castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Coswigs neue Amüsiermeile

Hinterlasse einen Kommentar

DSC_0290

1300 Meter neue Straße nach vier Jahren Bauzeit und für 21,5 Millionen Euro sind jetzt zu befahren. Schnell sollte man es nicht tun, sonst ist es nur ein kurzes Vergnügen. Foto: leo

Seit knapp drei Wochen ist das Teilstück der S 84 von der Niederwarthaer Brücke in Richtung Coswig nun befahrbar. Zeit für ein erstes Fazit. Als Autofahrer hat man in Deutschland eher wenig zu lachen, aber hier kann man es. Das Kilometerchen, das nun nach vier Jahren schwerster Bauzeit eröffnet wurde, hat das Zeug dazu, Coswigs neue Amüsiermeile zu werden. Radebeul kann auch mitlachen. Meißen ist wohl eher nicht danach.
Bei der Eröffnung haben sich Politik und alle angeschlossenen Organe fast verletzt beim auf die Schulter schlagen, ob dieses gelungenen Bauwerkes. Hätten sie es als Kabarettstück verkauft, wäre es gleich ein Bühnenerfolg geworden. Was man bei all den salbungsvollen Reden tunlichst vermied, war ein Blick zurück. Denn wenn man jetzt, im Jahre 2015, den Durchstich von der Brücke bis zum Tännichtweg feiert, sollte man nicht vergessen, dass Politik und Straßenbauamt viele Jahre mit dem Gesamtfertigstellungstermin 2008 hausieren gingen. Nicht für das Teilstück, für die Gesamtstrecke bis Meißen-Zaschendorf wohlgemerkt. Darüber wird heute taktvoll hinweggesehen. Es stimmt hoffnungsvoll, wenn man im Zuge der Lobpreisungen auf das Teilstück hört, das mit dem Planfestellungsverfahren für den nächsten Abschnitt schon bald begonnen werden soll.

DSC_0315

Nach knapp einem Kilometer ist schon wieder Schluss mit dem Fahrvergügen. Hier wird zunächst nicht weiter gebaut, sondern geplant. Da frischer Rasen gesät wurde, wird es sicher etwas dauern. Foto: leo

Immerhin. Man will planen. Es gibt also noch Hoffnung. Und wenn es in Deutschland heißt, wir planen, weiß jeder, was passiert. Und das ist beruhigend. Hat doch so auch die kommende Generation von jungen Ingenieuren etwas von dem Vorhaben. Sage noch einer, in den Behörden denke man nicht an die Zukunft der Kinder. Es wird schon seinen Sinn haben, weshalb man an dem vorläufigen Endstück für die nächsten Jahr(zehnt?)e Rasen angesät hat. Auf jeden Fall sollten Autofahrer die 1300 Meter neue Straße mit Bedacht und Genuß fahren.

DSC_0295

Ein Gefängnis? Die Außengrenze der „Festung Europa“? Die neue Begrenzung des Schrottplatzes. Deutschland 2015. Foto: leo

Nicht nur, weil sie so die architektonisch einzigartige Mauer des Schrottplatzes besser genießen und über den Passus „Festung Europa“ nachsinnen können, sondern weil bei Baukosten von insgesamt 21,5 Millionen Euro für dieses Teilstück der S 84, jeder einzelne Meter rund 16 538 Euro gekostet hat. Hätte man bei dieser Summe eigentlich auch Blattgold statt Asphalt nehmen können? Nur kurzsichtige Nörgler denken so. Immerhin 75 Prozent der Bausumme stammen aus einem Förderprogramm der EU. Und damit hat alles wieder seinen Sinn. Ehe das Geld sinnlos in griechischen Hedgefonds verschwindet, ist es besser in heimischer Erde versenkt. Was ja auch nicht ganz stimmt, weil man damit aus der Erde herausgeholt hat, was findige Müll-Unternehmer in den Jahren nach der Wende hier vergraben und planiert haben. Dabei brauchten sie über Jahre keine kritischen Blicke der vielen zuständigen Umweltämter zu befürchten. Die waren viel zu sehr mit der Stammdicke von Bäumen in Vorgärten oder der Wasserqualität im Kötitzer Kiessee beschäftigt. Und so weist die Straße noch einige andere geheimnisvolle Besonderheiten auf, die bei näherem Hinschauen so geheimnisvoll nicht sind. Ursprünglich ging es bei diesem Bauwerk vor über 15 Jahren um den Streit zwischen einer „bahnnahen“ und einer „elbnahen“ Variante. Die elbnahe hatte sich nach dem Hochwasser 2002 stillschweigend erledigt, weil selbst der sachkundigste Planer sehen konnte, wo das Wasser steht, wenn es kommt. Naive Menschen hatten daraufhin gedacht, dass eine „bahnnahe Trasse“ irgendwie auch „nah an der Bahn“ verlaufen müsste und dann ziemlich weit „oben“, von wegen der Elbe, dem Grundwasser und so.

DSC_0304

Obwohl bei der Planung viel vom Hochwasserschutz die Rede war, wurde die Straße am Knoten Kötitz stark abgesenkt. Hier steht eine Wasserhebeanlage. Foto: leo

 

Dann mussten sich vieler dieser Naivlinge belehren lassen, dass der weite Bogen, den die Straße ab der Brücke von der Bahn wegmacht, trotzdem nötig sei und bahnnah ist. Nun muss man nicht Einstein bemühen, um zu verdeutlichen, dass alles relativ ist. Im Vergleich ihres Abstands zu den Alpen ist die Straße sehr bahnnah. Aber schließlich wollte man mit der Trassen ja die Dreckecken an der Elbe mit erwischen. Und auch das Hochwasser scheint keine große Rolle mehr zu spielen. Denn an ihrem vorläufigen Ende taucht die Trasse jetzt fast das Niveau der Elbe bei Normalwasser ab. Dass man dort jetzt eine Wasserhebestation mit einem höhergelegenen Dieselmotorenhäuschen installiert hat, ist sicher nur der Tatsache geschuldet, dass man einfach mal zeigen wollte, was alles so an technischen Spielereien da ist, wenn der Tiefbau in die Tasten haut. Aber Schluss mit dem Defätismus. Solche Straßen, die im Nichts oder in Kötitz enden, können auch ein vielbeschworenes Alleinstellungsmerkmal sein, um das jede Kommune heute so verzweifelt ringt. Coswig hat seins offenbar gefunden. Denn mit der Brockwitzer Straße hat man nun schon Straße Nummer zwei, die auf das Zeitalter nach dem Erdöl vorbereitet. Damals ging es um den Durchstich am neuen Bad vorbei in Richtung Brockwitz. Das war in Zeiten, als das Geld noch was wert war. Damals bekam man für die veranschlagte Summe 100 Meter mehr Straße und ließ die auch bauen. Seit vielen Jahren endet nun die Brockwitzer Straße in einem Stumpf in Richtung Brockwitz.

DSC_0325

Auch die Brockwitzer Straße endet schon seit vielen Jahren im Grünen. Ein Coswiger Alleinstellungsmerkmal? Foto: leo

Wer wissen will, wie die Vegetation an der neuen S 84 Endhaltestelle in ein paar Jahren aussieht, dem sei ein Spaziergang vom Kötitzer Bad in Richtung Sconto-Markt empfohlen. Hier sieht man, dass der Slogan grüne Stadt auch beim Straßenbau kein Widerspruch sein muss.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s