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Geschichten aus der Elbaue

Pegida am Kreuzweg

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Schon am Tag nach der Wahl war die Anhängerschaft stark geschrumpft. Der Sommer und mangelnde neue Themen dürfte die Bewegung weiter abflauen lassen. Foto: leo

Über den Erfolg von Pegida bei den Oberbürgermeisterwahlen in Dresden sind sich alle Kommentatoren einig: Mit einem solchen Ergebnis hätte niemand gerechnet. Frontfrau Tatjana Festerling schaffte aus dem Stand 9,6 Prozent. Und das ohne großen und eingespielten Parteiapparat. Und sie lag mit ihrem Ergebnis nur fünf Prozentpunkte hinter der CDU, was das Ganze zur eigentlichen Sensation macht. Man muss sich das vorstellen. In einem Bundesland, das so etwas wie die Erbpacht der CDU im Osten ist. Hier, wo ein Biedenkopf nebst Gemahlin den Freistaat über Jahrzehnte souverän lenkte und nur kokett abwehrte, wenn man ihn  „König Kurt“ nannte. Die CDU-Strategen wissen natürlich, dass Pegida und AfD zu großen Teilen Abtrünnige aus ihrem Dunstkreis sind. Es sind nicht alles ehemalige Nichtwähler, die der Wahl-Dresdnerin ihre Stimme gaben. Jetzt setzt man auch dort auf Frontbegradigung und hofft, dass es wenigstens ein „Hilbig“ ins Rathaus schafft, um noch ein bißchen mitzureden. Auch das links-grüne Bündnis hat abseits der Fernsehkameras wenig Grund zum Feiern. Die 36 Prozent, die man jetzt durch Zusammenlegung der Truppen aus Piraten, Linken und Grünen zusammenkratzte, hätte die SPD in ihren besseren Tagen allein auf die Waage gebracht. Doch bei allem bleibt die Frage, wie geht es weiter? Für Hilbert sieht es gut aus. Im bürgerlichen Lager gilt die inzwischen auch laut ausgesprochene Parole: Stange verhindern. Für die etablierten Parteien ist das normaler Geschäftsbetrieb. Nüchterne Machtpolitik, ausgerichtet an den Gegebenheiten. Das Pulver wird für kommende Kämpfe trocken gelagert.

Für das junge Pegida-Bündnis aber wird es zur Schicksalsfrage. Viele Anhänger hatten in ihrem teilweise naiven Enthusiasmus tatsächlich geglaubt, ihre Kandidatin würde gewinnen. Mit dem gleichen Gefühlsüberschwang sind sie jetzt enttäuscht und sehen sich unversehens mit der Wahlarithmetik nach der Wahl konfrontiert. Und die leuchtet nicht allen ein. War man nicht angetreten, weil man den etablierten Politikbetrieb in seiner heutigen Ausprägung komplett ablehnt? Und jetzt soll man ausgerechnet mit einem Kandidaten der unbeliebten FDP mauscheln? Einem, der gesagt hat, Pegida sei ein Ärgernis? Aber die Logik sagt: Wer Stange verhindern will, muss Hilbert wählen. Die dicke Kröte schlucken, wie es Tatjana Festerling in ihrer Rede nach der Wahl nannte. Für Hilbert würde dies allerdings auch ein Danaer-Geschenk bedeuten. Muss er sich doch bei einem Sieg am 5. Juli nachsagen lassen, mit den Stimmen des schlimmen Pegida-Bündnisses an die Macht gekommen zu sein. Bleiben die Pegida-Anhänger aus Frust und Trotz zu Hause beim nächsten Wahlgang, ist paradoxerweise Pegida am Ende schuld, wenn zum rot-rot-grünen Stadtrat eine solche Oberbürgermeisterin kommt. Doch nicht nur diese Frage hat das Zeug, Pegida zum Erliegen zu bringen. Die nächste Frage wäre: Wie lange will man noch durch Dresden ziehen? Nachdem einige Medien vorschnell von einer Sommerpause fabuliert hatten, war es wohl eher eine Art kindlicher Trotz von Lutz Bachmann, der diesen die Parole ausgeben ließ: Wir laufen weiter. Doch ob das die Anhänger mitmachen, steht dahin. Denn es stellt sich die Frage nach dem Ziel. Der Wahltag am 7. Juni war zweifellos ein solches. Aber die Begeisterung ließ sich nur noch mit Mühe aufrechterhalten. Zu sehr lockt inzwischen der Garten, die Ferien stehen vor der Tür und der Mensch will auch mal was Neues hören. Es ist aber alles gesagt. Oder soll es Routine werden, dass Lutz Bachmann montags die „böse Presse“ der vergangenen Woche rekapituliert, danach wird ein bißchen gelaufen und dann geht’s wieder heim? Zur letzten Veranstaltung am Montag meinte ein Redner, man solle die Islamkritik vergessen und nur eine Forderung stellen – die nach direkter Demokratie. Wer das will, kann aber schon mit Oertels Kathrinchen Luftballons steigen lassen. Die Teilnehmerzahlen bei der blonden Pegida-Aussteigerin sind gut ermittelbar. Es reichen die Finger einer Hand. Dem Vernehmen nach macht man sich im Pegidaumfeld die gleichen Gedanken. Zu einer einheitlichen Meinung habe man sich noch nicht durchringen können, heißt es. Die eine Hälfte sei für das Fortführen der Demos jeden Montag und hofft dabei auf Urlauber aus dem übrigen Bundesgebiet und den harten Kern. Doch selbst der schmilzt, wie am Montag gut zu sehen war. Die andere Hälfte möchte Pegida mit gezielten Aktionen im Hintergrund am Laufen halten und dann im Herbst mit neuem Schwung wieder auf der Straße erscheinen. Wahrscheinlich dürfte diese Entscheidung noch im Juli fallen. Und wenn es eine Abstimmung mit den Füßen wird.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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