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Geschichten aus der Elbaue

Flüchtlinge statt Businessmen

Ein Kommentar

Einwohnerversammlung in Klotzsche. Der Bürger darf Dampf ablassen, aber entschieden ist bereits. Foto: leo

Einwohnerversammlung in Klotzsche. Der Bürger darf Dampf ablassen, aber entschieden ist bereits alles. Foto: leo

Egal ob Perba, Tröglitz oder Dresden-Klotzsche – es ist überall dasselbe Bild in der Asyldebatte: Hilflose Politiker sprechen zu aufgebrachten Bürgern, die „denen da oben“ gar nichts mehr glauben.
Auch im Dresdner Stadtteil Klotzsche, bekannt durch seinen „Flughafen“, sollen Asylbewerber untergebracht werden. Und auch hier sind die Einwohner sehr skeptisch, um es vorsichtig zu formulieren. Doch beschlossen wird die Einquartierung am oberen Rand der Stadt unten im Stadtrat. Rund 2,5 Millionen Euro will die Stadt Dresden für die rund 70 Plätze in der neuen Einrichtung ausgeben. Seit Monaten gibt es aber im Stadtteil schon Proteste gegen die Unterbringung von Asylbewerbern hier. Es fanden Demonstrationen statt und Unterschriften gegen das Heim wurden gesammelt. Aus diesem Grund hatte die Politik für Mittwoch ins Airport-Hotel eingeladen. Bonmot am Rande, das die Erfolgsgeschichte des Flughafens in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt: Der Betreiber des Hotels hatte sein Haus mit insgesamt 110 Betten der Stadt Dresden komplett als Herberge für Asylbewerber angeboten. Flüchtlinge, statt Businessmen – heißt offenbar das neue Erfolgsmodell der Hotel-Branche, nachdem der Betreiber des Spreehotels in Bautzen vorgemacht hatte wie man leere Betten voll bekommt.
Darauf sei man aber nicht eingegangen, sagte Dresdens Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) am Mittwoch. Man habe lediglich so viele Betten anmieten wollen, wie künftig auch in dem zu bauenden Gebäude direkt gegenüber vorhanden sein sollen. Das wiederrum wollte der Hotelbetreiber nicht, weshalb er von der Stadt den abschließenden Bescheid bekam: Soviele wie wir wollen, oder gar nicht. Jetzt bekommt das Hotel also in absehbarer Zeit eine Herberge gegenüber, die mit Sicherheit keine Auslastungsprobleme haben wird.
Nun saß man aber hier, in besagtem Airport-Hotel mit seinen freien Kapazitäten. Nur eben nicht an diesem Mittwoch. Denn der kleine Konferenzsaal, den man für die Veranstaltung gemietet hatte, war bis auf den letzten Platz besetzt. Viele Zuhörer mussten stehen oder mit einem Platz auf dem Boden vorlieb nehmen. Vor der Tür stand ein Aufpasser, der den Leuten etwas von Brandschutz und Überfüllung erzählte, als es dann laut wurde, aber doch alle reinließ, die wollten. Zwischenzeitlich kursierte sogar das Gerücht, draußen würden welche verhaftet, nur weil sie noch rein wollten, was wohl aber nicht stimmte. In der zum Schneiden dicken Luft referierte zunächst Christian Hartmann, für die CDU im sächsischen Landtag, sattsam bekannte Details zum Thema Asyl. Ein Tortendiagramm zeigte deutlich, was alle inzwischen entweder selbst sehen im Straßenbild oder durch soziale und andere Medien vermittelt bekommen: Die oft argumentativ nach von gestellten Syrer (weil dort wirklich Krieg herrscht) machen weniger als ein Drittel der Asylsuchenden aus. Der Schwerpunkt derzeit liegt auf den Kosovo, anderen Staaten das Balkans und den jungen Demokratien Nordafrikas. Man hörte sich das alles relativ ruhig an, wobei Smartphones halfen, den Pflichtteil zu überbrücken. Sachsen habe sich im Verbund mit Bayern dafür stark gemacht, das Kosovo und Serbien als sichere Herkunftsländer einzustufen, was die Asylverfahren vereinfache, so Hartmann. Aber die links-grün regierten Länder wie Nordrhein-Westfalen hätten dazwischengefunkt, weshalb daraus nichts werde. Also werden alle Anträge umständlich und lange geprüft , was aufgrund der schieren Masse so lange dauere. Und das alles, obwohl jeder wisse, dass die Aktion im Grunde Unsinn ist. Selbst die Ankündigung, neue Mitarbeiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einzustellen, lasse sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen, weil der Markt an diesen Leuten derzeit leer sei.

Als Dresdens Sozialbürgermeister Seidel zu Beginn seines Vortrages dann auch noch Powerpoint-Charts auflegte, deren erste Gliederungspunkte wieder die Ursachen der Flüchtlingswellen im Allgemeinen und Besonderen enthielten, machte sich Unmut breit. „Weiter, das wissen wir alles, gleich zu Punkt Fünf“, war im Publikum zu hören. Der Punkt behandelte den Bau in Klotzsche. Der werde in einer sogenannten Holzständerbauweise ausgeführt, die man auch schon bei Kitas verwendet habe und die auch optisch ansprechend sei. Kritik kam auf, weil man hier seit Jahren für eine Sanierung des Gymnasiums kämpfe, dafür aber kein Geld da sei. Jetzt habe man plötzlich welches.
An dieser Stelle wurde förmlich spürbar, dass es wieder eine der Veranstaltungen war (und so wird es mehr oder weniger von den Initiatoren auch zugegeben), die nur dazu dienen sollen, dass die Bürger mal Dampf ablassen können, während alles entschieden ist.
Dennoch seien zwei Standpunkte aus dem Publikum genannt, die großen Beifall fanden. Einen trug ein Bürger vor, der zunächst Kopfschütteln und verhaltenes Murren im Publikum auslöste als er sagte, dass er für das Asylbewerberheim sei und einem Verein angehöre, der Brücken bauen wolle. Aber er hätte als Physiker oft auf dem Arbeitsamt zu tun und dabei Gelegenheit, sich umzuhören, beziehungwseise sehe er, was da los sei. Den vielbeschworenen Bedarf an Arbeitskräften sehe er nicht. Er sei für eine ehrliche Diskussion und die Hilfe für tatsächliche Asylbewerber. Am Ende erntete er sogar Applaus für sein Statement. Christian Hartmann reagierte darauf und man konnte sich des Gedankens nicht erwehren, da sitzt einer, der sich mächtig ärgert, dass ausgrechnet ihm ein Sozialpädagoge von der SPD den Posten des Wirtschaftsministers weggeschnappt hat. In gewundenen Sätzen sprach er von einer „subjektiven Wahrnehmung“ des Arbeitsmarktes durch den Bürger Physiker. Er hätte aus der Wirtschaft andere Signale. Und er ging verklausuliert darauf ein, dass gerade der Dresdner Großbetrieb Global foundries, der Eigentümern aus dem arabischen Emirat Katar gehört, auch das gesellschaftliche Umfeld bei seinen Zukunftsentscheidungen einbeziehe. Will heißen: Hört auf mit Pegida und dem Gerede von Islamisierung, sonst ist im Dresdner Norden Schicht. Immerhin stehe man im Standortwettbewerb mit dem Silicon Valley und China.
Gerade auf diese Sätze hin meldete sich ein älterer Bürger, der stehen musste und sagte in überlegten Worten, er habe erst gar nicht hergehen und etwas sagen wollen, da es ja keinen Zweck habe. Aber das könne er nun nicht hinnehmen: „Jetzt haben sie uns unsere Gehirne ja wieder gewaschen mit diesen wenig aussagekräftigen Sätzen. Sowas wollen wir eigentlich nicht hören.“ Applaus. Dann sprach der alte Mann weiter und die Menge hörte gebannt zu. Er sei selbst Vertriebener. Als Fünfjähriger war er mit seiner Mutter wochenlang im Zug hin und her gefahren, bis man endlich eine notdürftige Bleibe gefunden habe. Es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, irgendwelche Forderungen zu stellen wie jetzt neulich die Ausländer, die den Theaterplatz „kaputtgemacht“ hätten. Eine Frechheit sei das gewesen. „Genau“, und „So ist es“, kam es aus dem Publikum. „Wir konnten uns nichts raussuchen“, sagte er. Selbst in der „eingesperrten DDR“ sei man ruhig und zufrieden gewesen, habe seine Arbeit gemacht und sei ins Ausland gefahren, wo man eben so hinkonnte. „Jetzt müssen wir uns mit Ausländern herumärgern, die denken, dort in Deutschland kannst du Fettlebe machen“. Wenn diese sich dann gegenseitig in den Heimen „abschlachten“, werde man nur besäuselt, dass das alles gar nicht so schlimm sei. „Danke“, sagte der alte Mann am Ende seiner Rede. „Wir danken“, anwortete eine Frau aus dem Publikum unter Applaus. Der letzte Punkt, die Gewalt in Asylbewerberheimen, war ein „Stichwort“ im sarkastischen Sinne des Wortes für den anwesenden Vertreter des Polizeireviers. Der Polizist sagte das, was Vertreter der Staatsmacht auch andernorts immer wiederholen: Es gäbe in der Nähe von Asylbewerberheimen keinen Anstieg von Kriminalität. Danach hielt es einen Zuhörer nicht auf seinem Platz. Seinem Äußeren nach traut man ihm zu, dass es sich seiner Haut zu wehren weiß. Er stellte sich vor als Ausbilder für Kampfsport und sagte, dass er private Kontakte zu vielen Polizisten habe. So hätte es beispielsweise bei der großen Drogendealerrazzia im vergangenen Jahr am Hauptbahnhof bis zu 7o Festnahmen gegeben, und nicht 40 wie in der Presse gestanden habe. Das war die Aktion, wo Polizisten mit abgebrochenen Flaschen attackiert, geschlagen und bespuckt wurden. Die Angaben würden geschönt, sagte der Bürger. Er komme aus Meißen, wo es seit Kurzem eine Erstaufnahmestelle gebe. In dem Viertel trauten sich die Frauen gar nicht mehr raus, weil junge Männer aus dem Kosovo dort den ganzen Tag herumlungern würden. Amtlich bestätigt sind bisher zwei Fälle, bei denen eine junge Frau auf der Parallelstraße der Erstaufnahmeeinrichtung überfallen wurde. Ein junger Mann wurde auf der Meißner Altstadtbrücke auf den Kopf geschlagen, sodass er bewusstlos wurde. Ihm wurde das Handy geraubt. In beiden Fällen ist nicht erwiesen, dass Ausländer die Täter waren. Sie werden aber in Verbindung gebracht mit der Unterbringung von Kosovaren in Meißen. Bestätigt ist dagegen ein Vorfall wo Ausländer eine Frau in einer Meißner Diskothek belästigten, was dann zu einer Schlägerei auf der Straße führte. Die jungen Männer waren vorrübergehend in einer Halle der Sächsischen Verwaltungshochschule untergebracht, die am nächsten Tag geräumt wurde.
Er selbst, so der Zuhörer weiter, sei zu DDR-Zeiten mit seinen Eltern in die Bundesrepublik ausgereist. Drüben hätten sie als Familie in einem Zimmer ein Dreivierteljahr in einer Baracke des Aufnahmelagers Osthofen gelebt. Also kein Vergleich mit der Unterbringungssituation der heutigen Flüchtlinge. Im Zimmer nebenan hätte eine Familie von Sinti und Roma gewohnt. „Dort war jeder Tag Überlebenskampf“, sagte er. Da seien sofort Messer im Spiel und es werde lebensbedrohlich. Das seien seine Erfahrungen mit dieser Volksgruppe.
Was man denn konkret für Befürchtungen habe?, fragte CDU-Mann Hartmann ins Publikum und speziell den alten Mann, der aus seinem Leben erzählt hatte. „Angst“, kam es mehrstimmig aus dem Publikum. „Angst um unsere Kinder“. Aber die konnte an diesem Abend nicht mehr behandelt werden. Die Zeit sei leider fortgeschritten, bemerkte der Versammlungsleiter. Für diesen Abend wurde die Diskussion beendet. Hörte man die Gespräche vor der Tür, steht fest: Vorbei ist sie noch lange nicht.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Flüchtlinge statt Businessmen

  1. Hoffentlich nicht! In Dresden-Pappritz geht die nächste Runde am Sonntag los. Danke für Deinen Beitrag. Liebe Grüße, Sylvia

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