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Geschichten aus der Elbaue

Dresden hat die Wahl – aber was für eine?

Ein Kommentar

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Wirtschaft fragt OB-Kandiaten, hieß es am Montag in Dresden. Manche Aussagen waren erhellend, andere entlarvend. Foto: leo

In knapp drei Wochen wird in Dresden ein neuer Oberbürgermeister gewählt. 18 Kandidaten gibt es insgesamt. Vier davon stellten sich am Montag im ICC vor. Eingeladen hatten vier Wirtschafts- und Bildungsträger, weshalb das Ganze unter dem griffigen Titel lief: „Wirtschaft fragt die OB-Kandidaten“. Auf dem Podium saßen Eva-Maria Stange, die Bewerberin des linken Lagers einschließlich Piraten, Dirk Hilbert, der derzeit die Amtsgeschäfte der Stadt führt, Markus Ulbig von der CDU und Stefan Vogel von der AfD. Man habe die Teilnehmer auf diese vier begrenzt, weil diese durch eine Fraktion auch im Stadtrat vertreten seien, so die Logik der Auswahl. Die Runde, die sich schwerfällig und ermüdend über knapp zwei Stunden zog, bot immerhin erhellende, zuweilen entlarvende Einblicke in die Motivations- und Denkwelt der Kandidaten. Beispielsweise beim AfD-Kandiaten Vogel, der seinen Werdegang vom Diplom-Ökonom bis zum Geschäftsführer in der Wohlfahrtspflege als eine Abfolge von erfolgreichen Stationen mit „Steigerungspotential“ beschrieb. Diese Erfolgsgeschichte gedenke er mit dem Posten des Oberbürgermeisters von Dresden zu krönen. Danach gehe er ohnehin in Rente. Wenn die Dresdner schlau sind, gönnen sie ihm das schon eher, muss man hoffnungsvoll im Geiste dazusetzen. Gewinnt Eva-Marias Stange kann man getrost der Optik trauen und sich auf das Regiment einer strengen Gouvernante einstellen. Verkaufsoffene Sonntage, wie sie zuletzt die Gemüter bewegten, werde es mit ihr nicht geben. Da sei sie „skeptisch“. Ganz in der alten Sozialisten-Diktion, besser zu wissen, was für das Volk gut ist, dozierte sie, dass man schon am Freitag kaufen könne, was man am Sonntag brauche. Ja, Oma. Diese sonst so harmonische Runde musste selbst Hilbert an dieser Stelle stören, indem er erklärte, dass es nicht darum ginge, den Sonntag in Dresden generell zu einem Einkaufstag zu machen. Sondern man hier über die gesetzlich zulässigen vier verkaufsoffenen Sonntage im Jahr spreche. Das konnte die ehemalige GEW-Funktionärin nicht überzeugen. Auch nicht als Hilbert ihr schonungsvoll beibringen wollte, dass es am Sonntag nicht darum ginge, die Bockwurst und die Pulle Bier zu kaufen, die man auch am Freitag hätte einholen können, sondern um die Touristen, die gerade am Wochenende in die Stadt fluten und eben shoppen wollen. Das alles vor dem Lamento der Einzelhändler, dass ihnen der wachsende Onlinehandel den Umsatz versaue. Sie hätten 1,1 Prozent Zuwachs, der Onlinehandel 16 Prozent, wie ein Branchenvertreter beklagte. Ansonsten war viel von dem Wissenschaftsstandort Dresden die Rede, dessen Potentiale man besser vernetzen, weiter entwickeln und überhaupt und im Allgemeinen und Besonderen besser fördern wolle, was man eigentlich auch schon tue, aber sicher noch besser und so weiter und so fort. Dabei erfuhr der Laie am Rande, dass in den Schulen wohl nicht Lehrer am Dringendsten gebraucht würden, sondern Sozialarbeiter, um die Quote von acht Prozent jungen Menschen, die ohne jeglichen Abschluss das sonst so hervorragende sächsische Bildungssystem verlassen, zu drücken.
Moderiert wurde das langatmige Schattenboxen von Andre Hardt (Andre und die Morgenmädels) von Radio Dresden, der aufpassen musste, dass er seine prominenten Gäste nicht nur mit dem Vornamen ansprach. Man kennt sich halt und hat es sich in den vielen Jahren gemütlich gemacht. Und so vermochte auch Dirk Hilbert nicht so recht zu vermitteln, was er denn nun bahnbrechend Neues machen wolle, wozu in den Jahren seit seinem Eintritt 2001 in die Stadtverwaltung keine Zeit war. Nun wäre es aber fast ein kleines Wunder gewesen, wenn ausgerechnet in Dresden eine Diskussionsrunde von Politikern ohne das Thema Pegida vonstatten gehen würde. So bemerkte doch ein Gast als letzter Redner am freien Mikro, dass bei Pegida 80 Prozent dabei wären, die keine Idioten seien, sondern sich Sorgen machten. AfD-Vogel reagierte darauf in der Form, dass er es als seine Aufgabe als OB ansehen würde, die nach wie vor demonstrierenden Menschen mit „vertrauensbildenden Maßnahmen“ von der Straße zu holen. Eva-Maria Stange sieht bei den hartnäckigen Pegida-Demonstranten, die sich auch gestern wieder auf dem Schlossplatz trafen, eher einen harten Kern von nicht resozialisierbaren „Ausländerfeinden“, mit denen man nicht reden könne. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte: Die hatten doch gestern wieder die Frechheit besessen, einen tiefschwarzen Menschen auf die Bühne zu bringen, der aus Kamerun stammt und schon einmal vor einer Überfremdung Deutschlands warnte. Kein Problem hat Eva-Maria Stange bekanntlich dagegen mit Menschen zu lauter Musik durch Dresden zu ziehen, die den 13. Februar als eine Art Volksfest begehen. Dafür weiß sie in ihrer derzeitigen Funktion als Ministerin für Wissenschaft und Kunst, dass Ausländer, die beispielsweise am Max-Planck-Institut arbeiten, sich um ihre und die Sicherheit ihrer Familien sorgten. Kein Wort verliert die Ministerin dagegen über die Todesfälle unter Asylbewerbern, die sich nach Streitereien untereinander zugetragen haben. Auch der Noch-Innenminister Markus Ulbig sagte an dieser Stelle nicht etwa, dass sich der Dresdner Hauptbahnhof binnen zweier Jahre zu einem polizeibekannten Drogenumschlagplatz und einem Hot-Spot der Polizeistatistik entwickelt habe. Dirk Hilbert wollte in dieser wichtigen Linienfrage nicht nachstehen und behauptete ganz allgemein, dass Pegida großen Schaden angerichtet habe. Gemeinsamer Tenor des Triumvirats Stange-Ulbig-Hilbert: mit den vielen Menschen, die Pegida zu Jahresbeginn auf die Straße gebracht habe, hätte man durchaus reden müssen oder können, habe das aber nicht, weil man „irritiert“ war. Inzwischen gebe es Gesprächsangebote, bei denen die Unzufriedenen Dampf ablassen können. Das muss reichen. Mit denen, die jetzt noch rumliefen, brauche man es gar nicht erst versuchen, weil es sowieso die Unbelehrbaren seien. So recht überzeugt waren einige nach dieser Präsentation nicht. „Wir haben hier nun mal nur die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagte ein Teilnehmer im Vier-Augen-Gespräch danach. Es bleibe die Hoffnung, dass Ulbig den ersten Wahlgang gut absolviere und seine Stimmen dann an Hilbert weiterreiche. Mit dem könne man. Stange müsse auf jeden Fall verhindert werden, das wäre deutlich geworden.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Dresden hat die Wahl – aber was für eine?

  1. > mit den vielen Menschen, die Pegida zu Jahresbeginn auf die Straße gebracht habe,
    > hätte man durchaus reden müssen oder können, habe das aber nicht, weil man „irritiert“ war.

    Da haben wir also Politiker, die für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, wo es lang geht. So eine Art Leithammel also. Was mach nun aber das böse Volk? Es folgt nicht und hat überdies auch noch eine abweichende Meinung! Und wie reagiert der Vertreter und Möchtegern-Anführer des Volkes auf die neue Situation? Er ist irritiert …

    Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da passiert also etwas, was im Plan so nicht vorgesehen ist und die einzige Reaktion ist die, daß man irritiert ist?

    Ich nene sowas Inkompetenz => solche Politiker brauche ich nicht. Haben wir denn keine anderen?

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