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Geschichten aus der Elbaue

Freital und der Frosch im Wasserglas

Ein Kommentar

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Etwas mehr als 1000 Menschen versammlten sich auf dem Freitaler Platz des Friedens und zogen getreu diesem Motto durch die Stadt. Foto: leo

An dem Vulkan-Vergleich von Professor Werner Patzelt in Bezug auf die Pegidabewegung ist was dran. Allerdings mit Abwandlung. Es ist schon so, dass nach dem großen Ausbruch noch etwas Material herunterrieselt. Doch es ist nicht nur Asche, sondern es sind glühende Gesteinsbrocken. Und die entzünden die Umgebung. Und während der erloschen geglaubte und geschriebene Vulkan in Dresden wieder Anlauf nimmt zur nächsten Eruption, entstehen rings um ihn kleinere Brandherde. Das war gut zu beobachten am Freitag in Freital. Hier fand die zweite Protestveranstaltung gegen die Umwidmung eines Hotels zu einer Einrichtung für insgesamt 300 Asylbewerber statt. „Ich darf euch herzliche Grüße aus den Gemeinden Radeberg, Haselbachtal, Großröhrsdorf und Kamenz überbringen“, sagte ein kleiner, älterer Mann unter dem Beifall der Menge. In Kamenz finde zeitgleich eine ähnliche Veranstaltung statt. Man hoffe auch auf die Unterstützung der Freitaler. „Wir müssen uns vielmehr vernetzen“, forderte er die Menge auf, und nannte eine Internetseite, wo weitere Kontakte und Termine zu finden seien. Ein anderer ging darauf ein, dass es morgen wieder heißen werde, hier habe ein brauner Mob von lauter Nazis gestanden. Und das im „Roten Wien“, wie Freital einstmals genannt wurde. Damit spielte er auf die interessante Geschichte der Stadt an. Freital galt einst als sozialdemokratische Musterstadt in der Weimarer Republik. Hier hatte die SPD das absolute Sagen und verwirklichte soziale Projekte für die Arbeiterklasse, die sogar über Deutschland hinaus als Vorbild galten. Die soziale Marktwirtschaft hat hier eine ihrer ideologischen und praktischen Wurzeln. SED-Bezirksekretär Hans Modrow, der in seiner Partei nicht immer einen leichten Stand hatte, holte sich in dieser Arbeiterhochburg ideologische Rückendeckung, wenn er sich in Berlin wieder mal wegen unorthodoxen Verhaltens rechtfertigen musste.  Nach der Wende wurde das mit der SED eingeebnet. „Heute werde wohl von einem braunen Wien“ gesprochen, sagte der Redner.

Auf dem Rundgang kam man vorbei an einem indischen Imbiss. Ein Angestellter schaute lachen heraus, manche Demonstranten schwenkten lachend schnell mal ab, um sich einen Döner zu holen. Foto: leo

Auf dem Rundgang kam man vorbei an einem indischen Imbiss. Ein Angestellter schaute freundlich heraus, manche Demonstranten schwenkten lachend schnell mal ab, um sich einen Döner zu holen. Foto: leo

Man spürt: Das hier ist die kleine Pegida. Fahnen, Transparente und Choreographie mit Rundgang und Abschluss nehmen Anleihen beim großen Vorbild in Dresden. Hier sind es (noch) wirkliche Laien, die mit Stocken, vielen Ähs und wiederholten Stereotypen den Ansprachen einen Touch von mikrofonverstärkten Gedankengängen geben, die derzeit wohl an vielen Küchentischen entwickelt werden. Freital hat das konkrete Problem mit dem Hotel „Leonardo“. Allein die Tatsache, dass immer mehr Hotels in der Asyldebatte eine Rolle spielen, zeigt, dass all die Tourismusmessen, Vereine und Regionalprogramme es offenbar nicht vermocht haben, aus dem Osten ein stark frequentiertes Urlaubsland zu machen. Und das in der Nähe zum nun wirklich kulturgeschichtlich bedeutsamen Dresden mit seinen Sehenswürdigkeiten. Von den dienstlich Reisenden mal ganz abgesehen. Volle Betten versprechen sich die Betreiber offenbar nur noch von der Umnutzung als „Flüchtlingslager“. Fürstlich bezahlt sicherlich, sonst würde dieses Modell wohl nicht so viele Nachahmer finden. Ein Redner rechnete es am Freitag vor. 37,50 Euro gebe es pro Tag und Flüchtling vom Landkreis. In diesem konkreten Fall mache das folgende Rechnung: 37,50 Euro mal 300 Flüchtlinge mal 30 Tage mal zwölf Monate. „4,5 Millionen“, rief der Redner extra laut in die ohnehin bis zum Anschlag aufgedrehte Anlage. Die Menge stöhnte und buhte. Abgesehen von der finanziellen Seite sind es aber vor allem die Art und Weise wie mit den Menschen umgegangen werde und die zu erwartenden „Flüchtlinge“, was viele Freitaler auf die Palme bringt. Es sollen überwiegend junge Männer untergebracht werden, bei denen sich inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung niemand mehr der Illusion hinzugeben scheint, dass das auf Dauer gut geht. Die bauliche Situation lasse die Unterbringung von Familien nicht zu, wurde gesagt. Dabei wolle die Verwaltung jetzt nach dem Prinzip von dem Frosch im Wasserglas verfahren, dessen Wasser man nur langsam erwärmt, damit er nicht sofort herausspringt.

Mit Witz gegen die da oben, denen nicht mehr geglaubt wird. Foto: leo

Mit Witz gegen die da oben, denen nicht mehr geglaubt wird. Foto: leo

Das Heim soll nur nach und nach mit Asylbewerbern gefüllt werden, um die Bevölkerung langsam daran zu gewöhnen, wurde gesagt. Abgesehen von Problemen mit dem baulichen Zugang zu dem Viertel über eine schmale Treppe, wolle man das nicht hinnehmen. Eine nächste Demonstration sei bereits in Planung. Die örtlichen Politiker hätten aber offenbar Angst vor der eigenen Bevölkerung. „Die sollen sich doch mal stellen“, forderte ein Redner. Man sei mit einer Petition von Unterschriften von einer Behörde zur nächsten geschickt worden. „Wir werden beschwindelt von vorn bis hinten“, so der Redner weiter. „Wir müssen auf die Straße gehen, damit wir nicht dasselbe haben wie in den Altbundesländern. Und das wollen wir nicht.“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Freital und der Frosch im Wasserglas

  1. Ich danke Dir für diese Informationen. Es ist schon erstaunlich, wie sich die Menge bewegt. Es sei nicht aufzuhalten oder doch? Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die weiteren Entwicklungen und Reaktionen …(?). Liebe Grüße, Sylvia

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