castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Der Biber begrüßt die Wölfe

Ein Kommentar

DSC_0040A

Wer Russisch gelernt hat, kann es lesen. Alle anderen verstehen es aber auch so. Foto: leo

Heute mal was auch in eigener Sache. Viele haben vielleicht die Kontroverse um die russischen Biker „Нощние Волки“ (Nachtwölfe) mitbekommen. Diese hatten vor, eine Tour durch halb Europa von Moskau nach Berlin zu fahren. Damit wollten sie an den Weg der Roten Armee bis zum Sieg über Hitlerdeutschland 1945 in Berlin erinnern. Enden sollte das Ganze mit einer Kranzniederlegung am Treptower Ehrenmal. Doch schon die Ankündigung sorgte für eine heftige Gegenreaktion der Politik. Polen verweigert den Bikern die Einreise, Deutschland erkannte selbst gültige Visa nicht an, als einige über Berlin-Schönefeld per Flugzeug einreisen wollten. Aber ein paar ist es doch gelungen. Sie nutzten wie derzeit viele andere auch die ungesicherten Grenzen des Schengenraumes und sind unterwegs nach Berlin. In Sachsen gibt es seit rund zwei Wochen diverse Aktivitäten von Bikern, die russischen Gäste an der Grenze zu empfangen und auf ihrem Weg nach Torgau zu begleiten. Der Elbebiber wird sich an dieser Aktion beteiligen und live berichten.
Warum? Ganz einfach, weil auch ihn das Thema Ukraine und ein drohender Konflikt mit Russland keine Ruhe lässt. Nun könnten Kritiker einwenden, wozu eine „Siegestour“ der Russen mitfahren? Schließlich durfte nach der Wende und den Jahren der verordneten Freundschaft zur Sowjetunion endlich auch gesagt werden, dass sich diese Soldaten auf ihrem Marsch nach Berlin nicht wie Befreier, sondern zu großen Teilen wie eine entfesselte Soldateska aufgeführt haben. Goebbels brauchte keine große Propaganda machen. Die Soldaten, die im Osten kämpften, sahen was los war, wenn sie Gebiete kurzzeitig wieder zurückerobert haben. „Die Russen“ haben geplündert, massenhaft vergewaltigt und wahllos gemordet. Und nach der Kapitulation installierten sie das nächste Unrechtsregime stalinscher Prägung im Osten des Landes. Das ist alles richtig. Aber sollte es nicht gerade nach 70 Jahren Zeit sein, die Hand zur ehrlichen Versöhnung zu reichen? Gerade jetzt, wo ganz offen über einen militärischen Konflikt mit Russland gesprochen wird? Man stört sich an ein paar Stalinabbildungen auf irgendwelchen Fahnen der Biker. Das ist pure Heuchelei. Wenn in der Ukraine, die von uns als junge Demokratie fit für die EU gemacht werden soll, Soldaten mit SS-Runen, Hakenkreuzen und selbst Kinder mit dem Hitlergruß posieren, wird geflissentlich darüber hinweggesehen. Dass Donetzk schon wieder unter Beschuss liegt, taucht in unseren Medien nicht auf. Deshalb gilt es jetzt, „Gesicht zu zeigen“ wie es ständig heißt. Was ist verkehrt daran, auf den alten Soldatenfriedhöfen ein paar Blumen niederzulegen? Es kann nicht schaden, mal kurz innezuhalten und an die Toten auf beiden Seiten zu denken. Sie starben, weil die Politik versagte oder weil einzelne ihre Ideen einer neuen Weltordnung mit Gewalt verwirklichen wollten. Die Völker wollen heute wie damals keinen Krieg. Wie sang Sting in den 80ern: Glaubst Du die Russen lieben ihre Kinder nicht? Die Russen kommen nicht, um in einem späten Triumphzug Deutschland zu demütigen. Gerade den DDR-Bürgern ist noch gut im Gedächtnis, unter welch elenden Bedingungen die „Sieger“ hier in ihren alten, heruntergekommenen Wehrmachtskasernen hausten. Mit Blick auf die Ärmlichkeit der Soldaten und der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion fragte man sich manchmal, wer eigentlich den Krieg tatsächlich verloren hat. Dabei verband das deutsche und das russische Volk schon immer mehr als es trennte. Deutsche Literatur, Musik und nicht zuletzt seine Produkte hatten und haben in Russland einen hervorragenden Ruf und viele Verehrer. Umgekehrt zog es immer viele Deutsche in das rätselhafte, weite Land im Osten. Bismarck erkannte in seinen Jahren als Gesandter in Sankt Petersburg, dass ein gutes Verhältnis zu Russland essentiell für Deutschland ist. Sind seine Erfahrungen nichts mehr wert, nur weil sie über 100 Jahre zurückliegen?
Deshalb muss auch heute gelten: Frieden mit Russland. Lassen wir Putin und die große Politik mal beiseite und begrüßen die russischen Motorradfahrer wie es sich für gute Gastgeber gehört. Fahren ein Stück mit ihnen zu ihren alten Gräbern, trinken ein Gläschen und hören einander zu. Was kann daran so schlimm sein?

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Der Biber begrüßt die Wölfe

  1. sehr richtig. Die Zeit ist reif sich die Hände zu geben und Gras über die schlimme Geschichte wachsen zu lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s