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Geschichten aus der Elbaue

Allkauf, Real und das Ende

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Mit einem Zelt auf der buchstäblich grünen Wiese begann der Allkauf in Niederau. Foto: privat

Die neue Zeit begann richtig schmackhaft. „Haste das gesehen?“, fragte mich mein Onkel damals als wir nach Feierabend beim Nachbarn als Minifeierabendbrigade einen Bungalow hochzogen. Das muss im Spätsommer 1990 gewesen sein. „Werner hat sich gleich `ne Großpackung Fleischsalat gekauft. Mensch, ein halbes Kilo“. Werner war gerade mit seinem neuen (gebrauchten) VW-Passat vom Einkaufen zurück. Aus Niederau, vom Allkauf, wie der Real damals noch hieß. Die Handelskette hatte sofort als die D-Mark auch im Osten Zahlungsmittel wurde, reagiert, und einen Markt auf freiem Feld errichtet. In einem Großzelt. Schon das war eine kleine Attraktion. Die heimischen Kaufhallen, die zwar auch schon auf Westsortiment umgestellt hatten, waren abgemeldet. Mit dem Allkauf war „der Westen“ endlich auch im Osten angekommen. In der Anfangszeit bekam man hier kaum einen Parkplatz oder musste erst warten, bis Kunden ihre Einkäufe verstaut hatten, ehe man einen freien Einkaufswagen bekam.

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Improvisation war angesagt als der „Westen“ im Osten angekommen war. Foto: Privat

Den schob man durch eine Wärmeschleuse aus herunterhängenden Plastestreifen, die fast einen Zentimeter dick waren. Das Zelt wurde im Winter mit gigantischen Heizgebläsen geheizt. Selbst für dieses „Feldlazarett“ der Konsumgesellschaft galt der Wohlfühlfaktor. Kunden, die nicht frieren, bleiben länger und kaufen mehr. In der Anfangszeit war es ungewöhnlich, in den riesigen Einkaufswagen zu schauen. Jetzt war es umgekehrt als bisher gewohnt. Suggerierten die DDR-Wägelchen, die auch höher waren, schon nach wenigen Griffen ins Regal, dass es eigentlich genug sei, appellierte das mickrige Häuflein in dem großen Wagen nun dazu, sich doch nicht mit so wenig zufriedenzugeben, wo doch noch so viel Platz im Wagen ist. Etwa mit einer 500-Gramm-Packung Fleischsalat, wie sie unser Kumpel Werner anschleppte. Schon der Fakt an sich, dass Fleischsalat in solchen Mengen „abgegeben“ wurde, zeigte, dass es jetzt mit Schmalhans vorbei ist. In der DDR galt er als Delikatesse, die es, wenn überhaupt, nur in kleinen Bechern gab. Rund um den Markt gruppierten sich bald kleinere Geschäfte und Imbissbuden. Bei Allkauf bekam man auch Brillen und Fertigteilhäuser.

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Ungewohnt war vor allem die Größe der neuen Wagen. Wilde Nachwendezeit. Mit ungewohnt großen Wagen unter Zeltdach und auf Holzfussboden. Kaufen war nicht mehr Jagd nach Mangelware, sondern jetzt die Abwägung zwischen Einkommen und Begehrlichkeiten. Foto: Privat

Davon stehen heute noch einige in Niederau, nur dem Zeitzeugen als solche erkennbar. Die Zeit des wilden Campierens auf dem Feld war schon Mitte der Neunziger vorbei. Der Markt zog in einen „richtigen“ Bau unterhalb des Niederauer Bahnhofs. Die Gemeindeverwaltung hatte damals mit der Firmenleitung ausgehandelt, dass besonders Frauen aus dem Ort bei der Vergabe der Arbeitsplätze berücksichtigt werden. Einige sind nun 25 Jahre dabei und jetzt alle arbeitslos.
Denn diese Woche schließt der Markt endgültig. Es gab schon in den letzten Wochen kaum noch etwas zu kaufen. Man hatte sukzessive alles „abverkauft“. Die Flächen zwischen den Regalen wurden immer größer. Man bekam erst jetzt einen Eindruck von der Größe der Verkaufsfläche. Nur die Getränkeabteilung wurde bis zum Schluss nachgefüllt. Kleine Reminiszenz an alte Zeiten des Niedergangs? Für den Ort und die Region markiert das Ende des Real-Marktes auch eine kleine Zeitenwende. Denn es ist kein Relikt der DDR, das jetzt verschwindet. So wie viele Großbetriebe, die sich mühsam durch die Nachwendejahre gehungert haben, um dann doch nur einen Tod auf Raten zu sterben. Mit dem Real verschwindet ein Stück Wendegeschichte – mit Aufbruch, Ernüchterung und stetem Niedergang. Ein bißchen Wehmut erfasst einen doch. Denn „der Real“ ist einem über die Jahre vertraut und ein Stück Heimat geworden. Hier kaufte man nicht nur die Windeln für die Kinder, die jetzt groß sind. Hier ging man auch zum Haareschneiden. In Unkenntnis der Hierarchie hatte ich die Chefin mal versehentlich ob ihres jugendlichen Aussehens gefragt, in welchem Lehrjahr sie sei. Seither grüßte sie mich immer besonders fröhlich. Hier konnte man Lotto spielen und vor allem Flaschen wegschaffen und sich das Bargeld sofort auszahlen lassen. Man bekam auf die Schnelle eine Camping-Sat-Anlage, einen USB-Stick, Motorenöl fürs Auto oder Zahnstocher. Nebenbei flogen noch ein paar Sandalen als Gartenlatschen oder Socken in den Wagen, wenn der Preis stimmte. Die Pest war nur das Riesenregal mit dem Playmobilsortiment. Oft der Ausgangsort schwerer Nötigungen von Seiten mitgeführter Kinder, die drohten, keinen Meter weiter zu laufen, wenn es nicht „was“ gäbe. Wenigstens was Kleines. Allerdings: Waren sie dem Blickfeld in dem 5000-Quadratmeter-Areal entschwunden, wusste man, wo man zuerst suchen musste. Als ich vor Jahren auf der Suche nach einer wirklich guten Spirituose war und deshalb schon nach Dresden fahren wollte, machte mich ein Kollege, dessen Name keine Rolle spielt, auf das dezidiert gute Angebot geistiger Getränke von Real aufmerksam. Der Frischfleischabteilung näherte ich mich mehr mit den Augen des Forschers als des potentiellen Kunden, seit im Jahr 2001 mal ein Video an die Medienoberfläche gelangte, in dem zu sehen war, wie abgelaufenes Fleisch einfach wieder neu verschweißt und mit einem aktuellen MHD versehen wurde. Aber hier galt: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Kurz: Real war über die Jahre so etwas wie eine feste Größe im Konsumuniversum geworden. Eine sichere Bank, wenn mal was fehlte. Auch wenn er etwas teuer als die Konkurrenz von Lidl bis Aldi war, was sicher auch dazu führte, dass man selbst Verkäuferinnen aus dem Real mit vollen Wägen bei der Konkurrenz traf. Als Kunde bekam man schon mit, dass hier mit immer mal wieder mit wechselnden Warenplatzierungen gearbeitet wurde. Je nach neuestem Erkenntnistand der Verkaufspsychologie. Nervig wurde das nur, wenn man den Standort bestimmter Waren gleichfalls „eingepreist“ hatte und sich nun fluchend fragte, wo „die“ wieder die Kapern versteckt haben. Auch mit einer eigenen Billig-Hausmarke war offenkundig der Kundenrückgang nicht mehr aufzuhalten. Als die Entscheidung vor anderthalb Jahren fiel, den Markt zu schließen, hieß es, der Markt in Niederau entspräche weder in seiner jetzigen Ertragslage noch in seiner Prognose den Konzernzielen. Deshalb werde er geschlossen.
Damals war nicht im Entferntesten daran zu denken, was jetzt die Gemüter beim Thema Real erhitzt.

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Das Ende von 25 Jahren Einkaufen in Niederau. Als Asylstandort ist der Markt geradezu prädestiniert. Foto: leo

Seit Wochen ranken sich die unterschiedlichsten Gerüchte um eine mögliche Nutzung des Marktes als Auffanglager für Asylsucher. Niederaus parteiloser Bürgermeister Steffen Sang widmete dem Thema einen eigenen Beitrag im letzten Amtsblatt der Gemeinde. Der Markt sei nicht im Gespräch, war die Quintessenz. Doch das war im August. Auf Facebook kursieren immer mehr Einträge, in denen unter Verweis auf leider anonym bleiben müssende, aber nichtsdestotrotz absolut glaubwürdige Quellen die Rede ist, die alle besagen, der Markt werde Asyllager. Einer will sogar gesehen haben, wie bereits Matratzen ausgeladen wurden. Schaut man allein auf die Entwicklung der letzten Tage – Offiziersschulturnhalle belegt, Großzelte am Dresdner Hauptbahnhof, keine Räumung der Meißner Fachhochschulturnhalle – grenzte es an ein Wunder, wenn der Markt in Niederau kein Asylstandort bliebe. Dazu die Aussage des sächsischen Innenministers, dass jedes Gebäude in Betracht komme. Der Standort „schreit“ geradezu nach dieser Nutzung. Er ist groß, im Winter beheizbar und die Sanitäreinheit problemlos erweiterbar. Der Parkplatz bietet jede Menge Platz für zusätzliche Container und Rangiermöglichkeiten für Busse. Dazu ist er unmittelbar an der S-Bahn gelegen. Auch eine Bushaltestelle gibt es. Noch bis Freitag kann man hier letzte Schnäppchen jagen. Dann heißt es mit Schiller: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben sprosst aus den Ruinen. Ob es besser wird?

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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