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Geschichten aus der Elbaue

Momentaufnahme an Dresdens erstem Flüchtlingscamp

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Eine nicht abreißende Kette von Schaulustigen zog am Sonntag an Dresdens erstem Zeltlager für Asylbewerber vorbei. Foto: leo

Die Bremer Straße in Dresden ist nicht unbedingt eine Gegend, die man gesehen haben muss, wenn man die Barockstadt besucht. Hier gibt es seit DDR-Zeiten ein großes Mineralöllager, etliche Gebrauchtwagenfirmen, die Dresdner Mühle und einen Friedhof. Besonders am Wochenende ist deshalb hier nicht viel los, allenfalls etwas Durchgangsverkehr zum städtischen Klinikum Friedrichstadt. Das ist seit einigen Tagen anders. Denn seit dem Freitag der Vorwoche befindet sich hier Dresdens erstes Flüchtlingscamp. Rund 1100 Migranten sollen hier in Zelten untergebracht werden. Dresden muss helfen, weil die Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz und Schneeberg heillos überbelegt sind. Bisher hat die Landeshauptstadt ankommende Asylbewerber in Hotels, Wohnungen und staatlichen Liegenschaften untergebracht. Um kurzfristig Platz für Massen zu schaffen, beschloss man die Planierung eines städtischen Grundstückes an der Bremer Straße. Nach den Rangeleien am Freitag zwischen Anhängern einer NPD-Demo vor Ort und Vertretern des linken Spektrums war medial auch für genügend Aufmerksamkeit für diesen neuen Hot-Spot mitten im Pegida-Land gesorgt. Am Sonntag sagten sich dann noch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) an. Doch auch das Volk wollte sich mal vor Ort einen eigenen Eindruck von dem im wahrsten Sinne des Wortes umstrittenen Camp verschaffen. Und so konnte der Beobachter, der sich eine Weile in der Nähe des Eingangs postierte, die ungefilterten Reaktionen des Flaniervolks beobachten. Was natürlich auch nur nichtrepräsentative Momentaufnahmen sein können. Etwa eine junge Frau am Steuer ihres Wagens, die mit einer Geste des Entsetzens kurz ihre Hände an die Schläfen presste und dann etwas gestikulierend zu ihrem Beifahrer, wahrscheinlich ihr Mann, sagte, als eine Gruppe junger Männer, alle so um die Zwanzig, just in diesem Moment das Lager verlässt. Sie streben zu einer Tankstelle weiter vorne, der einzigen Einkaufsmöglichkeit an diesem Sonntag. Ein paar verschleierte Frauen stehen hinter dem geschlossenen Flügel des Tores. Später sieht man sie die Bremer Straße entlang schlendern. Zwei Frauen im Rentenalter sind von ihren Fahrrädern abgestiegen und beobachten die Szenerie von der gegenüberliegenden Straßenseite. Leise unterhalten sie sich. „Die wollen nun alle was haben von den reichen Deutschen“, sagt die Eine auf den Lenker ihres E-Bikes gestützt. Die andere antwortet leise. „Wir müssten alle noch viel mehr auf die Straße gehen. Aber, naja…“, lässt sie den Satz ausklingen. Eine nicht abreißende Kette von Fahrzeugen passiert die Stelle. Die meisten bremsen kurz vorher ab. Man sieht gereckte Köpfe, neugierige Blicke. Die meisten Paare oder einzelne Radfahrer, die hier kurz anhalten, schauen sich das Ganze eine Weile an und fahren dann wortlos wieder. Mancher schüttelt den Kopf, die meisten verziehen keine Miene. Andere parken ihre Fahrzeuge, nachdem sie offenbar gesehen haben, dass es hier keine Randale gibt, und laufen dann vorbei, um sich alles in Ruhe anzuschauen. Vorbei auch an einem Schild, das auf die Spendenmöglichkeit für das Lager in nahen Rot-Kreuz-Stützpunkt aufmerksam macht. Die Polizei ist vor Ort. Die Beamten stehen entspannt an ihrem Wagen und lassen das Defilee der Schaulustigen passieren. Auch hier bahnt sich das eine oder andere Gespräch an. Ein Polizist, der allein und etwas abseits steht, redet entspannt mit zwei schätzungsweise Mittvierzigern. Er gibt zu erkennen, dass er selber in zivil bei Pegida mitgelaufen ist. Jetzt sei das etwas schwieriger, da es lange hell sei. Dennoch sei man sich im Kollegenkreis einig, wie man über die ganze Asylpolitik denke. Schließlich seien alles nur Menschen und wohnten ja auch hier. Darüber werde auch mehr oder weniger laut in den Kantinen diskutiert. Man sehe doch, was los sei. Ein Kollege aus einem anderen Zug sei immer dabei, wenn in Schmiedeberg wieder „was los ist“. Gemeint ist das Asylbewerberheim im osterzgebirgischen Schmiedeberg, das in die Schlagzeilen geriet, nachdem in diesem Gebäude an zwei Stellen gleichzeitig Feuer ausbrach. Die Polizei bestätigte inzwischen, dass es einen Tatverdächtigen gebe. Bei den Einsätzen dort seien immer sofort Messer im Spiel, so der unbekannte Polizist weiter. Und dann fügte er mit einer wegwerfenden Geste an: „Früher war ich mal stolz auf diese Uniform.“

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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