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Geschichten aus der Elbaue

„Töbi“ startet im Club der sächsischen Unruhestifter

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In Fransenjeans und Begleitung zweier kräftiger Herren erschien das jüngste enfant terrible Dresdens, Regine Töberich, zu dem von ihr organisierten Picknick am Elberadweg. Foto: leo

Man kann es drehen und wenden wie man will: Dresden bleibt etwas Besonders im Reigen der deutschen Großstädte. Hier geben starke Frauen den Ton an. Nachdem die langjährige Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) im Februar aus gesundheitlichen Gründen den Rückzug aus der Politik antreten musste, macht sich Eva-Maria Stange (SPD) daran, sie als „Mater Castrorum“ zu beerben. Parallel dazu betrat im Februar Tatjana Festerling als Ex-AfD und neue Pegida-Frontfrau die politische Bühne. Jetzt schickt sich eine Architektin an, die dritte im Bunde der streitbaren Damen zu werden. Begriffe wie Walküren oder Amazonen verbieten sich hier, weil es sich bei allen Dreien um durchtrainierte und hochintelligente Frauen handelt. Einen kraftvollen Einstand hatte die 50-Jährige Regine Töberich in der vergangenen Woche hingelegt, als sie nach langem Streit mit der Stadt einfach mal ein Stück Elberadweg wegbaggern ließ. Als unmissverständliche Kampfansage an den rot-rot-grünen Stadtrat: Mit mir gibt es keine Spielchen, sondern Vollkontakt. Daran änderte auch die peinliche Schlappe nichts, dass sie versehentlich das falsche Stück von Deutschlands beliebtestem Radweg schreddern ließ. Die Grundstückgrenze schlägt dort einen Haken, weshalb der Schnitzer passierte. „Sie hat es wirklich getan“, jauchzte die Boulevardpresse vergangene Woche lustvoll und zeigte den aufgerissenen Elberadweg so, als hätte Töberich die A 4 bis zur Landesgrenze renaturiert. Das sind Geschichten wie aus dem Lehrbuch: Schöne Frauen, große Maschinen und Zoff, dass die Fetzen fliegen. Oder Ohrfeigen. Wie die von letzter Woche, die Töberich ausgerechnet von einem Grünen-Stadtrat bekam, der noch dazu selbst Rechtsanwalt ist. Er bot ihr Tage später zerknirscht 500 Euro als Wiedergutmachung an. Sein Geld brauche sie nicht, ließ die zierliche Frau ihm stolz ausrichten, eine Entschuldigung hätte genügt, aber zu der könne er sich wohl nicht durchringen. Das mit der Ohrfeige passiert sicher kein zweites Mal.

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Die Architektin mischte sich unters Volk und ließ sich geduldig ausfragen und natürlich fotografieren. Foto: leo

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Die Unterstützer: Patrick Schreiber (CDU), Barbara Lässig (FDP) und Johannes Lohmeyer (FDP). Foto: Leo

Zu ihrem jüngsten öffentlichen Termin hatte die attraktive Blondine junge Männer an ihrer Seite, die aufgrund ihres Körperbaus signalisierten, dass man es sich besser zweimal überlegen sollte, dem „Püppchen“ in ihrer Mitte anders als mit Worten zu begegnen. Denn Töberich hatte öffentlichkeitswirksam nachgelegt und am Sonnabend zu einem Solidaritätspicknick an besagtem Radwegstück eingeladen. Das ist längst wieder zugeteert und befahrbar. Selbst erschien sie in Fransenjeans und modischem T-Shirt. „Töbi weg“, steht noch an den Mauerresten der alten Bausubstanz, die über Jahrzehnte dieses Areal prägte. Zur Sache selbst sind alle Fakten längst hinreichend bekannt und entsprechend medial breitgetreten worden. Die geschäftsführende Gesellschafterin der Dresden Bau möchte hier unter dem Namen „Marina Garden“ hochpreisige Wohnungen errichten. Erst habe man sie jahrelang hingehalten, dann ihren Bauantrag nicht bearbeitet und schließlich wurde vom neuen rot-rot-grünen Stadtrat eine Veränderungssperre über das ganze Gebiet gelegt. Es wird schon seinen Grund haben, warum Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig diese Woche ausgerechnet in Südkorea um Investoren für Sachsen wirbt. In Dresden braucht man als solcher gute Nerven. Vielleicht hilft konfuzianische Langmut, um die Schikanen zu ertragen. Denn anders kann man es wohl nicht nennen, wenn Töberich vom Stadtrat jetzt die Genehmigung bekam, sie könne noch 20 Prozent ihres Grundstückes bebauen. Vorn, an der lauten Leipziger Straße. Ohne Elbblick. Der Rest werde Park und irgendwas Sozio-Kulturelles. Und das dazu nötige Verfahren solle sie mitmachen und natürlich bezahlen. Njet, lautet ihre deutliche Antwort und die Bagger unterstrichen das. Dasselbe „Nein“ bekam gestern auch ein Gast zu hören, der sich als Rechtsanwalt, „links eingestellter Mensch“ und natürlich als Pieschener Einwohner vorstellte. Sie solle doch auch Wohnungen für sozial Schwächere bauen und sich deshalb mit ihm und anderen Stadtteilbewegten an einen Tisch sitzen.

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Auch Miss-Pegida, Tatjana Festerling, schaute vorbei, hielt sich aber im Hintergrund. Rechts neben ihr Pegida-Redner Ed Wagensveld. Foto: leo

„Ich werde mich nicht mit ihnen an einen Tisch setzen“, sagte Töberich bestimmt und lieferte damit den Beweis, dass nach Russeau zwischen dem Namen und seinem Träger „tiefsitzende Beziehungen walten“. Gegenüber ihres Grundstückes gäbe es eine Fläche von geschätzt 100 000 Quadratmetern, wo die Stadt Sozialwohnungen bauen könne, so viele sie möchte, sagte Töberich. Sie könne kein Objekt mit einer Zwei-Klassen-Grenze bauen, da man sich damit den sozialen Unfrieden ins Haus hole. Jede Wohnung, auch im Hochpreissektor, entlaste den Wohnungsmarkt, so ihr Credo. Es war kein Wunder, dass sich auch eine andere starke Dresdner Akteurin von der Aktion angesprochen fühlte. Pegida-Oberbürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling kreuzte auf und stieß mit einem Gläschen Champagner an. Sie blieb aber im Hintergrund. „Ich will mir das hier nur mal anschauen“, sagte sie zu Passanten und Picknickern, die sie erkannten und ihre Hand schütteln wollten. Wobei wieder deutlich wurde, dass Dresden derzeit einem politischen Pulverfass gleicht. Eine vergleichsweise harmlose Investorenposse, die normalerweise die Sphäre der Hinterzimmer und Bauausschüsse nicht verlässt, hat hier das Zeug, ähnlich wie Pegida, zum Kristallisationspunkt einer Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der Politik zu werden. Die Wenigsten würden die Hände rühren, um einen Investor für Luxuswohnungen auch noch zu unterstützen. Aber in der Töberich-Sache wird das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen berührt. Luxus hin oder her, auf seinem Grundstück, seinem Eigentum, muss ein Investor machen können, was er will und was genehmigungsfähig ist. Es könne nicht sein, dass eine ideologische Mehrheit einfach daherkommen könne und sich auch noch auf Kosten dieses geschurigelten Investors ein rot-grünes Wolkenkuckucksheim bauen lassen will. In diesem Sinne interpretierbar ist das Erscheinen von Dresdner Gesellschaftsgrößen wie Karl-Heinz Bellmann und Wolle Förster, der genüßlich mitpickte. Dass ein solcher Schaukampf, bei dem blutige Wunden gerissen werden, auch die politischen Piranhas anzieht, versteht sich von selbst. So zählen zum engen Unterstützerkreis Johannes Lohmeyer und Barbara Lässig von der im Herbst 2014 aus dem Landtag gewählten FDP, sowie Patrick Schreiber, der für die CDU im Landtag sitzt. Die AfD, die gerade drüben im ICC einen „Demokratiekongress“ abhält, kam in einer Pause herüber und sah Demokratie live. Allen voran ihr OB-Kandidat für Dresden Stefan Vogel, aber auch Mitglieder der Landtagsfraktion.

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Auch die Gegner des Bauvorhabens waren vor Ort und zeigten Flagge. Dennoch blieb alles friedlich. Foto:leo

Die Atmosphäre blieb trotz der zu erwartenden Emotionen gelöst und friedlich. Auch die Gegenseite war mit einer Handvoll Aktivisten vertreten. Bis auf einige Zwischenrufer gab es keine Störungen, was wohl auch an dem unmissverständlichen Auftreten der Sicherheitsleute lag. Das „gegnerische Lager“ hatte sich ebenfalls ganz bürgerlich zum Picknick niedergelassen. Sogar Tischdecken waren zu sehen. Hunde tollten umher, Bier wurde getrunken. Einer trommelte ab und zu, den Blick in ein imaginäres Nichts gerichtet, einige dumpfe Schläge, als kündige sich die Apokalypse an. „Scheiß auf Deutschland“, stand auf dem T-Shirt eines in die Jahre gekommenen Anti-Töberich-Aktivisten, der dazu in kurzen Intervallen an einer Bierflasche nippte. PR-technisch ein glatter Punktsieg für „Töbi“. Boulevard und Fernsehen hatten schöne Bilder, die Gegner keine oder zumindest gefühlt die schwächeren Argumente beim öffentlichen Schlagabtausch am Mikro und die Architektin selber wird die Erfahrung mitgenommen haben, dass ein Picknick eine viel effektivere Art ist, den Elberadweg zu sperren als dessen Teilaufriss. Denn zeitweilig ging nichts mehr am Pieschener Hafen. Und damit schafft man es vielleicht sogar in die Hauptnachrichten. Rubrik: Was ist denn heute wieder in Sachsen los? Und hier gibt es inzwischen so etwas wie einen Club der Unruhestifter. Stifterinnen, um genau zu sein. Herzlich willkommen, Töbi. Für den Anfang nicht schlecht.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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