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Geschichten aus der Elbaue

Coswig und die Bürgerwaschanlage

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Grafik: leo

Coswig macht seinem selbstgewählten Slogan als „junge Stadt am grünen Rande Dresdens“ wieder alle Ehre und beschließt den Bau einer weiteren Seniorenwohnanlage. So geschehen am Mittwoch im Stadtrat. Rund 15 Millionen soll das Projekt der Coswiger Wohnungsgenossenschaft kosten. Bedarf dafür ist vorhanden, wie das Beispiel der kleineren Anlage in Coswig-Mitte vor einigen Jahren zeigte. Die war schon komplett vermietet, noch ehe der Rohbau stand. Man munkelt jedoch auch in Verwaltungskreisen, dass die Genossenschaft lieber ihr Geld verbaut, als es satzungsgemäß an die Mitglieder auszuschütten. Aber das ist deren Sache, schließlich haben die Miteigentümer bei einer Genossenschaft über ihre Vertreterversammlungen und die Besetzung des Aufsichtsrates die Möglichkeit, über die Verwendung der Gelder zu entscheiden. Was am Mittwoch jedoch richtig neu war, ist eine Erfindung, die OB Frank Neupold (parteilos/CDU-nah) unbedingt zum Patent anmelden sollte: Die Bürgerabwaschanlage. Und die funktioniert so: Der Sitzung vorgeschaltet war eine der vierteljährlichen Einwohnerfragestunden. Die wurde diesmal sogar genutzt. Bei beiden Wortmeldungen ging es um jene besagte Seniorenwohnanlage im Spitzgrund. Es habe doch immer geheißen, die freie Fläche, auf der jetzt gebaut werden soll, werde mit Einfamilienhäusern bestückt, fragte eine Coswigerin. Jetzt würden dort große Gebäude errichtet, die sich mit ihren Traufhöhen und in ihrer Klotzigkeit nicht in das bestehende Gebiet von kleinen Doppelhäuschen einfügen. Eine andere Fragestellerin warf die Frage auf, wo die Anwohner ihre Fahrzeuge abstellen sollen, wenn der Kreyernweg wie geplant durch den Bau verschwinde. Und an diesem Punkt drückte OB Neupold den Knopf seiner neuen imaginären Erfindung. Eigentlich müsste er oder ein sachkundiges Mitglied der Verwaltung sofort auf die Fragen antworten. Bei komplexen Sachenverhalten kann das auch schriftlich sein. So sagte er den beiden Frauen, dass das Thema ohnehin auf der Tagesordnung stünde und fragte, ob sie sich noch ein Dreiviertelstündchen gedulden könnten. Dann werde alles ausgiebig erörtert. Nun, es wurde dann doch über ein Stündchen, weil erst noch so brennende innerdeutsche Fragen geklärt werden mussten, wie die, ob die komplette Feuerwehr der Partnerstadt Ravensburg Ehrenbürger von Coswig werden könne? Was nebenbei die Frage aufwirft, ob die Inflation jetzt auch das Ehrenbürgerrecht erfasst hat. Den Schützenverein sollte man vielleicht auch nicht brüskieren, oder die Landfrauen…
Als es dann endlich soweit war, ging alles ganz schnell. Denn die Verwaltung hatte den Schnellwaschgang gewählt: Das Frühjahrsprogramm ohne Unterbodenpflege. Man könne doch gleich im Block über die Punkte zur Seniorenanlage abstimmen, schlug der OB ohne Gegenrede vor. Alle Träger öffentlicher Belange hätten ihr OK für die Anlage gegeben, was für sich genommen schon ein kleines Wunder sei. Besonders im Hinblick auf den Schallschutz zur nahen und vieldiskutierten, weil lauten Berliner Bahn, war unter der Hand nach der Sitzung zu hören. Nun wäre das aber genau die Stelle gewesen, auf die Fragen der Anwohner einzugehen. Aber diskutieren wollte keiner der Räte und eine Verwaltung wäre mehr als masochistisch veranlagt, an diesem Punkt das Bein reinzuhalten, wenn ein Beschluss so wie in Butter daherflutscht. Die eine Coswigerin versuchte noch, sich zaghaft zu melden. Aber das war Trick 17. Zu den Beschlusspunkten haben Bürger kein Rederecht, nur Abgeordnete. Bürger dürfen immer nur in der fest umrissenen Zeitspanne der Einwohnerfragestunde etwas sagen. Zu ihrem Mann, der kurz zum Telefonieren draußen war, sagte die so Abgefertigte perplex: „Wir können gehen. Die haben das beschlossen“.
An dieser Stelle hätte es früher geheißen: Freiheit, das ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Manche denken immer noch, dass diese Zeiten vorbei sind.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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