. Dabei kann man nur noch zwischen den Stammakteuren und Gastsolisten unterscheiden. Zum festen Ensemble gehört auf jeden Fall Meißens Vize-Landrat Ulrich Zimmermann. Er bringt zwar oft die Zuhörer mit seinem leicht näselnden Timbre in Rage, weil er die schlechten Nachrichten im Tonfall eines preussischen Leutnants aus einem Roman von Heinrich Mann vorträgt, aber eines muss man dem Verwaltungsmann lassen: Mit geradezu masochistischer Ruhe stellt er sich wieder und wieder in Gasthöfe und angemietete Speisesäle und fängt als Erster die meisten Anfeindungen ab. Mit im Stammkader ist auch immer Meißens Revierchef Hanjo Protze, der die Wortkombination „Priorisiertes Einsatzmanagement“ inzwischen so flüssig ausspricht, dass man als Bürger fast schon wieder beruhigt ist und denkt, das sei ein Fortschritt. Doch es bedeutet nichts anderes, als dass man nach dem Wählen der 110 und dem geduldigen Harren in der Warteschleife von den diensttuenden Polizisten am anderen Ende eine gedachte Nummer angeheftet bekommt, nach der dann „abgearbeitet“ wird. Dass das alles nicht so schnell gehen kann, versucht Protze immer mit dem Verweis auf die Ausdehnung seiner Polizeidomäne zu verdeutlichen. Nicht umsonst wird also immer im Zusammenhang mit Kriminalität auf die sogenannten Jedermannsrechte hingewiesen. Will heißen: Halte den Dieb erstmal selbst und wir schauen, wann wir dir dabei helfen können. So jedenfalls kommt die Botschaft bei der Bevölkerung an. Und die wird zunehmend mürrischer, wie sich am Donnerstag in Neusörnewitz zeigte. Hier war es Coswigs Oberbürgermeister Frank Neupold, der hinterher dem örtlichen Kabelsender K3 in die Kamera sagte: „Das habe ich noch nicht erlebt“. Auch Ulrich Zimmermann ist offenbar der Meinung, dass er allein es nicht mehr biegen kann. „Hier ist die Ebene der Landtags- und Bundestagsabgeordneten gefragt“, sagte er demselben Sender.
Zum Problem selbst kann man es kurz machen. In dem Gebäude, das früher die bekannte Gaststätte „Sporteck“ beherbergte, sollen sechs Wohnungen für insgesamt 30 Asylsuchende bezugsfertig gemacht werden. Die Bandbreite der Reaktionen aus der Bevölkerung erstreckt sich über das ganze Spektrum. Sie reichen von Äußerungen wie „Wir müssen denen zeigen, dass sie hier nicht willkommen sind“ bis zu fast schon naiver Xenophilie auf der anderen Seite in Form eines neuen Bündnisses unter dem Namen „Coswig Ort der Vielfalt“.
Das alles wohlgemerkt ohne zu wissen, wer überhaupt dort einzieht. Bis jetzt können sich beide Lager, je nach Ausrichtung, ihren Utopien oder Dystopien hingeben. Aus Sicht der Gutmeinenden kommen syrische Flüchtlingsfamilien, denen man gern bei Behörden- und Arztgängen helfen will. Darüber hinaus will man Deutschkurse und Hausaufgabenhilfen für die Kinder organisieren. Das andere Lager befürchtet die inzwischen sprichwörtlichen jungen Tunesier, die erst unlängst in Radeburg für negative Furore sorgten. Und der Mann vom Landratsamt kann zu dieser Frage immer wieder nur sagen: Ich weiß es wirklich nicht. Und dabei sieht er genauso ratlos aus wie die überwiegende Mehrzahl der Einwohner, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, aber befürchten, dass es damit vorbei sein könnte. Immerhin beherbergt die in Rede stehende Immobilie im Erdgeschoss einen Getränkemarkt. Eine Kombination, die auf jeden Fall zu einem „Unruhepol“ werden könnte wie ihn Coswigs OB Neupold insgeheim befürchtet.  Die Diakonie ist bei diesen Runden auch immer mit vertreten. Allerdings ist widersprüchlich, was aus dieser Ecke kommt. Man wolle weg von der Unterbringung der Asylbewerber in großen Einheiten, denn diese Art sei nicht dienlich für die Integration und Betreuung. Die Unterbringung tatsächlich dezentral in einzelnen Wohnungen sei aber auch wieder nicht gut, „weil man sie da nicht so gut betreuen kann“, sagte die junge Dame von der Diakonie in Neusörnewitz. Dieser Logik zufolge, dürfte Neusörnewitz also so etwas wie der Prototyp der neuen Unterbringungsdoktrin sein: kleinere, heimartige Standorte mit 30 bis 50 Asylsuchenden.
Jetzt warten neben den Bewohnern des inzwischen überregional bekannten Dörfchens Perba auch die Neusörnewitzer auf die große Überraschung aus der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Sachsen in Schneeberg. Von dort machte diese Woche die Nachricht die Runde, dass die Einrichtung mit 2300 Plätzen inzwischen an ihrer absoluten Aufnahmegrenze angekommen sei und man die Turnhalle der ehemaligen Kaserne als Notquartier einrichte. Es ist die gleiche Woche, in der laut Focus.online die deutsche Botschaft im Kosovo von der Bundesregierung drastische Maßnahmen fordert, weil sich nach ihren Erkenntnissen monatlich 30 000 Kosovaren auf den Weg nach Deutschland machen. Der Grund: Sie wissen, dass sie kein Recht auf Asyl haben. Aber es hat sich herumgesprochen, dass die Verfahren sehr lange dauern und die Asylbewerber in der Zeit des Verfahrens Geld auf Hartz-IV-Niveau ausbezahlt bekommen.

Und auch die nächste Station  der Asyl-Roadshow des Landkreises zeichnet sich ab. Gerüchteweise soll in Weinböhla eine weitere Einrichtung für Asylsuchende im Gespräch sein.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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