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Geschichten aus der Elbaue

AC/DC – nothing else

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Da waren sie: Die Idole meiner Jugend. AC/DC live und ganz nah. Foto: Thomas Kube

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Alles kommt zu dem, der warten kann. Bei mir waren es 30 Jahre. Und Sonntag war es soweit. Das Warten hatte ein Ende. AC/DC live und leibhaftig. Da standen die vier Buchstaben, die wir als Schüler in die Tischplatten des Chemieraumes eingeritzt hatten. Oder mit Kuli auf einen Hefter in der Lehrausbildung, um die Ausbilder zu ärgern. Wobei die ganz alten gar nichts dabei fanden. Sie wunderten sich nur, warum wir ausgerechnet auf dem Hefter für Hydraulik dieses Zeichen aus der Elektrotechnik so kunstvoll malten und nicht auf den für Fahrzeugelektrik. Aber was wussten die schon von Malcom und Angus Young? Was haben wir den Rias laut gedreht, wenn „Highway to Hell“ ertönte. Oder „TNT“, oder „Nightprowler“ oder „A Touch to much“. Oder, oder, oder. Die vier Buchstaben mit dem Blitz in der Mitte stehen bis heute für ungezügelte Kraft und hemmungslose E-Gitarrenklänge. Zu DDR-Zeiten kam der Reiz des Verbotenen dazu, weil Westen. „No Stop-Signs, speed limits“, heißt es in „Highway to Hell“. Ein Slogan, der jeden Biker anmacht, der aber auch gut zur politischen Entwicklung passen könnte. Aber wenn am Ende dieses Highways Angus Young steht und mit den Zeigefingern „Hörner macht“, dann geht die Party so richtig los. Der Irre sieht mit seinem 60-Jahren aus wie ein Buchhalter auf Droge, wenn er mit geöffnetem Mund, völlig gedankenverloren seinen Riffs nachlauschend wie ein Derwisch über die Bühne hüpft. Sein Publikum ist mit ihm gealtert. Es heißt, er trinke nur Milch und Tee, rühre keinen Tropfen Alkohol an. Sein Bruder Malcom tat es und sitzt heute mit Demenz im Altersheim. Wisse nicht mal mehr, was das heißt, AC/DC.

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Angus Young – ein Buchhalter auf Droge. Genial. Foto: Thomas Kube

Hier gilt 40 als die absolute Untergrenze. Was jünger ist, verschwindet im Promillebereich. Viel Schwarz, viel Leder und viele stattliche Bäuche, die plötzlich zu „Thunder“ in Ekstase geraten. Etliche sind mit ihren Biker-Kutten dabei, darunter auch ein paar Onepercenter. Versteht sich. Das hier ist ihr Kirchenchor. 90 000 wurden in Dresden erwartet, und sie setzten die Stadt unter Starkstrom. Viel Polnisch und Tschechisch war auch zu hören. Von 17 bis ein Uhr nachts ging gar nichts mehr in der Gegend um die Flutrinne. Selbst die Autobahn war zweitweise zu im Bereich Dresden. Das Ganze war neben dem Konzert ein gigantisches Merchandising-Event. Eine Unzahl von Fressbuden von Donats bis thailändischen Nudeln sorgte für die Speisung der Massen. Das Bier lief in Strömen. Einige haben sich regelrecht zugelötet, dass sie den Auftritt ihrer Stars gar nicht mehr mitbekamen.

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Flaschensammler machten ein Vermögen am Sonntag. Foto: leo

Flaschensammler machten ein Vermögen. „50 Euro in der Stunde“, raunte ein Nebenmann und deutete auf eine Frau mit einem Beutel voller Flaschen. Was reingeht, will auch wieder raus. Bei Männern ist das unkompliziert. Und mit steigendem Pegel sinkt die Bereitschaft, dafür weite Wege in Kauf zu nehmen. Die Veranstalter hatten das einkalkuliert und Freiluft-Pinkelwürfel aufgestellt. Die sind ebenfalls dixiblau und an jeder Seite kann einer stehen und den Dingen ihren Lauf lassen. Die ganze Szene war taghell ausgeleuchtet, so dass keiner sagen konnte, er habe das Ziel nicht erkennen können.

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Pinkeln leicht gemacht. Männer mögen das unkompliziert. Und Zuschauer stören dabei gar nicht. Foto: leo

Ringsherum waren Bauzäune mit Planen aufgestellt. Nun hat die Flutrinne aber die Besonderheit, dass sie an den Rändern ansteigt. Hier hatten sich viele hingestellt, um besser sehen zu können. Die schauten nun auch ständig in das lustige Pinkel-Amphitheater, wo ständig ein Kommen und Gehen war. Kommen: eilig. Gehen: entspannt. Beim Gehen am Ende wurde es dann kompliziert. Kaum waren die Schlussakkorde durch, setzten sich die Massen in Bewegung. Doch dann stand man erstmal. Hauptsächlich Mann an Mann und es ging nur trippelweise vorwärts. Beklemmend, wenn man mittig im Strom der Leiber stand. Jetzt bekam man eine Ahnung wie das in Duisburg gewesen sein musste. Und noch dazu in einem Tunnel und bei Hitze. Hier hatte der Abend schon für Abkühlrung gesorgt. Auf den Wiesen lag bereits Tau. Deshalb konnte man sich die Zeit damit vertreiben, indem man beim lustigen Rockerkugeln zusah. Einig stark betankte, versuchten die Käfernummer, indem sie immer wieder schwankend versuchten, die Böschung zu erklimmen. Kurz vor dem Ziel bekamen sie einen Tremens und abwärts gings rollenderweise unter dem Johlen der Massen. „Komm, Junge,  gib nicht auf “, wurde einer immer wieder angefeuert, dem der Alkohol die nötige Ausdauer bei der Erstürmung des Hanges verlieh. Schließlich kam langsam Bewegung in den Lavastrom aus Menschen. Wer es bis zur Flutrinnenbrücke und damit zum kurzen Weg Richtung Mühle und Güterbahnhof schaffte, konnte sich Zeit lassen. Das Verkehrschaos des Rückweges nahm gerade erst Fahrt auf. Auf dem Festgelände ratschten schon Elektroschrauber. LKW stießen mit geöffneten Ladetüren rückwärts an die Bühne heran, Roadies steckten Absperrgitter zusammen.

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Zeitvertreib am Flutrinnenhang. Rocker mit starker Schlagzeite versuchten hier die Käfernummer und kullerten immer wieder hinab. Stimmung bis zum Schluss. Foto: leo

AC/DC ist ein Wirtschaftsunternehmen, das wie ein Uhrwerk funktioniert. Diese Woche geht es nach Warschau. Bei diesem Tourplan muss jeder Handgriff sitzen, zählt jede Minute. Feiern und Tourromantik wird es da weniger geben. Wenn es sie je gab. Einige Bierverkäufer versuchten noch ihre letzten Büchsen loszuwerden. Mit geringem Erfolg. Zwei Kameraden vor mir hatten einen Kumpel rechts und links untergehakt, weil er leicht die Orientierung verloren hatte. Nicht aber den Appetit auf noch ein Bierchen. „Du kriegst nichts mehr“, sagte einer der Abschlepper, „sonst läufste alleine“. „Kein Problem“, sagte der Mittige und riss sich los. Weit kam er nicht. Nach einer gefährlichen Abwärtskurve griffen die Kumpels wieder zu und brachten ihn auf die richtige Bahn. So wie sie da liefen, das lebendige Bandlogo: AC und DC und in der Mitte der abgeknickte Blitz. Zeitweilig etwas kraftlos. Ein richtig schöner Abend.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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