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Geschichten aus der Elbaue

Kathrin Oertel sorgt für Tumult bei Pegida-Diskussion

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Das Compact-Magazin hatte zur Diskussionsrunde in das Dresdner Restaurant „Zum Steiger“ eingeladen. Foto: leo

Der eigentliche Knaller kam zum Schluss. Die letzten Reden der knapp zweistündigen Veranstaltung waren schon gehalten als der Moderator sagte, es gäbe noch eine Wortmeldung. Die Vorstellung der Dame wäre unnötig gewesen. Viele hatten die ehemalige Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel schon erkannt, die im Publikum saß. Eingeladen hatte das Compact-Magazin in das Dresdner Restaurant „Zum Steiger“ zu einer Diskussion mit dem eigenen Herausgeber Jürgen Elsässer und dem Verleger Götz Kubitschek unter dem Titel: Wie weiter mit Pegida? Dabei war natürlich immer wieder von der Spaltung der Bewegung durch den überraschenden Austritt eines großen Teils des Orga-Teams und der markanten Sprecherin Oertel die Rede gewesen.
Das könne sie so nicht stehen lassen, sagte die ehemalige Miss Pegida. Zunächst einmal: Sie habe kein Geld eines großen Unternehmens für ihren Ausstieg bekommen, wie ihr unterstellt worden sei. Es sei nur so gewesen, dass sie in der Zeit bis Dezember eine Radikalisierung der Bewegung wahrgenommen habe, die sie nicht mehr habe mittragen können. Sie hätte „Hass in den Gesichtern der Demonstranten gesehen“. Und wenn es gegen die Schwächsten, die Migranten, gehe, könne sie dabei nicht mehr mitmachen. Bei diesen Worten war die Schläfrigkeit im Publikum, die sich zum Ende hin schon etwas breit gemacht hatte, wie weggeblasen.

„Du hast uns verraten“

Einige sprangen erregt von ihren Stühlen auf und riefen: „Du hast uns verraten. Du wolltest doch bloß in die Bild-Zeitung“. Oertel konterte, sie könne mit diesen Reaktionen leben, schließlich lebten wir in einer pluralistischen Gesellschaft. Aber ihre Wortwahl wirkte seltsam einstudiert. Auch blieb sie nebulös bei der Darlegung, was konkret ihr an der Entwicklung der Pegida und speziell des Orgateams missfallen hatte. Mitdiskutant Götz Kubitschek beruhigte dann die Gemüter, indem er in gesetztem Tonfall die Kritik aufgriff und ausholte. Man müsse sich vergegenwärtigen, wo alle die Mitglieder des Pegida-Teams noch vor einem halben Jahr gesellschaftlich gestanden hätten. Dann quasi über Nacht weltweit tausende Artikel über sich zu lesen, hätte auch ganz andere Menschen überfordert. Der Außenstehende könne sich keine Vorstellung machen von dem gesellschaftlichen Druck, der auf diesen Organisatoren lastet. Noch dazu, wo man es mit einer starken Gegenreaktion zu tun habe. Und dabei habe der Staat, dieser „Skorpion“, wie Kubitschek wörtlich sagte, nur einmal mit seinem Giftstachel gezuckt. Er sei zu ganz anderen Sachen fähig. Direkt an Oertel gewandt, sagte er: „Sie sind mit der Entwicklung dieser Bewegung untrennbar verbunden, aber verbrämen sie sich ihren Rückzug nicht mit falschen politischen Zuschreibungen. Jeder hätte vollstes Verständnis, wenn gesagt werde, dass man dem öffentlichen Druck nicht gewachsen sei.“

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Auf der Pressekonferenz am 19. Januar nach der Terrordrohung war das Führungsduo Bachmann und Oertel noch vereint. Eine Woche später stieg Oertel aus. Foto: Leo

Diese Spaltung der Pegidabewegung war das bestimmende Thema des Abends. Keiner hätte vorhersagen können, welche Richtung das Ganze genommen hätte, wenn es Mitte Januar nicht zu der Verkettung von Terrordrohung, Demonstrationsabsage und plötzlich aufgetauchtem Hitler-Selfie von Pegidagründer Lutz Bachmann gekommen wäre. Götz Kubitschek rekapitulierte noch einmal die Stadien der Gegenbewegung über Verschweigen, Verächtlichmachen, Kriminalisieren bis zu unverhohlenen Angeboten der Politik durch den mühsam getarnten Annäherungsversuch des Vizekanzlers im Januar. Und er sinnierte darüber, warum man staatlicherseits nicht von Anfang an auf das Konzept Frank Richters, des Leiters der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden, verfallen sei. Richter hat inzwischen mehrere Gesprächsrunden mit verschiedenen Pegida-Themen angesetzt, die aber in letzter Zeit nur noch spärlich besucht werden. „Das Ganze wäre doch viel früher in einem Faselmorast versunken, wenn man diese Gespräche eher angeboten hätte“, so Kubitschek. Denn nichts könne die Demokratie so gut wie „folgenloses Gerede“. Warum das Ganze nur in Dresden so hochgekocht sei und sich hier auch mit einem harten Kern von montäglich rund 10 000 Demonstranten halte, läge daran, dass der Westen „50 Jahre das süße Gift der Umerziehung gesoffen habe“. Hinzu käme die starke Verbundenheit der Dresdner mit den Geschicken ihrer Stadt. Die Dresdner hätten der „Lüge und Hetze“ widerstanden. Sie bringen weiterhin ihren Widerstand auf die Straße. Und bei denen, die da stehen, könne man nicht wählerisch sein, so Kubitschek. Solle man warten bis sich ein besseres Volk einfindet?, fragte er rhetorisch. Eines, das vielleicht weniger schlampig angezogen, weniger peinlich ist? Der Bürger will die Unruhe im Grunde nicht, so seine Analyse. Er sei auf Konsens, Kompromiss und den Vorrang des besseren Arguments aus. Er sei aber überfordert mit der Quantität der Fremdheit, die ihm oktroyiert wird. In diesem Zusammenhang sei er überrascht davon, wie „experimentierfreudig“ der Staat vorgeht. Das geschähe in einem Ausmaß, das er nicht nachvollziehen könne.

„Der gute Linke ist konservativ“

Auch Jürgen Elsässer war nicht verlegen um starke Worte. „Pegida ist die letzte Chance, um dieses Volk zu retten“, sagte er und bekam dafür heftigen Beifall. Die Kategorien Links und Rechts dürften in dieser schicksalhaften Zeit keine Rolle mehr spielen, sagte der Mann, der sich halb scherzhaft als „alten Nationalbolschewiken“ bezeichnet. „Der gute Linke ist konservativ“, so Elsässer. Man dürfe nicht so auf die Protagonisten an den Parteispitzen schauen. Die wollten nur ihre Pfründe, Dienstwagen und Posten. Gerade bei den Versammlungen der Linken seien oft die größten Spießer versammelt. Diesen Leuten schmecke es ebenso wenig, welche Experimente mit diesem Land veranstaltet werden. Kubitschek, der wahlweise als rechter, rechtsextremer oder konservativer Verleger bezeichnet wird, fügte an, „die Entdämonisierung der Rechten müsse durch die Linken erfolgen“. Es könne nicht sein, dass gerade die Linken immer wieder Leute wählten, die ihnen selbst das Leben schwermachten. Hier gelte es Alternativen aufzuzeigen.
Nötig sei jetzt eine echte Opposition. Deshalb komme es darauf an, dass Pegida sich „virulent“ halte. Es gelte, einen „Resonanzraum“ zu bilden und durch schlaues und punktuelles Antreten den Gegner zu Überreaktionen zu verleiten. Ein Beispiel dafür sei die Kandidatur der neuen Pegida-Sprecherin Tatjana Festerling zur Dresdner Oberbürgermeisterwahl. Dabei müsse man realistisch sein, so Compact-Chef Jürgen Elsässer. Mehr als 20 oder 30 Prozent werde sie dort nicht bekommen. Aber es gelte, die Arithmetik des Gegners zu stören und vielen Menschen, die sich aus den verschiedensten Gründen nicht trauten, sich offen zu Pegida zu bekennen, eine Möglichkeit zu geben, anonym abzustimmen. Das gelte ebenso für Bürgerbegehren, bei denen Pegida zum Angriff übergegen könnte.

Keine Parteigründung

Eine Parteigründung sei strikt abzulehnen, da sie am Ende nur Karrieristen, Spieler und Leute anzieht, die irgendwie im System ankommen wollen. Das alles zielte mehr oder weniger ausgesprochen auf die AfD. Es sei „dumm“ von der neuen Partei gewesen, sich dieser Vorfeldbewegung entledigt zu haben, sagte Götz Kubitschek. Womit er wieder bei den Persönlichkeiten war. Denn auch in der AfD gilt die Lehrmeinung, dass man mit den Pegida-Demonstranten sprechen will, aber zum Orga-Team eher Abstand halte. Wobei sich alles an der Person Lutz Bachmanns kristallisiere. Dessen Facebookaktivitäten stellten nichts dar im Vergleich zu den Taten anderer aktiver Politiker in herausgehobenen Positionen, so Kubitschek. Im Übrigen sei der ganze Komplex Facebook eher als verlängerter Kneipentresen nach 20 Uhr zu betrachten, denn als Plattform ernsten politischen Dialogs.
Doch was, wenn Pegida scheitert? Auch diese Möglichkeit müsse man in Betracht ziehen, so die beiden Diskutanten einhellig. Schließlich könne man sich nicht in ein paar Jahren bei Demonstration Nummer 273 treffen. „Dann kommt was Neues“, so Kubitschek. Denn an den Grundproblemen, auf denen Pegida entstanden ist, habe sich nichts geändert. Das Volk sei unzufrieden , nicht repräsentiert und werde von den Medien belogen. Und es sei mit dem Maß an Fremdheit, mit dem dieses Land konfrontiert wird, völlig überfordert. So lange sich an diesen Grundparametern nichts ändere, seien immer wieder die Voraussetzungen für Bewegungen wie Pegida gegeben.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

5 Kommentare zu “Kathrin Oertel sorgt für Tumult bei Pegida-Diskussion

  1. Danke und weiter machen,
    Ihr Bericht läßt Hoffnung aufkommen.
    Das System wird alles in Bewegung setzen, um keiner echten Opposition auf’s Trapez kommen zu lassen !
    SA_Antifanten_Stoßtruppen sind nur die Vorhut, der große Rest verschanzt in allen Regierungsebenen – Schlüsselpositionen besetzt von strammen 1000%tigen Parteikadern,
    wie in vergangenden Sowjetzeiten des Ostblock’s !
    Im friedlichen läßt sich nichts mehr bewegen – Auf grobe Klötze gehören grobe Keile…..

  2. danke, montag kommt das video ))) wichtig ist ja das die leute was machen, der oertel darf man auch nicht böse sein, als sie bei diesem systemling jauch sass war es zuende, ein gutes video dazu > Oh je, oh je, PEGIDA! >> https://www.youtube.com/watch?v=N296yh52Hj0

  3. 2-3 % Wird Frau Festerling erhalten. Das Problem bei Pegida ist die Ehrlichkeit auch gegenüber sich selbst. Die ist komplett weg. War es am Anfang vielleicht noch halbwegs eine Bürgerbewegung, so sind es jetzt teils extrem rechte Kader, die durch die Straßen marschieren. Aber auch die „Bürgerbewegung“ Pegida war vor allen schon immer eins, nämlich unehrlich gegenüber der Geschichte unseres Landes und den Fakten, z. B. Hintergründe der Gesetzgebung. Pegida ist im Prinzip der Auswuchs des Stammtischs, wo gesagt wird, ich habe bchts gegen Asylanten, aber…… Und genau das hatten wir 1933-1945 schon mal. Weg mit der Lehrmeinung, weg mit allem was der Kleinbürger soweiso jicht versteht. Wenn es dann aber gegen einen selbst geht, z B bei den Kriegsfolgen. JA, WIR WAREN DOCH NUR KLEINE BÜRGER, WIR KÖNNEN DOCH NICHTS DAFÜR. Glaubt mir, „das Volk“ hat das verstanden, deswegen läuft sich Pegida nämlich langsaam tot und muss sich mit Scheisshausparolen a la 10.000 waren da selbst befriedigen. Tschüss Lutz!

  4. Pingback: Dresden 16.4.: Querfront-Diskussion über Pegida | Kreidfeuer

  5. Pingback: „Pegida – Wie weiter?“ Elsässer & Kubitschek | feuilletonkritik

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