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Geschichten aus der Elbaue

Flüchtlinge bauen Protestcamp vor der Semperoper

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Direkt vor der Dresdner Semperoper demonstrieren Flüchtlinge mit einem Protestcamp gegen die ihrer Meinung nach unwürdigen Bedingungen, unter denen Flüchtlinge in Sachsen leben. Strom und W-LAN gibt´s von der Oper. Foto: leo

Das an Sehenswürdigkeiten wahrlich nicht unterversorgte Dresden hat seit gestern eine weitere Attraktion. Direkt vor der Semperoper wurden mehrere Mannschaftszelte aufgestellt, in denen bereits in der Nacht zum Sonntag rund 100 Flüchtlinge und ihre Unterstützer übernachtet hatten. Die Fußböden sind mit Paletten ausgelegt und es gibt ein Kochzelt. Ausgangspunkt der Aktion war eine Demonstration am Sonnabend, bei der Flüchtlinge und Bürger für Toleranz und die Rechte von Migranten demonstriert hatten. Dass die Zelte an diesem symbolträchtigen Dresdner Ort stehen bleiben und das wahrscheinlich für länger, rief sofort die Presse und auch zahlreiche Schaulustige auf den Plan. Gegen 15 Uhr wurde deshalb eine Pressekonferenz in einem der Zelte anberaumt. Im Präsidium saßen drei junge Männer und eine Frau, die als Sprecherin fungierte. Mehr als ihre Vornamen wollten die Vier nicht preisgeben. Auch nicht, wo sie herkämen. „Es geht um unsere Rechte“, sagte die junge Frau auf englisch, während ein offenbar aus Dresden stammender Unterstützer übersetzte. Sie beklagte die schlechte Unterbringung von Flüchtlingen. Dabei benutzte sie das englische Wort „Camps“ für Lager. Sie meinte damit die Erstaufnahmeeinrichtungen des Freistaates, ergänzte der deutsche Unterstützer auf Nachfrage.

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Auch eine einsame Gegenprotestantin zog unbehelligt ihre Runden um das Camp. Foto: leo

Beklagt wurde aber auch die Unterbringung in abgelegenen Dörfern abseits der großen Städte. Man wünsche sich Sprachkurse, sowie den Zugang zu Schulen und Universitäten, so die Sprecherin weiter. Verbessert werden müsse die medizinische Versorgung der Flüchtlinge. Auch die schnelle Klärung ihres Status‘ sei eine Forderung. „Wir können uns nicht frei bewegen und als Menschen entwickeln“, sagte die Sprecherin. Auch die sächsische Staatsregierung habe die Macht, an diesen Dingen etwas zu ändern, sagte sie, als ein Journalist einwandte, dass das alles Bundesthemen seien. Vielmehr wollte man wissen, wie lange die Aktion dauern solle. Etwa einen Monat wolle man auf dem Theaterplatz bleiben, war die Antwort. Darüber gebe es gerade Verhandlungen mit dem Ordnungsamt. Strom für das Camp gebe es von der Semperoper und auch das WLAN funktioniere jetzt. Er könne nicht glauben, dass das Ganze wirklich spontan sei, sagte ein Journalist, vor allem, wenn er auf die Dixieklos neben dem Camp schaue. Die seien noch von der Demo, so die Antwort. Dennoch richtet man sich hier schon für länger ein. Verlesen wurde eine Liste mit Wünschen, was noch gebraucht werde. Die Dresdner Polizei hat im Abstand von einhundert Metern zwei Fahrzeuge geparkt und beobachtet aus der Ferne. Viele Dresdner nutzten am Sonntag das milde Wetter für einen Spaziergang durch das Herzstück des barocken Dresdens und schauten sich das entstehende Camp aus der Nähe an. Dabei zeigte sich wieder die inzwischen typische Dresdner Zwiespältigkeit.

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Bei einer Pressekonferenz wurde vor allem nach der Aktion selber gefragt. Foto: leo

Während eine vornehme alte Dame mit Hut freundlich lächelnd ein Zweieurostück in eine Sammelbox für das Camp steckte und sich mit den jugendlichen Unterstützern unterhielt, waren etwas weiter abseits zwei andere ältere Herren in einen hitzigen Disput mit zwei anderen Unterstützern verwickelt. „Die Tschechen und die Polen nehmen überhaupt keinen“, sagt einer der beiden Alten und meinte Asylbewerber. Es bringe ja auch nichts. Was sollten denn die jungen Männer aus Afrika hier, ohne was zu Tun und ohne Perspektive. Eine Frau lief immer wieder am Camp auf und ab mit einem Plakt, auf dem stand: „Dont´t bite the hand that feeds you“.  Am Rande gibt’s immer mal Wortwechsel, dass nicht fotografiert werden soll, was schwer ist auf diesem Touristenpflaster. Für die Presse wurde kurzzeitig eine Ausnahme gemacht. Eine stationäre Flüchtlingsdemo mitten in Dresden wo wieder der Pegida-Montag ansteht, ob das nicht Konflikte berge?, wurde gefragt. Man wolle keinen Konflikt mit Pegidaanhängern, sagte die Sprecherin der Flüchtlingsinitiative. Es sei deren gutes Recht zu demonstrieren, aber auch sie werden für ihre Rechte eintreten. Damit dürfte es für die Dresdner Polizei am Montag doch keine ganz so ruhige Kugel wie in den vergangenen Wochen werden. Denn die Pegida-Anhänger, die teilweise aus Brandenburg, dem Erzgebirge oder dem Vogtland kommen, werden sicher mal die neueste Attraktion im politischen Meinungskampf beäugen wollen. Spannend bleibt vor allem die Frage wie die Stadtverwaltung mit dem zumindest in seiner Entstehungsphase illegalen Protestcamp umgehen wird. Immerhin ist das hier nicht der Berliner Oranienplatz, der ja doch etwas abseits der touristischen Berliner Nobelmeilen lag, sondern das Dresdner Tafelsilber. Der rot-grün dominierte Stadtrat dürfte Sympathie für die Aktion hegen.

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Unterstützerinnen beim Abwasch. Foto: leo

Die Staatsregierung ist gerade händeringend dabei, die Menschenströme aus dem Kosovo in noch einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken und hat dafür schon landeseigene Turnhallen wie die der Sächsischen Verwaltungsfachhochschule in Meißen und der Polizei in Kamenz beschlagnahmt. Ob man dort die Nerven hat, sich mit inhaltlichen Nuancen der Asylproblematik zu beschäftigen, ist zu bezweifeln. Es bleibt abzuwarten, ob Dresden jetzt einen „dritten Weg“ findet bei der illegalen Besetzung von öffentlichen Plätzen. In München wurde nach einer gleichartigen Aktion auf dem Rindermarkt der Stadt ohne Kompromisse geräumt. In Berlin hat man dagegen ein Camp ein ganzes Jahr lang geduldet und später nur in eine ungenutzte Schule verlegt, wo sich heute noch zwei Dutzend Besetzer behaupten.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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