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Geschichten aus der Elbaue

Freital wird zu einem neuen Pegidaausbruch

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Seit Montag versammeln sich jeden Abend Anwohner und Auswärtige im weitestgehend stummen Protest gegen das Asylhotel Leonardo in Freital. Foto: leo

Der Donnerstag begann in Sachsen mit der Radiomeldung: Nach den Protesten rund um das Freitaler Asylbwerberheim schaltet sich jetzt die Bundespolitik ein. Zitiert wurde die Integrationsministerin Aydan Özoguz (SPD), die Anschläge auf Asylunterkünfte verurteilte. Soweit ist es in Freital aber noch lange nicht. Wie immer schrumpft die Dramatik, wenn man sich dem Ort des Geschehens nähert. Bisher war es nur eine Art Spontandemo von Anwohnern und Freitalern, die sich in den Abendstunden auf der Zufahrtsstraße zu dem Heim versammeln und dort im Wesentlichen nur stehen und sich unterhalten. Nur sporadisch ist mal ein skandierter Spruch zu hören. Dennoch bietet Freital alle Zutaten zu einem Sprengsatz. Denn hier ist eben niemand greifbar. Es ist keine angemeldete Demonstration und damit kein Anmelder verantwortlich zu machen. Es wird aber Bier getrunken und das Publikum in den ersten Reihen sieht eher nach dem harten Kern von Dynamo-Fans aus, was einige Tätowierungen und Logos auf Jacken nahelegen. Erst in den hinteren Reihen sieht man ältere Ehepaare, deren Habitus darauf deutet, dass sie tatsächlich hier wohnen. Aber auch auf der anderen Seite sind größtenteils keine Freitaler. „Was machen denn die Antifa-Leute aus Leipzig hier“, diskutiert eine Gruppe vor einem Neubaublockeingang. „Warte mal bis es dunkel wird, dann geht das hier richtig los. Dann schmeißt die Antifa Steine“, sagte ein junger Mann auf Nachfrage, ob das immer so wäre. „Aber heute sind Hooligans aus Dresden da, die lassen sich das nicht gefallen.“ Bis dahin verschwinden immer mal wieder Gruppen in den angrenzenden Büschen, um Platz für das nächste Bier zu schaffen. Eine ältere Frau mit gepflegten Haaren geht den Straßenrand ab und sammelt Pfandflaschen in einen Stoffbeutel. Ein Ordner räumt die Pappreste von Six-Packs in einen schwarzen Müllsack. Fast eine Art Schrebergartenprotest. Fehlt nur noch ein Bratwurststand. Dennoch. Die Situation heizt sich auf. Man spürt, hier stehen sich, zumindest in den vorderen Reihen, zwei Lager gegenüber, die es nach Fußballmanier austragen wollen. Das haben offenbar auch Politik und Polizei erkannt. Am Mittwoch war hier mindestens dreimal mehr Polizei versammelt als bei der montäglichen Demo von Pegida in Dresden oder den bisher freitags stattfindenden Freitaler Demos am Platz des Friedens. Polizeihunde eingeschlossen. An allen Zufahrtsstraßen des Wohngebietes Am langen Rain standen Polizeifahrzeuge. Zwei standen sich mit den Motorhauben versetzt gegenüber und machten so den Weg zum ehemaligen Hotel Leonardo dicht. Dahinter hatten sich einige Unterstützer der Asyllobby aufgestellt. Eine Sympathisantin lief mit einem Einhornkostüm herum, was zum Schmunzeln anregt. Doch stellt sich die Frage: Wie lange soll das so weitergehen? Ein allabendlicher Ausnahmezustand in einem Wohngebiet vor der inzwischen größten Erstaufnahme-Außenstelle eines Bundeslandes kann auf Dauer kein Zustand sein. In dieser Frage scheinen Politik und Polizei ratlos. Nur eins will man auf keinen Fall: Bilder von Angriffen auf Asylunterkünfte, die dann um die Welt gehen. Dessen ist man sich anscheinend bewusst. Bisher fanden die Freitaler Demos immer weit weg vom Objekt des Protestes, dem Hotelheim, statt. Jetzt rückt der Protest aber unkontrolliert und spontan ganz nah ran. Aber was tun? Am Mittwoch wurden die Protestler in den späten Abendstunden abgedrängt mit der Maßgabe, mehr als Drei dürften nicht zusammenstehen. Punktueller Ausnahmezustand. Ist das die Lösung? Selbst wenn man diese Lösung als Allgemeinverfügung für bestimmte Bereiche um das Heim erließe, müsste die Durchsetzung überwacht werden. Tut man es nicht, beginnt mit Sicherheit ein sportliches Katz-und-Maus-Spiel, wie lange die Polizei braucht, wenn sich am Abend ein paar Jungs versammeln und irgendwas rufen oder bloß dastehen und Bier trinken. Bliebe nur eine dauerhafte Polizeipräsenz vor dem Heim, die die Polizei nach dem jahrelangen Ausdünnungsprozess aber nur schwer bewältigen dürfte. Und nach einer raschen Lösung der Gesamtproblematik Asyl sieht es nicht aus.
Das umstrittene Hotel ist seit Beginn dieser Woche noch dazu eine Außenstelle der Erstaufnahme in Chemnitz, weil die aus allen Nähten platzt. Dort wollte man die Neuankommenden in Zelten unterbringen, wogegen die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) intervenierte. Also verfiel man bei der Landesdirektion auf die Idee, das Hotel Leonardo in Freital teilweise mit Neuankömmlingen zu belegen. Allein das hat die Wut noch angestachelt. Die Freitaler Protestanten fühlen sich hintergangen. Von der Landesdirektion verlautete, dass der Landkreis darüber seit einer Woche Bescheid gewusst hätte. Über das Hotel und seine Betreiber kursieren derweil Berichte, wonach die Immobilie an eine Luxemburger Gesellschaft verkauft worden sein soll. Dabei soll es um die Summe von fünf Millionen Euro gegangen sein. Das Pikante an der Sache, der Vertrag regelt, dass dem Verkäufer noch einmal abgestufte Millionenzahlungen zustehen, wenn es ihm gelingt, mit dem Landkreis einen fünf- oder siebenjährigen Mietvertrag abzuschließen. Hier würden Millionengeschäfte mit dem Asyl gemacht und die Politik verschweige das, hatten aufgebrachte Freitaler erst am vergangenen Freitag auf einer Veranstaltung mit Innenminister Thomas de Maiziere im Freitaler Kulturhaus angeprangert. Dabei wedelte ein Freitaler mit Kopien der besagten Verträge, die ihm eine Vertrauensperson im Landratsamt zugesteckt habe. Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth (CDU) hat sich ebenfalls in der Sache zu Wort gemeldet. Eine Standortdiskussion aufzumachen, entspreche dem St.-Florians-Prinzip und sei unsinnig, sagte er im Rundfunk. Bei der Belegung in Freital bleibe es und die Leute hätten es zu akzeptieren. Das wird sich zeigen. Denn der Brennpunkt ist auch wieder neue Energie für die einschlafende Pegida-Bewegung in Dresden. Hier in Freital ist plötzlich alles da, was es in Dresden schon lange nicht mehr gibt: ein handfester Anlass, aufgebrachte Anwohner, jede Menge Polizei und immer mehr Medien, die über den neuen Hot-Spot berichten. Und das, je nach parteilicher Ausrichtung, mit den gewohnten Einstellungen und Färbungen. So wurden bereits erste Übergriffe auf das Heim herbeifabuliert, wobei man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass manche Medien ein zweites Rostock-Lichtenhagen geradezu ersehnen. Bisher gab es nur die eingeschlagene Scheibe am Auto eines Asylunterstützers an einer Freitaler Tankstelle. Ob das so bleibt, werden die nächsten Tage zeigen

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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