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Geschichten aus der Elbaue

Günter ganz nah

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Günter Grass nach seiner Lesung in der Leipziger Bibliotheca Albertina. Foto: leo

Leipzig liest, heißt es immer parallel zur Buchmesse und Günter Grass macht mit. Doch der Grafiker, Bildhauer und Schriftsteller liest nicht in einem Messeverschlag draußen an der Autobahn, sondern in Leipzigs nobelster geistesgeschichtlicher Hülle, in der Bibliotheca Albertina. Gegenüber das ehemalige Reichsgericht, dem sein Kollege und Lokalmatador Erich Loest ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Hier, in diesem Gebäude, konnten Studenten der Leipziger Universität noch in den Neunzigern die Verwüstungen sehen, die die Bomben des Fliegerangriffs am 4. Dezember 1943 angerichtet hatten. Das Vestibül hatte selbst 50 Jahre nach dem Krieg noch kein Dach und kleine Bäume wuchsen aus den Kehlen der Treppenstufen. Jetzt ist alles aufs Feinste hergerichtet. Marmor, Gold und griechische Statuen zeigen dem Besucher, dass er einen prunkvollen Tempel des Wissens betritt. Für die Lesung hatte man eigens den großen Lesesaal vorbereitet und das war auch nötig. Selbst die Galerie war gut besetzt. Viele wird wohl auch der unausgesprochene Gedanke hergetrieben haben: Wer weiß, ob man den Alten noch mal zu Gesicht bekommt? Immerhin ist Grass 88. Der Eindruck verfestigte sich bei der Moderation von Christoph Links, dem Gründer des gleichnamigen Verlages, da es streckenweise wie ein vorweggenommener Nachruf klang, wenn von einer Fülle von Archivmaterial über und von Günter Grass die Rede war, die es aufzuarbeiten gelte. Dabei saß er mit am Tisch, der um den es ging. Den Kopf etwas zwischen die Schultern gezogen, aber immer noch mit kraftvoller Stimme absolvierte er seinen Auftritt. Und da war er nun, der Großschriftsteller. Der Nobelpreisträger für Literatur. In dieser Funktion Nachfolger von Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Paul Heyse, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Nelly Sachs, Heinrich Böll und natürlich Thomas Mann. Nach ihm kam nur noch Herta Müller, aber die ist eher eine halbe Rumänin. Das zählt nicht. Da stand er, der erst unlängst via Tagespresse gefordert hatte, die Deutschen müssten Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Nach dem Krieg sei das auch nicht anders gewesen. Er, der vor drei Jahren noch dem Staat Israel gesagt hatte, „was zu sagen ist“. In Gedichtform zwar, aber trotzdem mit Schmackes. Gerade er, der beim Häuten der Zwiebel entdeckt hatte, dass er auch mal Mitglied der Waffen-SS war. Und es schien, als wundere sich niemand mehr darüber, dass ihm das in all den Jahren nach dem Krieg entfallen war, als er selbst. Hätte ihn sein Duzkumpel Willi Brandt noch im Kanzleramt empfangen, wenn er gewusst hätte, dass sein wortgewaltiger Freund mit der SS-Panzergrenadierdivision „Frundsberg“ marschierte bis alles in Scherben fiel? Dabei war Grass genau genommen kein Vorwurf zu machen. Vieles an dem Medienhype nach der Offenbarung war billig, hysterisch und vorhersehbar. Wie so viele damals wurde er zu dem Haufen gezogen, der den Namen eines Landsknechtsführers aus dem Bauernkrieg trug. Da ging es dem späteren Nobelpreisträger wie den Leuten. Was hätte er tun sollen? Aufgewachsen unter Bannern auf denen stand: „Danzig grüßt den Führer“. Er machte mit, weil er musste und versuchte davonzukommen. Ein Kapitel aus der „Zwiebel“ gefiel mir am besten. Es trägt den Titel: Wie ich das Fürchten lernte. Darin schildert Grass die chaotische Flucht seiner Einheit aus der Lausitz bis er selbst sich nach einem Stalinorgelangriff, den er verletzt überlebt, allein durch ein Kieferngehölz schleppt. Dort stößt er auf einen Obergefreiten, der den ganzen Krieg mitgemacht hat und mit allen Wassern gewaschen ist. Seinem Rat folgte er und überlebte. Nach einem Lazarettaufenthalt in Meißen schlug er sich übers Böhmische durch zu den Amerikanern. In der Zwiebel schilderte er ausgiebig wie ihm der Drill in der Grundausbildung zusetzte. Kriegsbegeisterung sieht anders aus. Dennoch wartete er mit diesem Detail seiner Lebensschau, weil er den Mainstream wohl kannte. Das ist der einzige Vorwurf, der ihm zu machen ist. Heute, wo allerorten Nazis gesehen werden, wie weiland im Mittelalter Hexen, muss ihm klar gewesen sein, das Sachlichkeit das Letzte wäre, womit dieser Fakt behandelt würde. Ob ihm der Literaturnobelpreis wohl noch verliehen worden wäre, hätte man in Stockholm vor der Entscheidung von seinem zwangsweisen Gastspiel in der Himmler-Truppe gewusst? Er wird sich die Antwort selbst gegeben haben.
Zufällig kulminierte am Freitag die Bandbreite der deutschen Gegenwart rund um die Lesung . Während im Saal angeregt und mit dem „stillen Fieber gelehrter Erkenntnis“ wie es Joachim C. Fest einst schrieb, über Veröffentlichungen zum Quellenvergleich von Thomas Mann und Günter Grass referiert wurde, stand vor der Bibliothek ein Pulk Polizei um eine Gruppe Jugendlicher herum. Einer von ihnen, die in den Presseveröffentlichungen immer mit dem Attribut „südländisch“ mehr um- als beschrieben werden, erklärte in gebrochenem Deutsch irgendeinen Sachverhalt, der das Erscheinen der Polizei nötig gemacht hatte. Mancher Besucher hatte sich vermutlich schon gefragt, ob denn jetzt auch schon Grass-Lesungen eine „deutliche Antwort der Zivilgesellschaft“ verlangen wie es besonders in Leipzig in letzter Zeit häufig heißt. Immerhin liegt die SS-Enthüllung Jahre zurück. Aber man weiß ja nie. Das war es dann doch nicht. Polizei vor einer Bibliothek mit Grass darinnen, kann auch noch Zufall sein und banale Gründe haben.
Nein, da war niemand, der dem Meister des geschliffenen Wortes sein Rederecht verwehrt hätte. Er konnte ungestört seine Erlebnisse diverser Indienreisen schildern und sein neuestes Stück, eine Ballade, vortragen. Der Vortrag verleitete zum Abschweifen der Gedanken. Man fragte sich, was wohl sein alter ego, Marcel Reich-Ranicki, jetzt sagen würde. Die beiden hatten sich ein Leben lang gezofft und wohl zum Ende hin leidlich vertragen. Grass nahm „Reich“ übel, dass der an seinem Wenderoman „Ein weites Feld“ lediglich 70 Seiten gut fand und den Rest zu einem peinlichen und überflüssigen Pamphlet stempelte. Dass er dann 1999 den Nobelpreis zwar für sein Lebenswerk, aber hauptsächlich für die Blechtrommel bekam, dürfte mehr als nur eine stille Genugtuung für den Mann aus Danzig gewesen sein. In dem Werk ließ er seinen Protagonisten Oskar Matzerath die Geschehnisse bis 45 mit den Worten zusammenfassen: „Es war einmal ein leichtgläubiges Volk, das glaubte an den Weihnachtsmann, aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann!“
Mit der Novelle „Im Krebsgang“ hatte Grass es seinem ärgsten Kritiker aus Frankfurt erst so richtig gezeigt und ihn dann zu einer wahren Lobeshymne hingerissen. Er habe immer gewusst, dass „der Grass“ uns alle noch mal mit einer sehr schönen Sache überraschen wird, sagte Reich-Ranicki damals. Und das war die Geschichte von Tulla Pokriefke und dem Untergang der Wilhem Gustloff. Bisher sein letzter großer Coup, wenn man von der Zwiebelenthüllung und den Aktionen in der Tagespresse absieht. Aber vielleicht kommt noch was. Seine Antwort auf die Frage des Moderators, was ihn antreibe, lautete: Ich kann es nicht lassen. Hoffentlich.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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