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Geschichten aus der Elbaue

Ganz schnell zur Tagesordnung?

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Der Gedenkstein für die Absturzopfer steht schon, während die Trümmer noch geborgen werden. Quelle: t-online

Der Gedenkstein für die Absturzopfer steht schon, während die Trümmer noch geborgen werden. Quelle: t-online

Angela Merkel merkt man an, dass sie keine Kinder hat. Deshalb behandelt sie ihr Staatsvolk so als bestünde es aus diesen. Wäre sie selbst Mutter, dann wüsste sie nämlich, welche aufstachelnde Wirkung Verbote haben. Insbesondere Denkverbote. War es einfach nur Ungeschick, Freud´sche Fehlleistung oder der Rückfall in alte Zeiten als FDJ-Sekretärin, der sie an der Absturzstelle der Germanwings-Maschine aussprechen ließ, Spekulationen zur Absturzursache über die verlautbarte Version hinaus verböten sich?
Ich bin nun wirklich kein Luftfahrtexperte. Deshalb kann ich mich nicht sachkundig an den vielen Spekulationen über verschlossene Cockpittüren, giftige Dämpfe in der Kabine oder den Gesundheitszustand der Piloten beteiligen.
Was aber sehr merkwürdig ist, wenn man es mit dem sonstigen politischen Gebahren der Akteure vergleicht, ist das Drumherum des ganzen Vorgangs. Und das kann man als Beobachter des Zeitgeschehens sehr wohl einschätzen und seine Rückschlüsse ziehen. Der Absturz einer Passagiermaschine ist tragisch, aber leider nicht so ungewöhnlich. Auch wenn es sich um europäische Fluggesellschaften handelt. Ich kann mich nicht erinnern, dass beispielsweise beim Absturz der Birgenair-Maschine in den Neunzigern auch eine ähnliche Staatsaktion das Ganze flankierte. Die Regierungschefs sofort zur Stelle, eine Pressekonferenz nur knapp eine Stunde nach der Katastrophe und eine atemberaubend schnelle Ermittlung der Tonaufzeichnungen aus dem Cockpit. Die Angehörigen erhalten unverzüglich 50 000 Euro „Soforthilfe“, wo doch sonst jahrelang vor Gericht um jeden Cent gefeilscht wird. Dass so schnell ein Alleinschuldiger ausgemacht wird und unter Preisgabe sämtlicher persönlicher Daten, einschließlich unverpixeltem Bild, Wohnhaus und dem der Eltern der Öffentlichkeit mit dem Prädikat „Massenmörder“ quasi zum Fraß vorgeworfen wird, dürfte die Leitungen beim Deutschen Presserat zum Glühen bringen. In einem Land, wo man sich seit Jahren darum streitet, ob überhaupt und in welcher Form die Namen der Täter von Gewaltdelikten veröffentlicht werden, ist das mehr als fadenscheinig. Wo ist jetzt der sonst so geheiligte Datenschutz? Wo ist die Unschuldsvermutung? Mit dem nicht vorbestraften Edathy aus dem Gerichtssaal marschiert? Bei Elternabenden in Grundschulen müssen sich die Eltern eine Zahl merken, unter der sie dann sehen können wie ihr Kind in einem Test abgeschnitten hat. Name und Zensur werden nicht mehr zusammen genannt. Dass nur ja niemand merkt, wenn Nachbars Fränzchen zwei Striche döfer ist als die schlaue Eva, der die Mama bei den Schulaufgaben hilft.

Gedenkplatte für die Opfer der Interflug. Foto: Ronan Hubert

Gedenkplatte für die Opfer der Interflug. Foto: Ronan Hubert

Hier erfahren wir in Echtzeit alles über einen Menschen, der sich nicht mehr wehren kann, aber dessen Eltern für den Rest ihres Lebens stigmatisiert sind. Es fehlt nur noch, dass die ominösen Krankenscheine, die angeblich gefunden wurden, veröffentlicht werden. Frage am Rande: Wenn er die zerissen hat, warum hat er sie dann nicht komplett entsorgt, sondern noch liegen gelassen?
Was aber jeden Beobachter, egal, ob er nun Fachmann ist oder nicht, stutzig machen sollte, ist die Sache mit diesem Gedenkstein. Der Absturz ist heute, am 31. März, gerade einmal eine Woche her. Der Gedenkstein dort wurde aber nach Medienberichten bereits nach drei Tagen fertiggestellt und aufgestellt. Mehrsprachig. Die Buchstaben in Stein gehauen. Mit allem Drum und Dran. Dafür hatte man Nerven und Ressourcen. Wer hat die Stelle ausgesucht, den Auftrag erteilt, den Text entworfen und eine Firma mit der Aufstellung beauftragt? Und das alles in einem unwegsamen Berggelände, wo noch nicht mal alle Teile der Maschine geborgen sind Von einer ergebnisoffenen Untersuchung ganz abgesehen. Ist so ein Stein, der durch sein Material symbolisiert, dass er für die Ewigkeit gedacht ist, nicht eine Sache für später? Wenn die Toten begraben, die Trümmer geborgen und der Fall seine Ruhe in den Akten und Archiven gefunden hat? Als memento mori für die Nachwelt mit der stummen Mahnung: Mors certa, hora incerta (Der Tod ist sicher, die Stunde ungewiss). Wann wurde in Lockerbie ein Gedenkstein errichtet? Für die 1972 bei Königs Wusterhausen abgestürzte IL-62 der Interflug wurde erst 1997 eine Gedenkplatte installiert.
Aber hier dröhnen die Motoren der Hubschrauber, arbeiten die Bergemannschaften noch. Die Hinterbliebenen sind noch gefangen zwischen ungläubigem Schmerz und profanen Sterbeformalitäten. Das ist noch lange kein Platz für stilles Gedenkens und Innehalten. Das ist der Drehort einer makabren Show in der einfach zu dick aufgetragen wird.
Diese Begleitumstände sind es, die das Ganze neben den zahlreichen anderen Theorien so verdächtig machen. Denn sie vermitteln nur eine Botschaft.
Und die lautet: Schaut nicht so genau hin, fragt lieber nicht. Lasst uns schnell, am besten ganz schnell, zur Tagesordnung übergehen. Können wir das?

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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