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Geschichten aus der Elbaue


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Der September ist noch nicht vorbei

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Autobahn A 8 von Salzburg nach München. Außer einem Stau wird hier nichts produziert. Polizisten sitzen in ihren Fahrzeugen und beobachten den Verkehrsstrom. Es findet keinerlei Prüfung statt. Foto: Beaverpress.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wurde in seinem Bundesland am Dienstag den ganzen Tag via Bayerischer Rundfunk im O-Ton gebracht. Es seien inzwischen im September rund 170 000 Einwanderer in Bayern angekommen, allein 10 000 am Montag. An einem einzigen Tag. „Und der September ist noch nicht vorbei“, so Seehofer mit dramatischer Betonung.
Wir erinnern uns wie das war, als das Land noch ein völlig anderes war. Vor rund 14 Tagen. Mal ehrlich. Als unser allseits geschätzter Innenminister am 13. September mit schicksalsschwerer Stimme in Berlin (!) vor die Kameras trat, und verkündete, „in diesen Minuten beginnt Deutschland mit der Kontrolle“ hatte das schon ein bisschen was von „seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“. Gestehen wir ein paar Anlaufschwierigkeiten zu, müssten doch jetzt die Grenzen streng kontrolliert werden? Schauen wir uns dazu nur mal die Lage an zwei wichtigen Grenzübergängen im Süden Bayerns und der Republik an. In Kiefersfelden wird die Fahrbahn der A 12 von Innsbruck kommend auf einen Fahrstreifen verengt. Der Stau hält sich am Vormittag noch in Grenzen. Ein Polizist (in Zahlen: 1) steht an der Verengung mit einer Kelle und mustert die Vorbeifahrenden. Hat man diese Kontrolle des souveränen Deutschlands passiert, kann man wieder Gas geben. Ähnlich der Versuchsaufbau an der A 8 bei Salzburg, allerdings mit weitaus verheerenderen Folgen für den Fernverkehr und die Nerven aller Beteiligten. Auch hier verengt man die Fahrspuren auf eine. Während der Verkehr in Kiefersfelden wenigstens noch rollt, steht man hier minutenlang, ohne, dass sich irgendwas tut. Hier sieht die Inszenierung der Kontrolle so aus, dass versetzt um 300 Meter zwei Polizeimannschaftswagen mit der Schnauze entgegen der Fahrtrichtung stehen. Jeweils am Steuer der Fahrzeuge sitzt ein Polizist und lässt den Verkehr passieren. Auf deutscher Seite, rechts am Fahrbahnrand, ist eine Art Partyzelt mit weißen Plastikwänden aufgebaut. Hier sitzen vier Polizisten in gelben Warenwesten über der Uniform und machen das, was man in Bayern wohl eine Brotzeit nennt. Allerdings ohne Bier. Zumindest sind keine signifikanten Flaschenformen zu sehen. Man erkennt im Vorbeifahren große 1,5-Liter-Wasserflaschen auf dem Tisch. Außer einem veritablen Rückstau und etwa einer Stunde Verzug für den Güter- und Urlauberverkehr ist kein Effekt erkennbar. Doch. Einen „Erfolg“ meldet der bayerische Rundfunk von dieser „Front“ an diesem Tag. Ein Verdächtiger Fahrzeuglenker wollte nicht anhalten und trat stattdessen aufs Gaspedal. Fast hätte er dabei noch einen Polizisten umgefahren. Erst 60 Kilometer weiter, kurz vor München, sei er gestoppt worden. Der Iraker hatte sechs Personen ohne Papiere bei sich, heißt es in der Rundfunkmeldung weiter. Keine weiteren Angaben. Wozu auch? Wie es weitergeht, ist hinlänglich bekannt. Die Geschleusten werden zur nächsten Erstaufnahme gefahren, gegen den Schleuser wird ein Verfahren eröffnet. Bis dahin bleibt er auf freiem Fuß und hadert mit seinem Pech. Schließlich kennen wir alle die verstörenden Bilder dieser Schauprozesse gegen Schleuser, die immer mit drakonischen Strafen enden.  Wie Seehofer weiter sagte, seien bis jetzt allein in diesem Monat mehr gekommen als sonst in einem ganzen Jahr. Gleichzeitig meldet der Rundfunk aus München, dass noch nie so viele offene Stellen in Bayern gemeldet wurden. Allerdings schaffte der Sender noch keine rechte Synthese aus beiden Meldungen und damit die  Antwort auf die Frage, weshalb sich Horst Seehofer bei dieser Nachrichtenlage nicht auf den  goldenen Oktober freut.


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CDU-Landtagsabgeordnete: „Ich habe Schiss“

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Im Saal war nicht mal mehr ein Stehplatz zu bekommen. Deshalb wurde die Infoveranstaltung in Niederau zu einer Art Demonstration, weil rund 200 Besucher draußen stehen mussten. Foto: Beaverpress

Der Nervenkrieg um den Real-Markt in Niederau hat ein Ende. Hieß es bis Dienstag noch, der Standort sei vom Tisch, kam gestern Nachmittag plötzlich die Nachricht: Niederau wird Erstaufnahme für 500 Asylbewerber. Mit Tendenz nach oben. Die Gemeinde hatte just dazu einen Teil ihrer Gemeinderatssitzung zur Informationsveranstaltung im Kulturhaus umgemünzt. Obwohl man schon auf einen größeren Saal ausgewichen war, wurde daraus noch eine Art Demonstration, weil der Gastraum im Kulturhaus bis auf den letzten Stehplatz an der Wand gefüllt war und rund 200 Leute noch vor dem Haus standen. Die Stimmung war deutlich aufgeladen. Man spürte, hier fehlt nur ein Funke, ein falsches Wort und es fliegen Stühle. Dazu kam es nicht, aber die aufgepeitschten Emotionen sorgten dafür, dass die Choreografie dieser Veranstaltung durcheinander geriet. Nach dem sonst üblichen Muster für derartige Dampf-Ablass-Veranstaltungen wie sie im ganzen Land stattfinden, sollte erst ein langatmiges Statement zu den Fluchtursachen im Allgemeinen und Besonderen gesprochen werden. Für diesen Teil war Burkhard Kurths, der Vizepräsident der Landesdirektion Sachsen, vorgesehen. Um seine Bedeutung zu unterstreichen, begann er seine Rede mit der eigenen Vorstellung und dem Satz: „Damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben“. Wie immer das gemeint war, bei den Niederauern erntete der Spitzenbeamte damit keinen Ehrfurchtsbonus. „Komm zum Punkt. Nachrichten sehen wir selber“, brüllten einige von den hinteren Standplätzen. Umso schneller ging man vorn auch in medias res. Dabei ließen auch hier wieder die zur Neutralität verpflichteten Beamten eine gehörige Portion Defätismus durchblicken, die dem abgeklärten Zuhörer fast mehr Angst macht. Durch eine Entscheidung der Bundesregierung sei es zu einem beispiellosen Ansturm von Asylsuchenden gekommen, der letztlich wieder in geregelte Bahnen gelenkt werden müsse, hieß es. Allein in Sachsen kämen täglich rund 500 Grenzgänger an, die Asyl beanspruchten. Der Real in Niederau schafft nach dieser Lesart also Luft für genau einen Tag, bei voller Auslastung der Fläche, wovon auszugehen ist, für zwei oder drei. Dann seien neue Objekte gefragt. Die Landesdirektion sei dabei nur eine Vollzugsbehörde, und treffe keine politischen Entscheidungen. Das passiere in Berlin. Kurths rang sichtlich um Fassung. Zu Beginn seiner Ausführungen wurden Rufe laut, er solle aufstehen, was er ablehnte. Schließlich blaffte er zurück, man solle ihn nicht anbrüllen, das Ganze sei schließlich kein „Römischer Zirkus“.
Heiko Eichler, der bereits am Vortag in Weinböhla eine mit großem Beifall aufgenommene Rede gehalten hatte, griff als Erster zum Mikrofon als Fragen erlaubt waren. In das spannungsgeladene Schweigen des Saales sagte er: „Wenn diese Politik so weiter geht, dann habe ich einen Tipp für sie. Das wird in einem Bürgerkrieg enden.“ Der Saal toste. Besonders prägnant wurde der Schlagabtausch zwischen Volk und Podium als ein Frager die anwesende CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge, die erst seit 2014 den Kreis Meißen im Landtag vertritt, tribunalartig befragte. „Tragen Sie die Politik der Bundeskanzlerin mit?“ Die Angesprochene schüttelte mit dem Kopf. Ob sie mal nach 22 Uhr allein Straßen in der Kreisstadt Meißen entlanglaufe, die er ihr nenne?, fragte der Bürger weiter. Sie sei ja eine attraktive, junge, blonde Frau. Er wolle danach ihre Antwort hören, ob das alles in Ordnung sei. Die Angesprochene ließ sich das Mikrofon reichen und antwortete in frischer Offenheit des Politneulings: „Ich wohne in Meißen am Bahnhof. Ich weiß, was sie meinen. Ich habe Schiss“.
Meißens Revierleiter Hanjo Protze war naturgemäß der Ansprechpartner in Sachen Sicherheit. Er spulte sein Repertoire ab, wonach es rund um Asyleinrichtungen keine Probleme gäbe. Doch auch er hat es nicht mehr so leicht, wie noch vor knapp einem Jahr in Perba bei einer ähnlichen Veranstaltung. Denn inzwischen sind in Meißen rund 900 Asylbewerber in improvisierten Erstaufnahmen untergebracht. Die Masse sinnigerweise in der Mehrzweckhalle der sächsischen Verwaltungshochschule, dem Wohnheim der Studenten und einer alten Polizeiliegenschaft. Und die Einwohner haben inzwischen Erfahrungen, was das heißt. Die Autofahrer sehen die „Ameisenstraße“, die sich seitdem entlang der B 101 in Richtung Stadt bewegt. Man sieht die Trauben von Afrikanern, die den örtlichen Mc Donalds belagern, um dort das kostenlose W-LAN der Burgerbraterei anzuzapfen. Sie haben von den Übergriffen an der Meißner Eisenbahnbrücke gehört, die als Meißens erste No-Go-Area gilt. Protze selbst hatte im Meißner Stadtrat den Bürgern geraten, die Eisenbahnbrücke eben nicht mehr nach 20 Uhr zu benutzen. Dann gäbe s auch keine Probleme. Sehr ruhig geworden ist es auch um den Fall einer jungen Frau, die angab von Fremden in ein Auto gezerrt und nach ihrer Vergewaltigung in einem Dorf außerhalb Meißens wieder ausgesetzt worden zu sein. Es heißt, die Polizei ermittelt. Relativ harmlos hört sich dabei an, dass die ihm ehemaligen Studentenwohnheim der Fachschule in Meißen-Bohnitzsch untergebrachten Asylbewerber in Gruppen ins benachbarte Ockrilla, einen Ortsteil von Niederau, wandern. Die Großenhainer Straße würde deshalb schon „Damaskus-Allee“ genannt. Aber zum Lachen sei niemandem, so ein Anwohner. Seine alte Mutter fühle sich nicht mehr sicher auf ihrem Grundstück. Eine andere Bewohnerin berichtete, dass Asylanten einfach auf ihr Grundstück gelaufen wären und dort die Kinderschaukel benutzt hätten. Alles anzeigen, niemand müsse das hinnehmen, so der Revierleiter. Protze ging in diesem Zusammenhang auch noch einmal darauf ein, dass in sozialen Netzwerken viele Falschmeldungen kursierten, wonach Asylbewerber in Geschäften einfach Ware an der Kasse vorbeischöben, ohne zu bezahlen. Das stimme alles nicht. Man habe mit den Firmenleitungen von Aldi, Netto und Lidl gesprochen. Die Menge quittierte das mit höhnischem Gelächter und Rufen. „Gerade von Netto weiß ich, dass es genauso ist“, sagte eine Frau in der Menge der Stehenden. Natürlich gebe es das „Ansprechen“ von Frauen und auch Diebstähle in Meißner Einzelhandelseinrichtungen, so Protze. Aber das sei nun nicht das Problem der Niederauer. Gleichzeitig gab Protze zu, dass es sich bei der Asylflut um eine „gigantische Aufgabe“ handele, für die er nicht genügend Leute habe. „Ich muss hier den Mangel verwalten“, gab er unumwunden zu. Zwar wolle die Staatsregierung gegensteuern, aber die Ausbildung junger Polizisten dauere Jahre. Dennoch sollten die Niederauer weiter unbekümmert ihr Leben leben und sich sicher fühlen. Viele machten ihrem Unmut Luft, wie hier inzwischen generell mit den Menschen umgegangen werde. Eine Frau sagte, sie käme gerade aus Malta zurück und es sei beschämend wie Deutschland im Ausland wahrgenommen würde, angesichts dieser Politik. Ein anderer meinte, dass es schon komisch sei, wenn die Ockrillaer jahrelang darum gekämpft hätten, einen Radweg nach Meißen zu bekommen, damit die Kinder einen sicheren Schulweg haben. Da sei nichts möglich gewesen. Kaum seien Asylanten da, wurden Warnbaken aufgestellt und die Geschwindigkeit auf einer Bundesstraße beschränkt. „So eine verkehrsrechtliche Anordnung dauert Monate, bis sie genehmigt wird. Hier ging das innerhalb weniger Tage.“ Widersprüchlich ist die Haltung von Niederaus Bürgermeister Steffen Sang (parteilos). Er ist Mitglied von zig Vereinen, kennt alle Ortsteile und die meisten Einwohner persönlich. Bisher war er nicht um starke Worte verlegen, da er die Stimmung im Dorf kennt. Noch im Februar sagte er angesichts der Zuweisung von 39 Asylbewerbern, Niederau soll kein „Multikultidorf“ werden. Als der Real ins Visier der Quartiermeister von der Landesdirektion geriet, verurteilte er via Boulevardpresse diese Ideen „auf das Schärfste“.

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Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Wer diesem Ratschlag Wilhem Buschs folgen will, muss allerdings jetzt ins Nachbardorf fahren. In den ehemaligen Real in Niederau kommen Asylsucher. Das ist jetzt amtlich. Foto: Beaverpress

Diese Menge an Fremden zuzüglich zu inzwischen über 90 anerkannten Asylbewerbern, die Niederau nach dem Königsteiner Schlüssel aufnehmen müsse, gehe einfach nicht. Wurde er auf Linie gebracht oder ist er nur auf der Empörungswelle gesurft bis die Entscheidung da war? Oder war es die Anwesenheit des Landesdirektionschefs? Jetzt sprach er von einer Aufgabe, der man sich stellen und das Beste daraus machen müsse. Gefragt seien die Niederauer, die das mit anpacken. Das würden vielleicht einige sogar so sehen, wenn sie die Perspektive der Dauer hätten. Für wie lange denn der Mietvertrag unterzeichnet sei?, wollte einer wissen. Diese Vertragsdetails seien vertraulich, bekam er vom Vizedirektor der Landesdirektion zu hören. Er wisse es aber auch nicht. Aber selbst, wenn, was sollte der Verwaltungsmann auch sagen? Alles schaut gebannt nach Berlin und wartet offenbar auf ein Wunder. Aber von dort kam bisher nur die Aussage vom Asyl ohne Obergrenze.


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Weinböhla auf den Beinen

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Ein Hauch von 89 lag in der Luft als die Weinböhlaer AfD für Dienstagabend zur Demonstration vor das Rathaus eingeladen hatte. Foto: beaverpress

Mit so vielen Menschen hatten selbst die Organisatoren nicht gerechnet, wie hinterher zu hören war. Die AfD in Weinböhla hatte zu einer ersten Kundgebung in Sachen Asyl für Dienstag vor das Rathaus eingeladen. Aus aktuellem Grund. Denn in der Vorwoche war bekannt geworden, dass das Waldhotel im Norden der Gemeinde zu einer Asyl-Erstaufnahmeeinrichtung umfunktioniert werden soll. Die Weinböhlaer treibt das um. Bereits kurz nach Beginn der Veranstaltung war der Rathausplatz bis über die angrenzenden Straßen hinaus voller Menschen. So viele stehen hier nicht mal beim Faschingsauftakt. Und der ist in Weinböhla eine Größe im Veranstaltungskalender. Doch es ist nichts Unterhaltsames, was die Menschen auf die Straße treibt. „Es ist nur noch Angst, was ich empfinde, wenn ich die Bilder von der ungarischen Grenze sehe“, sagte der erste Redner, der 47-Jährige Heiko Eichler, vom AfD-Ortsverein Weinböhla . Es mache ihm Angst, wenn er mitbekomme, dass sich in Schlossereien und bei Schlüsseldiensten in diesen Tagen die Nachfragen nach Toren, Gittern und anderen Sicherheitseinrichtungen drastisch erhöht hätten. Es könne nicht sein, dass Sinti- und Romafamilien an jeder Haustür bettelten und noch mit Gewalt drohen, wenn man sie des Grundstücks verweist. Die sehr emotionale Rede, seine erste überhaupt, wie er sagte, wurde mit viel Beifall begleitet. Das Publikum war gemischt. Dem Ortskundigen fiel dabei auf, dass hier tatsächlich das Bürgertum von Weinböhla auf der Straße ist. Da stand die pensionierte Lehrerin neben der Chefin des Schnäppchenmarktes und dem Bandleader einer in der Region bekannten Dixielandband ist. Darunter sicherlich viele, die nie im Leben zu einer Pegida-Versammlung in Dresden gehen würden. Doch ohne Pegida kann es gerade hier in Weinböhla nicht gehen. Lutz Bachmann war selbstverständlich da. Seine Eltern wohnen hier. Sein Vater war hier noch bis zum Spätherbst 2014 nur bekannt für seine speziellen sächsischen Bratwürste, die er zusammen mit seinem Sohn beim Weinböhlaer Weinfest verkaufte. Pegida-Sprecherin Tatjana Festerling war auch da. Die beiden wurden natürlich bemerkt. Kurz vor dem Ende der Veranstaltung begrüßte sie ein Moderator der Veranstaltung unter dem Beifall der Menge und bot ihnen sogar an, zu den Weinböhlaern zu sprechen. Rufe wie „Lutz, trau dich“, waren zu hören. Aber die Pegida-Leute lehnten ab. Zu tief sitzt bei ihnen offensichtlich noch der Frust über das Zerwürfnis mit der AfD-Landtagsfraktion im Frühjahr in der Causa rund um das gefakte Hitler-Selfie von Lutz Bachmann und den Ausstieg der bis dato zweiten Pegida-Gründerin Kathrin Oertel. Es war ausgerechnet Ingo Friedemann, der die ganze Zwiespältigkeit von Pegida und AfD thematisierte und unfreiwillig verkörperte. Als letzter Redner an diesem Tag bekannt er sich dazu als Gründungsmitglied für Pegida zu stehen. Dann habe es innerhalb der Orga Unstimmigkeiten gegeben, weshalb er ausgetreten sei. Allerdings, ohne diese zu benennen. Jetzt sei er Mitglied der AfD. Gerade in der jetzigen Lage sei es aber wichtig, die Kräfte des konservativ-liberalen Lagers zu bündeln und die Kraft nicht in unnützen Parteigründungen zu verzetteln, wie sie Pegida anstrebe. Die AfD biete sich als verlängerter Arm im Parlament an, nicht zuletzt deshalb, weil auch viele ihrer Mitglieder bei Pegida mitliefen. Friedemann endete mit dem Satz, der sehr nach Marx klang: Patrioten, vereint Euch. Wann es eine Fortsetzung gibt, sei noch nicht klar, so AfD-Mann Heiko Eichler nach der Veranstaltung. Die Organisatoren müssen ihren Erfolg erstmal „verdauen“. Die Botschaft an die CDU, endlich im Sinne der Einwohner zu handeln, dürfte vor allem optisch angekommen sein. Weinböhlas neuer Bürgermeister Siegfried Zänker (CDU) kann diesen Auflauf vor seinem Fenster sogar als Bestätigung nehmen. Denn er hat sich gleichfalls gegen eine Erstaufnahme im Waldhotel ausgesprochen und möchte dort lieber ein Seniorenwohnheim etablieren.
In Weinböhla standen aber auch viele Niederauer. In der Nachbargemeinde tobt derzeit ein Nervenkrieg um einen leeren Real-Markt. Über den hieß es in der vergangenen Woche mehrfach auf unterschiedlichen Kanälen, Flüchtlinge kommen. Doch bis jetzt tut sich nichts. Entsprechend angespannt sind alle Beteiligten. Zahlreiche Einwohner halten abends und tagsüber sporadisch „Wache“, ob sich am Real was tut. Wie nervös gerade die Polizeiführung ist, zeigte sich am Mittwochabend als sich dort wieder etwa ein Dutzend Menschen versammelte. Die standen dort nur locker im Kreis und unterhielten sich. Auf einer öffentlichen Straße. Unter der Androhung: „Wer jetzt nicht den Platz verlässt, von dem nehmen wir die Personalien und der schläft eine Nacht bei uns“, forderte ein junger Polizist die Bürger auf, zu verschwinden. Begründete wurde die Einschränkung eines verfassungsmäßigen Grundrechtes mit einer „polizeilichen Gefahrenabwehr“. Und das, obwohl weder Migranten in der Einrichtung sind, noch in verbaler oder körperlicher Weise irgendeine Art von Gegenwehr angekündigt wurde. Offenbar will man nach Freital und Heidenau einen dritten Hot-Spot dieser Art unbedingt vermeiden. Ob auch hier das inzwischen in Sachsen probate Mittel einer Sperrzone rund um die Asyleinrichtung zum Tragen kommt, bleibt abzuwarten.
Die reelle Faktenlage zu beiden Objekten ist dürftig. Vom Real heißt es jetzt, er sei aus der Planung der Landesdirektion bis Jahresende heraus. Doch nach wiederholten Meldungen der vergangenen Woche, es kämen Asylbewerber, schenken viele dem keinen Glauben mehr. Es heißt, es werde immer noch um die Konditionen, sprich, ums Geld, verhandelt.
Der Fall Waldhotel sollte diesen Donnerstag im Kreistag behandelt werden. Besonders die AfD hatte getrommelt, zu dieser öffentlichen Sitzung zahlreich zu erscheinen. Die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge postete dazu auf Facebook, der Tagesordnungspunkt sei „vom Tisch“. Was immer das heißen mag.


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Nervenkrieg um Real-Markt in Niederau

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Noch bevor der Real-Markt endgültig schloss, hatten nachts Anwohner kenntlich gemacht, was er nicht werden soll. Foto: leo

Wenn das mal Mutti Merkel nicht erfährt. Ausgerechnet die CDU-Landtagsabgeordnete des Kreises Meißen, Daniela Kuge, platzte am Dienstag dieser Woche mit einer Nachricht über ihre Homepage heraus, die viele in Niederau bei Meißen geradezu elektrisiert, weil sie sie schon lange befürchtet hatten.
„Wie ich soeben erfahren habe, wird seit wenigen Minuten zusammen mit dem THW das REAL in Niederau zur Erstaufnahmeunterkunft umgebaut. Die ersten Asylsuchenden sollen bereits diese Nacht ankommen.Wie viele Personen es genau werden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch mir ist diese Information erst seit wenigen Minuten bekannt“, schrieb die Abgeordnete. Kurz darauf waren die Mobilfunknetze in kleineren Ortsteilen der Gemeinde mit ihren sieben angeschlossenen Dörfern bis an ihre Belastungsgrenze gefordert. Wildfremde Menschen hielten mit dem Auto an, nur um Passanten die Schocknachricht zu verkünden. Es ist soweit. Was viele seit dem Sommer befürchtet hatten, ist nun eingetroffen. Niederau wird Asylgroßaufnahmestelle. Als die Real-Führung vor knapp anderthalb Jahren bekanntgab, den Markt in Niederau zu schließen, war das schon schlimm genug. Vor allem für die vielen Frauen aus dem Dorf, die hier Arbeit gefunden hatten. In der Folgezeit gab es immer mal Gerüchte, die Kette „Globus“ werde den Markt übernehmen. Später hieß es, eine Keramikfirma habe Interesse. Mit dem anschwellenden Strom von Migranten nahmen auch die Gerüchte um den Markt zu. Doch von den Verantwortlichen war partout keine Auskunft zu bekommen. Der Real stünde nicht auf der Liste potentieller Objekte lautete noch die Devise bis vergangene Woche. Bis zu diesem Dienstag, 16.30 Uhr,  als die Landtagsabgeordnete ihre Mitteilung durchs Netz jagte. Trotz anbrechender Dunkelheit setzte ein reger Pilgerstrom zu dem seit Sonnabend vergangener Woche geschlossenen Markt ein. In tiefster Dunkelheit, die Parkplatzbeleuchtung ist nicht mehr in Betrieb, versammelten sich rund 100 Menschen und wollten mit eigenen Augen sehen, was sich dort abspielt. Aber außer einer Notbeleuchtung im Inneren des Marktes war nichts zu sehen. Dem Vernehmen nach blieben einige bis weit nach Mitternacht. Auch am Folgetag brodelte die Gerüchteküche. Umso heftiger, je weniger sich am Markt tat. Mehrere Facebookschreiber meldeten sich unter Verweis auf absolut sichere Quellen, die aber nicht genannt werden dürften, und sagten, es gehe jeden Augenblick los. Auch die Zeitung beteiligte sich an dem Nervenkitzel und vermeldete ebenfalls unter Verweis auf eine „glaubwürdige Quelle“, dass Asylsucher kommen würden. Inzwischen hatte sich bereits eine Art lockere Camping-Mahnwache nach Feierabend etabliert, die bei Bierchen und Snacks Posten bezog. „Jeder bringt was Kulinarisches mit“, lautete ein Post, mit dem auf Facebook zum gemütlichen Nachtasyl eingeladen wurde. Die Polizei machte dem vorerst ein Ende, indem sie Platzverweise aussprach und die Grenzen des Privatgrundstückes aufzeigte. Bis Freitagabend waren keine Asylanten zu sehen und auch keinerlei Bewegungen wahrzunehmen, die auf eine entsprechende Umgestaltung des Marktes deuten.
Vollends verrückt ist, dass das THW schon mit 450 Feldbetten angerückt war, aber dann wieder abzog. Wiederum dem Vernehmen nach feilscht man hinter den Kulissen nur noch ums Geld. Deshalb der Rückzieher. Einer mit einer „sicheren Quelle“ im Innenministerium will erfahren haben, dass der Poker am Ende um 500 Euro ging. Im Raum stehe eine Summe von um die 16 000 Euro monatlich. Bei einer avisierten Laufzeit von zehn Jahren können da 500 Euro monatlich mehr oder weniger ganz schöne Ausschläge auf dem Konto bedeuten. Und der Vermieter kann sich zurücklehnen und derweil in aller Ruhe die Bilder von der kroatischen und ungarischen Grenze genießen. Die Frage ist jetzt nur, wann die Landesdirektion die geforderte Summe unterschreibt. Am Montag? Oder hält sie bis Dienstag durch?
Der Fall Niederau birgt aber inzwischen eine ganz neue Dimension im Umgang mit den Entscheidungsträgern vor Ort und vor allem den Bürgern. Hat man in Perba, Kesselsdorf oder Rossendorf noch Alibiveranstaltungen unter dem Namen „Bürgerinformation“ durchgeführt, wo „die Bürger“ völlig folgenlos Dampf ablassen konnten, verzichtet man inzwischen offenbar selbst auf dieses letzte Feigenblatt. „Beim Asyl hört die Demokratie auf“, hatte in erfrischender Offenheit der Radeberger Bürgermeister Gerhard Lemm „seinen Leuten“ erklärt, als es um die Einquartierung von 70 Migranten in dem 120-Seelen-Ortsteil Rossendorf ging. Folgerichtig spart man sich das in Niederau gleich. Wie die Stimmung ist, brachten nächtliche Aktivisten zum Ausdruck als sie schon in der vergangenen Woche nächstens das Ortseingangsschild mit dem Zusatz „Kein Asylheim“ versahen. Das sei verständlich,bleibe aber eine Sachbeschädigung,  postete Bürgermeister Steffen Sang (parteilos) via Facebook und schickte Gemeindearbeiter zum Abkratzen der Losung zum Schild. Doch auch er steht den Plänen mit dem Realmarkt ablehnend  gegenüber. 500 bis 600 Unterzubringende in dem Markt sei einfach zuviel für das Hauptdorf der Gemeinde mit ihren 1800 Einwohnern. Darüber hinaus muss Niederau nach dem Königsteiner Schlüssel inzwischen 90 anerkannte Asylbewerber aufnehmen. Im Februar war noch von 39 die Rede gewesen. Diese 90 könne man sich auch nicht auf die Erstaufnahme anrechnen lassen. Landrat Arndt Steinbach (CDU) weiß er in dieser Sache hinter sich. Auch der hatte moniert, dass der Kreis Meißen vom Freistaat überproportional mit Asylsuchern belegt werde. Allein die Kreisstadt selbst beherberge mit der Turnhalle der Verwaltungsfachschule, dem Studentenwohnheim der Schule und einer alten Polizeiliegenschaft drei Erstaufnahmeeinrichtungen. Er sehe hier eine deutliche Mehrbelastung im Vergleich zu anderen Gegenden des Freistaates. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Kreis Meißen der Bundestagswahlkreis von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere ist und der nun mit gutem Beispiel bis an die Schmerzgrenze vorangehen will. Steinbach jedenfalls macht aus seiner Haltung zu dem Asylchaos schon lange keinen Hehl mehr. Genüsslich wird im Volk eine Szene des MDR-Fernsehens kolportiert, in der Steinbach nach einem Asylgipfel in der Dresdner Staatskanzlei wortlos in seine Limousine stieg und die Tür zufeuerte. Danach begannen die Großzeltbauten in Dresden.
Auch Professor Frank Nolden, der Leiter der Meißner Verwaltungsfachschule, immerhin die Kaderschmiede des Freistaates für künftige Verwaltungsleute, gab der örtlichen Presse ein larmoyantes Interview, das vor Defätismus nur so strotzte. Man habe mit einer kurzen Einquartierung gerechnet, könne die Mehrzweckhalle jetzt aber für den kompletten Winter vergessen. Schlimm genug, dass der Sportunterricht ausfalle, aber besonders schade sei es um zahlreiche hochkarätige Veranstaltungen nicht zuletzt mit dem geschätzten Bundesinnenminister höchstselbst. Auch die getrennten Essenszeiten für Asylbewohner, Hochschulpersonal und auswärtige Gastesser stellten ein Problem dar, wenn jetzt der Studienbetrieb wieder auf Hochtouren laufe. Die Mitarbeiter der Mensa, die jetzt an sieben Tage die Woche drei Mahlzeiten auftischen müssen, seien sowieso an der Belastungsgrenze angekommen. Inzwischen müsse man sogar fürchten, dass künftige Studenten einen Bogen um die Meißner Einrichtung machten, denn die Leute die hier studierten, seien so gut, dass sie sich ihre Unis aussuchen können.

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Derzeit werden die letzten Einrichtungsgegenstände des Marktes entsorgt. Foto: leo

In dieser mehr als prekären Situation wirkt so ein leerer, beheizbarer Supermarkt wie Frischfleisch im Haifischbecken. Auch wenn sich die Staatsregierung nach den jetzigen „Strömungsraten“ von bis zu 750 Migranten täglich nur für knapp einen Tag Luft erkauft. Die Stimmung im Dorf schwankt zwischen Resignation und ohnmächtiger Wut. Viele Frauen sorgen sich um ihre Kinder, die den Real ihn Richtung Grundschule passieren müssten. Darüber hinaus liege die Grundschule mit ihrem Hort und dem großen Außengelände im unmittelbaren Spaziergehbereich des Marktes. Und das in einem Dorf, in dem nach dem Ende des Marktes  als  Konsumtempel nichts weiter da ist, wo man hingehen könnte. Bereits jetzt ist die Rede von einer Demo gegen diese Nutzung. Dabei wolle man aber keinesfalls wie in Heidenau oder zuletzt Bischofswerda vorgehen. Dort kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. „Wir bleiben friedlich“, heißt es in einer entsprechenden Facebookgruppe. „Aber wir wollen unseren Unmut zeigen“.


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Allkauf, Real und das Ende

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Mit einem Zelt auf der buchstäblich grünen Wiese begann der Allkauf in Niederau. Foto: privat

Die neue Zeit begann richtig schmackhaft. „Haste das gesehen?“, fragte mich mein Onkel damals als wir nach Feierabend beim Nachbarn als Minifeierabendbrigade einen Bungalow hochzogen. Das muss im Spätsommer 1990 gewesen sein. „Werner hat sich gleich `ne Großpackung Fleischsalat gekauft. Mensch, ein halbes Kilo“. Werner war gerade mit seinem neuen (gebrauchten) VW-Passat vom Einkaufen zurück. Aus Niederau, vom Allkauf, wie der Real damals noch hieß. Die Handelskette hatte sofort als die D-Mark auch im Osten Zahlungsmittel wurde, reagiert, und einen Markt auf freiem Feld errichtet. In einem Großzelt. Schon das war eine kleine Attraktion. Die heimischen Kaufhallen, die zwar auch schon auf Westsortiment umgestellt hatten, waren abgemeldet. Mit dem Allkauf war „der Westen“ endlich auch im Osten angekommen. In der Anfangszeit bekam man hier kaum einen Parkplatz oder musste erst warten, bis Kunden ihre Einkäufe verstaut hatten, ehe man einen freien Einkaufswagen bekam.

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Improvisation war angesagt als der „Westen“ im Osten angekommen war. Foto: Privat

Den schob man durch eine Wärmeschleuse aus herunterhängenden Plastestreifen, die fast einen Zentimeter dick waren. Das Zelt wurde im Winter mit gigantischen Heizgebläsen geheizt. Selbst für dieses „Feldlazarett“ der Konsumgesellschaft galt der Wohlfühlfaktor. Kunden, die nicht frieren, bleiben länger und kaufen mehr. In der Anfangszeit war es ungewöhnlich, in den riesigen Einkaufswagen zu schauen. Jetzt war es umgekehrt als bisher gewohnt. Suggerierten die DDR-Wägelchen, die auch höher waren, schon nach wenigen Griffen ins Regal, dass es eigentlich genug sei, appellierte das mickrige Häuflein in dem großen Wagen nun dazu, sich doch nicht mit so wenig zufriedenzugeben, wo doch noch so viel Platz im Wagen ist. Etwa mit einer 500-Gramm-Packung Fleischsalat, wie sie unser Kumpel Werner anschleppte. Schon der Fakt an sich, dass Fleischsalat in solchen Mengen „abgegeben“ wurde, zeigte, dass es jetzt mit Schmalhans vorbei ist. In der DDR galt er als Delikatesse, die es, wenn überhaupt, nur in kleinen Bechern gab. Rund um den Markt gruppierten sich bald kleinere Geschäfte und Imbissbuden. Bei Allkauf bekam man auch Brillen und Fertigteilhäuser.

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Ungewohnt war vor allem die Größe der neuen Wagen. Wilde Nachwendezeit. Mit ungewohnt großen Wagen unter Zeltdach und auf Holzfussboden. Kaufen war nicht mehr Jagd nach Mangelware, sondern jetzt die Abwägung zwischen Einkommen und Begehrlichkeiten. Foto: Privat

Davon stehen heute noch einige in Niederau, nur dem Zeitzeugen als solche erkennbar. Die Zeit des wilden Campierens auf dem Feld war schon Mitte der Neunziger vorbei. Der Markt zog in einen „richtigen“ Bau unterhalb des Niederauer Bahnhofs. Die Gemeindeverwaltung hatte damals mit der Firmenleitung ausgehandelt, dass besonders Frauen aus dem Ort bei der Vergabe der Arbeitsplätze berücksichtigt werden. Einige sind nun 25 Jahre dabei und jetzt alle arbeitslos.
Denn diese Woche schließt der Markt endgültig. Es gab schon in den letzten Wochen kaum noch etwas zu kaufen. Man hatte sukzessive alles „abverkauft“. Die Flächen zwischen den Regalen wurden immer größer. Man bekam erst jetzt einen Eindruck von der Größe der Verkaufsfläche. Nur die Getränkeabteilung wurde bis zum Schluss nachgefüllt. Kleine Reminiszenz an alte Zeiten des Niedergangs? Für den Ort und die Region markiert das Ende des Real-Marktes auch eine kleine Zeitenwende. Denn es ist kein Relikt der DDR, das jetzt verschwindet. So wie viele Großbetriebe, die sich mühsam durch die Nachwendejahre gehungert haben, um dann doch nur einen Tod auf Raten zu sterben. Mit dem Real verschwindet ein Stück Wendegeschichte – mit Aufbruch, Ernüchterung und stetem Niedergang. Ein bißchen Wehmut erfasst einen doch. Denn „der Real“ ist einem über die Jahre vertraut und ein Stück Heimat geworden. Hier kaufte man nicht nur die Windeln für die Kinder, die jetzt groß sind. Hier ging man auch zum Haareschneiden. In Unkenntnis der Hierarchie hatte ich die Chefin mal versehentlich ob ihres jugendlichen Aussehens gefragt, in welchem Lehrjahr sie sei. Seither grüßte sie mich immer besonders fröhlich. Hier konnte man Lotto spielen und vor allem Flaschen wegschaffen und sich das Bargeld sofort auszahlen lassen. Man bekam auf die Schnelle eine Camping-Sat-Anlage, einen USB-Stick, Motorenöl fürs Auto oder Zahnstocher. Nebenbei flogen noch ein paar Sandalen als Gartenlatschen oder Socken in den Wagen, wenn der Preis stimmte. Die Pest war nur das Riesenregal mit dem Playmobilsortiment. Oft der Ausgangsort schwerer Nötigungen von Seiten mitgeführter Kinder, die drohten, keinen Meter weiter zu laufen, wenn es nicht „was“ gäbe. Wenigstens was Kleines. Allerdings: Waren sie dem Blickfeld in dem 5000-Quadratmeter-Areal entschwunden, wusste man, wo man zuerst suchen musste. Als ich vor Jahren auf der Suche nach einer wirklich guten Spirituose war und deshalb schon nach Dresden fahren wollte, machte mich ein Kollege, dessen Name keine Rolle spielt, auf das dezidiert gute Angebot geistiger Getränke von Real aufmerksam. Der Frischfleischabteilung näherte ich mich mehr mit den Augen des Forschers als des potentiellen Kunden, seit im Jahr 2001 mal ein Video an die Medienoberfläche gelangte, in dem zu sehen war, wie abgelaufenes Fleisch einfach wieder neu verschweißt und mit einem aktuellen MHD versehen wurde. Aber hier galt: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Kurz: Real war über die Jahre so etwas wie eine feste Größe im Konsumuniversum geworden. Eine sichere Bank, wenn mal was fehlte. Auch wenn er etwas teuer als die Konkurrenz von Lidl bis Aldi war, was sicher auch dazu führte, dass man selbst Verkäuferinnen aus dem Real mit vollen Wägen bei der Konkurrenz traf. Als Kunde bekam man schon mit, dass hier mit immer mal wieder mit wechselnden Warenplatzierungen gearbeitet wurde. Je nach neuestem Erkenntnistand der Verkaufspsychologie. Nervig wurde das nur, wenn man den Standort bestimmter Waren gleichfalls „eingepreist“ hatte und sich nun fluchend fragte, wo „die“ wieder die Kapern versteckt haben. Auch mit einer eigenen Billig-Hausmarke war offenkundig der Kundenrückgang nicht mehr aufzuhalten. Als die Entscheidung vor anderthalb Jahren fiel, den Markt zu schließen, hieß es, der Markt in Niederau entspräche weder in seiner jetzigen Ertragslage noch in seiner Prognose den Konzernzielen. Deshalb werde er geschlossen.
Damals war nicht im Entferntesten daran zu denken, was jetzt die Gemüter beim Thema Real erhitzt.

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Das Ende von 25 Jahren Einkaufen in Niederau. Als Asylstandort ist der Markt geradezu prädestiniert. Foto: leo

Seit Wochen ranken sich die unterschiedlichsten Gerüchte um eine mögliche Nutzung des Marktes als Auffanglager für Asylsucher. Niederaus parteiloser Bürgermeister Steffen Sang widmete dem Thema einen eigenen Beitrag im letzten Amtsblatt der Gemeinde. Der Markt sei nicht im Gespräch, war die Quintessenz. Doch das war im August. Auf Facebook kursieren immer mehr Einträge, in denen unter Verweis auf leider anonym bleiben müssende, aber nichtsdestotrotz absolut glaubwürdige Quellen die Rede ist, die alle besagen, der Markt werde Asyllager. Einer will sogar gesehen haben, wie bereits Matratzen ausgeladen wurden. Schaut man allein auf die Entwicklung der letzten Tage – Offiziersschulturnhalle belegt, Großzelte am Dresdner Hauptbahnhof, keine Räumung der Meißner Fachhochschulturnhalle – grenzte es an ein Wunder, wenn der Markt in Niederau kein Asylstandort bliebe. Dazu die Aussage des sächsischen Innenministers, dass jedes Gebäude in Betracht komme. Der Standort „schreit“ geradezu nach dieser Nutzung. Er ist groß, im Winter beheizbar und die Sanitäreinheit problemlos erweiterbar. Der Parkplatz bietet jede Menge Platz für zusätzliche Container und Rangiermöglichkeiten für Busse. Dazu ist er unmittelbar an der S-Bahn gelegen. Auch eine Bushaltestelle gibt es. Noch bis Freitag kann man hier letzte Schnäppchen jagen. Dann heißt es mit Schiller: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben sprosst aus den Ruinen. Ob es besser wird?


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Es gibt sie tatsächlich

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Ausbeute einer Berliner Rentnerin, die Flaschen sammelt, um ihre Rente aufzubessern. Foto: leo

Neulich auf zwei Rädern in der Hauptstadt der bunten Republik. Sitze mit einem Freund auf einer Bank in der Nähe des Brandenburger Tores und trinke wegen der Hitze aus einer Mehrwegplasteflasche ein Multivitamingetränk. Kaum ist diese leer, fragt eine Frauenstimme zaghaft: Darf ich ihre Flasche haben? Wir hatten die alte Dame gar nicht bemerkt. Verdutzt reiche ich ihr die Flasche mit den Worten: „Na, klar. Gerne“. Es gibt sie also tatsächlich, jene Alten, die mit leeren Pfandflaschen ihre Rente aufbessern. Bisher hielt ich das immer für eine Polemik auf diversen Internetseiten, bei denen es um Einwanderungskritik geht. Wir kommen ins Gespräch. Sie sei nicht ganz mittellos, erzählt die Berlinerin. Sie habe so um die tausend Euro Rente. Aber allein die Miete für die Wohnung koste 600 Euro im Monat. Ihr Leben lang hat sie im „Niedriglohnsektor“ gearbeitet wie man heute euphemistisch sagt, wenn man trotz Vollzeitarbeitsplatz gerade so über die Runden kommt. Erst bei der Berliner Verkehrsgesellschaft als Putzfrau, dann als Beiköchin in einem Krankenhaus. Sie müsse nicht jeden Tag los, um Flaschen zu sammeln, erzählt sie. Sie gehe nur, wenn sie Lust habe. Zwischen zehn und 12 Euro bringen die Touren immer ein. Geld, das sie gut gebrauchen kann, etwa, wenn Enkel zu Besuch kommen. Und das Sammeln habe neben dem materiellen Aspekt noch den Nebeneffekt, dass man mit vielen Menschen ins Gespräch komme. Die meisten sind sehr nett, sagt sie.