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Geschichten aus der Elbaue

Cap-Anamur-Gründer spricht Klartext in Dresden

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Rupert Neudeck bei der Rettung geflüchteter Vietnamesen in den Siebzigern. Foto: AP

Rupert Neudeck bei der Rettung geflüchteter Vietnamesen in den Siebzigern. Foto: AP

Der alte Knabe mit dem Helfersyndrom, mag wohl mancher gedacht haben, der die Ankündigung zur jüngsten Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden gesehen hat. Eingeladen war Rupert Neudeck, der Gründer des Cap Anamur Deutsche Notärzte e.V. Einen Namen hat sich der heute 75-Jährige vor allem damit gemacht, als er in den Siebzigern die sogenannten Boatpeople vor der Küste Vietnams rettete. Man war extra auf das Stadtmuseum mit seinem großen Saal ausgewichen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Nur knapp die Hälfte der Sitzplätze war belegt. Doch wer jetzt rührselige Geschichten aus dem langen Helferleben  und Stereotypen der gegenwärtigen Asyldebatte des alten Fahrensmannes befürchtet hatte, der wurde angenehm überrascht. Es war überaus spannend und mit Erkenntnisgewinn verbunden, dem alten Mann zu lauschen. Den Neudeck sprach Tacheles. Er sorgte erstmal für semantische Klarheit, wenn es um den Terminus des Kriegsflüchtlings geht. Er bestätigte mit seinen Worten, was immer mehr Einwohner Deutschlands eher unbewusst fühlen: Die einzig wahren Flüchtlinge derzeit, die das Recht haben, diese Bezeichnung zu tragen, seien Syrer. Doch diese blieben oft in der Nähe ihrer Anwesen und Dörfer, um ihr Eigentum im Auge zu behalten. Oder sie flüchten in die nächstgelegenen Nachbarländer, um schnell wieder zu Hause zu sein, wenn die Kampfhandlungen in ihrer Region vorbei sind. Die sich trotzdem bis nach Deutschland durchgeschlagen haben, redeten unentwegt davon, wieder in ihr geliebtes Syrien zurückzukehren. Und Neudeck sprach deutlich aus: So wie die bisherige Asylpolitik angelegt ist, würden nur die Schleuser in Nordafrika davon profitieren, sonst niemand. Allein in Ägypten gebe es vier große Schleuserkonzerne, die Schleusungen über das Mittelmeer in die EU organisieren. Dabei unterböten sich diese „Reisebüros“ im Kampf um Kundschaft bei den Preisen. Mit der derzeitigen Politik leiste man diesem Geschäftsmodell nur Vorschub. „Wir machen die fett und fetter“, sagte Neudeck. Eine praktikable Lösung wäre es, die wirklich hilfsbedürftigen Syrer mit einem Schiff nach Deutschland zu holen. Damit würde auch den Schleusern die Grundlage entzogen. Und er ging auch auf die vielen jungen Nordafrikaner ein, die es nach Deutschland zieht. Diese würden hier gern mit dem verharmlosenden Wort „Alleinreisende“ umschrieben. Seine Organisation betreue beispielsweise in Mauretanien ein Projekt. Dort habe man inzwischen bis zu 70 000 solche alleinreisenden Jugendlichen. Die könne man nicht einfach wieder nach Hause schicken, weil sie mit einem Kredit auf die Glückssuche im Westen geschickt wurden und schon einen Teil des Geldes verbraucht haben. Diese Kreditehätten Familien oder Dorfgemeinschaften aufgenommen. Diese jungen Männer steckten in einer Zwickmühle, sie können gar nicht mehr zurück. Sie müssten das Geld wieder erwirtschaften, was man in sie investiert habe. Deshalb betreibe man vor Ort ein Zentrum, wo diese jungen Leute eine zweijährige Ausbildung machen können, um ihnen wenigstens eine kleine Perspektive zu bieten. Hier müsste Hilfe der EU sinnvoll ansetzen. Und Neudeck teilte noch weiter in Richtung Bundesregierung aus. Stichwort Saudi-Arabien. „Wir sind der beste Freund des größten Terroristen der Welt“, sagte Neudeck. Solche bestialischen Terrormilizen wie Boko Haram seien alle mit saudischem Geld finanziert. Gerade erst sei wieder eine Regierungsdelegation dort gewesen, aber da werde nicht über Menschenrechte oder Flüchtlinge gesprochen, sondern über Panzerlieferungen. Man sehe auch gerade an den Reaktionen auf die Bombardierungen im Jemen, wie man mit Saudi-Arabien umgehe. Neben den erfrischend klaren Worten des alten Hilfsaktivisten wirkten dann die Ausführungen, anders kann man es nicht nennen, von Dresdens Sozialbürgermeister Martin Seidel wieder einschläfernd. Dieser lobte sich für seine Prognose der in Dresden erwarteten Flüchtlinge und unterlegte die absoluten Zahlen der in Dresden beherbergten immer mit dem Prozentwert gemessen an der Gesamtbewohnerschaft der Stadt (0,1 bis 0,4 Prozent). Das wird ihm aber beispielsweise in Pappritz, laut Seidel ein heftig diskutierter Standort, trotzdem keine Sympathien einbringen. Denn dort hat sich inzwischen bewahrheitet, was viele der Anwohner befürchteten. Statt der syrischen Kriegsflüchtlinge trafen die bekannten alleinreisenden jungen Männer ein und eine 15-köpfige Roma-Familie aus dem Kososvo ein. Das brachte in der offenen Zuhörerrunde besonders einen Gast regelrecht in Rage. Wenn er sowas schon höre: Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo. Das Kosovo sei wahrscheinlich mit Abstand eines der sichersten Gebiete der Welt. 16 Mächte, wenn man die Geheimdienste mitzähle, übten dort die Kontrolle aus. „Dort wird man nachts von einer Militärstreife ins Hotel gefahren, wenn man besoffen auf der Straße unterwegs ist. Ich habe das selbst erlebt“, sagte er. Im Übrigen sei er sehr dafür, wenn die von Rupert Neudeck angesprochenen Kriegsflüchtlinge in Deutschland Asyl bekämen. Das sei die höchste Form der Anerkennung von Verfolgten. Diese Menschen sollten jede Hilfe bekommen, bis sich die Dinge in ihrer Heimat wieder normalisiert hätten. Aber er wolle nicht, dass sich in Dresden solche Dinge einnisten wie man sie seit 1970 in Neukölln habe. Auch Sachsens ehemaliger Ausländerbeauftragter Martin Gillo (CDU) beteiligte sich an der Diskussion. Er beklagte vor allem das generelle Vorgehen der Bundesregierung in den aktuellen Krisen. Immer werde nur über Waffen und Waffenlieferungen geredet. Er vermisse den Willen, zu einer friedlichen Verhandlungslösung zu kommen. Er machte das am Ukrainekonflikt fest. „Wir brauchen mehr Dialog, mehr Frieden machen“, so Gillo. Und er fasste das in ein interessantes Bild. Was wäre denn, wenn Sachsen aufgrund seiner langen Geschichte plötzlich beschlösse, ein Teil Polens zu werden. Würde dann die Bundeswehr Leipzig und Dresden angreifen? Die Welt sei so voller Grautöne, werde aber immer schwarz-weiß gezeichnet.

Die nächste Veranstaltung zum Thema Asyl findet am Donnerstag, 19 Uhr, wieder in der Landeszentrale für politische Bildung statt. Zu Gast ist Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) .
http://www.slpb.de/veranstaltungen/details/609/

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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