castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Pegida und die „Camper von der Semper“

3 Kommentare

IMG_0001

Noch vor Beginn der Pegida-Demonstration herrschte auf dem Theaterplatz reges Begängnis. Da war es noch weitestgehend friedlich. Foto: leo

In Dresden finden die wahren Publikumsrenner unter den Schauspielen inzwischen vor der Oper und nicht mehr drin statt. Premieren inbegriffen. Wie am vergangenen Wochenende. Da war hier eine neue Inszenierung des alten Themas „Die Geister, die ich rief“ zu sehen. Demonstriert hatte ein Bündnis gegen Intoleranz und für Weltoffenheit. Namhafte Größen der Grünen, Linken und Halblinks-CDU-Koalierten wieder mittenmang. Nach offiziellen Angaben waren es 3500 Teilnehmer, weshalb MDR info am folgenden Tag von einer „Großdemonstration“ sprach. Nun war es aber so, dass zeitgleich zu dieser machtvollen Demonstration völlig spontan und unvorbereitet Dixiklohäuschen und Mannschaftszelte an der Semperoper auftauchten. „Samuel hilf“, hallte es dumpf aus dem Portal der Semperoper. Wer da rief, ob Stardirigent Christian Thielemann oder Intendant Wolfgang Rothe, war schwer auszumachen. Anna Netrebko war‘s auf jeden Fall nicht. Die hätte nach einem anderen gerufen. Doch mit des Geschickes Mächten ist eben kein „ewges Band“ zu flechten, wie uns der Freund angegammelter Äpfel aus Jena ins Stammbuch schrieb. Es war nämlich leider nicht so wie im Januar bei der staatlichen Demonstration vor der Frauenkirche, wo Hilton-Catering die Zelte aufgebaut und gefüllt hatte. Hier wurden Paletten ausgelegt und es ging eher rustikal-bunt zu. Von veganem Brotaufstrich war zu lesen. Da waren die Lachsbrötchen vom Hilton schon ein anderes Kaliber. Von den Petit fours ganz zu schweigen. Rund vier Wochen wollte eine Flüchtlingsinitiative, über die inzwischen deutschlandweit berichtet wurde, hier ausharren und so auf die unwürdigen Zustände aufmerksam machen, unter denen Flüchtlinge in Deutschland und speziell in Sachsen leben müssen. Erwartungsgemäß entzündeten sich die Gemüter an der Aktion, weshalb passend zum Namen des „Theaterplatzes“ frei nach Goethe die (Streit) -Kultur im Volke zu blühen begann. Alles wartete nun gespannt auf den Montag, denn das ist in Dresden seit 17 Wochen Pegidatag. Und es kam wie es kommen musste. Die Anhänger strömten aus dem Erzgebirge, dem Vogtland, Brandenburg und dem näheren Umfeld der Landeshauptstadt ins Tal der Ahnungslosen und hatten das neueste Highlight schon über das Radio und die sozialen Netzwerke mitbekommen. Bereits vor der eigentlichen Pegidademo wollten viele mal einen Blick auf das Camp riskieren, das inzwischen von der Dresdner Stadtverwaltung das Prädikat „illegal“ verliehen bekommen hatte. Doch wie bei allen verbotenen Sachen wird es ja dann erst so richtig schön. Bei Abendrot und milden Temperaturen füllte sich der Platz mit mehrheitlich schwarz gekleideten Unterstützern der Kurzzeit-Camper. Am Rande sammelten sich Neugierige und erste Pegidisten. Ein ganz Mutiger marschierte mit einer Sachsenfahne über der Schulter in Richtung des Camps und prompt wurde versucht, ihm die Fahne zu entreißen. Unter den Augen von König Johann hoch zu Ross. Man kann verstehen, dass ein Nachfahre von ihm die Sachsen mit dem hier lebendigen Satz „Macht dor euren Dreck alleene“ in die Republik entließ. In der Luft hing das Ultimatum der Polizei, das Camp bis 20 Uhr zu räumen.

IMG_0019A

Bei Pegidademo ging es programmgemäß auch wieder um das Thema Islam. Foto: leo.

Für die Pegida-Anhänger steigerte das nur die Spannung, weil man die Zeit bis dahin mit der routinemäßigen Demo überbrücken konnte, um dann noch mal am Theaterplatz vorbeizuschauen wie die Dinge so stünden. Die Polizei hatte, offenbar eingelullt durch die ruhigen Abläufe der letzten Wochen, das offensichtlich nicht vorausbedacht. Und so mussten die Blauen in aller Eile eine Postenkette zwischen den Schwarzen und den, mit den bunten Fahnen ziehen, als Letztere dann doch mal provozieren wollten. Aber nichts klappt in Deutschland so wie das Exerzieren von Ressentiments. Hundetrainer wären begeistert wie die Reflexe sitzen. Die einen zeigen eine Fahne oder ein Transparent und die anderen gehen wie dressiert auf sie los. Die durch langes Training abgebrühten Pferde der Sächsischen Polizeireiterstaffel aus Moritzburg schienen in diesem Moment tatsächlich die einzigen Lebewesen mit dem meisten Grips auf diesem Platz zu sein.
Der Dienstag war dann der sprichwörtliche Kater nach dem Rausch. Früh im Radio beklagten Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) und der aus seiner Zeit als Justizminsiter als harter Hund bekannte neue sächsische Ausländerbeauftragte Geert Mackenroth (CDU) in trauter Eintracht, dass man über alles reden, einiges auch verbessern, aber eben nicht schnell irgendwelche Gesetze ändern könne. Noch dazu hätten die Anführer der Protestanten nicht mal gegenüber der einfühlsamen Integrationsministerin ihre Namen und Herkunftsländer genannt. Wobei offen blieb, ob die Ministerin mehr darüber oder die Art und Weise des Protestes traurig war. Auch die Semperoper fühlte sich „auf die Nudel geschoben“, wie man so sagt. Wie zu erfahren war, wurde es wohl vor allem vom bürgerlichen Dresden übel genommen, dass das hochsubventionierte edle Fünf-Sterne-Premium-Opernhaus auch noch Strom und Wasser für den „Gefangenenchor“ vor der Haustür geliefert hatte. Das sei nur für die Demo vereinbart gewesen, ließ die Opernleitung verlauten und kappte die Versorgungsstränge wieder. Am Dienstag bekamen es die Aktivisten dann noch einmal schriftlich vom Verwaltungsgericht, dass das Recht, sich jederzeit unter freiem Himmel zu versammeln, nicht das Recht nach sich ziehe, es sich dort gemütlich zu machen. Auf Facebook geisterten schon launige Kommentare wie „Die Camper von der Semper“ herum. An Stammtischen wurde gewitzelt, warum der Theaterplatz noch nicht in den einschlägigen Campingführern stehe, wo es doch inklusive Strom und Wasser alles gebe, was heutige Campingplätze ihren Gästen so böten? Was die Frage nach sich zog, wann der ADAC das mal unter die Lupe nimmt. Allein das kulturelle Umfeld garantiere schon mal drei Sterne. Der Platz müsste spielend auf Platz eins kommen. Wenn nicht wieder in der Zentrale des Automobilclubs in München geschummelt würde und vielleicht der Berliner Oranienplatz im Ranking an Dresden vorbeizieht.
Doch genau das, einen zweiten Oranienplatz, wollte man in Dresden offenbar peinlichst vermeiden. Ein Dauerbrennpunkt ausgerechnet inmitten des Dresdner Tafelsilbers hätte Staatsregierung und Stadtverwaltung in diesen bewegten Zeiten gerade noch gefehlt. Pegida ist schon schlimm genug. Und die halbe Welt schaut auf Dresden. Ist es Zufall, dass Stanislaw Tillich gerade jetzt nach Polen auf Dienstreise gefahren ist? Immerhin war ein Sachse mal König im Nachbarland. Es ist immer gut, einen Plan B zu haben.

IMG_0055A

Eine Dresdnerin hatte das aktuelle Geschehen gleich in Form eines Plakates verarbeitet. Foto: leo

Denn die Aktion „Camping an der Oper“ war noch nicht der letzte Akt in dem Spektakel. Man wolle eben auch ohne Zelte dort bleiben und für Flüchtlingsrechte demonstrieren, hieß es am Dienstagnachmittag. Dafür werde man sogar in den Hungerstreik treten. Das dürfte schon etwas leichter fallen. Denn eine Versuchung ist weg. Der Bratwurststand neben der Eisbahn auf dem Altmarkt, wo sich viele Demonstranten beider Lager nach der montäglichen Meinungsäußerung friedlich vereinten, ist mit dieser verschwunden. In Dresden ist es zu warm geworden. Und das liegt ausnahmsweise mal am Wetter.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

3 Kommentare zu “Pegida und die „Camper von der Semper“

  1. Pingback: Pegida 2.3. | Kreidfeuer

  2. Super! Danke ! Habe mich sehr amüsiert. 🙂

  3. Aus eigenem Umfeld wissen wir, daß bei der Semperoper diverse Anschisse und unmißverständliche Boykottandrohnungen eingegangen sind. Auch wir zahlen keinen Cent für Eintrittskarten, wenn das Geld zum Fenster herausgeworfen und zweckentfremdet wird. Bei gutem Wetter können wir auch zur Felsenbühne Rathen gehen. Das liegt für uns auch näher.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s