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Geschichten aus der Elbaue

Dresden dreht sich um Dresden

Ein Kommentar

Bunt und tolerant lautete das Motto der Veranstaltung. Foto: leo

Offen und bunt lautete das Motto der Veranstaltung. Foto: leo

So langsam wird es Zeit, dass Dresden endlich seinen eigenen Globus bekommt. Denn um nichts anderes als die Befindlichkeiten dieser Stadt drehte sich eine ganze Veranstaltung am Sonnabend im Internationalen Kongresszentrum unter dem Titel „Dresdner Bürgerkonferenz – Demokratie im täglichen Miteinander“. Organisiert von den Vereinigungen „Dresden – Place to be“ und „Weltoffenes Dresden“. Und es war nicht die erste Veranstaltung dieser Art, wenn auch die bisher größte mit einem Dutzend Vorträgen und Workshops.
Dennoch eine vergleichsweise ruhige Sache, wenn man bedenkt, dass drin so ziemlich alle Akteure der bekannten Dresdner Lager versammelt waren, die sonst für Schlagzeilen a la „Bullen, Böller, Buttersäure“ sorgen. Doch es blieb friedlich zwischen Pegidaanhängern, AfD, Linken, Grünen und Sozialdemokraten. Vor der Tür parkten nur ein Mannschafts- und ein Streifenwagen der Polizei. Die Besatzung, bestehend aus einer jungen Frau mit langen Haaren und einem ebenso jungen männlichen Kollegen, stand locker und fast zivil davor. Beide schauten andächtig auf die Displays ihrer Handys. Ganz ohne Polizei wäre es wohl nicht gegangen. Immerhin war Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) im Haus. Entspannung an der Pegidafront? Scheinbar. Da hat Sachsen in diesem Jahr schon andere Polizeiformationen in Aktion gesehen. Was wohl auch ein bisschen damit zu tun hatte, dass die, die sonst für lautstarke „Umrahmung“ von politischen Veranstaltungen sorgen, die ihren Ursprung nicht in der Dresdner Neustadt haben, diesmal mehr drin anzutreffen waren. Gut spürbar auch an der Verteilung des Applauses. Man kann es gewichten, dass 70 Prozent der Besucher für linke und grüne Inhalte klatschten, während zehn Prozent bei liberal-konservativen Positionen ihre Zustimmung bekundeten. Der Rest hörte ohne Regungen zu. Thematisch ging es um Dresden, das Besondere der Stadt, seine eigensinnigen Bewohner und warum sie so sind, wie sie sind. Nicht nur richtige Ausländer hätten es hier schwer, sogar die Kinder einer Kollegin, die schwyzerdütsch sprechen, seien in der Schule gehänselt worden, sagte beispielsweise Regisseur Wolfgang Engel vom Dresdner Staatsschauspiel. Ob das mit dem Turmviertel zusammenhänge, konnte nur gemutmaßt werden. Immerhin hätte Uwe Tellkamp in seinem preisgekrönten Roman die Neustadt mit keinem Wort erwähnt.
Auch die Akteure waren keine Unbekannten mehr. Hervorstechend dabei Kommunikationsprofessor Wolfgang Donsbach, der offensichtlich Gefallen daran gefunden hat, im bunten Dresdner Debattenkessel mitzumischen. Pointiert und zupackend moderierte der 65-Jährige die Runde von Journalisten unter dem Titel „Fragen sie die Lügenpresse“. Dabei erfuhr der geneigte Zuhörer, dass der MDR zuweilen in schweres Fahrwasser gerät, auch wenn er nicht mit dem Riverboat unterwegs ist. So hätten doch Pegidisten am Rande einer Demonstration am Ü-Wagen gerüttelt und, Gipfel der Aggressivität, mit Taschenlampen hineingeleuchtet. Den „Frontberichtern“ im Osten habe die Zentrale in Leipzig daraufhin ein Antigewalt-Training angedeihen lassen, erzählte Hörfunkjournalistin Ine Dippmann unter dem aufkommenden Gelächter des Saales. Sie selbst habe als Schutzmaßnahme einen anderen Überzieher ohne MDR-Logo für ihr Mikrofon verwendet. „Einen von Russia today?“, fragte Donsbach sichtlich gut gelaunt nach. Und natürlich habe man sich in Redaktionskonferenzen Gedanken gemacht, warum die Leute nicht Schlange stehen für ein Interview mit dem Heimatsender, sondern diesen eher mal schütteln, wenn sie ihn zu fassen kriegen. Daraufhin habe man bewusst Kommentare mit unterschiedlichen Positionen ins Programm genommen.

Namen wie Patzelt und Donsbach sorgten für volle Säle. Foto: leo

Namen wie Patzelt und Donsbach sorgten für volle Säle. Foto: leo

Ganz unterhaltsam war auch die letzte Runde im großen Saal mit Innenminister und Professor Patzelt. Moderiert wurde das Ganze von MDR-Mann Thomas Bille, dem man wohl aber besser mal eine eigene Podiumsdiskussion nur mit ihm selbst als Gast geben sollte. Denn erst trat er in einer früheren Diskussionsrunde als „Bürger“ ans Mikro um Ungeheuerliches aus dem „Thüringen-Monitor“, einer turnusmäßigen Befragung der Einwohner des Nachbarbundeslandes, zu verkünden, um das Ganze später in seiner eigenen „Sendung“ nochmal auszubreiten. Thematische Redundanz und Liebe zur eigenen Stimme war aber nicht nur bei dem Hörfunkmann zu finden. Auch einige Besucher nutzten die Chance, und gingen in jeder Diskussionsrunde ans Mikrofon. Bei besagtem Befragungsmonitor werden regelmäßig bestimmte Einstellungen der Bevölkerung erforscht und heraus kam, dass es mit der Liebe zur Demokratie statistisch abwärts gehe. Diese Erkenntnisse trug Moderator Bille zeitweise in der Art eines Showmasters vor, indem er das Publikum fragte: „Na, was glauben sie, wieviel Prozent eine Diktatur für besser halten?“ An seiner Seite saß Uwe Wurlitzer, der Generalsekretär der AfD in Sachsen, der neben dem schmächtigen Innenminister ein bisschen wie Fred Feuerstein aussieht. Aber er hatte auch das entsprechend dicke Fell, die Buhrufe auszuhalten, als er die bekannten sächsischen Problemfelder in Sachen Asyl ansprach. Etwa, dass nur schwer nachvollziehbar sei, wenn Tunesier hier wegen angeblicher politischer Verfolgung um Asyl bäten, während zeitgleich Flugzeuge mit deutschen Urlaubern dorthin abheben. Zur Sprache kam auch, dass die Bewertung von Gewalt im politischen Diskurs offensichtlich unterschiedlich ausfällt. Es sei richtig, dass am rechten Rand hingeschaut werde. Aber auf dem linken Auge dürfe man dabei nicht blind sein, so Wurlitzer gegen mit Pfiffen und Buhrufen protestierende Teile des Publikums. Ob Sachsens Innenminister Markus Ulbig auf dem linken Auge blind ist, war schwer auszumachen. Auf jeden Fall dürfte er keine Schwierigkeiten haben, bei einer der nächsten Demonstrationen das Antifa-Logo sicher erkennen zu können. Sein linker Podiumsnachbar, Silvio Lang von der Linkspartei, trug das Zeichen gut sichtbar auf seinem T-Shirt, das er unter seinem Jackett anhatte. Von ihm stammte auch der Satz, dass man linke Gewalt grundsätzlich anders sehen müsse und nicht mit rechter vergleichen dürfe. Diese Frage könnten wohl eher die Polizisten aus dem Streifenwagen oder die Pferde der Polizeireiterstaffel Großerkmannsdorf beantworten. Aber die einen standen draußen und die anderen im Stall. Auffällig ruhig und in sich gekehrt war Professor Werner Patzelt. Offensichtlich kaut er noch schwer an den Heckenschüssen, die er im Februar von seinen eigenen Studenten und auch Mitarbeitern des Fachbereichs hatte einstecken müssen. „Pegidaversteher“, war er gescholten worden. Zu nah sei er der ganzen Sache gekommen. So nah, dass er bereits als Akteur wahrgenommen wurde und deshalb ins Fadenkreuz geriet. Er hielt sich aus dem Geplänkel von AfD und Linkspartei heraus. Mit ineinander gehakelten Fingern saß er in der Runde und gab nur ein Statement ab, als er gefragt wurde. Dabei wiederholte er Bekanntes mit einem lakonischen Ausblick. Pegida sei inzwischen ein allwöchentliches Gemeinschaftserlebnis, bei dem sich Menschen gegenseitig in ihren Ansichten bestätigen, die von den etablierten Parteien nicht wahrgenommen oder nicht gehört würden. Es hätte auch nicht soweit kommen müssen, wenn die Medien diese Menschen nicht zu schnell mit Begriff „Nazis“ belegt hätten. Das habe zu einem Trotz geführt, der die Bewegung erst so richtig anschwellen ließ. Inzwischen habe das Ganze eine Eigendynamik angenommen. „Wohin das führt?“, fragte Patzelt rhetorisch und schob die Antwort nach: „Ich weiß es nicht.“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Dresden dreht sich um Dresden

  1. Hallo,

    bleibt die Frage außer Spesen nichts gewesen?

    Oder anders, so haben die 70% wenigsten ihre 25 € je Stunde diesmal mit sitzen im warmen verdient?

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