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Geschichten aus der Elbaue

Die Putinversteherin darf ausreden

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Die „Putinversteherin“ sorgte für ein volles Forum im Bereich der ARD auf der Buchmesse. Foto: leo

Es war neben dem Auftritt von Literaturnobelpreisträger Günter Grass mit Sicherheit einer der  Höhepunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse – der Auftritt der größten Putinversteherin des Deutschen Fernsehens, Gabriele Krone-Schmalz. Und hier konnte sie aussprechen. Anders als bei der Maischbergersendung vor einigen Wochen, wo man eher den Eindruck hatte, der Ukrainekonflikt solle im Studio nachgespielt werden und gleich werde zu scharfen Waffen gegriffen. Zumindest Mittalker Werner Schulz von den (Oliv-) Grünen machte den Eindruck als würde er nicht nur mit Worten streiten wollen, sondern die Kalaschnikow zücken, um Deutschlands Freiheit in Adlershof zu verteidigen.  Die Leipziger mögen es gesetzter. Dementsprechend hatte das erfahrene Messepublikum schon die besten Plätze besetzt, obwohl da noch eine junge Frau darüber erzählte, welche Probleme sie mit der Rechtschreibung habe (auf einer Buchmesse), obwohl ihr Opa zu DDR-Zeiten ein Schriftsteller gewesen sei. Na, immerhin. Deshalb sei sie lieber Fotografin geworden und fotografiere sich und andere am liebsten nackt. Moderiert wurde die Schmonzette von Griseldis Wenner, der früheren Brisant-Frau, sodass man die auch mal aus der Nähe gesehen hatte. Und dann kam sie, die derzeitige Diva des deutschen Polittalks. Erkennbar an ihrem Markenzeichen, dem typischen Eulenhaarschnitt, und in einem stahlgrauen Kostüm. Im Nu bildete sich ein Pulk von Menschen um die Sitzarena der ARD. Nur Rita Süßmuth, die im Bereich der Leipziger Volkszeitung über das Erziehungsgeld und ihren schweren Anfang als Bundestagspräsidentin erzählte, konnte da mengenmäßig einigermaßen mithalten. ttt-Moderator Ulf Kalkreuth wollte nicht unbedarft vor der Meisterin erscheinen und schickte voraus, dass er Russland bereist habe und besonders den Petersburger Hinterhofton von Wladimir Putin unerträglich fand, als der den Tschetschenienkrieg 1999 ankündigte.

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Unkompliziert gab die Fernsehdiva im Anschluss Autogramme und signierte ihr Buch. Foto: leo

Krone-Schmalz hielt gleich gegen, indem sie sagte, man müsse auch mal den texanischen Jargon unter die Lupe nehmen. Als die Rede von der  Einvernahme der Krim war, setzte die Professorin für Journalistk zu ihrer ersten Lehrunterweisung an. Man müsse zunächst verstehen, um keine Fehler zu machen. Das gelte für die Politik und den Journalismus. Und es lohne sich sehr, über die Pressefreiheit zu reden. Zu Gorbatschows Zeiten habe es noch die Zensurbehörde gegeben, aber da seien Journalisten am Werk gewesen, die sich was trauten. Man habe da eine Pressefreiheit gehabt, von der wir in Deutschland nur träumen könnten. Man dürfe aber kritische Presse nicht mit Frechheit verwechseln. Erst als die Pressefreiheit in der Verfassung stand, sei die Schlammschlacht gekommmen, wie sie es nannte. Und sie gab noch einen Satz von sich, der eine Kapitelüberschrift eines Lehrbuches sein könnte: Man solle die  Vorgänge in einem anderen Land nicht mit Etiketten versehen, nur weil man anders aufgewachsen sei. Womit man endlich bei der Ukraine war. Ob es nötig sei, zu wissen, wer auf dem Maidan geschossen habe, fragte der Moderator. „Wir brauchen die Antwort“, sagte Krone-Schmalz. „Warum haben wir die noch nicht?“ Und dann holte sie wieder aus zu ihrer Wunschvorstellung, wie schön es gewesen wäre, wenn die Ukraine eine Brücke zwischen Ost und West geworden wäre. Das sei doch Unfug, das Verhältnis zu Russland sei doch längst zerrüttet gewesen, grätschte Moderator Kalkreuth rein und handelte sich prompt lautstarkes Gemurre des Publikums ein. Das hier ist Leipzig und nicht das Maischbergerstudio. So geht man nicht mit Leuten um, die andere Visionen in Bezug auf Russland haben als nur Waffenlieferungen. Entsprechend ruderte Kalkreuth zurück, während man es Krone-Schmalz ein bisschen anmerkte, dass sie die Sympathie des Publikums genoss. Wichtig sei jetzt, dass man möglichst die vorhandenen Gremien mit Russland wieder belebe, damit die Russen wieder das Gefühl bekämen auf Augenhöhe zu verhandeln. Etwa den Petersburger Dialog, in den zuletzt massiv hineinregiert worden sei. Und dann war die halbe Stunde brisante Weltgeschichte schon wieder rum. Doch so leicht kam die Russlandkennerin nicht davon. Noch eine halbe Stunde musste sie ihr Buch signieren, wobei sich einige kurze Wortwechsel ergeben. Dann hatte die Handelsreisende in Sachen fairer Journalismus ihren nächsten Auftritt im Grassimuseum.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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