castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Pegida und die Wurst danach

3 Kommentare

DSC_0116

Am besten schmeckt die Wurst nach der Demo. Die Jungs vom Grill auf dem Altmarkt sind vorbereitet. Foto: leo

So ganz langsam aber sicher wird Pegida eine Dresdner Marke. Der Montag ohne den obligatorischen Auflauf wäre schon jetzt nicht mehr das, was er inzwischen ist. Abseits der großen Fragen von Islam, Ideologie und wer nun Recht hat, gibt es noch andere soziologische Seismographen rund um das Phänomen. Beispielsweise den Bratwurststand auf dem Altmarkt. Dort ist derzeit eine Eisbahn aufgebaut, wo man zu peppiger Musik seine Runden auf Kufen drehen kann. Ringsherum ist eine kleine Budenstadt installiert, die an den Weihnachtsmarkt erinnert. Blickfang ist eine große Mühle aus Holz, deren Flügel sich drehen. Am Bratwurststand bildete sich am Montag wieder rasch eine lange Schlange nachdem die Pegida-Veranstaltung auf dem Neumarkt beendet war. Doch die Jungs am Rost hatten vorgesorgt und hunderte Würste auf Vorrat gegrillt. Genau getimt mit dem Veranstaltungsende. Das Ganze flutschte, dass es nur so eine Art hatte. Und so stand man dann in trauter Runde, nachdem man Politikern („Volksverräter), Medien („Lügenpresse“) und der Kirche („Licht aus!“) wieder mal so richtig die Meinung gegeigt hatte, und kaute genüßlich an einer Thüringer Bratwurst. Die allerdings ist mit ihrem Preis von drei Euro das Stück der Beleg dafür, dass die Inflation nicht nur eine gefühlte ist. Beim Essen wurde dann spöttisch darüber sinniert, woher wohl der siebenprozentige Zuwachs an Übernachtungen in Dresden komme. Irgendwelche neuen touristischen Konzepte seien schließlich nicht zu erkennen, meinte einer unter dem zustimmenden Gelächter der Umstehenden. Den Jungs am Rost rief so mancher zu, dass sie heute wohl wieder mächtige Einbußen durch Pegida hätten. Die quittierten das mit einem Grinsen und legten frische Würste auf.
Das ganze montägliche Demonstrationsgeschehen in Dresden verläuft inzwischen in gemütlichen, ritualisierten Bahnen. Ein paar Linke machen schöne Musik auf dem Postplatz und bestätigen sich, die Guten und den anderen die Rassisten zu sein. Im Niemandsland zwischen Postplatz und Neumarkt, an der Wilsdruffer Straße, gönnen berittene Polizisten ihren Tieren einen gemächlichen Ausritt durch die abendliche Landeshauptstadt. In dieser entideologisierten Zone steht noch ein anderer, gut frequentierter Marketenderpunkt namens Curry 24. Hier könnte man vielleicht noch am gewählten Schärfegrad der Currysoße zwischen Pegida-Anhängern und Gegendemonstranten unterscheiden, wenn sich die Studenten von Professor Patzelt der Sache mal annehmen würden. Rot ist die Soße zur Wurst bei beiden Lagern.
Lutz Bachmann weist obligatorisch darauf hin, dass keine Glasflaschen mitgeführt werden dürfen, was sich wohl einer zu Herzen nahm und verschämt immer mal an seiner Dose nippte. Auch das Mitführen von Hunden ist verboten. Dabei drehte sich eine ältere Dame unmittelbar vor dem Sprecherwagen kurz weg, um das Schoßhündchen zu verbergen, das neugierig aus ihrer Umhängetasche lugte. Auch andere baumarkttechnische Details werden mit deutscher Gründlichkeit besprochen. So waren der Polizei diesmal einige Fahnenstiele zu lang. Wahrscheinlich in Anlehnung an die Polizeireform 2020, die nach dem Motto „Weniger ist mehr“ läuft, sollte das Ende der Fahnenstange bei 1,50 Metern liegen. Das konnten viele gar nicht, weil sie Stangen aus einem Stück hatten. Andere zeigten ihre Aufsässigkeit gegen neue Normen von Oben, indem sie demonstrativ ihre Fahnen noch höher hielten. Also flatterten die Sachsen- und Deutschlandfahnen weiter in luftiger Höhe. Gestört hat es dann doch keinen. Nach der Lichtelei mit Handy und Taschenlampen erklang am Ende dann wieder der Abendgruß, den man in der Staatskanzlei und im Rathaus nicht so gerne hört: Wir kommen wieder. Die Jungs vom Altmarktgrill freut´s. Sie wissen: Bereit sein, ist alles. Bei der Bestellung für die nächste Woche vertrauen sie lieber auf die Teilnehmerzahlen der Veranstalter und ihre eigenen Augen, wenn der Zug an ihrer Bude vorbeizieht, als auf die offiziellen Zahlen. Denn nichts wäre schlimmer als ein Montag in Dresden und die Würste gehen zur Neige.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

3 Kommentare zu “Pegida und die Wurst danach

  1. Wunderbar geschrieben! Dabei klingt mir das Sächsisch beim Lesen regelrecht in den Ohren.
    Viele liebe Grüße aus der Ferne in die Heimat.
    Martha

  2. Pingback: kopten ohne grenzen

  3. Hihi, Klasse. 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s