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Geschichten aus der Elbaue

Nervenkrieg um Real-Markt in Niederau

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Noch bevor der Real-Markt endgültig schloss, hatten nachts Anwohner kenntlich gemacht, was er nicht werden soll. Foto: leo

Wenn das mal Mutti Merkel nicht erfährt. Ausgerechnet die CDU-Landtagsabgeordnete des Kreises Meißen, Daniela Kuge, platzte am Dienstag dieser Woche mit einer Nachricht über ihre Homepage heraus, die viele in Niederau bei Meißen geradezu elektrisiert, weil sie sie schon lange befürchtet hatten.
„Wie ich soeben erfahren habe, wird seit wenigen Minuten zusammen mit dem THW das REAL in Niederau zur Erstaufnahmeunterkunft umgebaut. Die ersten Asylsuchenden sollen bereits diese Nacht ankommen.Wie viele Personen es genau werden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch mir ist diese Information erst seit wenigen Minuten bekannt“, schrieb die Abgeordnete. Kurz darauf waren die Mobilfunknetze in kleineren Ortsteilen der Gemeinde mit ihren sieben angeschlossenen Dörfern bis an ihre Belastungsgrenze gefordert. Wildfremde Menschen hielten mit dem Auto an, nur um Passanten die Schocknachricht zu verkünden. Es ist soweit. Was viele seit dem Sommer befürchtet hatten, ist nun eingetroffen. Niederau wird Asylgroßaufnahmestelle. Als die Real-Führung vor knapp anderthalb Jahren bekanntgab, den Markt in Niederau zu schließen, war das schon schlimm genug. Vor allem für die vielen Frauen aus dem Dorf, die hier Arbeit gefunden hatten. In der Folgezeit gab es immer mal Gerüchte, die Kette „Globus“ werde den Markt übernehmen. Später hieß es, eine Keramikfirma habe Interesse. Mit dem anschwellenden Strom von Migranten nahmen auch die Gerüchte um den Markt zu. Doch von den Verantwortlichen war partout keine Auskunft zu bekommen. Der Real stünde nicht auf der Liste potentieller Objekte lautete noch die Devise bis vergangene Woche. Bis zu diesem Dienstag, 16.30 Uhr,  als die Landtagsabgeordnete ihre Mitteilung durchs Netz jagte. Trotz anbrechender Dunkelheit setzte ein reger Pilgerstrom zu dem seit Sonnabend vergangener Woche geschlossenen Markt ein. In tiefster Dunkelheit, die Parkplatzbeleuchtung ist nicht mehr in Betrieb, versammelten sich rund 100 Menschen und wollten mit eigenen Augen sehen, was sich dort abspielt. Aber außer einer Notbeleuchtung im Inneren des Marktes war nichts zu sehen. Dem Vernehmen nach blieben einige bis weit nach Mitternacht. Auch am Folgetag brodelte die Gerüchteküche. Umso heftiger, je weniger sich am Markt tat. Mehrere Facebookschreiber meldeten sich unter Verweis auf absolut sichere Quellen, die aber nicht genannt werden dürften, und sagten, es gehe jeden Augenblick los. Auch die Zeitung beteiligte sich an dem Nervenkitzel und vermeldete ebenfalls unter Verweis auf eine „glaubwürdige Quelle“, dass Asylsucher kommen würden. Inzwischen hatte sich bereits eine Art lockere Camping-Mahnwache nach Feierabend etabliert, die bei Bierchen und Snacks Posten bezog. „Jeder bringt was Kulinarisches mit“, lautete ein Post, mit dem auf Facebook zum gemütlichen Nachtasyl eingeladen wurde. Die Polizei machte dem vorerst ein Ende, indem sie Platzverweise aussprach und die Grenzen des Privatgrundstückes aufzeigte. Bis Freitagabend waren keine Asylanten zu sehen und auch keinerlei Bewegungen wahrzunehmen, die auf eine entsprechende Umgestaltung des Marktes deuten.
Vollends verrückt ist, dass das THW schon mit 450 Feldbetten angerückt war, aber dann wieder abzog. Wiederum dem Vernehmen nach feilscht man hinter den Kulissen nur noch ums Geld. Deshalb der Rückzieher. Einer mit einer „sicheren Quelle“ im Innenministerium will erfahren haben, dass der Poker am Ende um 500 Euro ging. Im Raum stehe eine Summe von um die 16 000 Euro monatlich. Bei einer avisierten Laufzeit von zehn Jahren können da 500 Euro monatlich mehr oder weniger ganz schöne Ausschläge auf dem Konto bedeuten. Und der Vermieter kann sich zurücklehnen und derweil in aller Ruhe die Bilder von der kroatischen und ungarischen Grenze genießen. Die Frage ist jetzt nur, wann die Landesdirektion die geforderte Summe unterschreibt. Am Montag? Oder hält sie bis Dienstag durch?
Der Fall Niederau birgt aber inzwischen eine ganz neue Dimension im Umgang mit den Entscheidungsträgern vor Ort und vor allem den Bürgern. Hat man in Perba, Kesselsdorf oder Rossendorf noch Alibiveranstaltungen unter dem Namen „Bürgerinformation“ durchgeführt, wo „die Bürger“ völlig folgenlos Dampf ablassen konnten, verzichtet man inzwischen offenbar selbst auf dieses letzte Feigenblatt. „Beim Asyl hört die Demokratie auf“, hatte in erfrischender Offenheit der Radeberger Bürgermeister Gerhard Lemm „seinen Leuten“ erklärt, als es um die Einquartierung von 70 Migranten in dem 120-Seelen-Ortsteil Rossendorf ging. Folgerichtig spart man sich das in Niederau gleich. Wie die Stimmung ist, brachten nächtliche Aktivisten zum Ausdruck als sie schon in der vergangenen Woche nächstens das Ortseingangsschild mit dem Zusatz „Kein Asylheim“ versahen. Das sei verständlich,bleibe aber eine Sachbeschädigung,  postete Bürgermeister Steffen Sang (parteilos) via Facebook und schickte Gemeindearbeiter zum Abkratzen der Losung zum Schild. Doch auch er steht den Plänen mit dem Realmarkt ablehnend  gegenüber. 500 bis 600 Unterzubringende in dem Markt sei einfach zuviel für das Hauptdorf der Gemeinde mit ihren 1800 Einwohnern. Darüber hinaus muss Niederau nach dem Königsteiner Schlüssel inzwischen 90 anerkannte Asylbewerber aufnehmen. Im Februar war noch von 39 die Rede gewesen. Diese 90 könne man sich auch nicht auf die Erstaufnahme anrechnen lassen. Landrat Arndt Steinbach (CDU) weiß er in dieser Sache hinter sich. Auch der hatte moniert, dass der Kreis Meißen vom Freistaat überproportional mit Asylsuchern belegt werde. Allein die Kreisstadt selbst beherberge mit der Turnhalle der Verwaltungsfachschule, dem Studentenwohnheim der Schule und einer alten Polizeiliegenschaft drei Erstaufnahmeeinrichtungen. Er sehe hier eine deutliche Mehrbelastung im Vergleich zu anderen Gegenden des Freistaates. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Kreis Meißen der Bundestagswahlkreis von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere ist und der nun mit gutem Beispiel bis an die Schmerzgrenze vorangehen will. Steinbach jedenfalls macht aus seiner Haltung zu dem Asylchaos schon lange keinen Hehl mehr. Genüsslich wird im Volk eine Szene des MDR-Fernsehens kolportiert, in der Steinbach nach einem Asylgipfel in der Dresdner Staatskanzlei wortlos in seine Limousine stieg und die Tür zufeuerte. Danach begannen die Großzeltbauten in Dresden.
Auch Professor Frank Nolden, der Leiter der Meißner Verwaltungsfachschule, immerhin die Kaderschmiede des Freistaates für künftige Verwaltungsleute, gab der örtlichen Presse ein larmoyantes Interview, das vor Defätismus nur so strotzte. Man habe mit einer kurzen Einquartierung gerechnet, könne die Mehrzweckhalle jetzt aber für den kompletten Winter vergessen. Schlimm genug, dass der Sportunterricht ausfalle, aber besonders schade sei es um zahlreiche hochkarätige Veranstaltungen nicht zuletzt mit dem geschätzten Bundesinnenminister höchstselbst. Auch die getrennten Essenszeiten für Asylbewohner, Hochschulpersonal und auswärtige Gastesser stellten ein Problem dar, wenn jetzt der Studienbetrieb wieder auf Hochtouren laufe. Die Mitarbeiter der Mensa, die jetzt an sieben Tage die Woche drei Mahlzeiten auftischen müssen, seien sowieso an der Belastungsgrenze angekommen. Inzwischen müsse man sogar fürchten, dass künftige Studenten einen Bogen um die Meißner Einrichtung machten, denn die Leute die hier studierten, seien so gut, dass sie sich ihre Unis aussuchen können.

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Derzeit werden die letzten Einrichtungsgegenstände des Marktes entsorgt. Foto: leo

In dieser mehr als prekären Situation wirkt so ein leerer, beheizbarer Supermarkt wie Frischfleisch im Haifischbecken. Auch wenn sich die Staatsregierung nach den jetzigen „Strömungsraten“ von bis zu 750 Migranten täglich nur für knapp einen Tag Luft erkauft. Die Stimmung im Dorf schwankt zwischen Resignation und ohnmächtiger Wut. Viele Frauen sorgen sich um ihre Kinder, die den Real ihn Richtung Grundschule passieren müssten. Darüber hinaus liege die Grundschule mit ihrem Hort und dem großen Außengelände im unmittelbaren Spaziergehbereich des Marktes. Und das in einem Dorf, in dem nach dem Ende des Marktes  als  Konsumtempel nichts weiter da ist, wo man hingehen könnte. Bereits jetzt ist die Rede von einer Demo gegen diese Nutzung. Dabei wolle man aber keinesfalls wie in Heidenau oder zuletzt Bischofswerda vorgehen. Dort kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. „Wir bleiben friedlich“, heißt es in einer entsprechenden Facebookgruppe. „Aber wir wollen unseren Unmut zeigen“.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

5 Kommentare zu “Nervenkrieg um Real-Markt in Niederau

  1. Am Dienstag ist Versammlung in Kalkreuth mir der Burgermeisterin von Meißen. Es sollen in der Paulsmühle Kalkreuth Flüchtlinge untergebracht werden. Ich gehe mal hin und bin gespannt.

  2. Korrektur: mit der Bürgermeisterin – blödes Handygeschreibe; -).

  3. Kommst Du auch? Von Dir kann ich in Punkto Berichterstattung etwas lernen :-).

    • Der Biber wird mal aus dem Unterholz schauen. Viele Grüsse und Danke für die Blumen.

      • Es findet 19.00 Uhr in der Grundschule von Kalkreuth statt, es wäre fein, wenn der Biber die Kalkreuther Gemeinde beehren würde :-).
        Blumen? Gern doch :-), ich übe ja noch fleißig und bin oft etwas sehr sarkastisch in meiner Ausdrucksweise in Berichten oder Artikeln (vielleicht mutiert es ja auch zu meinem Stil 🙂 ).

        Bis dahin 🙂

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