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Geschichten aus der Elbaue


Ein Kommentar

Gauland in Erfurt: Gerhard Schröder hatte recht

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Alexander Gauland von der Brandenburger AfD konterte Angela Merkel in Erfurt: „Wir wollen das gar nicht schaffen.“ Foto: Beaverpress

In der ehemaligen Bezirksstadt Erfurt hat man es gut. Hier liegen alle drei großen Arenen der Massenunterhaltung eng beieinander. So war es nur eine kurze Strecke zu laufen von der Thüringenhalle, vorbei am Stadion bis zum Landtag. Eingeladen hatte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag mit ihrem Frontmann Björn Höcke an der Spitze. Zum inzwischen vierten Mal. Fast wie in der Anfangszeit von Pegida in Dresden werden es von Mal zu Mal mehr, die diesem Ruf folgen. Hier mit dabei: Viele junge Frauen und vereinzelt auch Eltern mit kleinen Kindern an der Hand oder auf den Schultern. Die Zahlenangaben zu den Teilnehmern schwanken wie immer bei solchen Veranstaltungen. Während die Polizei von 8000 Teilnehmern spricht, wird aus AfD-Kreisen die Zahl 10 000 verbreitet. Optisch war der Platz vor dem Thüringer Landtag prallvoll. Gegenüber hatte man eine Gegendemonstration zugelassen, die mit „Haut ab“-Rufen, gereckten Mittelfingern und ohrenbetäubender Musik aus einem Lautsprecherwagen zeigte, was sie von dem Auflauf hielt. „Ach, sind das wieder die Jungschen“, fragte eine alte Frau im AfD-Zug ihre Nachbarn im weichen westthüringer Idiom, als sie sich der Nahtstelle der beiden Lager näherte. Die Menge skandierte „Lumpenpack“. Man hört Böller krachen. Später gibt die Polizei bekannt, dass auch Steine aus dem Lager der Gegendemonstranten geflogen seien. Der Mitteldeutsche Rundfunk erklärt nach der Demonstration in seinen Nachrichtensendungen zur vollen Stunde, dass sich hier auch „Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen und anderen gesellschaftlichen Gruppen“ den Rechtspopulisten entgegengestellt haben. Der gereckte Mittelfinger scheint das Hauptargument im Meinungskampf zu sein. Aber immerhin auch der kleinste gemeinsame Nenner, denn auch im AfD-Zug erwidert man diese Geste zusammen Armbewegungen, doch rüberzukommen und die Sache auszutragen.
Der 7. Oktober könnte kaum passender gewählt sein als Datum für diese Aktion. Auf Facebook kursieren launige Fotomontagen in denen vom 66. Jahrestag der DDR die Rede ist. Passend dazu titelte der Berliner Tagesspiegel unter dem Bild eines Hitler-Darstellers zu dem Film „Er ist wieder da“, dass die Flüchtlingskrise jetzt „Chefsache“ wird. Lutz Bachmann in Dresden wird es gefallen haben. Er hat aus gleichem Anlass mal so posiert. Das Bild ging um die Welt. In den letzten Minuten des gestrigen Tages entschuldigte sich das Berliner Blatt für diesen Fauxpas. Das war nach dem einsamen Interview der Kanzlerin bei Anne Will, das passend zu dem imaginierten Jahrestag des Staates, in dem sie als FDJ-Sekretärin Verantwortung übernommen hatte, unter dem knappen Titel „Weiter so“ stehen könnte. Dabei klatscht nur noch die „Opposition“. Die eigenen Leute gehen reihenweise von der Fahne. Seehofer droht (nun aber wirklich und endgültig) mit Konsequenzen, wenn die Zustände an den Grenzen so weitergingen. Die CDU-Basis hat an diesem Tag einen Brandbrief geschrieben, in dem sie, verpackt in allerlei Ergebenheitsheitsfloskeln, zum Ausdruck bringt, dass genau so eben nicht weitergehen könne. Einer hat schon gehandelt. Der CDU-Landrat des Wartburgkreises verkündete just an diesem Tag, er werde ab sofort keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Die Beschlagnahmung von einer Turnhalle nach der anderen lehne er ab. Da sei oft die einzige kulturelle Einrichtung auf den Dörfern. Bereits vor Wochen habe er dem zuständigen Thüringer Landesminister dazu geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Deshalb wende er sich jetzt an den Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Der beschied den meuternden CDU-Landrat noch am gleichen Abend via MDR-Thüringen, er solle „mehr Verantwortung übernehmen“. Dabei hat Ramelow mehr Rückhalt der CDU-Kanzlerin als deren Landrat im Wartburgkreis, der da steht und nicht mehr anders kann. Reformationsjubiläum ist hier erst 2017. Bundestagswahlen auch.
Alles Steilvorlagen für die AfD und Höcke nimmt den Ball gekonnt auf. Die Menschen möchten ihr Land nicht „in einem Strom fremder Menschen“ aufgehen sehen, sagt er unter dem Applaus der Menge. Höcke ging speziell auf einen Aspekt der gegenwärtigen Masseneinwanderung ein. Der Zustrom von bis zu 80 Prozent männlichen Einwanderern in der Alterskohorte der 20- bis 35-Jährigen führe zu einer völligen Verwerfung der Demografie ausgerechnet in dem Bevölkerungssegment, das überhaupt noch Kinder bekomme, die dieses Land einmal weiterführen sollen. Denke man das weiter sei Deutschland in absehbarer Zeit mehrheitlich von Menschen nichtdeutscher Herkunft besiedelt. Unangefochten der meinungsstärkste Redner war Alexander Gauland, der Fraktionschef der Brandenburger AfD. Ruhig im Ton, aber bissig in der Sache, verweist er gleich zweimal auf Bertolt Brecht, den Angela Merkel offenbar wörtlich nehme und sich dafür entschieden habe, ein anderes Volk zu wählen. Ihrem Satz „ Wir schaffen das“ hielt er entgegen: „Wir wollen das gar nicht schaffen“. Die Menge ruft: Merkel muss weg. Einer sogar: Merkel in den Knast.  Er dankte ausdrücklich dem ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban, dass er die Grenze zu Serbien geschlossen habe. „Lassen sie sich nicht einreden, dass Mauern keine Lösung wären“, sagte er. Die Grenze zwischen Mexiko und den USA funktioniere sehr gut. Es gehe vor allem darum, wieder die Kontrolle darüber zu gewinnen, wer überhaupt in dieses Land komme. Der Geheimdienst müsse erstmal wieder die Möglichkeit haben, zu prüfen, ob nicht getarnte ISIS-Kämpfer unter den Hereinströmenden seien. Gauland rückte die USA und ihre Rolle bei der Destabilisierung des Nahen Ostens ins Zentrum seiner Rede. „Gerhard Schröder hatte recht, auch wenn er Sozialdemokrat ist“, sagte Gauland in Bezug auf Schröders ablehnende Haltung beim zweiten Irakkrieg. Die Einladung von Angela Merkel an alle Flüchtlinge habe inzwischen zu unhaltbaren Zuständen geführt. Massenunterkünfte seien Brutstätten der Gewalt. Gauland nannte die bekannten Beispiele. Selbst bei großzügigster Auslegung der Asylgesetze und der Genfer Konvention seien bestenfalls 20 Prozent der hier Ankommenden Asylberechtigt. Der Rest müsse abgeschoben werden. Das Asylrecht in seiner jetzigen Form sei nicht mehr zeitgemäß. Es wurde geschaffen nach dem Krieg um Einzelnen politisch verfolgten Menschen Schutz und Aufnahme zu verschaffen. In Zeiten der globalisierten Welt tauge es nicht mehr. Nach Gauland sprach noch Armin-Paul Hampel aus Niedersachsen. Da machten sich die ersten Teilnehmer schon wieder auf den Heimweg. Nächste Woche will die AfD in Magdeburg Flagge zeigen, war zu hören. Unausgesprochen ist Sachsen immer mit dabei. „Was in Dresden begann, wird in Berlin enden“, war auf einem Plakat zu lesen. Dort hat die AfD mangels nachlassender Beteiligung beschlossen, erstmal nicht mehr wöchentlich zu demonstrieren.


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Was Zuckmayer wohl heute schreiben würde?

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Szene aus dem Film „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Screenshot: Beaverpress

Neulich nebenbei aufgeschnappter Gesprächsfetzen: „Da haben wir jahrelang für einen sicheren Schulweg entlang der Straße gekämpft, aber immer hieß es, es sei kein Geld dafür da. Jetzt laufen seit einer Woche Flüchtlinge dort lang, schon wird der Fußweg gebaut.“
Es gehen einem die Augen über, was plötzlich alles möglich ist. Vor allem finanziell. Geld scheint im Überfluss vorhanden zu sein. Wahrscheinlich hat man deshalb so verschämt nicht darüber gesprochen. Eltern fragen sich, warum nicht seit Jahren Kitabeiträge oder das Essengeld frei gewesen sind? Es müssen eben nur die Richtigen kommen.
Das erinnert an eine alte Geschichte. Geschrieben von einem, der selbst zum Flüchtling wurde, als er es in Deutschland nicht mehr aushielt – Carl Zuckmayer. Autor und Regisseur von Werken wie „Schinderhannes“ oder „Des Teufels General“. Berühmt wurde er aber vor allem mit einem – dem „Hauptmann von Köpenick“. Zuckmayer nannte sein Stück, das sich an eine wahre Begebenheit anlehnte, im Untertitel „Ein deutsches Märchen“. Es bietet zahlreiche Parallelen zur heutigen Zeit. Verfilmt wurde das Epos zweimal, mal mit Heinz Rühmann, mal mit Harald Juhnke in der Hauptrolle. Der eine hatte eine fatale Nähe zum NS-System, der andere zum Alkohol. Grandiose Volksschauspieler waren sie beide. Wir erinnern uns: Ihren Ausgangspunkt nahm die Posse, weil der vordem strafgefangene Schuster Wilhelm Voigt keinen Pass von der zuständigen Behörde bekam. Er wollte lediglich in den Besitz gültiger Papiere kommen, um vollwertiger Bürger zu werden. Durch die Tücken der Bürokratie kam er in eine ausweglose Situation, in der die gebrauchte Hauptmannsuniform im Schaufenster eines Potsdamer Herrenausstatters in ihm eine seltsame Idee reifen ließ. Der Rest ist bekannt und immer wieder gern gesehen. Grandios die Szene, als der falsche Hauptmann wieder in sein fast liebgewordenes, weil bekanntes und geordnetes Gefängnis einzog und ein Bote des Kaisers die Anstalt betritt. Voigt wurde vom obersten Gerichtsherrn des Deutschen Reiches persönlich begnadigt. „Majestät sollen gelacht haben“, gibt der Gefängnisdirektor Gehörtes aus den höchsten Kreisen wieder. Aber nicht das ist die Begründung für den außerordentlichen Gnadenakt. Immerhin hatte Voigt mit des „Kaisers Rock“ Schindluder getrieben. Nein, Majestät sahen in dem Vorgang den Ausdruck „einer Disziplin, die uns kein anderes Volk auf der Welt nachmacht“. Alles nahm Haltung an, als Voigt in der preussisch-blauen Hauptmannsuniform die Bahnhofstoilette verlies, in der er sich vom abgerissenen Zivilisten zum schneidigen Offizier transformiert hatte. Ein Trupp Soldaten, der durch die Stadt marschierte, unterstellte sich ohne zu zögern diesem dahergelaufenen Hauptmann und gehorchte wie aufgezogen. Selbst bürgerliche, gebildete Menschen zogen die Autorität dieses Stückes Stoff und der Person, die darin steckte, nicht einen Augenblick lang in Zweifel. Symptomatisch dafür ist jene Szene als Voigt dem Bürgermeister von Köpenick in dessen Amtszimmer gegenübertritt und ihn für festgesetzt erklärt. Einzig die Ehefrau des Bürgermeisters hat sich ihren gesunden Menschenverstand bewahrt und ruft: „Ja, geht denn das? Woher nehmen Sie das Recht?“
Darauf fatalistisch ihr Mann: „Das verstehst Du nicht. Du hast ja nicht gedient. Ein Offizier vor Mannschaften mit aufgepflanztem Seitengewehr hat unbedingte Befehlsgewalt“. Der Bürgermeister ärgerte sich mehr über die Disziplinlosigkeit seiner Frau als den Fakt seiner schmählichen Verhaftung ohne jede Begründung und Anlass.
Soweit die Geschichte und der Film. Wir lachen darüber. Aber wäre es heute so viel anders? Stellen wir uns mal vor, der Hauptmann wäre nicht ein Militär, sondern eine Sozialpädagoge mit langen Haaren und abgegriffener Collegemappe. Der schnappt sich einen Trupp Flüchtlinge in der nächstbesten Turnhalle, gibt ihnen den Befehl: Smartphone holt raus!, und marschiert mit ihnen zum nächstbesten Rathaus. Dort besetzt er das Büro des Bürgermeisters, verlangt Speis und Trank, ein freies W-LAN in der Unterkunft und einen Kleinbus für die Truppe auf städtische Kosten nebst Fahrer. Oder gleich mal ne Runde Bargeld? Wenigstens Pizza und Kinokarten müssten drin sein. Wäre der Gedanke so abwegig, dass das klappen könnte? Um Pässe und ordnungsgemäße Papiere geht es heute nicht mehr. Für einen möglichst langen und am Ende oft unbefristeten Aufenthalt in diesem Land ist es besser, wenn man keinen hat.
Ob Angela Merkel als heutiges Staatsoberhaupt, das auch Amnestien erlassen kann, darüber lachen könnte, wenn der Coup auffliegt, sei dahingestellt. Sie soll ja nicht besonders humorvoll sein, wie man so liest. Nebenbei: Das waren FDJ-Sekretärinnen nie. „Majestät“ würden darin aber sicher den „Ausdruck einer Willkommenskultur sehen, die uns so kein zweites Volk auf der Welt nachmacht“.
Man sagt, Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn doch, dann als Farce.