castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Dresdens Inferno und Wiederauferstehung

Hinterlasse einen Kommentar

DSC_0163

Das Panometer in der Gasanstaltstraße in Dresden-Reick. Foto: leo

Sicher wirkt das Ganze im Februar noch besser. Aber die kalten Ostertage lassen den Wintermonat, in dem das Unfassbare geschah, nachklingen. Es ist schwere Kost, was der Künstler Yadegar Asisi da im alten Gasometer in Dresden-Reick installiert hat. Imposant sind schon die Bauten an sich. Nicht nur der Gasometer, in dem das Panoramabild aufgebaut ist. Besonders der noch größere davor. 1908 gebaut und die Hülle steht selbst nach über 100 Jahren und trotzt der Witterung. Eine in Beton gegossene Erinnerung an die Zeit als das Gas nicht unsichtbar unterirdisch aus Rußland kam, sondern noch durch das Verschwelen von Steinkohle erzeugt und in diesen gigantischen Tanks gelagert wurde. Die Kolosseen der Neuzeit sind heute die perfekte Ausstellungsfläche für eine noch größere Fähigkeit des Menschen, seine Kraft zu zerstören. Nicht blindwütig, sondern planvoll, mit wissenschaftlicher Vorbereitung und akribischer Ausführung. Das Ergebnis ist im 360-Grad-Vollbild auf 38 Meter Höhe zu besichtigen. Wohl jeder Deutsche, der die Schule hinter sich hat, kennt das berühmte Dresden-Bild mit der Statue von der Kunstakademie, die wie anklagend über ein Trümmermeer zeigt, das mal die Stadt war. Der erste Eindruck ist eher eine Frage: Woher nahmen die Menschen damals die Kraft in dieser Nachhölle wieder den ersten Stein anzufassen und alles wieder aufzubauen?
Bevor es in die Rotunde geht, führt der vorgezeichnete Weg den Besucher vorbei an Schautafeln, auf denen an jüdische Künstler und Widerständler gegen das NS-Regime aus Dresden erinnert wird. Das steht zwar in einer moralischen Beziehung zum Gezeigten, aber nicht in einem sachlich-faktischen Zusammenhang. Denn die systematische Zerstörung der deutschen Städte fand nicht statt, um die Drangsalierungen und später die Ermordung jüdischer Mitbürger zu rächen oder zu bestrafen, sondern man wollte die Moral des gegnerischen Volkes brechen. Der Historiker Jörg Friedrich hat das sauber in seinem vielbeachteten Buch „Der Brand“ von 2002 dargelegt und damit die Debatte um Kriegsschuld und Verbrechen auf beiden Seiten neu belebt. „Der Brand“ ist vielleicht auch wegen seiner technischen Details sehr gut als Vorlektüre zum Besuch des Panometers zu empfehlen. Denn der Betrachter sieht deutlich. Die Stadt wurde nicht einfach weggesprengt, sie wurde angesteckt. Und das nach Plan und mit Kalkül. Stabsstellen der Britischen Luftwaffe beschäftigten sich damit, herauszufinden, welcher Art die Bausubstanz einzelner deutscher Städte war. Wo befinden sich Bibliotheken, alte Schlösser, Kirchen – Bauten, in denen sich viel trockenes Holz befindet? Die Ruinenlandschaft Dresdens lässt das gut nachvollziehen. Man sieht einzelne Bombentrichter. Doch die Masse der Einschläge ist verschüttet unter niedergebrochenen Mauern und Schuttmassen. In Dresden hat man auch heute noch, darf man sagen, das Glück?, alte Menschen zu treffen, die das alles selbst erlebt haben. „Das Bild zeigt wie es zwei Tage nach dem Angriff aussah“, sagt ein alter Mann zu einer jungen Frau neben sich. Seine Enkelin vielleicht. Durch die Dunkelheit des Raumes und dadurch, dass man die anderen Besucher nicht so sieht, beginnen einige Ältere laut zu erzählen. Etwa die alte Frau, die mit ihrem Mann auf die Ruinen der Prager Straße schaut und sagt: „Und dann sind viele zur Elbe gemacht.“ Man erkennt in den Trümmerbergen noch den Abglanz der einstigen Schönheit Dresdens von der Erich Kästner sagte, er habe sie eingeatmet wie Försterkinder die Waldluft.

DSC_0113

Als Besucher kann man ganz nah ran. Doch selbst der Einsatz von Feldstechern auf dem Aussichtsturm lohnt sich. Das Panorama ist voller Details. Foto: leo

Man sieht, der Altmarkt war mal wesentlich schöner, mit einem Brunnen in der Mitte. Die Sophienkirche ist ganz verschwunden, wurde nicht wieder aufgebaut. Es schaudert einen, wenn man bedenkt, dass hier der sogenannte Freßwürfel stand. Auch der inzwischen abgerissen. An der Stelle steht heute irgendein weiterer gesichts- und seelenloser Würfelbau. Interessant auch das Hinterland der Prager Straße. Hier sieht man noch Schlote kleinerer Betriebe, also Klitschen, wie der Sachse sagt. Man erahnt es noch, dass wie es dieser aufstrebenden Industrie zu eng wurde und sie das Jacket der alten Stadt abstreifte und in die Neustadt überwechselte. Heute sinnigerweise der älteste Teil des profanen Dresdens. Die alten Fotos des Gasometers zeigen diesen weit vor der Stadt, inmitten von Feldern und Gärten. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Die Prager Straße wurde nach dem Krieg vollständig beräumt. Ein Bild aus dem Jahr 1955 zeigt sie inmitten leerer Flächen. Hier fuhr die Straßenbahn ohne Halt durch bis zum Hauptbahnhof. Das waren jene „toten Gebiete“, deren Zufahrtsstraßen nach dem Krieg mit lose übereinandergestapelten Ziegeln zugesetzt wurden. Noch in der Kriegszeit dufte hier nur her, wer eine Genehmigung hatte. Plünderer wurden erschossen. Man kann es sich nicht vorstellen, nur erahnen, welches Feuer hier gewütet hat, als dieser ganze mit viel Holz gebaute Stadtteil in Flammen stand. Augenzeugen berichten, es habe drei Tage und drei Nächte gebrannt. Der Sog des Feuerorkans sei so stark gewesen, dass selbst Passanten auf der Albertbrücke Mühe hatten, auf den Beinen zu bleiben. Selbst in abgelegenen Dörfen in der bayerischen Oberpfalz habe man den roten Schein des brennenden Dresdens gesehen, berichten Nachkommen von Zeitzeugen. Es sollen oberirdisch Temperaturen von bis zu 1600 Grad Celsius geherrscht haben. Keiner weiß, wieviele restlos verbrannten in der Flammenhölle. Die Toten aus den Kellern wurden oft nicht geborgen, weil man keine Technik zur Verfügung hatte, um die Schuttmassen zu beseitigen. Später, in den Fünzigern, wurden die Kellerdecken einfach geknackt und die Hohlräume dann mit Schutt gefüllt. Oft schaute niemand nach, ob da noch Tote drin waren. So schreibt es Wolfgang Schaarschmidt in seinem Buch „Dresden 1945“. Die Arbeiter schufteten im Akkord und die Frage, wie viele Tote der Angriff nun tatsächlich gekostet hatte, war in den fünfziger Jahren zweitrangig. Die Menschen brauchten was zu essen und Wohnraum.

DSC_0097

Noch heute kann man am Neumarkt oder vor der Altmarktgalerie die alten Keller sehen, die bei Bauarbeiten frei gelegt werden. Sie waren 70 Jahre verschüttet. Foto: leo

Bis heute geistern Zahlen von über 300000 bis hinunter zu 20 000 herum. Letzter Wert wurde festgelegt durch eine Historikerkommission, die im Auftrag der Stadt sechs Jahre lang diesen Komplex untersuchte. Kritiker wie der Dresdner Wolfgang Schaarschmidt werfen den Autoren dieser Studie vor, nur die amtlich registrierten Toten für ihr Urteil herangezogen zu haben. Das aber sei bei den wenigsten der Fall gewesen. Es fällt auch schwer, angesichts dieser totalen Verwüstung und den Schuttbergen an diese Version zu glauben. Zumal Schaarschmidt in seiner Darstellung das Schreiben einer Baufirma aus Cossebaude an den Rat der Stadt Dresden faksimiliert hat, indem der Inhaber einen pietätvolleren Umgang mit den Knochen anmahnt, die bei Tiefbauarbeiten immer wieder zutage gefördert werden. Einen Feuerwehrmann, der nach 1945 in der Schuttberäumung beschäftigt ist, weil es dort die Schwerarbeiterkarte gab, zitiert er mit den Worten: „Ich habe Zehntausende in diesen Grüften gesehen.“ Die Behauptung, dass Dresden mehr Tote gekostet habe, als Nagasaki und Hiroshima zusammen, befeuert bis heute ein Debatte, die wohl nie einen befriedigenden Abschluss finden wird. Dass es ohne Zweifel eine „Leistungsschau der Royal Air Force“ war wie Friedrich in seinem Buch anmerkt, dürfte außer Frage stehen. Und die Botschaft richtete sich nicht an das bereits geschlagene deutsche Heer, sondern die vorrückenden Russen. Die hatten sich mit „Terrorangriffen“ wie die Briten selbst ihre Luftschläge nannten, nicht unbeliebt gemacht. Ein Umstand der die ideologisch gefärbten Nachkriegsdebatten um Schuld und Vergeltung nachhaltig beeinflusste wie Götz Bergander in seinem Buch „Dresden im Luftkrieg“ schreibt. Die Russen wurden später wohlwollender von der ostdeutschen Bevölkerung betrachtet, weil sie nicht wahllos, anonym und aus sicherer Höhe angegriffen hatten.
Der Blick auf eine Seite des Panometer-Gästebuches offenbart das ganze Dilemma unserer Zeit – von der Bildungsmisere bis zur drohenden Kriegsgefahr.

DSC_0119

Der Blick in die zerstörte Prager Straße. Im Hintergrund ist der Hauptbahnhof zu erkennen. Foto: leo

„Wir waren heute beim Bombenanschlag Dresden“, schrieb ein offenkundig sehr junger Gast. „Das war sehr schön. Macht weiter so.“ Ein der Schrift nach alter Mensch schrieb: „Nie wieder Krieg! Und die Panzer rollen gen Osten.“
Kurz vor dem Ausgang befindet sich ein kleines Restaurant. Bekommt man überhaupt etwas runter nach dem Gesehenen? „Das haben wir uns auch gefragt“, gibt die freundliche Bedienung freimütig zu. Erstaunlich viele sogar würden hier etwas essen, sagt sie. Fazit des Gezeigten: Erschreckend, unvorstellbar für Menschen, die im Frieden aufgewachsen sind und leider erschreckend aktuell.
Empfohlene Literatur:
Wolfgang Schaarschmidt; Dresden 1945. Daten – Fakten – Opfer, Ares Verlag Graz, 2010
Götz Bergander; Dresden im Luftkrieg. Vorgeschichte- Zerstörung – Folgen
Jörg Friedrich; Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, Propyläen Verlag Münschen, 2002
http://www.asisi.de/de/ausstellungsorte/dresden-dresden1945/service.html

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s