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Geschichten aus der Elbaue

Niemand hat die Menschen gezwungen – Die Krim ein Jahr danach

Ein Kommentar

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Die Journalistin Anastasia Vinnichenko mit ihrem kleinen Sohn Wladislaw am Strand des Schwarzen Meeres. Sie lebt in Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Foto: privat

Knapp über ein Jahr ist es jetzt her, dass die Krim wieder russisch wurde. Bis heute ist dieser völkerrechtliche Akt hochumstritten. Russland wurde deshalb auf Druck der USA von Europa mit Sanktionen belegt. Angela Merkels letzte Stellungnahmen in dieser Sache lauteten, sie werde diese Aktion Russlands nicht anerkennen. Das ist die große Bühne der Weltpolitik. Doch wie geht es den Menschen vor Ort? Wie empfinden die unmittelbar Betroffenen diese Veränderungen in ihrem Alltag?
Castorfiberalbicus sprach dazu mit der 31-jährigen Journalistin Anastasia Vinnichenko. Sie arbeitet als Redakteurin beim Internetsender Newsfront in Simferopol, der Hauptstadt der Krim.

Castorfiberalbicus: Frau Vinnichenko, zunächst erstmal die Frage: Woher sprechen Sie so gut Deutsch?

Ich war als Au-Pair-Mädchen in Deutschland und lebte in einer sehr guten Familie. Meine Gastmutter hat mir Schritt für Schritt Deutsch beigebracht. Dann hatten sie mir die Möglichkeit gegeben, eine private Sprachschule zu besuchen. Ich hatte auch ein Studium in Deutschland angefangen. Dieses brach ich jedoch aus privaten Gründen ab, was ich später mehrmals bedauert habe. Ich mag die deutsche Sprache und die Deutschen.

Castorfiberalbicus: Zur Politik. Vor einem Jahr wurde die Krim wieder ein Teil Russlands. Wie bewertet die Bevölkerung der Krim das ein Jahr danach?

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Auch im Straßenbild von Simferopol ist die neue Zugehörigkeit zu Russland präsent. Hier eine Unterstellmöglichkeit in patriotischer Aufmachung. Foto: privat

Seit der Vereinigung mit Russland haben wir eine sehr große patriotische Aufwallung erlebt. Und diese Stimmung hat sich bis heute gehalten. Jetzt, wie auch vor einem Jahr, sind die Krimbewohner fest davon überzeugt, dass ihre Entscheidung richtig war. Diese Überzeugung wird bestärkt durch das, was derzeit in der Ukraine abläuft. Wir sehen doch, in welchen Zugzwang die einfachen Ukrainer geraten sind. Ich meine damit die Kürzungen der sozialen Leistungen, den Absturz der Nationalwährung Hriwna, die bleibenden super niedrigen Renten und Gehälter, verdreifachte Preise und so weiter. Es war damals auch allen klar, dass es die einzige Möglichkeit war für die die Krimbewohner, ihre Rechte, ihre Sprache, ihre Kultur, die freie Selbstbestimmung und nicht zuletzt den russischen Hafen und damit auch Ihre Arbeitsplätze zu schützen. Heute ist es sogar noch offensichtlicher als damals, dass diese Entscheidung richtig war. Die Krimbewohner sind sich sicher, dass in einem anderen Szenario es für sie hätte schlimmer enden können, als für die Donezker-Bevölkerung.

Castorfiberalbicus: Wie sieht die derzeitige wirtschaftliche Lage der Menschen auf der Krim aus?

Wir haben kein plötzliches Paradies hier bekommen. Das muss man verstehen. Aber es gibt signifikante Verbesserungen, vor allem für die einfachen Menschen. Die Rentner bekommen wesentlich mehr Rente, als es damals in der Ukraine war. Die Gehälter für Lehrer, Ärzte, Polizei, Militärangehörige sind wesentlich höher, als vor einem Jahr oder auch heutzutage in der Ukraine. Die durchschnittliche Rente in der Ukraine beträgt 48 Dollar, die durchschnittliche Rente auf der Krim 177 Dollar. Die Preise sind ungefähr gleich. Manche Produkte sind teurer auf der Krim, manche Produkte sind in der Ukraine teurer. Alle Krimbewohner haben eine kostenlose Krankenversicherung bekommen und können jetzt wirklich in den Krankenhäusern kostenlos versorgt werden. Das alles hat man in der Ukraine nicht. Und weil wir alle viele Verbindungen in der Ukraine haben, behalten die Verwandten, Bekannten und auch die Medien dieses Thema fest im Blick. Man sieht sowohl in russischen als auch in ukrainischen Medien Vergleiche, wie es uns auf der Krim und wie es den Menschen in der Ukraine geht. Und in diesem Vergleich gewinnt die Krim sehr deutlich. Die nationale Währung Hriwna ist massiv abgestürzt. Vor kurzem kostete ein Dollar mehr als 40 Hriwna, zu Zeiten der Janukowitsch- Regierung kostete ein Dollar acht Griwna, also ein Fünftel. Jetzt hat der Hriwna sein Positionen etwas zurückerobert: offiziell 25 Hriwna, aber de facto bekommt man für diesen Preis keinen Dollar. Ab April sind die Preise für Gas, Strom enorm gestiegen. Später wird der Preis auch für Wasser für die Ukrainer jedes halbe Jahr steigen. Auf der Krim hingegen steigen nicht die Steuern, sondern die Renten und Gehälter.
Es gibt aber auch schlechte Seiten. Wegen der Sanktionen können die Menschen auf der Krim keine Visa und Master Card benutzen. Die Banken auf der Krim bedienen keine russischen Rechnungen. Ein Tourist aus Russland kann nicht einfach mit seiner russischen Karte auf der Krim sein Geld abheben. Große Firmen investieren nicht gerne auf der Krim, weil die Angst sehr groß ist, durch westliche Sanktionen getroffen zu werden. Man spürt auch die Transport- und Wasser- Blockade seitens der Ukraine. Die Bahn-Verbindungen wurden gekappt. Die Bus-Verbindung geht nur bis an die Grenze. Die Grenze muss man zur Fuß überqueren. Die Lastwagenfahrer mit Waren aus der Ukraine müssen unheimlich viel Schmiergeld an der Grenze bezahlen, um ihre Waren auf die Krim fahren zu dürfen. Auf die Krim fährt nur ein einziger Zug der Verbindung Moskau-Simferopol. Dafür wird am Flughafen noch ein Terminal gebaut. Es sind mehr Flugverbindungen geworden. Die Preise sind wirklich nicht sehr teuer. 125 Dollar kostet ein Flug Moskau-Simferopol hin und zurück. Die Touristen aus Russland fliegen gerne auf die Krim.
Der Nord-Wasser-Kanal, der größte Bedeutung für die östlichen und nördlichen Gebiete der Krim hat, ist außer Betrieb. Die Ukraine leitet kein Wasser mehr auf die Krim. Das macht das Leben, vor allem für die Bauern, sehr schwer. Früher wurde auf der Krim Reis angebaut, heute hat man dafür nicht mehr genug Wasser.
Das Benzin ist auf der Krim 30-40% billiger als in der Ukraine.

Castorfiberalbicus: Gibt es auch kritische Stimmen in Bezug auf das Referendum und die Rückkehr zu Russland?

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Russische Truppen bei der Absicherung des Refenderums 2014. Foto. privat

Klar. Es geht im Leben nie so, dass alle zufrieden sind. Negativ eingestellt ist aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, höchstens 8-9%. Vor einem Jahr haben die Krimbewohner gesehen, wie das Motto „Ukraine ist Europa“ auf dem Maidan als Meinung des ganzen Volkes vorgestellt wurde. Die Krimbewohner haben die einzig richtige Antwort auf dies gegeben – das Referendum. Den Einwohnern der Halbinsel wurde angeboten, ihre Meinung über die Zugehörigkeit der Halbinsel zu äußern. Und sie haben es getan. Es war wirklich ein Fest für den größten Teil der Menschen auf der Krim. Damals haben sogar die gewählt, die es vorher nie getan haben. Das, was in westlichen Medien berichtet wurde, dass das Referendum unter vorgehaltener Waffe stattfand, ist eine unverschämte Lüge. Niemand hat die Menschen gezwungen, an diesem Tag aus dem Haus zu gehen und zu wählen. Die Menschen machten es freiwillig und dort waren wirklich endlose Schlangen an den Wahllokalen.

Castorfiberalbicus: Die Nato veranstaltet Manöver im Schwarzen Meer und den angrenzenden Ländern. Wie wird das von der Bevölkerung der Krim wahrgenommen?

Die Bevölkerung der Krim nimmt das ruhig wahr. Die Krimbewohner sind der Meinung, dass die einzigen, die für  die Krimbewohner wirklich eine Gefahr darstellen könnten, ukrainische Mächte wären, die die Krim angreifen könnten unter dem Vorwand „die konstitutionelle Ordnung zu schaffen“. An einen militärischen Erfolg einer derartigen Aktion glaubt hier keiner, aber die westlichen Medien könntes das für ihre Zwecke instrumentalisieren. Stellen Sie sich beispielsweise einen Artikel im Spiegel oder FAZ vor, wie etwa: „Russen haben 20 000 ukrainische Soldaten plattgemacht, die die konstitutionelle Ordnung auf der Krim wiederherstellen wollten“ oder „Russische Flugzeuge haben 100 ukrainische Panzer vernichtet“. Was die NATO angeht, wenn es in einen Konflikt zwischen Russland und NATO ausartet, was Gott verhüten möge, dann werde das nach Meinung der Krimbewohner zum dritten Weltkrieg führen, in dem es keine Sieger geben wird. Die ganze Menschheit wird in diesem Fall verlieren.

Castorfiberalbicus: Deutschland beteiligt sich offiziell an den Sanktionen der EU und den Nato-Manövern. Doch die Stimmung in der deutschen Bevölkerung ist gespalten. Viele wollen ein gutes Verhältnis zu Russland und haben Verständnis für die Krimabstimmung. Wie wird Deutschland und speziell die deutsche Bevölkerung von den Bewohnern der Krim wahrgenommen?

Die Meinungen gehen auseinander. Ein Teil der Krimbewohner meint, dass Deutschland weiterhin die USA unterstützen wird und es sei sinnlos, etwas dagegen zu unternehmen. Der andere Teil der Krimbewohner glaubt, dass die Deutschen das einzige Volk Europas sind, das Russland wirklich verstehen könnte. Ja, genau das Volk, nicht die Regierung. Nicht vom Hörensagen wissen die Deutschen, was Nazismus und Faschismus bedeuten. Man glaubt, dass nur die Deutschen Russland wirklich verstehen könnten, wenn es in die ganze Welt hinaus schreit, dass in der Ukraine die reine Wiedergeburt des Faschismus passiert.

Castorfiberalbicus: Welche Hoffnungen haben die Menschen auf der Krim in Bezug auf die nahe Zukunft?

Die Krimeinwohner wünschen sich vor allem den Frieden. Dass die Welt sich ohne ständige Kriegstreiberei und Kriege weiterentwickelt. Dass die Regierungen überall genug Verstand an den Tag legen, um keine „Roten Knöpfe“ zu betätigen, sondern gemeinsam zu einer Weiterentwicklung der gesamten Menschheit beitragen. Die Krimeinwohner wünschen sich, dass die gegenwärtigen Probleme der Halbinsel, besonders das Nichtanerkennen des Referendums durch den Westen, in naher Zukunft mit ausschließlich politischen Mitteln gelöst werden können. Es ist auch wichtig für uns, dass die Kommunalpolitiker ihre Arbeit gewissenhafter ausführen, als zu den ukrainischen Zeiten. Dass der Kampf gegen die Korruption unvermindert weitergeführt wird und die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel aus Moskau für den Ausbau der Krim-Infrastruktur nicht zweckentfremdet werden.

Castorfiberalbicus: Vielen Dank für das Gespräch.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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