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Geschichten aus der Elbaue

Integrationsministerin erklärt: Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland

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Ballinstadt

Deutsche Auswanderer um 1900  in der Ballinstadt Hamburg. Quelle: ballinstadt.de

Dass in Dresden so langsam wieder Normalität einzieht, merkt man an kleinen Dingen. Beispielsweise daran, dass in der Landeszentrale für politische Bildung die Obrigkeit wieder von der Bühne zum Volk spricht und zugleich kaum widersprochen Unsinn erzählt werden kann. So wie vergangenen Donnerstag, als das Haus die neue sächsische Integrationsministerin Petra Köpping von der SPD zu Gast hatte. Thema, na, was könnte es anderes sein? Natürlich: Asyl. Petra Köpping ist, wie nebenbei bemerkt viele Politiker aus dem linken Lager, ein Mensch, der durchaus Sympathien weckt. Sie hat selbst drei Kinder und man kann sie sich gut als liebevolle Mutter oder vielleicht sogar schon Oma vorstellen. Nur mit dem Faktenwissen und den Zusammenhängen hapert es eben, wobei es noch für sie sprechen würde, wenn das Ventilieren von Unsinn bewußt geschähe. Denn das würde man Gerissenheit nennen. Bei Petra Köpping aber muss man annehmen, dass sie tatsächlich glaubt, was sie da so leichthin sagt. Nämlich den Satz, so kurz vor Schluss und en passant mit einer lockeren Drehung der linken Handfläche nach oben: Deutschland ist schon immer ein Einwanderungsland gewesen. Nur einem älteren Herrn in der letzten Reihe entfuhr ein schwer zu bestimmender Laut des Widerspruchs. Sonst Stille. Nun ist dieser Satz aus dem Mund einer „Integrationsministerin“ natürlich verständlich. Würde sie auf das Gegenteil abstellen, ergäbe sich sofort die nächste Frage. Nämlich die, nach dem Sinn und der Berechtigung einer Integrationsministerin. Und der Satz ist ungeheuer praktisch. Denn er nimmt gleich noch die ganze deutsche Geschichte der letzten Jahrhunderte in Schutzhaft. Damit nur ja keiner auf die Idee komme zu glauben, eine solche Ministerstelle sei nur ein weiterer Beleg für die ungebrochene Lust der Linken an gesellschaftlichen Experimenten.
Aber gehen wir einmal anders vor. Unterstellen wir mal, das wäre tatsächlich so gewesen. Geben wir bei Google die Begriffe Deutschland und Einwanderungsland ein, liefert die Suchmaschine an zweiter Stelle einen Wikipedia-Eintrag zum Thema. Dort heißt es: „Der Begriff Einwanderungsland beschreibt einen Staat, dessen Bevölkerung durch Einwanderung von Personen aus anderen Ländern stark anwächst oder in dem Einwanderer einen wesentlichen Teil der Bevölkerung stellen. Der Begriff wird zum Teil als politisches Schlagwort gebraucht.“ Und ein Stückchen darunter: „Als klassische Einwanderungsländer gelten vor allem Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada, aber auch Neuseeland, Südafrika, USA und weitere Staaten vor allem in Südamerika.“ Komisch. Von Deutschland ist da nicht die Rede. Zwar finden sich in früheren Jahrhunderten die Hugenotten, die Salzburger Protestanten und die Böhmischen Exulanten (sic), aber diese Bewegungen waren zahlenmäßig vergleichsweise kleine. Bei den Salzburgern sprach man von rund 30 000 Menschen, die es unter ihrem katholischen Bischof nicht mehr aushielten mit ihrem reformierten Glauben und dankbar den Weg ins karge Preußen antraten. Hier waren sie hochwillkommen und wurden von Friedrich Wilhem I., das war der rustikale Vater des späteren Großen Fritzen, im durch die Pest entvölkerten Ostpreußen angesiedelt. Richtig ist auch, dass im 19. und 20. Jahrhundert die „polnischen Schnitter“ dringend auf den ostelbischen Gütern als Erntehelfer gebraucht wurden. Auch die Ruhrpolen, die sich an Rhein und Ruhr ansiedelten, seien erwähnt. Aber letztere Umsiedlung hatte eher etwas mit den politischen Verhältnissen in Oberschlesien zu tun, als mit einem Bedarf am Aufnahmeort. Doch fasst man diese Bewegungen zusammen, so sieht man, dass es mit Ausnahmen der Hugenotten allenfalls Binnenwanderungen waren. Man kann natürlich den 30-jährigen Krieg mit dem Einfall der Schweden als Einwanderung bezeichnen, aber gemessen am Nutzen der Aktion fällt die Bilanz dabei wohl eher negativ aus. Die Wirklichkeit sah (und sieht) doch in Deutschland ganz anders aus. Der sächsischen Ministerin sei ein Besuch in der Partnerstadt Dresdens, in Hamburg angeraten. Dort gibt es die so genannte Ballinstadt. Benannt nach dem Reeder Albert Ballin, der für die damalige Zeit ein vorbildliches Regime der geordneten Auswanderung aus Deutschland organisierte.

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Von Hamburg aus verließen Millionen von Deutschen und Europäern das Land. Quelle: ballinstadt.de

In seiner Durchgangsstation bekamen die Passagiere in die neue Welt eine Rundumversorgung einschließlich Krankenpflege, ehe sie an Bord der eigens konstruierten Schiffe nach Amerika gingen. In dem heutigen Museum wird anhand von Schautafeln und Filmen auch erklärt, was die Menschen bewog, ihr Glück lieber in der Ferne als im übervölkerten Deutschland zu suchen. Da waren neben religiösen Motiven, die es immer wieder gab, vor allem die geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein Bauer vererbte seinen Hof immer an den Erstgeborenen. Alle weiteren Söhne konnten nur bei ihrem Bruder als Knecht bleiben oder mussten sich selbst etwas suchen. Die Städte waren geprägt von Übervölkerung und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen in der Industrie. Wer nicht die entsprechende Herkunft hatte, der blieb in diesem weithin noch ständisch geprägten Land, was er war. Der Kampfbegriff vom „Volk ohne Raum“, war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Sie brachten ihn nur auf die Tagesordung bei der Umsetzung ihrer Pläne im Osten. Schaute man dagegen auf die andere Seite des Ozeans, so fällt auf, dass der zahlenmässig stärkste Einwanderer auf dem nordamerikanischen Kontinent deutsch sprach. Die Abstimmung, ob die offizielle Landessprache der USA Deutsch oder Englisch sein soll, ging denkbar knapp aus. Noch heute trifft man „drüben“ allerorten auf deutsche Artefakte. Seien es deutsch klingende Nachnamen oder die Namen vieler Orte, die man der Einfachheit halber nach dem Ursprungsort der Einwanderer nannte – wie Hamburg, Potsdam, selbst Dresden. Stimmte also die Aussage der Ministerin, wonach Deutschland „schon immer“ ein Einwanderungsland war, dann wäre das Museum in Hamburg eine einzige große Jahrhundertlüge, die man bis heute kultiviert. Oder ist es nicht vielmehr so, dass durch solche Aussagen eine neue überhaupt erst implementiert werden soll? Denn wie sieht es denn heute aus?
Macht man wieder zunächst den simplen Googletest, so bringt die Suchmaschine unter dem Stichwort „Deutschland Auswanderung“ unter den ersten zehn Treffern folgende Auswahl an Fundüberschriften:
spiegel.de Deutschland ist ein Auswanderungsland
migazin.de Deutschland, das Land der Auswanderer
welt.de Deutschland Talente verlassen in Scharen das Land
Das ließe sich fortsetzen. Und damit wären wir wieder bei unserer sächsischen Integrationsministerin, die man sich auch gut mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen vorstellen kann. Denn auch sie malt sich ihre Welt wie sie ihr gefällt. Man muss doch die Frage stellen, wo die vielen Leute einmal arbeiten sollen, die derzeit völlig ungesteuert ins Land strömen? Denn, dass sie arbeiten sollen und unseren, der dann auch ihrer ist, Wohlstand mehren, steht doch bei allem außer Frage. Oder etwa nicht? Klammern wir bei dieser Frage mal die sonst heiß diskutierten Aspekte der kulturellen Kompatibilität und die formale Bildung der „Zuwanderer“ aus. Nehmen wir mal an, das alles ist mit „mehr Geld vom Bund“, „mehr Betreuung“ und ganz viel „Willkommenskultur“ zu bewerkstelligen. Aber wo sind dann die Schwerindustrien, die Stahlwerke, die Gießereien, die Walzwerke, die diese tausenden von Menschen aufnehmen sollen? In der Autoindustrie ist absehbar, wann der letzte menschliche Schrauber das Band verlässt. Schauen wir auf die Landwirtschaft. Derzeit könnte man dem Land wohl keinen größeren Stoß versetzen, als wenn Deutschland seine ehemaligen Ostgebiete auf einen Schlag zurückbekäme. Kein Mensch bräuchte die ostelbischen Großgüter wirklich. Der gesamte Agrar-Binnenmarkt käme ins Wanken, wenn dort plötzlich deutsche Standards von Mechanisierungsgrad, Umweltschutz bis Mindestlohn gelten würden. Inzwischen fahren selbst in unseren Agrargenossenschaften Großmaschinen mit GPS-Steuerung ohne menschliches Zutun hin und her. Die Ernte, früher der Höhepunkt des dörflichen Lebens, bei dem Mann und Maus raus aufs Feld musste, wo jede Hand gebraucht wurde, ist heute eine Angelegenheit von, lassen wir es hochkommen, einem Dutzend Leuten. Alles hochspezialisierte Fachleute auf Großmaschinen, die man nicht eben mal so fährt, ohne lange Ausbildung. Zur selben Zeit, wo Petra Köpping ihre merkwürdige (krude?) These vom ewigen Einwanderungsland Deutschland propagiert, sprach eine Hamburgerin ebenfalls in Dresden etwas anderes aus. Tatjana Festerling, die Pegida-Kandidatin für den Oberbürgermeistersitz in Dresden, sagte, dass es inzwischen 1,4 Millionen Menschen gäbe, die in Deutschland allein in der sogenannten Migrationsindustrie arbeiten – also Betreuer der verschiedenen Wohlfahrtsverbände wie der Caritas, der Diakonie, Sozialpädagogen, Psychologen und viele mehr. Das ist derzeit die einzige Branche, die wirklich boomt in Deutschland, abgesehen vom Geschäft mit Flüchtlingsunterkünften und dem Wohncontainerbau. Aber ist das wirklich eine tragfähige Basis für die Weiterentwicklung dieses Landes? Und wenn es selbst nur die Bewahrung seines Wohlstandsniveaus wäre? Eine Integrationsministerin darf man das nicht fragen. Das ist schon klar. Aber empfehlen darf man ihr etwas. Und zwar den Blick auf die Liste der deutschen Nobelpreisträger, auch wenn da so schlimme Vergangenheitsvergesser wie Günter Grass dabei sind. Die meisten Preise gab es für herausragende Leistungen in Physik, Chemie und Medizin. „Migration“ ist nicht dabei. Und „Integration“ fände ganz von alleine statt, wenn diese Bereiche wieder boomen würden.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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