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Geschichten aus der Elbaue

Pappritz – roter Teppich für Nichtwillkommene

Ein Kommentar

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Hitzige Diskussionen zwischen Mitgliedern des Vereins „Willkommen im Hochland“ und Besuchern flammten immer wieder auf. Foto: leo

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Das Interesse war groß am Sonntag in Pappritz. Schnell bildete sich eine Schlange von Schaulustigen, die sich in dem künftigen Asylbewerberheim umsehen wollten. Foto: leo

Ein Job beim Dresdner Sozialamt kann in diesen Zeiten ziemlich spannend sein. „Mensch, die hätten mich fast gelyncht da drin“, raunte der junge Mann einem Kollegen auf der Treppe des Pappritzer Nordics Hotels zu. Das Haus soll komplett zu einem Asylbewerberheim umfunktioniert werden, weshalb man für Sonntag zu einem Tag der offenen Tür eingeladen hatte. Der junge Mann vom Sozialamt hatte dabei die Aufgabe, im Stundentakt eine Informationsveranstaltung durchzuführen. Relativ vorhersehbar entlud sich aber an ihm der Zorn vieler Besucher. Vielleicht auch nicht ganz unprovoziert. Denn der fast schon begeisterte Tonfall und die Körpersprache, mit der er immer wieder betonte, dass es eine Pflichtaufgabe der Kommune sei, Asylbewerber aufzunehmen („Das ist Gesetz, unumstößlich“) erweckte ein bißchen den Eindruck, dass es nichts Schöneres gebe als ungezügelte Einwanderung, der man mit Begeisterung zustimmen müsse. Und mit noblen Unterbringungen. Der sonnige Sonntagnachmittag verleitete offenbar viele, sich mal in dem Haus umzuschauen, das in letzter Zeit für hitzige Diskussionen gesorgt hatte. Schnell bildete sich eine Schlange von denen, die reinwollten. Das hat es offensichtlich in den letzten 25 Jahren nicht gegeben. Sonst wäre der Betreiber wohl nicht auf die Idee mit der Umnutzung gekommen. Aber viele Bewohner im Ort sehen das anders. Nein, steht auf einer Plane, die an einem Baum in der Nähe der Einbiegung zu dem bald ehemaligen Hotel hängt. Im Hotel selbst waren neben Mitarbeitern des Dresdner Sozialamtes auch etliche Mitglieder eines eigens gegründeten Vereins mit dem Namen „Willkommen im Hochland“ im Einsatz. Dem Augenschein nach in der Mehrzahl Frauen mittleren Alters, wobei das späte Mittelalter dominierte. Rund 80 Interessierte seien zu einer Gründungsveranstaltung des Vereins in der Kirche gewesen, erzählt eine. Mitgemacht hätten am Ende 20. Rund 700 Unterschriften gäbe es dagegen schon gegen das Heim. Ein klare Sache, was die Mehrheitsmeinung zum neuen Heim angeht. Und das wurde auch auf den Fluren spürbar. „Warum sind sie denn so aggressiv?“, fragte eine Frau des Wilkommensvereins mit therapeutischem Lächeln eine Dame etwa gleichen Alters. Anstoß erregte der rote Teppich, mit dem die Treppen des Hauses mittig belegt sind. Ein Überbleibsel aus Hotelzeiten. Aber das jetzt für Asylbewerber? „Es ist unverantwortlich, was sie machen“, putzte ein älterer Besucher einen jungen Mann runter, den ein angestecktes Namensschild als Mitarbeiter des Sozialamtes ausweist. Dem ist sichtlich unwohl zumute. „Sie locken nur junge Männer hierher. Aus Tunesien. Dass ich nicht lache. Das sind keine Flüchtlinge. Die sollen ihre Länder aufbauen“, schimpft der Alte halb zu dem jungen Mann und halb in die Runde um Zustimmung heischend. Einige nicken. Viele laufen mit ernsten Gesichtern durch die Räume, fotografieren und unterhalten sich leise. „Hier haben wir selber mal übernachtet für 60 Euro“, erzählt eine Frau. Die Asylbewerber bekämen das alles umsonst. Ob die das auch zu schätzen wüssten? Es ist wie auch andernorts besonders die Frage, was für Flüchtlinge kommen. Argumentiert wird immer mit Familien aus Syrien, die vor dem Krieg fliehen. Wenn es dann soweit ist, sind das eher die Ausnahmen, wie die vergangenen Monate gezeigt haben. Wenn es Familien sind, die kommen, dann eher welche aus dem Kosovo. Deren Chance auf Anerkennung als Asylbewerber geht jedoch gegen Null, glaubt man amtlichen Verlautbarungen. Dennoch schrauben sich die Zahlen in der Anerkennung mehr und mehr nach oben, wie bei dem Vortrag des begeisterten jungen Mannes vom Sozialamt deutlich wurde. Jahrelang hat man mit der verheerenden Zahl von maximal drei Prozent an Menschen argumentiert, die nach den Kriterien des Artikels 16 unseres Grundgesetzes ein Recht auf politisches Asyl genießen, gehe man jetzt schon von einer Quote von 40 Prozent Anerkennung aus.

Wie die Blaupause zu dieser Einwanderung aussieht, bei der der Einwandernde im Prinzip bestimmt wie es läuft, hatte erst vergangene Woche der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Hartmann in Dresden-Klotzsche erläutert. Viele Asylbewerber „verschleierten“ ihre Herkunft, indem sie ihre Papiere verschwinden ließen oder nicht sagten, woher sie kämen. Umschrieben wird das mit den Worten, sie kämen ihrer „Mitwirkungspflicht“ nicht nach. Das klingt, als handele es sich um eine ungeliebte Hausarbeit und nicht ein die Souveränität des aufnehmenden Landes betreffendes Recht. Dazu kämen Botschaften, die bei dem dann notwendigerweise angestrengten Identitätsfeststellungsprogramm, das wiederum Monate bis Jahre dauere, nicht mitspielen und gleichfalls die „Mitwirkung“ verweigerten. „Und diese Menschen können nicht abgeschoben werden“, sagte auch am Sonntag der Mitarbeiter des Sozialamtes, der daraufhin den Volkszorn über diese verfehlte Politik ausbaden musste. Und genau diese, scheinbar schon eingespielten und stillschweigend tolerierten Zustände, führten dann dazu, dass es in Deutschland immer mehr Menschen gäbe, die es schon schriftlich hätten, dass sie wieder gehen müssen. Sie blieben aber trotzdem hier und werden versorgt. Mit Geld und Unterkunft. 600 000 seien das letzten Meldungen zufolge schon. Tendenz steigend. Aber das ist kein rein Pappritzer Problem. Hier geht es vor allem darum, dass das bisherige Nordic Hotel sich von seinem Wesen als Touristenherberge gut in die Häuschenstruktur des verschlafenen Dresdner Vorortes, der mehr dörflich als städtisch ist, eingepasst habe. Was sollen denn die Leute den ganzen Tag machen? Wie kommen sie in die Stadt?, waren nur einige Fragen. Da half auch nicht der Verweis darauf, dass alle einen Dresden-Pass bekommen, mit dem sie verbilligt Bus und Bahn fahren können. Auch Ein-Euro-Jobs seien im Gespräch. Konkret? Welche? Was sollen die machen?, wurde der junge Mann vom Sozialamt gelöchert. Doch auch da musste er passen. Vielleicht könnte der Herr Seidel, Dresdens Sozialbürgermeister, der zu diesem Termin extra da war, etwas dazu sagen. Aber der stand abseits in einem Zimmer und gab dem MDR ein Interview. Ab Mittwoch hat zumindest die Ungewissheit in Pappritz ein Ende. Dann sollen die ersten Heimbewohner kommen. Der rote Teppich liegt aus. Aber wirklich willkommen sind sie nur wenigen.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Pappritz – roter Teppich für Nichtwillkommene

  1. Vielen Dank für den Bericht zu diesem „Tag der offenen Tür“. Die ersten Bewohner sind bereits eingezogen – bisher läuft wohl noch alles recht ruhig ab. Im Übrigen gibt es die erwähnte Mitwirkungspflicht auch für deutsche Bürger. Sie ist im Sozialgesetzbuch I – §§ 60,65,66 beispielsweise – verankert.

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