castor fiber albicus

Geschichten aus der Elbaue

Weinböhla auf den Beinen

Ein Kommentar

Foto(32)

Ein Hauch von 89 lag in der Luft als die Weinböhlaer AfD für Dienstagabend zur Demonstration vor das Rathaus eingeladen hatte. Foto: beaverpress

Mit so vielen Menschen hatten selbst die Organisatoren nicht gerechnet, wie hinterher zu hören war. Die AfD in Weinböhla hatte zu einer ersten Kundgebung in Sachen Asyl für Dienstag vor das Rathaus eingeladen. Aus aktuellem Grund. Denn in der Vorwoche war bekannt geworden, dass das Waldhotel im Norden der Gemeinde zu einer Asyl-Erstaufnahmeeinrichtung umfunktioniert werden soll. Die Weinböhlaer treibt das um. Bereits kurz nach Beginn der Veranstaltung war der Rathausplatz bis über die angrenzenden Straßen hinaus voller Menschen. So viele stehen hier nicht mal beim Faschingsauftakt. Und der ist in Weinböhla eine Größe im Veranstaltungskalender. Doch es ist nichts Unterhaltsames, was die Menschen auf die Straße treibt. „Es ist nur noch Angst, was ich empfinde, wenn ich die Bilder von der ungarischen Grenze sehe“, sagte der erste Redner, der 47-Jährige Heiko Eichler, vom AfD-Ortsverein Weinböhla . Es mache ihm Angst, wenn er mitbekomme, dass sich in Schlossereien und bei Schlüsseldiensten in diesen Tagen die Nachfragen nach Toren, Gittern und anderen Sicherheitseinrichtungen drastisch erhöht hätten. Es könne nicht sein, dass Sinti- und Romafamilien an jeder Haustür bettelten und noch mit Gewalt drohen, wenn man sie des Grundstücks verweist. Die sehr emotionale Rede, seine erste überhaupt, wie er sagte, wurde mit viel Beifall begleitet. Das Publikum war gemischt. Dem Ortskundigen fiel dabei auf, dass hier tatsächlich das Bürgertum von Weinböhla auf der Straße ist. Da stand die pensionierte Lehrerin neben der Chefin des Schnäppchenmarktes und dem Bandleader einer in der Region bekannten Dixielandband ist. Darunter sicherlich viele, die nie im Leben zu einer Pegida-Versammlung in Dresden gehen würden. Doch ohne Pegida kann es gerade hier in Weinböhla nicht gehen. Lutz Bachmann war selbstverständlich da. Seine Eltern wohnen hier. Sein Vater war hier noch bis zum Spätherbst 2014 nur bekannt für seine speziellen sächsischen Bratwürste, die er zusammen mit seinem Sohn beim Weinböhlaer Weinfest verkaufte. Pegida-Sprecherin Tatjana Festerling war auch da. Die beiden wurden natürlich bemerkt. Kurz vor dem Ende der Veranstaltung begrüßte sie ein Moderator der Veranstaltung unter dem Beifall der Menge und bot ihnen sogar an, zu den Weinböhlaern zu sprechen. Rufe wie „Lutz, trau dich“, waren zu hören. Aber die Pegida-Leute lehnten ab. Zu tief sitzt bei ihnen offensichtlich noch der Frust über das Zerwürfnis mit der AfD-Landtagsfraktion im Frühjahr in der Causa rund um das gefakte Hitler-Selfie von Lutz Bachmann und den Ausstieg der bis dato zweiten Pegida-Gründerin Kathrin Oertel. Es war ausgerechnet Ingo Friedemann, der die ganze Zwiespältigkeit von Pegida und AfD thematisierte und unfreiwillig verkörperte. Als letzter Redner an diesem Tag bekannt er sich dazu als Gründungsmitglied für Pegida zu stehen. Dann habe es innerhalb der Orga Unstimmigkeiten gegeben, weshalb er ausgetreten sei. Allerdings, ohne diese zu benennen. Jetzt sei er Mitglied der AfD. Gerade in der jetzigen Lage sei es aber wichtig, die Kräfte des konservativ-liberalen Lagers zu bündeln und die Kraft nicht in unnützen Parteigründungen zu verzetteln, wie sie Pegida anstrebe. Die AfD biete sich als verlängerter Arm im Parlament an, nicht zuletzt deshalb, weil auch viele ihrer Mitglieder bei Pegida mitliefen. Friedemann endete mit dem Satz, der sehr nach Marx klang: Patrioten, vereint Euch. Wann es eine Fortsetzung gibt, sei noch nicht klar, so AfD-Mann Heiko Eichler nach der Veranstaltung. Die Organisatoren müssen ihren Erfolg erstmal „verdauen“. Die Botschaft an die CDU, endlich im Sinne der Einwohner zu handeln, dürfte vor allem optisch angekommen sein. Weinböhlas neuer Bürgermeister Siegfried Zänker (CDU) kann diesen Auflauf vor seinem Fenster sogar als Bestätigung nehmen. Denn er hat sich gleichfalls gegen eine Erstaufnahme im Waldhotel ausgesprochen und möchte dort lieber ein Seniorenwohnheim etablieren.
In Weinböhla standen aber auch viele Niederauer. In der Nachbargemeinde tobt derzeit ein Nervenkrieg um einen leeren Real-Markt. Über den hieß es in der vergangenen Woche mehrfach auf unterschiedlichen Kanälen, Flüchtlinge kommen. Doch bis jetzt tut sich nichts. Entsprechend angespannt sind alle Beteiligten. Zahlreiche Einwohner halten abends und tagsüber sporadisch „Wache“, ob sich am Real was tut. Wie nervös gerade die Polizeiführung ist, zeigte sich am Mittwochabend als sich dort wieder etwa ein Dutzend Menschen versammelte. Die standen dort nur locker im Kreis und unterhielten sich. Auf einer öffentlichen Straße. Unter der Androhung: „Wer jetzt nicht den Platz verlässt, von dem nehmen wir die Personalien und der schläft eine Nacht bei uns“, forderte ein junger Polizist die Bürger auf, zu verschwinden. Begründete wurde die Einschränkung eines verfassungsmäßigen Grundrechtes mit einer „polizeilichen Gefahrenabwehr“. Und das, obwohl weder Migranten in der Einrichtung sind, noch in verbaler oder körperlicher Weise irgendeine Art von Gegenwehr angekündigt wurde. Offenbar will man nach Freital und Heidenau einen dritten Hot-Spot dieser Art unbedingt vermeiden. Ob auch hier das inzwischen in Sachsen probate Mittel einer Sperrzone rund um die Asyleinrichtung zum Tragen kommt, bleibt abzuwarten.
Die reelle Faktenlage zu beiden Objekten ist dürftig. Vom Real heißt es jetzt, er sei aus der Planung der Landesdirektion bis Jahresende heraus. Doch nach wiederholten Meldungen der vergangenen Woche, es kämen Asylbewerber, schenken viele dem keinen Glauben mehr. Es heißt, es werde immer noch um die Konditionen, sprich, ums Geld, verhandelt.
Der Fall Waldhotel sollte diesen Donnerstag im Kreistag behandelt werden. Besonders die AfD hatte getrommelt, zu dieser öffentlichen Sitzung zahlreich zu erscheinen. Die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge postete dazu auf Facebook, der Tagesordnungspunkt sei „vom Tisch“. Was immer das heißen mag.

Advertisements

Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

Ein Kommentar zu “Weinböhla auf den Beinen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s