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Geschichten aus der Elbaue

Coswig gibt Pegida recht

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72 völlig intakte Wohnungen werden in Coswig geschleift, während andernorst händeringend nach Wohnraum für Asylbewerber gesucht wird.

72 völlig intakte Wohnungen werden in Coswig geschleift, während andernorts händeringend nach Wohnraum für Asylbewerber gesucht wird. Foto: leo

Beim Skat nennt man sowas eine Ansage. In Coswig ist es Irrsinn mit Ansage, was da gerade auf der Lindenauer Straße im Wohngebiet Dresdner Straße, im Volksmund nur „Ghetto“ genannt, passiert. Hier wird der Block Lindenauer Straße 9 mit seinen 72 bisher völlig intakten Wohnungen „rückgebaut“. Ein weiterer Euphemismus für Abriss in diesem Land. Kostenpunkt rund 200 000 Euro. Zu gut einem Drittel gefördert mit Mitteln aus dem Programm Stadtumbau Ost. Für sich genommen wäre das keine große Nachricht mehr. Gemäß entsprechender Stadtratsbeschlüsse aus den Jahren 2008 und 2012 hat Coswig schon mehrere Neubaublöcke abgerissen, um dem zunehmenden Leerstand bei den alten DDR-Plattenbauten Rechnung zu tragen. Das geschah nicht ohne Diskussionen. Handelt es sich doch bei der Masse der Objekte nicht um ungepflegte DDR-Überbleibsel, sondern um gleichfalls mit Millionen an Fördermitteln nach der Wende sanierten Wohnraum. Doch gerade das letzte Jahr hat eine Verschärfung der Wohnraumsituation mit sich gebracht. Stichwort Asylbewerber. Landauf und landab sucht die Politik händeringend nach Wohnraum für Asylsuchende, die nach einer neuen Doktrin nicht mehr in zentralen Großanlagen untergebracht werden sollen, sondern möglichst dezentral. Im Kreis Meißen ist die Lage inzwischen besonders prekär. Erst im Februar wurden Politik und Bevölkerung in der Kreisstadt Meißen gleichermaßen damit überrascht, dass die Mehrzweckhalle der Sächsischen Verwaltungsfachhochschule mit Asylbewerbern aus dem Kosovo belegt werden musste. Das Ganze passierte dann noch einmal. Inzwischen ist Meißen mit einem alten Polizeiobjekt am Kynastweg sogar eine Erstaufnahmestelle des Freistaates. Nach einem Verteilschlüssel werden Asylbewerber neuerdings bis in kleinste Dörfer prozentual anteilig hineingepresst. Selbst Hotels wie in Bautzen und erst kürzlich in Dresden-Pappritz werden mit Asylsuchenden belegt. Dabei trifft es auch Gemeinden wie beispielsweise Glaubitz, die keinerlei kommunale Unterbringungsmöglichkeiten haben. Diese Dörfchen müssen im Notfall Containerplätze ausweisen und sich um mobile Behausungen kümmern. Durchgedrückt wird das alles auf feinste Kommandomanier. In den Dörfern und Städten formieren sich Widerstände, schließen sich die Bewohner bei Demonstrationen zusammen.
Und genau in dieser Zeit reißt die Stadt Coswig einen ganzen Wohnblock weg. Ein völlig intaktes Haus, nach der Wende saniert und wärmegedämmt, aus dem erst vor kurzem die letzten Mieter ausgezogen sind. Und die Landkreisspitze wusste von dem Vorgang in Coswig. Denn die Begehrlichkeiten kamen schon im vergangenen Oktober auf. Aber hinter den Kulissen wurden stillschweigend die Verträge unter Dach und Fach gebracht. Jetzt ist nichts mehr zu stoppen. Mit der möglichen Folge, dass Coswig vielleicht in absehbarer Zeit ebenfalls einen Containerstandort suchen muss, um Asylbewerber unterzubringen. So verlautbart aus dem Rathaus schon im vergangenen Oktober. Geht es eigentlich noch irrwitziger?

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So sah der Block noch im Oktober 2014 aus. Damals wohnten auch noch einige Altmieter hier. Foto: leo

Der Fall ist aber entlarvend auf zweierlei Weise. Zum einen zeigt er, dass mit der DDR das sture Festhalten an irgendwelchen Beschlüssen noch lange nicht verschwunden ist. Die Logik und die Vernunft geböten doch gerade in diesem Fall ein kurzfristiges Umsteuern, zumal die Entscheidungsprozesse hier fast ein halbes Jahr betragen hätten. Anders als bei den Übernachtentscheidungen, Flüchtlinge in Turnhallen unterzubringen, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen müssen. Zum zweiten zeigt sich die Verlogenheit der ganzen Flüchtlingsdebatte auch an diesem Beispiel. Wenn immer wieder davon die Rede ist, wie wichtig Zuwanderung sei, wie gern man Kriegsflüchtlingen helfe und wie dringend Fachkräfte gebraucht würden, dann hätte man hier die besten Voraussetzungen für all die hehren Versprechen gehabt. Stattdessen wurde der Abriss klammheimlich forciert, um schnell Tatsachen zu schaffen, damit nicht irgendwelche übergeordneten Behörden noch auf „dumme Gedanken“ kommen und dazwischenfunken. Auf die mögliche Nutzung als Asylbewerberunterkunft angesprochen, hieß es sogar offiziell, man wolle keine „Unruhepole“ schaffen im Neubaugebiet. Wie jetzt? Coswig nennt sich „Ort der Vielfalt“. Aber so viel Vielfalt soll´s dann wohl lieber doch nicht sein. Wird die „Zuwanderung“ insgeheim doch etwas anders wahrgenommen, als nach außen propagiert? Es ist vielleicht kein Zufall, dass die maßgeblichen Pegida-Gründer, Kathrin Oertel und Lutz Bachmann, Kinder der Stadt sind. Mit Worten grenzt man sich von diesen ab. Mit den Taten aber gibt man ihnen recht.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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