castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

„Schlappi“ oder der Bäckermeister?

Hinterlasse einen Kommentar

BM

Der langjährige Amtsinhaber Reinhart Franke. Quelle: Weinböhla.de

Auch in Weinböhla wird am 7. Juni gewählt. In wohl kaum einem anderen Ort des Elblandes steht aber ein solcher Zeitenwechsel bevor wie hier. Noch im Frühjahr machte die Gemeinde den Eindruck eines aufgelassenen Grundstücks weil sich fast zehn Kandidaten zur bevorstehenden Bürgermeisterwahl anmeldeten. Fünf haben es jetzt tatsächlich auf den Wahlzettel geschafft. Der langjährige Amtsinhaber Reinhart Franke (CDU) geht in Rente. So schlicht ist der Grund. Ihm, der die Gemeinde seit der Wende leitete, verdankt Weinböhla seinen heimlichen Spitznamen „Frankenhausen“. Mit ruhiger Hand hat der ehemalige Elektroingenieur die Gemeinde ein Vierteljahrhundert geführt. Er hat den Ort geprägt. Alle Schulen und Kitas sind saniert, das Zentrum quillt über von Verkaufseinrichtungen, aus der ehemaligen Konservenbude wurde die Nassauhalle und der Zentralgasthof ist komplett saniert und in Betrieb, bis auf das Sorgenkind Gastronomie. Man darf schon mal sagen: Eine Erfolgsgeschichte. Gesamtnote: 1-minus. Denn nur einmal wurde es eng für ihn. Das war um das Jahr 2000 rum, als ein Sturm der Entrüstung durch das 10 000-Seelen-Dorf fegte. Es ging um die damals viel diskutierten Abwasserbeiträge. Bürger sollten für ihren Hausanschluss an die Kanalisation einen Festbetrag zahlen. Das waren je nach Grundstücksgröße und Berechnungsschlüssel oft mehrere tausend Mark auf einmal. Geschuldet war diese Politik einem klassischen Wendefehler. In den wilden Nachwendezeiten war die Politik komplett geldgierigen Planern und Architekten aufgesessen, die den unbedarften Ossis das Blaue vom Himmel versprachen, welchen ungeahnten Aufschwung die Industrie und die Bevölkerungszahl hier nehmen werde. Es kam anders. Die Betriebe brachen weg und die Menschen wanderten ab. Was zurückblieb waren völlig überdimensionierte Kläranlagen, die wohl nur einen Sinn gehabt hätten, wenn man Teile Polens oder der Tschechischen Republik mit angeschlossen hätte. Doch dies Anlagen mussten bezahlt werden. Von den Bürgern, wem sonst? Die Weinböhlaer sind aber ein streitbares Völkchen. Das bekam Franke jetzt zu spüren. Im Handumdrehen hatten sie eine Bürgerinitiative gegründet und bei der nächsten Kommunalwahl die Verhältnisse im Gemeinderat umgekrempelt. Hier wurde festgelegt, dass sich Weinböhla vom Beitragsmodell verabschiedet und die Kosten über ein Gebührenmodell zeitlich gestreckt und auf alle Wasserkunden in der Gemeinde umlegt. Die bereits gezahlten Beiträge wurden zurückerstattet. Die Bürgermeisterwahl im Jahr 2001 zeigte dann aber bereits wieder, dass es den Weinböhlaern damit schon wieder genug war mit der Revolution. Sie bestätigten Franke in seinem Amt. Der hatte seine Lektion gelernt: es gibt rote Linien, die man besser nicht überschreitet, nämlich, wenn es ans Geld seiner Grundstücksbesitzer, der Alteingesessenen geht. Als Menetekel standen immer die Einzelwahlergebnisse seines damals größten Widersachers, des Polsterermeisters Otto Neumann, an der Wand. Der war über Jahre, gemessen an seinen persönlichen Stimmen, der beliebteste Weinböhlaer. Fortan hatte Franke seinen „Rüssel immer in den richtigen Töpfen“ wie es einer der Gegner von damals anerkennend nennt. Er sondierte verschiedene Europaprogramme und ließ vorausschauend Konzepte auf Halde erarbeiten, die er immer dann aus dem Ärmel ziehen konnte, wenn plötzlich neue Förderprogramme dahergesegelt kamen. Wenn andere Gemeinden erst umständlich zu planen begannen, zückte Franke seine Schubladenkonzepte und mahlte als Erster. So wurde beispielsweise das Elbgaubad mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II saniert, mit dem damals auf absehbare Zeit überhaupt nicht zu rechnen gewesen war. Bis die Finanzkrise kam und die Regierung in Berlin in Aktionismus verfiel. Aus Weinböhlaer Sicht hätte das ewig so weiter gehen können. Die Kita an der Sörnewitzer Straße kam so fast nebenbei zu ihrer zweiten Etage und einem gestalteten Außenbereich. Schlitzohrigkeit wird von den Protagonisten ähnlichen Kalibers im Gemeinderat immer anerkannt. Etwa von Krankenkassenvorstand Peter Arndt. Der kam in den Gemeinderat als die Köhlerstraßenanwohner mobil machten gegen den Ausbau ihrer Straße zur Staatsstraße als Zubringerstück der S 84, die das Elbtal durchschneidet und eine Querverbindung von der Autobahnabfahrt Dresden-Altstadt über Coswig und Meißen zum Flughafen Dresden sein soll. Soll. Denn bis heute ist die Straße nur bis zum Tännichtweg in Coswig gediehen, und immer mehr Sarkastiker sagen, dass sie dort wohl auch enden wird. Die Köhlerstraßenprotestanten hat Franke mit seiner schon fast klassischen Strategie der sanften Umarmung eingebunden. Der Gemeinderat hat über die Jahre Gefallen an dieser Herrschaftsform gefunden und zelebriert diese Konsensdemokratie inzwischen als Weinböhlaer Spezialität. Strittige Dinge werden vorab in den Ausschüssen oder persönlichen Gesprächen solange debattiert, bis sie wirklich beschlussreif sind. Wer zu den Gemeinderatssitzungen trotz spannender Thematik Wortgefechte und Emotionen erwartet, befindet sich als Beobachter bald im Kampf mit dem Sekundenschlaf, dem man sich aber getrost hingeben kann, weil man nichts verpasst.
Entsprechend wohlfühlig ging es auch in der Verwaltung zu. Die jungen Frauen konnten hier ohne den Hauch einer gerunzelten Augenbraue mehrere Kinder bekommen – der Betrieb ging weiter. Danach kehrten sie an ihren Platz zurück. Weinböhla hatte lange Zeit das jüngste Verwaltungsteam. Franke, der selbst Vater dreier Kinder ist und aus einer religiösen Familie stammt, hatte immer Verständnis für familiäre Belange. Als seine Hauptamtsleiterin Julia Schneider beim Kirschenpflücken von der Leiter fiel, sich den Rücken verletzte und fortan nur noch stehend arbeiten konnte, wurde umgehend ein Spezialstehpult angeschafft. Nicht zuletzt deshalb wird jetzt im Rathaus schon mit Wehmut und Argwohn geschaut, wer denn der Neue sein wird. Denn nur eins steht fest: So wie bisher wird es nicht mehr werden.

DSC_0018B

Mit Hut und einem „Weiter so“ will Ulrich Wagner in Weinböhla regieren. Foto: leo

Das kraftvollste „Weiter so“ in Ermangelung neuer Ideen kommt da vom SPD-Kandidaten Ulrich Wagner. Dank seiner Werbeplakate, auf denen sich der 60-Jährige dem Wahlvolk mit Hut anpreist, wird er intern nur „Schlappi“ genannt. Neben dem lustigen Hut hat zwei ernsthafte Makel. Die heißen SPD und Niederau. Die SPD sieht im konservativen Weinböhla keinen Stich. Sie schafft es zu gerade mal einem Sitz im Gemeinderat und der dürfte eher noch, ähnlich wie bei Franke, der Tatsache geschuldet sein, dass man die Inhaberin, Uta Kunze, in der Gemeinde nur als die rührige „Kunzen“ kennt. Und deshalb wählt. Trotz SPD. Die setzt sich ein, wenn es um Kitas und überhaupt soziale Belange geht. Weinböhla ist der Ort der markigen Personen und eine solche ist „Mutter Kunze“. Genauso wie der Neumann, Otto oder Optiker Vetter senior oder Eis-Weidmann, oder, oder, oder.
Zweites Manko: Wagner wohnt in Niederau. „Fremdbestimmung“ ist das Letzte, was die Weinböhlaer mögen. Zumal seit Jahren die Zwangsvereinigungsmöglichkeit mit dem Nachbardorf herumgeistert, mit dem man sich schon die Telefonvorwahl und die Postleitzahl teilt. „Weinböhla wählt Wagner“, hat der Bewerber mit dem Sepplhut seine Webseite selbstbewusst genannt. Schriebe er „Wagner-Pizza“ würde es eher klappen.

DSC_0023

Die Ergebnisse für Andreas Overheu dürften eher ein Indikator für die allgemeine Politikverdrossenheit sein. Foto: leo

Interessant wird nur sein, wieviele Prozente er bekommt und ob die sogar zweistellig sind. Denn als Drittes könnte noch das Alter eine Rolle spielen. Die Weinböhlaer können Wagner nur für eine Periode wählen, dann müsste wieder ein Neuer her. Ähnliche Chancen haben Andreas Overheu von der AfD, dessen Ergebnis allenfalls ein Gradmesser für die allgemeine Politikverdrossenheit werden dürfte. Vielleicht schmälern auch die derzeitigen Querelen in seiner Partei seine Cancen, als wählbare Alternative wahrgenommen zu werden. Komplett wird die Bewerberschar mit Elke Wällnitz von der BIW, die man dem Vernehmen nach nur aufstellte, um überhaupt jemanden aufzustellen. Die Altherrenriege mit Hut und Dame dürfte keine ernsthaften Chancen haben.

canvas

CDU-Bewerber und aussichtsreicher Kandidat Siegried Zenker. Quelle: CDU-Meissen.de

1170679_511750388899247_1186281907_n

Könnte für Überraschungen sorgen: Bäcker Stan Schirmer. Quelle: privat

Wirklich spannend wird das Rennen nur zwischen Stan Schirmer, dem Bäcker, und Siegfried Zenker, dem Kandidaten der CDU. Beide hätten ungefähr das Alter, in dem auch Franke damals die Gemeinde übernahm und könnten den Ort auf lange Sicht prägen. Zenker dürfte den „Besenstieleffekt“ für sich in Anspruch nehmen, wonach in Sachsen, zumal hier im Elbtal, jeder Besenstiel gewählt wird, wenn man ihm nur ein Schild „CDU“ umhängt. Aber er bringt als Verwaltungsleiter eines Wohlfahrtsverbandes immerhin Erfahrung im Umgang mit den Strukturen der Politik mit. Die wilden Zeiten, in denen der Bäcker Bürgermeister wird, sind eigentlich vorbei, heißt es im Ort. Aber da sollte man Weinböhla nicht unterschätzen – siehe die Fälle Neumann und Kunze. Wenn Bäcker Schirmer genügend Supporter aufbietet, hat er durchaus eine Chance. Allerdings hatte er vor einem Jahr schon etwas großspurig verkündet, er betrachte die Zeit im Gemeinderat als Lehrzeit auf das Amt des Bürgermeisters. Nur, was er dort lernen konnte, war allenfalls die Art der geschmeidigen Moderation. Dementsprechend blaß blieb er nach Auskunft von Beobachtern.
Der „Alte“ selbst hält sich bedeckt, was die Frage nach seinen Nachfolgern angeht. Verständlich aus seiner Sicht. Kann man ihm doch so später bei Misserfolgen eines Protegierten keine Mitschuld anlasten. Er kann zufrieden auf sein Lebenswerk schauen. „Wieder was fertig“, war einer seiner emotionaleren Sätze, die er sich mal erlaubte, wenn ein Stück Weg, ein Parkplatz oder eine Turnhalle saniert waren. Lange Zeit galt sein ehrenamtlicher Stellvertreter Detlev Arnold als der Kronprinz und Nachfolger. Doch der zog aus persönlichen Gründen zurück, weshalb die Wahl in Weinböhla tatsächlich völlig offen war. Gerüchteweise ging um, dass der Schwiegersohn von Frankes Bruder Helmut, Falk Schmidtgen, nach seinen Jahren in der Dresdner Schulverwaltung den Posten des Gemeindeoberhauptes in Weinböhla anstrebt. Immerhin wohnt er hier und das Amt bliebe in der Familie. Aber das Ganze blieb ein Gerücht. Fakt ist daher bis jetzt nur eins: Unter der Nummer Weinböhla 34011 wird sich ab der kommenden Woche nach 25 Jahren niemand mehr mit „Franke“ melden.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s