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Geschichten aus der Elbaue

Was Zuckmayer wohl heute schreiben würde?

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Szene aus dem Film „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Screenshot: Beaverpress

Neulich nebenbei aufgeschnappter Gesprächsfetzen: „Da haben wir jahrelang für einen sicheren Schulweg entlang der Straße gekämpft, aber immer hieß es, es sei kein Geld dafür da. Jetzt laufen seit einer Woche Flüchtlinge dort lang, schon wird der Fußweg gebaut.“
Es gehen einem die Augen über, was plötzlich alles möglich ist. Vor allem finanziell. Geld scheint im Überfluss vorhanden zu sein. Wahrscheinlich hat man deshalb so verschämt nicht darüber gesprochen. Eltern fragen sich, warum nicht seit Jahren Kitabeiträge oder das Essengeld frei gewesen sind? Es müssen eben nur die Richtigen kommen.
Das erinnert an eine alte Geschichte. Geschrieben von einem, der selbst zum Flüchtling wurde, als er es in Deutschland nicht mehr aushielt – Carl Zuckmayer. Autor und Regisseur von Werken wie „Schinderhannes“ oder „Des Teufels General“. Berühmt wurde er aber vor allem mit einem – dem „Hauptmann von Köpenick“. Zuckmayer nannte sein Stück, das sich an eine wahre Begebenheit anlehnte, im Untertitel „Ein deutsches Märchen“. Es bietet zahlreiche Parallelen zur heutigen Zeit. Verfilmt wurde das Epos zweimal, mal mit Heinz Rühmann, mal mit Harald Juhnke in der Hauptrolle. Der eine hatte eine fatale Nähe zum NS-System, der andere zum Alkohol. Grandiose Volksschauspieler waren sie beide. Wir erinnern uns: Ihren Ausgangspunkt nahm die Posse, weil der vordem strafgefangene Schuster Wilhelm Voigt keinen Pass von der zuständigen Behörde bekam. Er wollte lediglich in den Besitz gültiger Papiere kommen, um vollwertiger Bürger zu werden. Durch die Tücken der Bürokratie kam er in eine ausweglose Situation, in der die gebrauchte Hauptmannsuniform im Schaufenster eines Potsdamer Herrenausstatters in ihm eine seltsame Idee reifen ließ. Der Rest ist bekannt und immer wieder gern gesehen. Grandios die Szene, als der falsche Hauptmann wieder in sein fast liebgewordenes, weil bekanntes und geordnetes Gefängnis einzog und ein Bote des Kaisers die Anstalt betritt. Voigt wurde vom obersten Gerichtsherrn des Deutschen Reiches persönlich begnadigt. „Majestät sollen gelacht haben“, gibt der Gefängnisdirektor Gehörtes aus den höchsten Kreisen wieder. Aber nicht das ist die Begründung für den außerordentlichen Gnadenakt. Immerhin hatte Voigt mit des „Kaisers Rock“ Schindluder getrieben. Nein, Majestät sahen in dem Vorgang den Ausdruck „einer Disziplin, die uns kein anderes Volk auf der Welt nachmacht“. Alles nahm Haltung an, als Voigt in der preussisch-blauen Hauptmannsuniform die Bahnhofstoilette verlies, in der er sich vom abgerissenen Zivilisten zum schneidigen Offizier transformiert hatte. Ein Trupp Soldaten, der durch die Stadt marschierte, unterstellte sich ohne zu zögern diesem dahergelaufenen Hauptmann und gehorchte wie aufgezogen. Selbst bürgerliche, gebildete Menschen zogen die Autorität dieses Stückes Stoff und der Person, die darin steckte, nicht einen Augenblick lang in Zweifel. Symptomatisch dafür ist jene Szene als Voigt dem Bürgermeister von Köpenick in dessen Amtszimmer gegenübertritt und ihn für festgesetzt erklärt. Einzig die Ehefrau des Bürgermeisters hat sich ihren gesunden Menschenverstand bewahrt und ruft: „Ja, geht denn das? Woher nehmen Sie das Recht?“
Darauf fatalistisch ihr Mann: „Das verstehst Du nicht. Du hast ja nicht gedient. Ein Offizier vor Mannschaften mit aufgepflanztem Seitengewehr hat unbedingte Befehlsgewalt“. Der Bürgermeister ärgerte sich mehr über die Disziplinlosigkeit seiner Frau als den Fakt seiner schmählichen Verhaftung ohne jede Begründung und Anlass.
Soweit die Geschichte und der Film. Wir lachen darüber. Aber wäre es heute so viel anders? Stellen wir uns mal vor, der Hauptmann wäre nicht ein Militär, sondern eine Sozialpädagoge mit langen Haaren und abgegriffener Collegemappe. Der schnappt sich einen Trupp Flüchtlinge in der nächstbesten Turnhalle, gibt ihnen den Befehl: Smartphone holt raus!, und marschiert mit ihnen zum nächstbesten Rathaus. Dort besetzt er das Büro des Bürgermeisters, verlangt Speis und Trank, ein freies W-LAN in der Unterkunft und einen Kleinbus für die Truppe auf städtische Kosten nebst Fahrer. Oder gleich mal ne Runde Bargeld? Wenigstens Pizza und Kinokarten müssten drin sein. Wäre der Gedanke so abwegig, dass das klappen könnte? Um Pässe und ordnungsgemäße Papiere geht es heute nicht mehr. Für einen möglichst langen und am Ende oft unbefristeten Aufenthalt in diesem Land ist es besser, wenn man keinen hat.
Ob Angela Merkel als heutiges Staatsoberhaupt, das auch Amnestien erlassen kann, darüber lachen könnte, wenn der Coup auffliegt, sei dahingestellt. Sie soll ja nicht besonders humorvoll sein, wie man so liest. Nebenbei: Das waren FDJ-Sekretärinnen nie. „Majestät“ würden darin aber sicher den „Ausdruck einer Willkommenskultur sehen, die uns so kein zweites Volk auf der Welt nachmacht“.
Man sagt, Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn doch, dann als Farce.

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Autor: Der Elbebiber

Journalist und Autor

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