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Geschichten aus der Elbaue

Flüchtlinge sorgen für Toleranz – auf dem Verwaltungsrasen

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Sonst ist schon das Betreten des Rasens vor der Meißner Fachhochschule verboten. Fußballspielen sowieso. Für die Flüchtlinge hat man den heiligen Rasen zum Campingplatz gemacht und auch Ballspielen ist jetzt erlaubt.  Foto: Leo

Inzwischen hat man sich offensichtlich auch in Meißen an den Krisenmodus in Sachen Flüchtlingswirtschaft gewöhnt. Der Anblick einer Batterie Dixiehäuschen vor der Mehrzweckhalle der Sächsischen Verwaltungshochschule ist nicht mehr so ungewohnt. Bereits zweimal griff die Landesdirektion, der das Flüchtlingswesen in Sachsen unterstellt ist, auf diese landeseigene Immobilie zurück. Ungewohnt sind nur noch die Groß-Zelte auf dem Rasenplatz vor der Halle. Die hatte man vergangenen Freitag zusätzlich aufgestellt, weil in der Halle nur 150 Menschen untergebracht werden konnten, aber 200 avisiert waren. Mit der Einrichtung am Kynastweg, die nach letzten offiziellen Angaben 160 Menschen beherbergt, ist Meißen jetzt ein Erstaufnahmestandort mit knapp 400 Asylbewerbern. Gemunkelt wird sogar über die Zahl von 600 Bewerbern, die zusätzlich zum Kynastweg in Meißen untergebracht werden sollen. Dabei ist die Eliteschule St. Afra als Standort im Gespräch. Immerhin sind in beiden Einrichtungen dank der Schulferien Plätze frei. Würde sich dieses Szenario bewahrheiten, erreichte Meißen die Kapazitäten der inzwischen überregional bekannten Erstaufnahme in Schneeberg. Liegt es an der Sommerzeit mit ihren vielfältigen Ablenkungen von Garten, Freibad und Urlaub oder ist es tatsächlich schon Gewöhnung? Das Erregungspotential der neuerlichen Krisenmanöver in Sachen Flüchtlinge scheint diesmal niedriger zu liegen. Kamen noch im Februar spontan Anwohner der Verwaltungshochschule zusammen, um ihrem Unmut über die Abläufe in ihrer Nachbarschaft Ausdruck zu verleihen, ist es jetzt, zumindest oberflächlich, ruhig. Auch die höhere Politik ist abgetaucht. Landrat Steinbach (CDU) hat entweder seine Lektion aus dem Vorkommnissen im Februar gelernt (sein Vermittlungsversuch zwischen den Anhängern einer NPD-initiierten Anti-Asyldemo und der von SPD, Grünen und Linken organisierten Gegendemo brachte ihm einen Misstrauensantrag des linken Lagers im Kreistag ein) oder resigniert. Es wird wohl eine Mischung aus Beidem sein. Was soll er auch sagen. Die Landesdirektion verfährt wie im Winter mit kurzfristigen Aktionen von heute auf morgen. Besonders das war es, was die Politik kritisiert hatte. Vor Ort tummelt sich nur noch die Liga der Stadtratsabgeordneten, in deren Statements die gängigen Termini von „Willkommenskultur“, „Toleranz“ und „Buntheit“ vorkommen. Dabei ist die Lage jetzt brisanter als im Februar. Waren es im Winter am Ende in der Mehrzahl nur Armutsmigranten aus dem Kosovo, die den Großteil der Antragsteller ausmachen, sind es jetzt tatsächlich die viel diskutierten „alleinreisenden, jungen Männer“. Jetzt kann man sie auch in Meißen sehen, wie sie in größeren Gruppen durch die Stadt streifen oder, das inzwischen ebenfalls viel diskutierte Smartphone in der Hand auf dem Rasen sitzen. In immerhin entwaffnender Ehrlichkeit sagte beispielsweise der CDU-Abgeordnete Jörg Schlechte in die Kamera von Meißen-TV, dass es egal sei, „ob die sich nur ein lustiges Dreivierteljahr machen wollen“. Untergebracht werden müssten sie vernünftig. Vorerst behilft man sich mit DRK-Zelten und eben der Turnhalle. Und die Temperaturen sind auch danach. Schließlich ist Urlaubszeit und auch viel Deutsche nutzen die Sommerzeit, um zu zelten. Aber aus Vergnügen. Doch schon in knapp anderthalb Monaten kann es vorbei sein mit dem Campingspaß. Was wird dann? Immerhin legt man sich von Seiten der Politik jetzt nicht auf einen Zeitraum fest, indem die Interimslösungen genügen müssen. Es ist dehnungsleicht von Tagen bis Wochen die Rede. Wagt man einen Rundumblick, wie es sonst so aussieht in Sachen Flüchtlinge in Deutschland, darf man getrost von einer längerfristigen Lösung ausgehen. Immerhin kommen aus dem gebeutelten Baden-Württemberg schon Töne, wonach der Königsteiner Schlüssel, nach dem die Flüchtlinge in Relation zu Steueraufkommen und Einwohnerzahl auf die Bundesländer verteilt werden, nicht mehr zu halten sein wird. Unkenrufe sagen schon: Bis zum Dezember fällt er. Schon jetzt versucht beispielsweise der Stadtstaat Hamburg mit finanziellen Anreizen das „Nachbarland“ Mecklenburg-Vorpommern zu Übernahme Hamburger Kontingentflüchtlinge zu überreden. Das Argument: Im Osten gebe es viele durch den Wegzug Einheimischer sterbende Dörfer und jede Menge leerstehende Plattenbauten. Die gibt es in Sachsen auch. Oder gab es. Auch im Kreis Meißen. In Coswig immerhin hat man den Braten frühzeitig gerochen und einen leerstehenden Block schnell noch mit Mitteln des Bundesprogramms Stadtumbau Ost platt gemacht und pulverisiert. Hauptmotiv war die Befürchtung, dass höhere Stellen nicht widerstehen und die prekäre Unterbringungssituation mit dem Belegen eines Neubaublocks kurzfristig lindern könnten. Dass diese Überlegungen alles andere als abwegig waren, beweist die derzeitige Situation. Es wären bombensichere Wetten geworden, was passiert wäre, hätte Coswig diesen leeren Block jetzt noch. Derweil wird bei der Firma Pro Contain in Neusörnewitz in Schichten gearbeitet.
Doch die jetzige Situation hat in der Tat auch etwas Gutes. Mit den „Flüchtlingen“, die verfolgt oder nur auf der Suche nach einem „lustigen Dreivierteljahr“ sind, ist tatsächlich etwas mehr Toleranz und Buntheit in das Gebiet um die Fachhochschule eingekehrt. Denn schon das Betreten des „heiligen Rasens“ auf dem jetzt die Zelte stehen, war in normalen Zeiten streng verboten. Entsprechende Schilder wiesen darauf hin. Fußballspielen sowieso, sagt eine Anwohnerin. Die Kinder aus den angrenzenden Blöcken mussten dazu immer woandershin gehen. Dieses Verbot ist nun außer Kraft, wenn die afrikanischen Jugendlichen sich dort die Zeit Ballspielen vertreiben. Auch in dieser Frage wird wohl erst der kommende Winter für die alte Ordnung sorgen. Vielleicht aber auch nicht. Zur Freude der Kinder.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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