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Geschichten aus der Elbaue


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Momentaufnahme an Dresdens erstem Flüchtlingscamp

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Eine nicht abreißende Kette von Schaulustigen zog am Sonntag an Dresdens erstem Zeltlager für Asylbewerber vorbei. Foto: leo

Die Bremer Straße in Dresden ist nicht unbedingt eine Gegend, die man gesehen haben muss, wenn man die Barockstadt besucht. Hier gibt es seit DDR-Zeiten ein großes Mineralöllager, etliche Gebrauchtwagenfirmen, die Dresdner Mühle und einen Friedhof. Besonders am Wochenende ist deshalb hier nicht viel los, allenfalls etwas Durchgangsverkehr zum städtischen Klinikum Friedrichstadt. Das ist seit einigen Tagen anders. Denn seit dem Freitag der Vorwoche befindet sich hier Dresdens erstes Flüchtlingscamp. Rund 1100 Migranten sollen hier in Zelten untergebracht werden. Dresden muss helfen, weil die Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz und Schneeberg heillos überbelegt sind. Bisher hat die Landeshauptstadt ankommende Asylbewerber in Hotels, Wohnungen und staatlichen Liegenschaften untergebracht. Um kurzfristig Platz für Massen zu schaffen, beschloss man die Planierung eines städtischen Grundstückes an der Bremer Straße. Nach den Rangeleien am Freitag zwischen Anhängern einer NPD-Demo vor Ort und Vertretern des linken Spektrums war medial auch für genügend Aufmerksamkeit für diesen neuen Hot-Spot mitten im Pegida-Land gesorgt. Am Sonntag sagten sich dann noch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) an. Doch auch das Volk wollte sich mal vor Ort einen eigenen Eindruck von dem im wahrsten Sinne des Wortes umstrittenen Camp verschaffen. Und so konnte der Beobachter, der sich eine Weile in der Nähe des Eingangs postierte, die ungefilterten Reaktionen des Flaniervolks beobachten. Was natürlich auch nur nichtrepräsentative Momentaufnahmen sein können. Etwa eine junge Frau am Steuer ihres Wagens, die mit einer Geste des Entsetzens kurz ihre Hände an die Schläfen presste und dann etwas gestikulierend zu ihrem Beifahrer, wahrscheinlich ihr Mann, sagte, als eine Gruppe junger Männer, alle so um die Zwanzig, just in diesem Moment das Lager verlässt. Sie streben zu einer Tankstelle weiter vorne, der einzigen Einkaufsmöglichkeit an diesem Sonntag. Ein paar verschleierte Frauen stehen hinter dem geschlossenen Flügel des Tores. Später sieht man sie die Bremer Straße entlang schlendern. Zwei Frauen im Rentenalter sind von ihren Fahrrädern abgestiegen und beobachten die Szenerie von der gegenüberliegenden Straßenseite. Leise unterhalten sie sich. „Die wollen nun alle was haben von den reichen Deutschen“, sagt die Eine auf den Lenker ihres E-Bikes gestützt. Die andere antwortet leise. „Wir müssten alle noch viel mehr auf die Straße gehen. Aber, naja…“, lässt sie den Satz ausklingen. Eine nicht abreißende Kette von Fahrzeugen passiert die Stelle. Die meisten bremsen kurz vorher ab. Man sieht gereckte Köpfe, neugierige Blicke. Die meisten Paare oder einzelne Radfahrer, die hier kurz anhalten, schauen sich das Ganze eine Weile an und fahren dann wortlos wieder. Mancher schüttelt den Kopf, die meisten verziehen keine Miene. Andere parken ihre Fahrzeuge, nachdem sie offenbar gesehen haben, dass es hier keine Randale gibt, und laufen dann vorbei, um sich alles in Ruhe anzuschauen. Vorbei auch an einem Schild, das auf die Spendenmöglichkeit für das Lager in nahen Rot-Kreuz-Stützpunkt aufmerksam macht. Die Polizei ist vor Ort. Die Beamten stehen entspannt an ihrem Wagen und lassen das Defilee der Schaulustigen passieren. Auch hier bahnt sich das eine oder andere Gespräch an. Ein Polizist, der allein und etwas abseits steht, redet entspannt mit zwei schätzungsweise Mittvierzigern. Er gibt zu erkennen, dass er selber in zivil bei Pegida mitgelaufen ist. Jetzt sei das etwas schwieriger, da es lange hell sei. Dennoch sei man sich im Kollegenkreis einig, wie man über die ganze Asylpolitik denke. Schließlich seien alles nur Menschen und wohnten ja auch hier. Darüber werde auch mehr oder weniger laut in den Kantinen diskutiert. Man sehe doch, was los sei. Ein Kollege aus einem anderen Zug sei immer dabei, wenn in Schmiedeberg wieder „was los ist“. Gemeint ist das Asylbewerberheim im osterzgebirgischen Schmiedeberg, das in die Schlagzeilen geriet, nachdem in diesem Gebäude an zwei Stellen gleichzeitig Feuer ausbrach. Die Polizei bestätigte inzwischen, dass es einen Tatverdächtigen gebe. Bei den Einsätzen dort seien immer sofort Messer im Spiel, so der unbekannte Polizist weiter. Und dann fügte er mit einer wegwerfenden Geste an: „Früher war ich mal stolz auf diese Uniform.“


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Flüchtlinge sorgen für Toleranz – auf dem Verwaltungsrasen

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Sonst ist schon das Betreten des Rasens vor der Meißner Fachhochschule verboten. Fußballspielen sowieso. Für die Flüchtlinge hat man den heiligen Rasen zum Campingplatz gemacht und auch Ballspielen ist jetzt erlaubt.  Foto: Leo

Inzwischen hat man sich offensichtlich auch in Meißen an den Krisenmodus in Sachen Flüchtlingswirtschaft gewöhnt. Der Anblick einer Batterie Dixiehäuschen vor der Mehrzweckhalle der Sächsischen Verwaltungshochschule ist nicht mehr so ungewohnt. Bereits zweimal griff die Landesdirektion, der das Flüchtlingswesen in Sachsen unterstellt ist, auf diese landeseigene Immobilie zurück. Ungewohnt sind nur noch die Groß-Zelte auf dem Rasenplatz vor der Halle. Die hatte man vergangenen Freitag zusätzlich aufgestellt, weil in der Halle nur 150 Menschen untergebracht werden konnten, aber 200 avisiert waren. Mit der Einrichtung am Kynastweg, die nach letzten offiziellen Angaben 160 Menschen beherbergt, ist Meißen jetzt ein Erstaufnahmestandort mit knapp 400 Asylbewerbern. Gemunkelt wird sogar über die Zahl von 600 Bewerbern, die zusätzlich zum Kynastweg in Meißen untergebracht werden sollen. Dabei ist die Eliteschule St. Afra als Standort im Gespräch. Immerhin sind in beiden Einrichtungen dank der Schulferien Plätze frei. Würde sich dieses Szenario bewahrheiten, erreichte Meißen die Kapazitäten der inzwischen überregional bekannten Erstaufnahme in Schneeberg. Liegt es an der Sommerzeit mit ihren vielfältigen Ablenkungen von Garten, Freibad und Urlaub oder ist es tatsächlich schon Gewöhnung? Das Erregungspotential der neuerlichen Krisenmanöver in Sachen Flüchtlinge scheint diesmal niedriger zu liegen. Kamen noch im Februar spontan Anwohner der Verwaltungshochschule zusammen, um ihrem Unmut über die Abläufe in ihrer Nachbarschaft Ausdruck zu verleihen, ist es jetzt, zumindest oberflächlich, ruhig. Auch die höhere Politik ist abgetaucht. Landrat Steinbach (CDU) hat entweder seine Lektion aus dem Vorkommnissen im Februar gelernt (sein Vermittlungsversuch zwischen den Anhängern einer NPD-initiierten Anti-Asyldemo und der von SPD, Grünen und Linken organisierten Gegendemo brachte ihm einen Misstrauensantrag des linken Lagers im Kreistag ein) oder resigniert. Es wird wohl eine Mischung aus Beidem sein. Was soll er auch sagen. Die Landesdirektion verfährt wie im Winter mit kurzfristigen Aktionen von heute auf morgen. Besonders das war es, was die Politik kritisiert hatte. Vor Ort tummelt sich nur noch die Liga der Stadtratsabgeordneten, in deren Statements die gängigen Termini von „Willkommenskultur“, „Toleranz“ und „Buntheit“ vorkommen. Dabei ist die Lage jetzt brisanter als im Februar. Waren es im Winter am Ende in der Mehrzahl nur Armutsmigranten aus dem Kosovo, die den Großteil der Antragsteller ausmachen, sind es jetzt tatsächlich die viel diskutierten „alleinreisenden, jungen Männer“. Jetzt kann man sie auch in Meißen sehen, wie sie in größeren Gruppen durch die Stadt streifen oder, das inzwischen ebenfalls viel diskutierte Smartphone in der Hand auf dem Rasen sitzen. In immerhin entwaffnender Ehrlichkeit sagte beispielsweise der CDU-Abgeordnete Jörg Schlechte in die Kamera von Meißen-TV, dass es egal sei, „ob die sich nur ein lustiges Dreivierteljahr machen wollen“. Untergebracht werden müssten sie vernünftig. Vorerst behilft man sich mit DRK-Zelten und eben der Turnhalle. Und die Temperaturen sind auch danach. Schließlich ist Urlaubszeit und auch viel Deutsche nutzen die Sommerzeit, um zu zelten. Aber aus Vergnügen. Doch schon in knapp anderthalb Monaten kann es vorbei sein mit dem Campingspaß. Was wird dann? Immerhin legt man sich von Seiten der Politik jetzt nicht auf einen Zeitraum fest, indem die Interimslösungen genügen müssen. Es ist dehnungsleicht von Tagen bis Wochen die Rede. Wagt man einen Rundumblick, wie es sonst so aussieht in Sachen Flüchtlinge in Deutschland, darf man getrost von einer längerfristigen Lösung ausgehen. Immerhin kommen aus dem gebeutelten Baden-Württemberg schon Töne, wonach der Königsteiner Schlüssel, nach dem die Flüchtlinge in Relation zu Steueraufkommen und Einwohnerzahl auf die Bundesländer verteilt werden, nicht mehr zu halten sein wird. Unkenrufe sagen schon: Bis zum Dezember fällt er. Schon jetzt versucht beispielsweise der Stadtstaat Hamburg mit finanziellen Anreizen das „Nachbarland“ Mecklenburg-Vorpommern zu Übernahme Hamburger Kontingentflüchtlinge zu überreden. Das Argument: Im Osten gebe es viele durch den Wegzug Einheimischer sterbende Dörfer und jede Menge leerstehende Plattenbauten. Die gibt es in Sachsen auch. Oder gab es. Auch im Kreis Meißen. In Coswig immerhin hat man den Braten frühzeitig gerochen und einen leerstehenden Block schnell noch mit Mitteln des Bundesprogramms Stadtumbau Ost platt gemacht und pulverisiert. Hauptmotiv war die Befürchtung, dass höhere Stellen nicht widerstehen und die prekäre Unterbringungssituation mit dem Belegen eines Neubaublocks kurzfristig lindern könnten. Dass diese Überlegungen alles andere als abwegig waren, beweist die derzeitige Situation. Es wären bombensichere Wetten geworden, was passiert wäre, hätte Coswig diesen leeren Block jetzt noch. Derweil wird bei der Firma Pro Contain in Neusörnewitz in Schichten gearbeitet.
Doch die jetzige Situation hat in der Tat auch etwas Gutes. Mit den „Flüchtlingen“, die verfolgt oder nur auf der Suche nach einem „lustigen Dreivierteljahr“ sind, ist tatsächlich etwas mehr Toleranz und Buntheit in das Gebiet um die Fachhochschule eingekehrt. Denn schon das Betreten des „heiligen Rasens“ auf dem jetzt die Zelte stehen, war in normalen Zeiten streng verboten. Entsprechende Schilder wiesen darauf hin. Fußballspielen sowieso, sagt eine Anwohnerin. Die Kinder aus den angrenzenden Blöcken mussten dazu immer woandershin gehen. Dieses Verbot ist nun außer Kraft, wenn die afrikanischen Jugendlichen sich dort die Zeit Ballspielen vertreiben. Auch in dieser Frage wird wohl erst der kommende Winter für die alte Ordnung sorgen. Vielleicht aber auch nicht. Zur Freude der Kinder.


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Coswigs neue Amüsiermeile

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1300 Meter neue Straße nach vier Jahren Bauzeit und für 21,5 Millionen Euro sind jetzt zu befahren. Schnell sollte man es nicht tun, sonst ist es nur ein kurzes Vergnügen. Foto: leo

Seit knapp drei Wochen ist das Teilstück der S 84 von der Niederwarthaer Brücke in Richtung Coswig nun befahrbar. Zeit für ein erstes Fazit. Als Autofahrer hat man in Deutschland eher wenig zu lachen, aber hier kann man es. Das Kilometerchen, das nun nach vier Jahren schwerster Bauzeit eröffnet wurde, hat das Zeug dazu, Coswigs neue Amüsiermeile zu werden. Radebeul kann auch mitlachen. Meißen ist wohl eher nicht danach.
Bei der Eröffnung haben sich Politik und alle angeschlossenen Organe fast verletzt beim auf die Schulter schlagen, ob dieses gelungenen Bauwerkes. Hätten sie es als Kabarettstück verkauft, wäre es gleich ein Bühnenerfolg geworden. Was man bei all den salbungsvollen Reden tunlichst vermied, war ein Blick zurück. Denn wenn man jetzt, im Jahre 2015, den Durchstich von der Brücke bis zum Tännichtweg feiert, sollte man nicht vergessen, dass Politik und Straßenbauamt viele Jahre mit dem Gesamtfertigstellungstermin 2008 hausieren gingen. Nicht für das Teilstück, für die Gesamtstrecke bis Meißen-Zaschendorf wohlgemerkt. Darüber wird heute taktvoll hinweggesehen. Es stimmt hoffnungsvoll, wenn man im Zuge der Lobpreisungen auf das Teilstück hört, das mit dem Planfestellungsverfahren für den nächsten Abschnitt schon bald begonnen werden soll.

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Nach knapp einem Kilometer ist schon wieder Schluss mit dem Fahrvergügen. Hier wird zunächst nicht weiter gebaut, sondern geplant. Da frischer Rasen gesät wurde, wird es sicher etwas dauern. Foto: leo

Immerhin. Man will planen. Es gibt also noch Hoffnung. Und wenn es in Deutschland heißt, wir planen, weiß jeder, was passiert. Und das ist beruhigend. Hat doch so auch die kommende Generation von jungen Ingenieuren etwas von dem Vorhaben. Sage noch einer, in den Behörden denke man nicht an die Zukunft der Kinder. Es wird schon seinen Sinn haben, weshalb man an dem vorläufigen Endstück für die nächsten Jahr(zehnt?)e Rasen angesät hat. Auf jeden Fall sollten Autofahrer die 1300 Meter neue Straße mit Bedacht und Genuß fahren.

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Ein Gefängnis? Die Außengrenze der „Festung Europa“? Die neue Begrenzung des Schrottplatzes. Deutschland 2015. Foto: leo

Nicht nur, weil sie so die architektonisch einzigartige Mauer des Schrottplatzes besser genießen und über den Passus „Festung Europa“ nachsinnen können, sondern weil bei Baukosten von insgesamt 21,5 Millionen Euro für dieses Teilstück der S 84, jeder einzelne Meter rund 16 538 Euro gekostet hat. Hätte man bei dieser Summe eigentlich auch Blattgold statt Asphalt nehmen können? Nur kurzsichtige Nörgler denken so. Immerhin 75 Prozent der Bausumme stammen aus einem Förderprogramm der EU. Und damit hat alles wieder seinen Sinn. Ehe das Geld sinnlos in griechischen Hedgefonds verschwindet, ist es besser in heimischer Erde versenkt. Was ja auch nicht ganz stimmt, weil man damit aus der Erde herausgeholt hat, was findige Müll-Unternehmer in den Jahren nach der Wende hier vergraben und planiert haben. Dabei brauchten sie über Jahre keine kritischen Blicke der vielen zuständigen Umweltämter zu befürchten. Die waren viel zu sehr mit der Stammdicke von Bäumen in Vorgärten oder der Wasserqualität im Kötitzer Kiessee beschäftigt. Und so weist die Straße noch einige andere geheimnisvolle Besonderheiten auf, die bei näherem Hinschauen so geheimnisvoll nicht sind. Ursprünglich ging es bei diesem Bauwerk vor über 15 Jahren um den Streit zwischen einer „bahnnahen“ und einer „elbnahen“ Variante. Die elbnahe hatte sich nach dem Hochwasser 2002 stillschweigend erledigt, weil selbst der sachkundigste Planer sehen konnte, wo das Wasser steht, wenn es kommt. Naive Menschen hatten daraufhin gedacht, dass eine „bahnnahe Trasse“ irgendwie auch „nah an der Bahn“ verlaufen müsste und dann ziemlich weit „oben“, von wegen der Elbe, dem Grundwasser und so.

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Obwohl bei der Planung viel vom Hochwasserschutz die Rede war, wurde die Straße am Knoten Kötitz stark abgesenkt. Hier steht eine Wasserhebeanlage. Foto: leo

 

Dann mussten sich vieler dieser Naivlinge belehren lassen, dass der weite Bogen, den die Straße ab der Brücke von der Bahn wegmacht, trotzdem nötig sei und bahnnah ist. Nun muss man nicht Einstein bemühen, um zu verdeutlichen, dass alles relativ ist. Im Vergleich ihres Abstands zu den Alpen ist die Straße sehr bahnnah. Aber schließlich wollte man mit der Trassen ja die Dreckecken an der Elbe mit erwischen. Und auch das Hochwasser scheint keine große Rolle mehr zu spielen. Denn an ihrem vorläufigen Ende taucht die Trasse jetzt fast das Niveau der Elbe bei Normalwasser ab. Dass man dort jetzt eine Wasserhebestation mit einem höhergelegenen Dieselmotorenhäuschen installiert hat, ist sicher nur der Tatsache geschuldet, dass man einfach mal zeigen wollte, was alles so an technischen Spielereien da ist, wenn der Tiefbau in die Tasten haut. Aber Schluss mit dem Defätismus. Solche Straßen, die im Nichts oder in Kötitz enden, können auch ein vielbeschworenes Alleinstellungsmerkmal sein, um das jede Kommune heute so verzweifelt ringt. Coswig hat seins offenbar gefunden. Denn mit der Brockwitzer Straße hat man nun schon Straße Nummer zwei, die auf das Zeitalter nach dem Erdöl vorbereitet. Damals ging es um den Durchstich am neuen Bad vorbei in Richtung Brockwitz. Das war in Zeiten, als das Geld noch was wert war. Damals bekam man für die veranschlagte Summe 100 Meter mehr Straße und ließ die auch bauen. Seit vielen Jahren endet nun die Brockwitzer Straße in einem Stumpf in Richtung Brockwitz.

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Auch die Brockwitzer Straße endet schon seit vielen Jahren im Grünen. Ein Coswiger Alleinstellungsmerkmal? Foto: leo

Wer wissen will, wie die Vegetation an der neuen S 84 Endhaltestelle in ein paar Jahren aussieht, dem sei ein Spaziergang vom Kötitzer Bad in Richtung Sconto-Markt empfohlen. Hier sieht man, dass der Slogan grüne Stadt auch beim Straßenbau kein Widerspruch sein muss.


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Jetzt also auch Kesselsdorf

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Neben Pegida-Gründer Lutz Bachmann war auch Pegida-Sprecherin Tatjana Festerling in Kesseldorf und beteligte sich an der Diskussion. Foto: leo

Im zweiten schlesischen Krieg fand hier die Schlacht bei Kesselsdorf statt, in deren Folge Dresden in die Hand der Preußen fiel.
In der aufgeheizten und überfüllten Sporthalle der SG Kesselsdorf fehlte am Dienstag nur noch der sprichwörtliche Funke und es hätte eine Neuauflage der Schlacht gegeben. Diesmal allerdings nicht in der Konstellation Sachsen gegen Preußen, sondern Bürger gegen Obrigkeit. Es war auch nicht der Alte Dessauer, der hier angriff, sondern Pegida Gründer Lutz Bachmann mit Gattin und Frontfrau Tatjana Festerling hatten sich unters Volk gemengt und ergriffen das Mikrofon.
Es geht wie derzeit fast überall zwischen Flensburg und Garmisch um die Schaffung von Wohnraum für Asylbewerber. In Kesselsdorf ist das die Sachsenallee 124, die als Adresse zur Debatte steht. Und das sorgt für Unruhe im Ort, wie bereits eine kleine Demonstration von Bürgern zur Versammlungshalle zeigte. Kesselsdorf weist insofern große Parallelen zum nahegelegenen Freital auf. Nur mit dem Unterschied, dass es hier die viel zitierte Mittelschicht ist, die rebelliert und keine „abgehängten“ Plattenbewohner, die sich aus Altersgründen oder wegen fehlender gut bezahlter Arbeit keinen anderen Wohnstandard leisten können. Der Weg zur Sporthalle führt durch ein Gebiet schmucker Eigenheime. Keine Zäune, leuchtende Farben und gepflegter Rasen davor. Die Abzahlungsstände dürften den neuen Fassaden nach bestenfalls irgendwo in der Mitte der Finanzierungslaufzeit liegen. Viele Wortmeldungen begannen dann auch mit Sätzen wie: „Ich wohne seit fünf Jahren hier“ oder „Ich habe mich vor zehn Jahren hier eingekauft“. Jetzt sind die Anwohner in Rage, weil man ihnen 60 Asylbewerber in einen Bau setzen will, der ursprünglich als Gewerbezentrum gedacht war, aber nicht ausgelastet ist. Sorgen bereitet vielen auch, dass der Bus direkt vor der Tür dieses Objektes abfährt und viele Kinder von hier zur Schule fahren. Das ist die Ausgangslage. Auf dem Podium saßen Wilsdruffs Bürgermeister Ralf Rother, zu dem Kesselsdorf gehört, Landrat Michael Geisler (CDU) , die Landkreis-Asylbeauftragte Kati Hille und ein Vertreter der Polizei. Erste Unruhe kam auf, als es um die „alleinreisenden, jungen Männer“ ging, die entgegen der medialen Hervorhebung von Flüchtlingsfamilien aus Syrien in Wirklichkeit die Masse der Asylsuchenden ausmachten. Man habe „leidvoll“ lernen müssen, dass sich Tunesier nicht mit Eritreern vertragen, sagte Landrat Geisler und versprach, dass man bei der Belegung diese Erfahrungen berücksichtigen wolle. In vielen Punkten gab Geisler den Kritikern recht. Auch er beklagte, dass unberechtigte und bereits abgelehnte Asylbewerber die Plätze blockierten, die man für die tatsächlich Verfolgten brauche. Das brachte ihm die Frage von Lutz Bachmann ein, warum er dann nicht montags mit Pegida durch Dresden laufe. Geisler konterte, man müsse es schon ihm überlassen wie und an welcher Stelle er seinen Protest gegen die derzeitige Asylpraxis artikuliere. Er verriet jedoch, dass es bei den Treffen der Landräte mit der Staatsregierung in dieser Frage durchaus ziemlich laut werde. Schließlich seien es die Landkreise und Kommunen, die das Ganze ausbaden müssten. Pro Monat brauche man 100 Plätze, um den Zustrom von Flüchtlingen zu bewältigen. Aber die „Musik“ in dieser Sache spiele in Brüssel. Mit Freital hat Geisler immerhin einen Asylstandort in seinem Bereich, der es durch anhaltende Bürgerproteste und Gegendemos in die Weltpresse geschafft hat. Bei den Wortmeldungen kristallisierte sich das inzwischen ziemlich gleiche Muster heraus, wonach auf rund 15 kritische Wortmeldungen etwa zwei kommen, die mit „Pro Asyl“ überschrieben werden können. Viel davon reizen das Publikum zusätzlich durch die Naivität der Aussagen, die sämtliche bereits bekannte negative Umstände der derzeitigen Masseneinwanderung konsequent ausblenden. Auch durch die Verwendung von Worthülsen wie „offener Herzen“ und „Willkommenskultur“. Ein Redner, der offenbar als Richter tätig ist, wie ein späterer bemerkte, warf dem Landrat vor, er würde mit seinen Äußerungen hier der Meinung im Saal viel zu weit entgegenkommen. Als Vertreter eines Netzwerker Asyl hätte er sich ein anderes Auftreten gewünscht. Landrat Geisler konterte knapp. Die Grundlage der Asylgesetzgebung sei das Grundgesetz. „Punkt.“ Neben den oft gleichartigen Wortmeldungen (fehlende Infrastruktur, Angst vor Einbrüchen, Sorge um die Buskinder, mangelnde Präsenz der Polizei) waren zwei bemerkenswert. Ein Freiberger sagte, er habe lange Jahre eine deutlich linke Einstellung zu dem ganzen Migrationsthema gehabt. Aber gerade durch zahlreiche Motorradreisen quer durch Afrika und Asien habe er die Erkenntnis gewonnen, dass viele Völker nur nebeneinander existieren können, wenn sie durch Kontinente getrennt sind. „Hier leben sie aber dann Wand an Wand, und das funktioniert nicht“, so der junge Mann. Deshalb habe er sich zu einem Gegner der derzeitigen Verfahrensweise in Sachsen Asyl gewandelt. Für Stille und Nachdenklichkeit sorgte ein Redebeitrag eines anderen Kesselsdorfers, der von einem Freund berichtet, der aus Algerien stammt und seit über zehn Jahren in Dresden lebt. Dort betreibe er ein Internetcafe, in dem viele Asylbewerber mit Menschen in ihrer Heimat kommunizierten. Da dieser Freund neben Französisch auch Arabisch und einige afrikanische Sprachen verstehe, bekomme er mit, was dort so erzählt werde. Er habe ihn gewarnt mit den Worten: „Uwe, Du glaubst gar nicht, was für Leute ihr hier ins Land lasst“. Darunter seien Mitglieder paramilitärischer Einheiten und bewaffneter Banden aus Ostafrika, darunter auch welche, die schon Menschen umgebracht und Frauen und Kinder vergewaltigt hätten, gab der Kasselsdorfer die Worte seines ausländischen Freundes wieder.
Folgerichtig rankte sich die Diskussion darum, was die Kesselsdorfer tun könnten, um die Belegung des Objektes zu verhindern. Angeregt wurde ein Referendum. In der Diskussion zeigte sich, wie „wasserdicht“ unsere Demokratie gegen genau solche Bestrebungen ist. Auf Gemeindeebene seien Referenden gar nicht möglich, beschied Bürgermeiser Rother die Frager. Das ginge allenfalls im Kreis. Das heißt, die Kesselsdorfer könnten gar nicht über solche, das ganze Dorf betreffende, Dinge auch selbst demokratisch abstimmen. „Guten Morgen, Diktatur“, rief ein Zuhörer aus den hinteren Reihen vernehmlich in die Stille nach der Erklärung. Warum dann der Bürgermeister, überhaupt die gewählten Volksvertreter, nichts im Sinne ihrer Wähler und Bürger unternähmen?, wurde gefragt. Die Antwort von Ralf Rother war immerhin entwaffnend ehrlich. Wenn er als Bürgermeister sich dem Willen seiner Bürger gemäß gegen die Einrichtung einer Asylunterkunft ausspräche, würde man ihm das im ersten Fall wohl noch als einen der Hitze geschuldeten Lapsus durchgehen lassen. Aber spätestens nach dem zweiten Mal, könnten sich die Kesselsdorfer einen neuen Bürgermeister suchen. Wobei er offen ließ, wer dann wen und mit welcher Begründung entfernt. Die Kesselsdorfer hätten gar keine andere Wahl als sich zu fügen, wenn das Land über die Kreise bis hinunter zu den Kommunen Asylbewerber übers Land verteilt. Immerhin habe man aus dem Fall Freital gelernt und informiere rechtzeitig. Denn der Standort soll erst zum 1. Januar 2016 bezogen werden.

 


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Freitaler Bürger dürfen reden – aber nicht alle

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Massenauflauf vor dem Freitaler Kulturhaus am Montag. Viele Freitaler wollten mitreden beim ersten Bürgergespräch zum Thema Asyl. Doch nicht alle durften hinein. Foto: leo

Nach den Demonstrationen und den unschönen Bilder von den Aufläufen vor dem Asylbewerberheim setzt man in Freital jetzt auf Gespräch, Deeskalation und Bürgerbeteiligung. Aber immer noch mit derselben Handschrift, mit der bereits im Frühjahr eine Bürgerversammlung zu dem brandheißen Thema Asyl abgesagt worden war. Es war bezeichnend, dass am Montag eine Abordnung von Freitaler Gemeinderäten vor die Versammelten im großen Saal des Freitaler Kulturhauses trat und verkündete, dass erst der geschlossene Gemeinderat von SPD/Grünen bis AfD den Oberbürgermeister gegen dessen Willen per Beschluss zwingen musste, diese Versammlung einzuberufen. Und auch dabei war wieder spürbar, dass das Rathaus, insbesondere die Pressestelle, entweder komplett überfordert ist oder noch immer nicht die Brisanz der Lage erkannt hat. Denn viele Freitaler standen am Montag vor ihrem Kulturhaus und kamen nicht rein. Presseleute hätten sich akkreditieren müssen, es wurde aber nicht gesagt, wo. Ein Sicherheitsdienst kontrollierte die Ausweise. Es sollten nur Freitaler über die Probleme in Freital diskutieren. Damit wollte man endlich der Entwicklung einen Riegel vorschieben, dass immer mehr Auswärtige, von rechts bis links, sich des Freitaler Streitthemas annehmen und für ihre ideologischen Grabenkämpfe missbrauchen. Doch der Zorn steigerte sich, nachdem man sah, dass im Saal noch Platz wäre, während draußen noch eine lange Schlange Interessierter hinein wollte. Die Ränge waren komplett leer. Vom Podium wurde irgendetwas von Brandschutz erzählt, warum man nicht mehr Leute hineinlasse. Was die unausgesprochene Frage aufwirft, wozu diese Säle dann so groß gebaut sind, wenn der Platz angeblich aus feuerpolizeilichen Gründen nicht gefüllt werden kann. Es wird wohl eher an der Entzündlichkeit des Themas gelegen haben, weshalb man die kritische Masse an Bürgern nicht allzu groß werden lassen wollte. Versammlungsleitung und Podium, bestehend aus Vertretern der Stadt, des Landratsamtes, der Landesdirektion, Polizei und des Innenministeriums bekamen denn auch die geballte Ladung Volkszorn gleich von der ersten Minute an lautstark zu spüren. Vorn saß immerhin Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU), der sich nach der haushoch verlorenen Dresdner Oberbürgermeisterwahl nun wieder mit ganzer Kraft seinen Aufgaben als Sachsens oberster Polizist widmen kann. Um Volksnähe zu simulieren, hatte man die Behördenvertreter parterre auf Stühlen platziert und nicht auf der Bühne. Das wäre nach der letzten Veranstaltung mit Bundesinnenminister de Maizière moniert worden, hieß es. Ulbig wollte die Menge dann auch nicht unnötig reizen und hielt ein tatsächlich knappes Statement. Die Fakten, die er offerierte, versprechen keine Abkühlung des Asylthemas. 11 000 seien bereits in Sachsen und 20 000 werden es wohl noch werden bis Jahresende. Rund 130 kämen jeden Tag neu dazu, die menschenwürdig untergebracht werden müssten. Dabei sei bei einer großzügigen Anerkennungsquote von rund 30 Prozent aller Fälle den Verantwortlichen klar, dass die Mehrzahl von Ihnen kein Bleiberecht in Deutschland beanspruchen kann. Dem gegenüber steht die Zahl von 440 Abschiebungen bisher. Das erkläre, weshalb der Freistaat immer neue Immobilien suche, um sie als Asylstandort zu nutzen. Womit man bei Freital speziell war. Hier ist das ehemalige Hotel Leonardo seit Kurzem auch Außenstelle der Erstaufnahme in Chemnitz. 280 Asylbewerber wären derzeit hier untergebracht. Es kamen mehrere Anwohner zu Wort, die sich darüber beklagten, dass sie nachts nicht mehr schlafen können, weil der Lärm aus dem Heim zu große sei. „Die sitzen auf den Fensterbrettern und unterhalten sich lautstark“, sagte eine Anwohnerin. Man könne das sogar verstehen. Was sollten die Bewohner in den engen Zimmern auch machen. Aber in einem Wohngebiet gehe das nicht. Berichtet wurde auch von Müll, der einfach aus dem Fenster geworfen würde. Ob man es darauf anlege, die Mieter aus ihren Wohnungen zu vergraulen, um diese dann mit Asylbewerbern zu belegen, fragte ein Freitaler. Das sei auf keinen Fall so, sagte Innenminister Ulbig. Er erklärte, dass der Freistaat große Erstaufnahmeeinrichtungen in Dresden, Leipzig und Chemnitz bauen wolle. Die Ausschreibungen dazu liefen. Bis zur Fertigstellung müsse man sich mit Provisorien wie dem Hotel in Freital behelfen, die sicher nicht optimal seien. Womit man beim Geld war. 70 Millionen sollen die Investitionen in die neuen Asylkapazitäten kosten. Wo das herkäme und warum man nicht Kitas dafür bauen könne oder die Lernmittel für Schulkinder, wie das eigentlich vorgeschrieben wäre, wollte eine Fragerin wissen. Ulbig hatte seinen Staatssekretär Michael Wilhelm dabei, der das erläuterte. Es würden keine Schulden gemacht für das Asylbauprogramm, stellte er klar. Da sei auch die Schuldenbremse im Haushalt vor. Das Geld komme aus „Aufwüchsen“, die es in allen Bereichen des Haushalts gegeben habe. Etwas hilflos fügte er an: „Bitte, sie müssen das glauben“. Doch es fällt den meisten immer schwerer, den Verlautbarungen der „Obrigkeit“ Glauben zu schenken, wie besonders ein Dialog wenige Minuten später zeigte. Es wurde noch einmal der Fall aufgeworfen, wonach es im Asylbewerberheim Schmiedeberg gebrannt hatte und die dortigen Heimbewohner in Freital untergebracht wurden. Der Beigeordnete des Landratsamtes Pirna, Peter Darmstadt, erklärte dazu im Duktus früherer Funktionäre von oben herab, die Brandursache sei nicht erwiesen. Die Behauptungen, Asylbewerber hätten die Unterkunft selber angezündet, um aus dem langweiligen Ort wegzukommen, entbehre jeder sachlichen Grundlage. Peinlich nur, dass der Vertreter der Polizei dieser Darstellung wenig später widersprach. Der Herr Beigeordnete möge entschuldigen, aber der „Wirkungszusammenhang“ sei klar, man habe auch einen Tatverdächtigen, müsse es ihm aber erst noch haarklein beweisen. Beim Thema Polizei kam auch zur Sprache wie man jetzt von staatlicher Seite versucht, um jeden Preis Ruhe rund um das Heim zu bekommen. Im Internet kursiert dazu ein Tondokument, das offenbar mit einem Handy aufgenommen wurde. Darauf ist zu hören, wie Polizisten Anwohner barsch auffordern nach Hause zu gehen, obwohl sie laut dem Begleittext des Postings nur auf einer Bank rund 100 Meter oberhalb des Heimes saßen. Es wurden Ausweise kontrolliert. Jegliche Zusammenkünfte seien verboten, hieß es. Wo denn die Grenzen dieser „Bannmeile“ wären?, wollte einer wissen. Es sei keine Bannmeile, aber man habe dort ein „Kontrollgebiet“ eingerichtet, dessen Grenzen er bei Bedarf gern zeigen könne, erläuterte der Polizist. Man wolle mit dieser Maßnahme eben verhindern, dass sich ständig ortsfremde Personen dort herumtrieben. Dabei gehe man gegen alle vor. Wie man mit allen gemeinsam wieder etwas Konstruktives in Freital hinbekommt, ist die große Frage, die auch eine nachdenkliche Stimme fast am Ende der Veranstaltung aufwarf. Sie gehörte Frank Richter, dem inzwischen überregional bekannt gewordenen Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er hielt sich penibel an die Regeln und sagte, er stehe hier in erster Linie als Freitaler. Er wohne selbst in der Stadt, in einer kleinen Mietswohnung, wie er erklärend anfügte. Das gemeinsame Tun gestalte sich aber offenkundig schwierig in einer Stadt, in der erst der Stadtrat seinen Oberbürgermeister zum Dialog mit den Bürgern zwingen muss. „Wir sind bereit zu reden“, sagte ein Mann, der sich als Mitglied der Freitaler Bürgerinitiative zu erkennen gab. Aber dann heiße es aus dem linken Lager sofort, mit den „Nazis“ setze man sich nicht an einen Tisch. Im Stadtrat wird das inzwischen offenbar anders gesehen. Die ruhigste und sachlichste Rede hielt Klaus Wolfram, Abgeordneter der Fraktion SPD/Grüne. Einig sei man sich, dass es so nicht weiten gehen könne, besonders mit Blick auf die inzwischen weltweite Beachtung der Freitaler Vorkommnisse. Er bedankte sich ausdrücklich bei Rene Seyfried, dem OB-Kandidaten der Bürgerinitiative Freital, der auf der Webseite das Friedens- und Gesprächsangebot angenommen und seine Anhänger aufgerufen hatte, nicht mehr vor dem Heim zu demonstrieren. „Wir reden mit allen“, sagte Wolfram und wiederholte das noch einmal ruhig. Er bekam den meisten Applaus aus allen Ecken des Saales. Geplant ist jetzt eine Gesprächsrunde mit Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping Ende des Monats. Vielleicht traut man sich in Freital, dann die Türen auch wieder etwas weiter aufzumachen. Integration könnte bei den eigenen Bürgern anfangen.


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Rossendorf – Beim Asyl hört die Demokratie auf

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In der vollen Kirche von Großerkmannsdorf wurde über die Rossendorfer Asylbaracke diskutiert. Alles wie immer. Ändern wird sich nichts, denn beim Asyl endet die Demokratie. Das bekamen die Bürger klipp und klar gesagt. Foto: leo

Das Thema Asyl sorgt nicht nur für volle Hotels und Turnhallen, sondern manchmal auch für volle Kirchen. Und das mitten im Jahr. So wie am Mittwoch in Großerkmannsdorf. Um das Dörfchen, das zu Radeberg gehört, ging es gar nicht, sondern um die Rossendorfer Siedlung. Und es ist geradezu unglaublich, was sich hier abspielt. Nicht weil es Tumulte gibt, sondern, weil es eine Art Dejavu ist, das man erlebt, wenn man die Asyldebatten des letzten halben Jahres verfolgt hat. Es ist jetzt acht Monate her, dass wegen einer Asylunterkunft in dem kleinen Dörfchen Perba bei Nossen eine ganz ähnliche Veranstaltung stattfand.  Und es ist nachgerade grotesk, dass sich ein halbes Jahr nach Perba, nach Pegida und der ganzen aggressiven Weltentwicklung die Politik nicht einen Millimeter bewegt hat. In Rossendorf sollen 72 Asylbewerber in einer ehemaligen Baracke des Forschungszentrums untergebracht werden. Zyniker könnten sagen: Das passt. Früher waren hier Doktoranden und Arbeiter zeitweise untergebracht. Jetzt kommen andere „Fachkräfte“. Befürchtet werden wie damals in Perba die vieldiskutierten „alleinreisenden jungen Männer“. Sie stehen rund 120 Bewohnern des Dorfes gegenüber. Wie in Perba fordern die Einwohner eine verhältnismäßige Einquartierung. Zwei, drei Familien vielleicht. Aus Syrien, oder wirklichen Kriegsgebieten. Nicht aus dem Urlaubsland Tunesien. Der Name Perba fällt wegen der Vergleichbarkeit oft. Doch hier wie da sitzen die Vertreter des Staates vor den Bürgern und haben nur eine Botschaft: Wir können gern nochmal darüber reden, ihr könnt auch schreien und toben, aber ändern wird sich nichts. Radebergs Bürgermeister Gerhard Lemm (SPD), zu dem Rossendorf und Großerkmanndorf gehören,  muss man immerhin zu Gute halten, dass er die Menschen nicht verkohlen will. Als dem rundlichen Mann mit der Brummbasstimme das Gesäusel um Demokratie, Mitbestimmung und Bürgerwillen zuviel wird, sagt er rundheraus: „Das ist keine demokratische Entscheidung. In dieser Frage gibt es keine Demokratie. Das muss man so klar sagen.“ Die Asylbewerber seien eine Pflichtaufgabe und die sei zu erfüllen. Punkt. Ob einem das passe oder nicht. Man sah es den säuerlichen Minen der Vertreter des Bautzner Landratsamtes, des Ortschaftsrates und der Polizei an, wie gern sie dieser Pflicht nachkommen. Finden sich doch alle plötzlich in der feinsten Kommandowirtschaft wieder, die man eigentlich 89 überwunden glaubte. Wahrscheinlich fällt es einigen Würdenträgern mit DDR-Vergangenheit jetzt auch leichter. Können sie sich doch nun sagen, dass dieses System im Grunde auch nichts anderes als die DDR ist. Nur mit Westgeld und der ständigen Möglichkeit auszureisen. Nur einige Bürger wollen das nicht akzeptieren. Noch nicht, hört man die typischen Vertreter aus der Fraktion vorbehaltloser Willkommenheißer alles Fremden, die es auch hier gibt. Den uneinsichtigen Bürgern muss man jetzt ihre diffusen Ängste austreiben und Willkommenskultur anempfehlen. Wie weiland die deutsch-sowjetische Freundschaft. Die Zeitung sollten alle auch nicht so genau lesen,wenn dort von ständigen Problemen und Gewaltexzessen in Asyleinrichtugen berichtet wird. Oder über die Todesfälle nach Messerattacken von Asylbewerbern untereinander. Wie zuletzt es zwei Fälle in Dresden gab, die Schlagzeilen machten. Wenn auch nur nur kurz. Vor allem viel kürzer als ein angebrannter Dachstuhl, bei dem niemand zu Schaden kam.
Doch auch die besorgten Bürger müssen sich die Frage gefallen lassen, womit sie sich ganz privat in den letzten Monaten beschäftigt haben? Es kommen bis auf die Formulierung genau die gleichen Argumente wie in Perba: Sicherheit im Dorf, beim Spazierengehen im Wald, Wertverfall der mühsam abgezahlten Häuser, die als Alterssicherung dienen sollen, keine Infrastruktur und das Fehlen jeglicher Beschäftigungsmöglichkeiten für die Asylbewerber. Und dann die Frage, ob wirklich nur junge Männer kommen. Kann es sein, dass viele erst munter werden, wenn das Problem vorm eigenen Jägerzaun auftaucht? Und damit ist der Ball wieder bei der Verwaltung. Die schafft es trotz aller Lippenbekenntnisse eben noch immer nicht vorherzusagen, wer wohin gesteckt wird. Trotz einer Arbeitsgruppe Asyl im Innenministerium. Immerhin habe man die „Problemvölkerschaften“ wie Tunesier schon im Blick und versuche auch zu mischen, so der Asylbeauftragte des Landratsamtes Bautzen. Und die Polizei habe so ihre Erfahrungen.  Soviel weiß man schon: Die kriminellen Asylbewerber nehmen Tunesien und Marokko nicht zurück. Aber das sei auch wieder nicht so schlimm, sagt der Onkel von der Polizei. Denn Intensivtäter wird man schnell. Es reicht, wenn man fünfmal im Jahr beim Klauen erwischt wird. Wobei unausgesprochen mitschwang, wie schnell das eben gehen könnte. Alles eine Frage der richtigen Einsortierung und Statistik. „Klauen ist wohl nicht schlimm?“, murmelte ein junger Mann, der aus Platzmangel in der Kirchentür stand. Der Vertreter des Landratsamtes hatte in der aufgeheizten Stimmung der sonst angenehm kühlen Kirche einen Anflug von eigenwilligem Humor und sagte, 72 junge Männer müssten ja nichts Schlechtes sein. Er erntete einen Sturm der Entrüstung, vor allem von den Frauen. Auch der Vertreter der Polizei zog alle Register der Beschwichtigung. In Perba habe es dieselben Befürchtungen gegeben. Jetzt wollten die Perbaer „ihre“ Asylbewerber gar nicht mehr gehen lassen. Höhnisches Gelächter. Ganz unrecht hat er nicht. In Perba ist Ruhe. Aber er hat den Rossendorfern auch nicht die ganze Geschichte erzählt. Die Perbaer waren massiv Sturm gegen die Pläne des Landratsamtes Meißen gelaufen, hatten sogar vor der Behörde demonstriert. Und bei ihnen hat das Prinzip funktioniert, auf dem dieser Staat inzwischen offenbar beruht: Wer laut schreit, der bekommt, was er will. Als nämlich im Februar die Mehrzweckhalle der Sächsischen Verwaltungsfachschule in Meißen kurzerhand zu einem Ausweichquartier für die seit Jahresbeginn aus dem Kosovo nach Deutschland strömenden Asylbewerber wurde, hatte man Wortführer aus Perba eingeladen und sie durften sich Familien aussuchen. Die machen tatsächlich keinen Ärger. Wie in Perba unter der Hand zu hören ist, schicke zum Beispiel eine Familie Geld nach Hause, um ihr Haus in Serbien zu bauen. Hier leben sie genügsam und still vom Kindergeld und freuen sich, dass die Verfahren so lange dauern. Erst kürzlich wurde bekannt, dass in Sachsen tausende Asylbewerber untergebracht sind, die noch gar nicht mit einem Erstantrag erfasst sind. Der Normalbürger wundert sich, wie in diesem Land, in dem jeder Hufnagel eine eigene Nummer hat, Leistungen ausgezahlt werden, ohne das erfasst wird, wer sie bekommt und wie viele es davon gibt. Über die Berechtigung redet schon gar keiner mehr. Da die Antwort auf diese Frage aber in Berlin zu finden ist, hat sich in den unteren Gefilden der Verwaltung eine neue Version des schon immer beliebten Behördenspieles „Schwarzer Peter“ eingeschlichen. Die Bürgermeister sagen, wie können nichts machen, das böse Landratsamt weist zu. Dort heißt es, das Land „kippt“ die Asylsuchenden einfach nach dem Königsteiner Schlüssel in die Fläche. Und so geht das schön reihum im perfekt organisierten Kreislauf der Verantwortungslosigkeit. Es war deshalb eine Frau, die in der Kirche in Großerkmannsdorf erst leise und dann vehementer forderte, dass es doch so nicht weitergehen könne. Die Vertreter der Politik seien doch schließlich gewählt, um den Willen ihrer Bürger zu vertreten. Dann müssten sie das doch auch mal tun. Gerhard Lemm antwortete, dass man sehr wohl in allen Ebenen über die Problematik diskutiere, und das auch scharf und kontrovers. Aber die Lösung des Problems läge nun einmal nicht im Ermessen der kleinteiligen kommunalen Verwaltung. Auffällig an der Veranstaltung war auch wieder, dass der Moderator, offenbar ein Kirchenmann aus Leipzig, sichtbar bemüht war, die Emotionen zu dämpfen. Deutete sich durch typische Neusprech-Phrasen in der Wortwahl an, dass ein Teilnehmer etwas pro Asyl sagen wollte, durfte derjenige sich in aller epischen Länge äußern. Meldeten sich kritische Stimmen, wurde nach drei Sätzen ständig verbal reingegrätscht, man möge doch eine Frage stellen. Und so kam pikanterweise ans Licht, dass das Gerücht im Dorf umgeht, die Frau eines höheren Angestellten der Rossendorfer Forschungseinrichtung hätte etwas mit dem Verkauf der besagten Asyl-Baracke zu tun. Dazu konnten die Verwaltungsleute nichts sagen. Sie hätten einen Mietvertrag mit der Betreibergesellschaft. Alles andere interessiere sie nicht. Das mag sogar stimmen. Die Verwaltung ist froh, wenn sie die Asylflut irgendwie bändigt und die Leute unterbringt. Nach zwei Stunden machten sich Ermüdungserscheinungen breit. Sinnigerweise hatte man für viele Rossendorfer einen Bus organisiert. Kurz vor acht ließ der Fahrer ausrichten, seine Lenkzeit laufe 20 Uhr ab, wer bis dahin nicht im Bus sei, müsse sehen wie er heimkommt. Obwohl Bürgermeister Lemm hier noch donnerte, der Bus fahre erst, wenn die Veranstaltung beendet sei, siegte letztlich der Verweis auf die Verkehrsbürokratie. Passend zum Thema. Sachzwänge, wohin man schaut. Gesetze kann man ändern, sagte die nachdenkliche Rossendorferin an einer anderen Stelle, aber sie blieb damit allein. Man könne eine solche Veranstaltung auch wiederholen, bot Bürgermeister Lemm an. Einige gingen schon eher, winkten ab beim Hinausgehen. „Ist doch sowieso schon alles beschlossen“, sagte ein Alter resigniert. Ob die Rossendorfer so viel Glück haben, sich „ihre“ Asylbewerber auszusuchen, ist eher unwahrscheinlich. Immerhin sind die Scheiben des Heimes mit Spezialfolie gegen Steinwürfe von Außen gesichert und es werden Kameras installiert, um mögliche Angreifer zu filmen, sagte der Vertreter der Polizei den überwiegend älteren bis alten Rossendorfern. Es war der Tag nachdem in Schneeberg Hunderte Asylbewerber mit Steinen und Latten aufeinander losgegangen waren. Die Polizei hatte Wasserwerfer aufgefahren, das DRK war mit einem Behandlungszelt vor Ort, um die traumatisierten Kriegsteilnehmer zu behandeln. Was auch an dieser Stelle die Frage des sächsischen Kabarettkünstlers Uwe Steimle aufwirft: Wer macht hier eigentlich Kabarett?